Nicht mein Verdienst

Matthäus 13, 10 – 17

10 Und die Jünger traten zu ihm und sprachen: Warum redest du zu ihnen in Gleichnissen?

             Offensichtlich hat Jesus das Boot wieder verlassen. Wie sonst sollten seine Jünger zu ihm treten können? Genau so offensichtlich empfinden die Jünger, dass es einen Unterschied zwischen ihnen und dem Volk gibt. Das steckt in ihrer Frage: Warum redest du zu ihnen in Gleichnissen? Ist das Kritik am Gleichnis? An der verhüllenden Art seines Redens? Wollen sie, dass Jesus Klartext spricht und nicht in so rätselhaften Bildern, auf die sich jeder seinen Reim machen muss?

 11 Er antwortete und sprach zu ihnen: Euch ist’s gegeben, die Geheimnisse des Himmelreichs zu verstehen, diesen aber ist’s nicht gegeben. 12 Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat. 13 Darum rede ich zu ihnen in Gleichnissen.

             Ja, sagt Jesus, es ist ein Unterschied zwischen ihnen und euch. „Zu verstehen, was es mit dem Hereinbrechen der Gottesherrschaft auf sich hat, ist ein Geschenk Gottes.“ (W.Klaiber, aaO.; S.266) Ist Gnade. Keiner kann sich selbst die Augen für dieses Geschenk öffnen. Aber: man kann sich auf dem Weg Jesu rufen lassen und dann gehen einem die Augen auf. Dann begreift man immer mehr, weil sich seine Wirklichkeit immer mehr erschließt.

Auf den ersten Blick könnte man auf die Idee kommen, dass hier so etwas wie eine Auswahl stattfindet, durch Gottes Vorentscheidungen: die einen bekommen die Augen und die Herzen geöffnet. Die anderen nicht. Die einen sind erwählt und die anderen nicht. Deshalb kann man schon fragen: „Womit hat das Volk, das ja bisher Jesus immer treu zugehört hat und auf ihn sympathisch reagiert hat, diese „Verstoßung“ verdient? Ist Jesus hier nicht unfair?“ (U.Luz, aaO.; S.311)

             Aber das ist die falsche Frage. Es geht nicht um so etwas wie „Prädestination“. Sondern es geht um das Aufnehmen des Wortes in das eigene Leben, so dass das Leben davon erfüllt wird. Oder eben im Abstand bleiben. Freundlich hören, aber sich nicht auf den Weg einlassen. Wer lange hört, aber nicht tut, was er hört, der hört schließlich nicht mehr. Nichts mehr. Das Hören  bleibt folgenlos. Erfolglos. Und wird dann zum Überhören.

Ich höre in diesen Worten eine sehr ernsthafte Anfrage an die Art, wie wir heute mit dem Christsein umgehen. Für viele ist es eine Gelegenheits-Veranstaltung: „Kirche bei Gelegenheit“ (M. Nüchtern) Ab und zu geht man da hin. Aber es wird kein Weg aus diesen punktuellen Begegnungen. Gleicht dieses Verhalten nicht genau dem Verhalten des Volkes: Es hört Jesus bei Gelegenheit, findet ihn auch sympathisch – „guter Mann!“ – aber das ist es dann auch.

Wo es nicht zu kontinuierlichen Schritten auf dem Weg hinter Jesus her, zum Tun seines Willens kommt, „da besteht die Gefahr, dass auch das verloren geht, was an Sympathie und Offenheit für Jesus und sein Wirken vorhanden ist“ (W.Klaiber, aaO.; S.267) Alles Hören landet in einer großen Gleichgültigkeit.

 Denn mit sehenden Augen sehen sie nicht und mit hörenden Ohren hören sie nicht; und sie verstehen es nicht. 14 Und an ihnen wird die Weissagung Jesajas erfüllt, die da sagt (Jesaja 6,9-10): »Mit den Ohren werdet ihr hören und werdet es nicht verstehen; und mit sehenden Augen werdet ihr sehen und werdet es nicht erkennen. 15 Denn das Herz dieses Volkes ist verstockt: Ihre Ohren hören schwer und ihre Augen sind geschlossen, damit sie nicht etwa mit den Augen sehen und mit den Ohren hören und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren, und ich ihnen helfe.«

             Die Gleichnisse sind nicht die Verweigerung von Klartext! Sie können ja gehört werden. Sie können sogar verstanden werden. Sie sind nicht Geheimnis-Rede. Sondern in ihnen enthüllt Jesus, um was es geht. Und wer sich auf ihn einlässt, versteht das auch. Wer das aber verweigert, für den bleibt alles Rätselrede. Das ist nicht erst bei Jesus so. Das bezeugen schon die Propheten, die Gottesmänner des Alten Bundes, hier Jesaja. Es gibt eine Blindheit und Taubheit, die nicht von Gott verhängt ist, die stattdessen genau im Gegenüber zu der Verkündigung sichtbar wird.

„Alles nur Sprüche. Alles nur Menschenwort. Man kann das alles auch ganz anders sehen.“ So sagen manche Zeitgenossen und bereiten damit ihre eigene Blindheit und ihre eigene Taubheit vor. Sie sind nicht empfänglich für die leise Stimme, die sich durch die Menschenworte bei ihnen Gehör verschaffen möchte. Sie bleiben verhaftet in der eigenen Sicht und der Tagesordnung der Welt. Blind für die Wirklichkeit hinter den Dingen.

Es bleibt ein Hoffnungs-Schimmer: „und ich werde sie heilen“. Das muss nicht unbedingt vom Satzanfang her gelesen werden. Als letzte, von Gott selbst verweigerte Hilfeleistung.  Sondern es kann eben auch als selbständiger Satz gelesen werden: als die rettende Antwort auf diese tiefe Verblendung. Mir würde diese Lesart gefallen.

 16 Aber selig sind eure Augen, dass sie sehen, und eure Ohren, dass sie hören. 17 Wahrlich, ich sage euch: Viele Propheten und Gerechte haben begehrt, zu sehen, was ihr seht, und haben’s nicht gesehen, und zu hören, was ihr hört, und haben’s nicht gehört.

Jetzt wendet sich der Blick Jesu, weg vom Volk, hin zu den Jüngern. Eure Augen sehen. Eure Ohren hören. Selig seid ihr! Beschenkte Leute. Es ist eher selten, dass Jesus seine Jünger so im Gegenüber zu anderen ausdrücklich seligpreist. Hier tut er es. Und reißt damit einen Graben auf zwischen den Jüngern und dem Volk.

Es ist die Kluft, der Riss, den Matthäus mit seinen Leserinnen und Lesern spürt, der sie von Israel trennt, der ihnen den Zugang zu ihren Synagogen versperrt, der eine so schmerzhafte Auseinandersetzung zeitigt.

Aber der Ton in den Worten Jesu liegt nicht auf dem Riss, nicht auf der Trennung. Sondern er liegt auf dem Geschenk: ihr seht, was die Hoffnung der Propheten war. Ihr seht, was die Sehnsucht aller Gerechten Israels war. Was ihnen Zukunftsmusik war, der sie Vertrauen zu schenken suchten, das ist vor den Augen der Jünger sichtbar. Mit ihren Ohren zu hören.

Was aber sehen die Jünger? Was hören sie? Sehen sie schon die kommende Stadt? Das vollendete Jerusalem? Haben sie den Durchblick durch die Zeiten? Hören sie schon den Lobgesang der Vollendeten? Ist der ewige Thron Gottes schon, wenigstens von weitem, ins Blickfeld gerückt? Was sie hören und sehen, ist Gegenwart: Die Worte des Jesus von Nazareth und seine Taten. Sie sehen ihn – und in ihm die Erfüllung der Sehnsucht Israels.

Genau so, wie es im anderen Evangelium einer, der das Warten lernen musste, gesagt hat: „Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, den du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volkes Israel.“(Lukas 2, 29-32) Darum heißt es auch sachgemäß richtig am Ende der Verklärungs-Erzählung: „Als sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als Jesus allein.“(17,8)

 

Jesus, dass Dein Wort mich berührt hat, in mir Wurzeln geschlagen hat, das ist nicht mein Verdienst. Dass ich einen Weg begonnen habe, der mein ganzes Leben bestimmen wird, prägen wird, das habe ich am Anfang nicht gewusst.

Ich danke Dir, dass Du mir das geschenkt hast, Dich auf den Weg meines Lebens mehr und mehr zu erkennen, dass Du es mir geschenkt hast, dass mein Glaube zu Dir Stetigkeit gewonnen hat, beständig geworden ist, so wie es bei mir möglich ist.

Gib Du, beständig in Deiner Treue, dass der Glaube  an Dich auch dann noch Bestand hat, wenn ich nicht mehr weiter weiß, mit mir selbst und mit Dir. Amen