Das eine Zeichen

Matthäus 12, 38 -45

38 Da fingen einige von den Schriftgelehrten und Pharisäern an und sprachen zu ihm: Meister, wir möchten gern ein Zeichen von dir sehen.

             Seltsam: trotz der heftigen Worte Jesu ist das Gespräch nicht zu Ende. Es ist, als würden die so hart Angegriffenen immer noch nach einer Verstehensmöglichkeit suchen, nach einem Weg, wie sie begreifen können, mit wem sie es in Jesus zu tun haben. Zu den Pharisäern gesellen sich jetzt Schriftgelehrte. „Für Matthäus sind sie Repräsentanten des Judentums seiner Zeit“ (W.Klaiber, aaO.; S.256),  In seiner Sicht gehören beide Gruppen wohl zusammen, sind fast identisch. In der Folge des Evangeliums werden sie oft in einem Atemzug genannt.

Meister nennen sie Jesus. Das ist Anerkennung und Distanz in einem. Anerkennung dessen, der eine gewichtige Stimme im innerjüdischen Gespräch ist, aber zugleich auch: Davids Sohn (12,23) bist Du nicht!

Ist es eine Forderung oder eine Bitte, die sie vorbringen? Wir möchten gern ein Zeichen von dir sehen. Wollen sie eine Demonstration, ihn gar aufs Glatteis führen: das kannst du ja doch nicht. Spielen sie mit ihren Worten die Rolle des Versuchers. Er hatte ja Jesus auch ein Zeichen nahegelegt:  „Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben : »Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.« (4,5-6)

             Ein Zeichen, σημεον, wollen sie. „Etwas Sichtbares, wodurch man eine Sache eindeutig identifizieren kann.“ (U.Luz, aaO.;  S.275) Einen unumstößlichen Beweis. Es scheint als würden sie es nicht merken: sie wollen den Glauben ersetzen durch ihre objektive Urteilsbildung. Wer Beweise hat, muss nicht mehr glauben. Mit ihrer Forderung, ihnen objektive Kriterien zum eigenen Urteil zu liefern, finden  die Schriftgelehrten und Pharisäer bis in unsere Zeit viele Nachfolger.

Aber: unverschämt ist das alles nicht. Ungehörig auch nicht. Man macht es sich zu einfach, wenn man diese Bitte gleich als übles Spiel betrachtet. Sie kennen ihre Bibel und wissen, dass es durchaus  im Rahmen des Erlaubten liegt, Zeichen zu erbitten. Es gibt schließlich die Gideons-Erzählung, in der das Erbitten von Zeichen legitimiert wird, weil der HERR sich darauf einlässt (Richter 6) Der Glaube ist nicht immer so stark, dass er auf alle äußeren Zeichen Verzicht leisten könnte. 

 39 Und er antwortete und sprach zu ihnen: Ein böses und abtrünniges Geschlecht fordert ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden, es sei denn das Zeichen des Propheten Jona. 40 Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein.

             Es ist der Anfang der Antwort Jesu, der die Bitte in ein dunkles Licht rückt. Seine Wertung: Ein böses und abtrünniges Geschlecht fordert ein Zeichen. Wieder plädiere ich für behutsames Lesen: Das können Worte sein, die diese Bittenden abstempeln: so Leute seid ihr. Das kann aber auch die Charakterisierung der Zeit sein: In solchen Zeiten leben wir, in denen die Gottesgewissheit geschwunden ist, das Gottvertrauen gegen null geht. Gerne heute formuliert: Der „geistliche Grundwasser-Pegelstand“ – was immer das für eine Messgröße sein soll – ist in Deutschland stark fallend. Wegen der Kirchenaustritte. Wegen der Scheidungsraten. Wegen der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. Wegen der modernen Theologie. Und es sind nicht so ganz wenige, vorzugsweise Fromme und Konservative oder fromme Konservative, die diese Charakterisierung ein böses und abtrünniges Geschlecht nahtlos auf die BRD  und die Kirchen in unserem Land übertragen würden.

Trotz dieser Wertung: Jesus sagt ein Zeichen zu! Das wird durch die sprachliche Wendung gerne überlesen. Ja, es wird ein Zeichen geben. Das Zeichen des Jona. Das ist eindeutig für die Zuhörerinnen und Zuöhrer Jesus damals: Es kann nur um die Rettung des Jona nach drei Tagen und Nächten aus dem Bauch es Fisches gehen.

Dennoch. Für die Gesprächspartner Jesu ist das erst einmal ein Rätselwort: Was ist gemeint mit dem Schoß der Erde? Und wer ist der Menschensohn? Redet Jesus von sich? Von einem Aufenthalt in den Tiefen der Erde? Wir übersehen es leicht: Weil wir das Evangelium von der Auferstehung Jesu kennen, nach drei Tagen, ist für uns die Antwort offensichtlich. Für die Leser und Leserinnen des Matthäus wohl auch. Für die Gesprächspartner Jesu dagegen ist es ein dunkles Rätselwort.

Für Matthäus ist das Schriftauslegung: Er sieht im Geschick des Prophet Jona, in seinem Verschlungen- und Gerettet-werden den Weg Jesu vorabgebildet. Hier wird etwas sichtbar von der Leseweise der Hebräischen Bibel durch Matthäus: er liest die Schriften auf Jesus hin und von Jesus her. Das macht in den Augen des Matthäus – und wohl auch seiner Gemeinde, für die er schreibt – ihre Autorität aus, dass sie uraltes Zeugnis auf Jesus hin sind.

Ob ich so weit gehen darf: diese Art der Schriftauslegung ist auch ein Angebot an seine jüdischen Zeitgenossen, so über das Lesen ihrer eigenen Schrift zur Christus-Erkenntnis zu gelangen?

 41 Die Leute von Ninive werden auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen; denn sie taten Buße nach der Predigt des Jona. Und siehe, hier ist mehr als Jona. 42 Die Königin vom Süden wird auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und wird es verdammen; denn sie kam vom Ende der Erde, um Salomos Weisheit zu hören. Und siehe, hier ist mehr als Salomo.

Die Überlegungen gehen weiter: In Ninive hörten sie auf Jona. Die Königin von Saba sucht die Weisheit Salomos. Und dann beide Male: Hier ist mehr als Jona. Hier ist mehr als Salomo. Das ist die Zuspitzung: es geht weder um das Wunder der Rettung aus dem Fischbauch, noch um das Weisheitswunder. Es geht eher um den predigenden Jona in Ninive als ein Zeichen des unermüdlich die Umkehr suchenden Gottes. Und um die Weisheit des Salomo als ein Zeichen der unerschöpflichen Weisheit Gottes.

Wenn diese Überlegung zutrifft, dann gilt: Es geht um ihn, um den Menschensohn. Er selbst ist das Zeichen. Er selbst und nicht nur, was er tut oder was an ihm geschieht. „Dieser Generation bleibt nur noch der Weltenrichter selbst als das Zeichen.“(U.Luz, ebda., S.279) Es ist, als würde zwischen den Zeilen wiederholt: „Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“ (11,6)

43 Wenn der unreine Geist von einem Menschen ausgefahren ist, so durchstreift er dürre Stätten, sucht Ruhe und findet sie nicht. 44 Dann spricht er: Ich will wieder zurückkehren in mein Haus, aus dem ich fortgegangen bin. Und wenn er kommt, so findet er’s leer, gekehrt und geschmückt. 45 Dann geht er hin und nimmt mit sich sieben andre Geister, die böser sind als er selbst; und wenn sie hineinkommen, wohnen sie darin; und es wird mit diesem Menschen hernach ärger, als es vorher war. So wird’s auch diesem bösen Geschlecht ergehen.

            Manchmal ist es gut zu fragen: Für wen wird etwas erzählt, gesagt, aufgeschrieben? So auch hier. In der erzählten Situation des Disputes mit den Schriftgehrten und Pharisäern wirken diese Worte seltsam deplatziert. Lese ich sie aber als Warnung an die Christinnen und Christen, die in die Freiheit des Glaubens getreten sind, dann werden sie stimmig: sie sind eine Warnung davor, rückfällig zu werden. Sich von den Geistern der Vergangenheit neu einfangen zu lassen. Ihnen die Türen wieder zu öffnen. Es kann eine schlimme Täuschung sein, den guten Anfang schon für das Ziel des ganzen Weges zu halten. Sich in falscher Sicherheit zu wiegen: Es wird alles gut, weil wir doch den richtigen Schritt schon gemacht haben. Den Schritt zum Glauben.

Das ist schlichte Lebenserfahrung: Schlechte Gewohnheiten sind nie ein für alle Mal abgelegt. Der trockene Alkoholiker bleibt ein Leben lang Alkoholiker. Der Burnout-Geheilte bleibt wohl ein Leben lang doch gefährdet. Und auch Christen können rückfällig werden, ihr Lebensvertrauen erneut auf das setzen, was sie einmal als Besessenheit erkannt hatten: Geld, Macht, Ansehen, Einfluss, Sex. Wo das passiert, so die Erfahrung, die Jesus anspricht, wird es schlimmer als zuvor.

Das gilt für einzelne Menschen. Manchmal denke ich: es gilt auch für Völker. Wo man geglaubt hatte, den Rassismus als menschenverachtende Einstellung ein für alle Mal überwunden zu haben, lernt man bestürzt; er feiert fröhliche Urstände. Wo man geglaubt hatte, es sei in Stein gemeißelt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ (GG § 1), da erfährt man heute bestürzt: Sie ist antastbarer denn je. „Die im Internet üblichen Beschimpfungen, Beleidigungen, Todeswünsche, Drohungen, was der Mensch halt so ausstößt, wenn er sich an seiner Tastatur unbeobachtet fühlt, habe ich wie immer staunend beobachtet. Wo erfährt man so ungeschminkt, wie er ist, der Mensch? (…) Der Shitstorm ist die Hexenverbrennung des 21. Jahrhunderts, Gott sei Dank bei angenehmen Temperaturen, ‘nur’ sozial, nicht physisch vernichtend.” (www.anstoß-gw.de vom 19.7.15) 

 Es ist gut, sich keine Illusionen zu machen über dieses böse und ehebrecherische Geschlecht. Aber auch, es nicht vorschnell identifizieren zu  wollen: die Gottlosen, die da draußen, die anderen. Was, wenn wir selbst zu diesem Geschlecht gehörten? Wir haben doch wirklich kein anderes Zeichen.

Gegen die Angst, wenn sie über alle Ufer steigt                                                      Gegen die Angst wenn der schwache Glaube kleinlaut schweigt                   Gegen die Angst, zu zerbrechen an dem Urteil dieser Welt                                   Gegen die Angst ist ein Zeichen aufgestellt.                                                                       I.Olsson in:  CD Jan Vering, leisestärke 1992

 

Jesus, Du bist mir das eine Zeichen, das in allen Ängsten Zuflucht ist, das ich gegen alle Schmerzen suche, das mir das Hoffnungszeichen ist, wo alle Hoffnung schwindet, an das ich mich halte weil Du mich hältst.

Du und Deine zerbrechliche Liebe, die keine loslässt, keinen fallen lässt, die immer noch einmal vergibt gegen alle Vernunft, grenzenlos in ihrem Erbarmen. Du bist mir das Zeichen, dass der Vater im Himmel uns gut ist. Amen