Ein Senfkorn

Matthäus 13, 31 – 35

31 Ein anderes Gleichnis legte er ihnen vor und sprach:

Wieder ein Vorlegen, ein Einladen, sich über den eigenen Stand und den eigenen Weg klar zu werden. Es gefällt mir: Jesus nimmt seinen Zuhörern das Denken nicht ab. Er erklärt nicht so lange, bis nichts mehr unklar ist. Er erzählt und traut seinem Erzählen zu und traut seinen Zuhörern zu, dass sie hören und sehen. Mit geöffneten Ohren, geöffneten Augen – und mit einem empfangsbereiten Herzen. Ich vermag nicht zu denken, dass Jesus sein Publikum potentiell für Gegner gehalten hat. Er hat in ihnen „Kandidaten des ewigen Lebens“ (Wilhelm Löhe), des Himmelreiches gesehen. Darum auch erzählt er ein Himmelreich-Gleichnis nach dem anderen.

 Das Himmelreich gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und auf seinen Acker säte; 32 das ist das kleinste unter allen Samenkörnern; wenn es aber gewachsen ist, so ist es größer als alle Kräuter und wird ein Baum, sodass die Vögel unter dem Himmel kommen und wohnen in seinen Zweigen.

             Ein Senfkorn – das Himmelreich? Es ist ein schreiender Gegensatz, vor allem für die ersten Hörer. Da das winzig kleine Korn, Durchmesser 1mm. Und es steht für das Himmelreich, das alle Welt umspannt, alle Zeit und alle Räume. Das All. „Er hat die ganze Welt in der Hand.“

Aber es fängt so leicht übersehbar an. Schon unscheinbar ist zu viel.

Man wird zu überlegen haben, ob Jesus damit seinen Anfang in Galiläa beschreibt. Das Rufen dieses Jüngerhaufens, der in den Augen der Großen in Jerusalem, erst recht in den Augen der Großen der  Welt doch ein Nichts ist. Was für ein Häuflein  vom Menschen ist das, das der Menschensohn in den Acker der Welt sät. Eine Auswahl, die von keinem Qualitätskriterium aus zu rechtfertigen ist. Fischer, Handwerker, Zöllner, ein ehemaliger Sikarier. Alle im Blick auf die jüdische Tradition und „nach pharisäischen Maßstäben weltlich und unrein“ (E.Schweizer, aaO.; S.199) Leute, mit denen beim besten Willen kein Staat zu machen ist. Mit diesen Leuten soll das Reich Gottes anfangen? „Aus den kümmerlichsten Anfängen, aus einem nichts für menschliche Augen schafft Gott seine machtvolle Königsherrschaft, die die Völker der Welt umfassen wird.“ (J. Jeremias, Die Gleichnisse Jesu, Siebenstern Göttingen 1966, S. 101)

Aber – was für die Skeptiker eine Zumutung ist, ist für die Hörer Jesu, für die Jünger und für die, die ihm glauben möchten, eine unglaubliche Ermutigung. Ja, es darf klein und unscheinbar anfangen. Ja es stimmt, wenn wir uns ansehen: „Seht doch, liebe Brüder, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt.“(1. Korinther 1,26-27a) Was für ein Rückenwind für eine bedrängte und verängstigte Gemeinde. Es ist Gottes Sache aus dem kleinen, dem kleinsten Anfang Wachstum zu schenken.

Es ist ja auch Gottes Art: „So spricht der HERR: Wie wenn man noch Saft in der Traube findet und spricht: Verdirb es nicht, denn es ist ein Segen darin!, so will ich um meiner Knechte willen tun, dass ich nicht alles verderbe.“ (Jesaja 65,8) Mit einem kümmerlichen Rest treibt Gott seine Geschichte weiter. Und es ist wie eine Warnung an alle, die den kümmerlichen Jüngerhaufen verachten: „Denn wer immer den Tag des geringsten Anfangs verachtet hat, wird doch mit Freuden sehen den Schlussstein in Serubbabels Hand.“(Sacharja 4,10) Das alte Wort über den Bau des zweiten Tempels scheint mir auch zuzutreffen für den Anfang des Baues am Haus der lebendigen Steine.

Offenkundig hat ein Liedermacher unserer Tage aufmerksam bei Jesus zugehört und von ihm gelernt.

Schau nur dieses Körnchen, ach man sieht es kaum,
gleicht bald einem Grashalm. Später wird´s ein Baum.
Und nach vielen Jahren, wenn ich Rentner bin,
spendet er mir Schatten, singt die Amsel drin:

Alles muss klein beginnen,
lass etwas Zeit verrinnen.
Es muss nur Kraft gewinnen,
und endlich ist es groß. 
   G. Schöne, CD Du hast es nur noch nicht probiert 1988   

33 Ein anderes Gleichnis sagte er ihnen: Das Himmelreich gleicht einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter einen halben Zentner Mehl mengte, bis es ganz durchsäuert war.

             Daneben stellt Jesus gleich ein zweites Gleichnis. Wieder vom Himmelreich und wieder mit einem Alltagsbild voller Unscheinbarkeit. So wenig wie das Senfkorn zu sehen ist, so wenig ist der Sauerteig sichtbar. In eine riesige Mehlmenge versteckt (so wörtlich das griechische νκρυψεν) eine Frau ein bisschen Sauerteig. Aber diese winzige Menge durchdringt alles. Genug, um Brot zu backen für einhundertfünfzig (in Zahlen: 150!) Leute. Am Ende ist der ganze Mehlhaufen verwandelt. Durchdrungen.

Wieder ein schreiender Gegensatz und wieder: Irrwitzig für die Skeptiker, aber hoffnungsträchtig für die Glaubenden. Ganz ohne äußeres Zutun, wie von selbst durchsäuert das bisschen Sauerteig alles. Es legt nicht an den toll ausgearbeiteten Strategien, nicht an der überaus fachkundig zubereiteten Umgebung. Gar am Backtrog. Sondern die Frau – ein weibliches Gottesbild meldet sich zu Wort – verbirgt es in den Mehlhaufen hinein. So wie Gott seine Leute in die Welt hinein verbirgt, vermengt, untermengt. Und darauf hofft und darauf wartet, dass sie die Welt durchsäuern.

Das Reich der Himmel hat, so lese ich, einen längeren Atem als unsere kirchlichen Reformprogramme. Wir denken gerne einmal visionär bis zum Jahr 2030. Die Worte des Gleichnisses haben keinen Zeithorizont. Ihr Horizont ist das Reich der Himmel. Gottes Reich. Gottes Ewigkeit.

34 Das alles redete Jesus in Gleichnissen zu dem Volk, und ohne Gleichnisse redete er nichts zu ihnen, 35 damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Psalm 78,2): »Ich will meinen Mund auftun in Gleichnissen und will aussprechen, was verborgen war vom Anfang der Welt an.«

Matthäus sieht in den Worten Jesu erfüllt, was lange zuvor begonnen hat. Aufgedeckt, was prophetische Weissagung ist. Wobei als der Prophet der Psalmendichter Asaph gilt. Bei ihm heißt es:

„Ich will meinen Mund auftun zu einem Spruch                                                        und Geschichten verkünden aus alter Zeit.“     Psalm 78,2

In der Übersetzung der Septuaginta steht da παραβολας, das Wort für Gleichnisse. Darum greift Matthäus auf diesen Vers zurück und ändert dann: aus „alter Zeit“ wird bei ihm: was von Anfang der Welt an verborgen war. Und deutet damit an: In den Worten – und, so ergänze ich: in den Taten – Jesu erfüllt sich, was Gott von Beginn an mit der Welt im Sinn hatte. Die Geschichte Jesu ist Heilsgeschichte für die Welt.

             So redet Jesus zu dem Volk und mit dem Volk. So sucht er ihr Herz, ihre Hoffnung, ihr Zutrauen. Gerade auch in diesen Rätselworten, Gleichnissen, die so vieles offen halten. Weil er ja kein Wahlproramm vorträgt, keine Propaganda-Broschüre verteilt, die nur noch den Weg der Zustimmung übrig lässt. Sondern er möchte Sehnsucht entzünden. Eine Bewegung aus dem Innersten des Herzens heraus. Aus einem Herz, das sich der Sehnsucht Gottes nach seinen Menschen öffnet. Das, so denke ich, ist „das Feuer, das er gekommen ist anzuzünden.“(Lukas 12,49) Das Feuer der Sehnsucht. Die Sehnsucht nach dem Mehr. Nach dem, was über den Alltag hinausgeht. Nach dem, was über das Menschenmögliche hinausgeht. Nach dem Geheimnis, das schon im 7. Tag der Schöpfung verborgen ist, nach der „Ruhe Gottes“.(Hebräer 4,10).

Die beiden Gleichnisse reden nicht vom Tun, weder des Einzelnen, noch der Gemeinde. Sie richten den Blick konzentriert auf die Wirkungskräfte des Himmelreiches. Von dieser Art ist das Himmelreich, dass es unaufhaltsam ist. Schon im winzigen Anfang ist das herrliche Ende, das große Ziel verborgen da, die Vollendung. Das Himmelreich, so lese ich, ist also in seiner Vollendung nicht davon abhängig, dass wir es schaffen, zustande bringen. Mitten in einem Evangelium, das immer wieder auf das Tun und zum Händeln drängt, hier also Worte, die frei machen von der Vorstellung: Ohne unser Tun scheitert das Projekt Gottes. Nein, sagt Jesus: Die Wachstumskräfte des Himmelreiches reichen aus. Es ist nicht aufzuhalten. Was in der Welt von Anbeginn an verborgen war, das drängt jetzt ans Licht.

So entsteht Freiheit zum Handeln. Weil nicht alles an uns hängt. Sondern unser Handeln hinein gefügt wird in den Weg Gottes. Gerade deshalb können wir mutig werden zu tun, was wir als not-wendig sehen. Nach unserem Maß. Wir handeln immer im Vorletzten, vorläufig, unvollkommen, fragmentarisch. Das Letzte, Vollkommene, Endgültige zu tun ist die Sache Gottes.

 

Mein Jesus, Du hast Deinen Weg angefangen mit zwölf Jüngern im Vertrauen auf den Vater, ohne ein Programm zur Weltveränderung. Du hast Menschen gerufen, den Samen der Hoffnung gesät, Liebe verschenkt, den weiten Horizont des Himmels geöffnet.

Bis heute leben wir von Deiner Aussaat, von Deinem Wort, von Deiner Liebe, von der Hoffnung und Sehnsucht, die Du in uns entzündet hast. Amen