Am Sabbat

Matthäus 12, 1 – 14

 1 Zu der Zeit ging Jesus durch ein Kornfeld am Sabbat; und seine Jünger waren hungrig und fingen an, Ähren auszuraufen und zu essen.

             Es wirkt auf mich unbestimmt – so, als würde eine Situation aufgegriffen, die weder von ihren Umständen noch vom Ort noch von der Zeit her genau zu bestimmen ist: Zu der Zeit. Das einzig Sichere ist: Die ganze Geschichte spielt sich am Sabbat ab. Es ist das erste Mal, dass das Thema „Sabbat“ im Matthäus-Evangelium auftaucht. Relativ spät im Vergleich zu den anderen Evangelien. Man könnte auf die Idee kommen: Der Umgang mit dem Sabbat spielt für die Leserinnen und Leser des Matthäus keine entscheidende Rolle mehr.

Matthäus formuliert wie Markus und Lukas. Manchmal erzählen diese drei Evangelisten im Gleichklang. Voneinander abhängig und aus den gleichen Quellen schöpfend.  Was Matthäus zusätzlich notiert: Die Jünger sind hungrig. Bedürftig. Sie gehören zu denen, die angewiesen sind. Sie stehen wohl für die νηπίοι, die Unmündigen, wie Jesus sie zuvor (11,25) genannt hatte.

 2 Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu ihm: Siehe, deine Jünger tun, was am Sabbat nicht erlaubt ist.

             Auch das ist neu, wenn auch nicht ganz: Jetzt treten die Pharisäer auf, als die, die das Wissen haben, das Gesetz kennen und alle daran messen, wie sie mit den Gesetzen umgehen. Als die auch, die den Weg Jesu mit seinen Jüngern in Frage stellen. Bis hierher ist im Matthäus-Evangelium der Weg Jesu nicht wirklich auf Widerstand gestoßen. Auf Verwunderung und Entsetzen, auf Nachfragen. Aber nicht wirklich auf Widerspruch. Der fängt jetzt an. Mit den Worten der Pharisäer und er hat seinen Aufhänger in der Frage nach dem Sabbat, weiter gefasst: in der Frage nach der Stellung zum Gesetz.

Es ist ein indirekter Widerspruch gegen Jesus. Zur Debatte gestellt wird ja das Verhalten der Jünger. Sie tun, was nicht erlaubt ist. Es ist die christliche Gemeinde in ihrem Verhalten, die die Frage nach der Autorität und Glaubwürdigkeit Jesu auslöst. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

  3 Er aber sprach zu ihnen: Habt ihr nicht gelesen, was David tat, als ihn und die bei ihm waren hungerte? 4 Wie er in das Gotteshaus ging und aß die Schaubrote, die doch weder er noch die bei ihm waren essen durften, sondern allein die Priester? 5 Oder habt ihr nicht gelesen im Gesetz, wie die Priester am Sabbat im Tempel den Sabbat brechen und sind doch ohne Schuld? 6 Ich sage euch aber: Hier ist Größeres als der Tempel.

             Jesus reagiert „schriftgelehrt“. Als einer, der die alten Schriften kennt und achtet und aus ihnen seine Legitimation gewinnt. „Not kennt kein Gebot“ sagt der Volksmund – und Jesus bedient sich genau dieses Arguments: David war mit seinen Leuten in Not, verfolgt, gejagt, hungrig. Da gab ihm der Priester von dem heiligen Brot, weil kein anderes da war als die Schaubrote, die man vor dem HERRN nur hinwegnimmt, um frisches Brot aufzulegen an dem Tage, an dem man das andere wegnimmt.“ (1. Samuel 21,7)Unausgesprochen argumentiert Jesus, der „Davids-Sohn“ (9,27): Wenn schon David das mit priesterlicher Erlaubnis durfte…

Und schiebt sofort das nächste Argument nach: In der Praxis des priesterlichen Dienstes tritt die Beachtung des Sabbat zurück hinter der Pflicht des täglichen Opfers. Das wird auch am Sabbat nicht ausgesetzt. So töten die Priester  Opfertiere am Sabbat – sie „arbeiten“ also. Weil der „Betrieb“ am Tempel wichtiger ist als das Sabbat-Gebot, das allen gilt.

Es gibt also höhere Verpflichtungen als den Sabbat. Und es ist die Aufgabe, die jedem Juden und jedem Gläubigen gestellt ist, diese Verpflichtungen abzuwägen. Als ob es nicht genug damit wäre, fügt Jesus an: Ich sage euch aber – wer hört da nicht seine Worte aus der Bergpredigt sofort mit: Ich aber sage euch.

In der Umschreibung „Größeres als der Tempel“ kündigt sich schon der Anspruch Jesu an. Und der Konflikt, der am Ende eskalieren wird. Es ist der Vorwurf, der im Prozess Jesu eine Rolle spielen wird, dass er sich über den Tempel gesetzt habe: „Er hat gesagt: Ich kann den Tempel Gottes abbrechen und in drei Tagen aufbauen.“(26,61)

Wohl wahr: Jesus sagt nicht: Hier ist einer, der größer ist als der Tempel. Er redet von etwas, das größer ist als der Tempel. Aber der spätere Konflikt ist doch auch in der so vorsichtigen Formulierung schon zum Greifen nah.

7 Wenn ihr aber wüsstet, was das heißt (Hosea 6,6): »Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer«, dann hättet ihr die Unschuldigen nicht verdammt.

             Was ist das Größere? Es liegt nahe: die Barmherzigkeit. Der Tempel soll nach dem Willen Gottes sachlich nicht zuerst ein Opfer-Ort sein, sondern der Ort, an dem Verschonung erfahren wird, an dem das Leben bewahrt wird, an dem Versöhnung stattfindet. Die Opfer sind nur Mittel, nicht Ziel des Tempels. Da ist im Lauf der Jahrhunderte etwas durcheinander geraten, das Jesus gewillt ist, wieder in die richtige Ordnung zu bringen: Leben, Versöhnung, Vergebung zuerst. „Das, was größer ist als der Tempel, ist also die Barmherzigkeit, die in Jesu Auslegung des Willens Gottes das Größte geworden ist.“ (U.Luz, aaO.; S.231)

Es ist der Anspruch Jesu, den er der ganzen Tradition entgegenhält: Es geht am Tempel und mit dem Tempel um die Barmherzigkeit Gottes und nicht um die Opfer. Oder anders gesagt: um das, was Gott schenken will und nicht um das, was Menschen ihm zu bieten haben. Oder noch einmal anders: Gottesdienst heißt zuerst und zuletzt: Gott dient: Und nicht: wir Menschen leisten Gottesdienst.

 8 Der Menschensohn ist ein Herr über den Sabbat.

Um auch die letzten Missverständnisse auszuräumen, wird Jesus jetzt überdeutlich: Der Menschensohn ist ein Herr über den Sabbat. Auf dieser Autorität ruht seine Auslegung. Auf diese Autorität, seine Autorität, sein Herr-Sein, dürfen sich die Jünger verlassen, wenn sie wie die Unmündigen am Sabbat zugreifen, ernten und essen. Wenn sie als die Gesetzesunkundigen tun, was das Gesetz will – Leben aus der Barmherzigkeit.

Oder anders gesagt. Im Mund dieses Menschensohnes „wird das biblische Gebot der Barmherzigkeit das größte Gebot, größer als der Tempel.“ (U.Luz, aaO.; S.233)

Man muss kein Prophet sein, um zu spüren: Mit diesen Worten wird der Konflikt unausweichlich. Weil der Anspruch Jesu weit über das hinausgeht, was möglich ist: Eine Stimme unter den vielen zu sein, die um das richtige Verstehen der Sabbat-Ordnung zu ringen. Er ist die eine Stimme, die es zu hören gilt.

Ich finde es gut, dass und wie Jesus sich vor seine Jünger stellt. Dass er nicht auf Distanz zu ihnen geht, nicht entschuldigt: sie wissen nicht, was sie tun. Sondern dass er vor sie tritt, für sie eintritt, dass er ihr Verhalten positiv deutet als Freiheit, wie sie den Kindern Gottes zusteht. Als ein Verstehen dessen, was Gott mit dem Sabbat gegeben hat, ein Zeichen der Barmherzigkeit.

9 Und er ging von dort weiter und kam in ihre Synagoge. 10 Und siehe, da war ein Mensch, der hatte eine verdorrte Hand. Und sie fragten ihn und sprachen: Ist’s erlaubt, am Sabbat zu heilen?, damit sie ihn verklagen könnten.

             Vom Kornfeld in die Synagoge. Ihre Synagoge – ein winziger Hinweis auf Distanz, die Matthäus empfindet. Da wird Jesus gestellt. Dort ist einer, der Hilfe braucht mit seiner verkümmerten Hand. Und sie fragen: Ist da am Sabbat Hilfe erlaubt? Heilung? Das schwingt in der Frage mit: Wie hältst du es mit der Barmherzigkeit als dem größeren Gebot? Heute, am Sabbat. So rasch holen Jesus seine Worte ein.

Es scheint keine Frage zu sein: Dass er heilen könnte, steht nicht zur Debatte. Nur darum geht es, ob er es heute tun wird und tun darf. Setzt er sich mit seiner Kraft zu helfen und zu heilen über das Gebot hinweg?

 11 Aber er sprach zu ihnen: Wer ist unter euch, der sein einziges Schaf, wenn es ihm am Sabbat in eine Grube fällt, nicht ergreift und ihm heraushilft? 12 Wie viel mehr ist nun ein Mensch als ein Schaf! Darum darf man am Sabbat Gutes tun.

             Es ist ein Diskussions-Beitrag Jesu, der in der Luft liegt. So wird zu seiner Zeit tatsächlich diskutiert. Darf man ein Schaf am Sabbat aus der Grube ziehen? „Wenn ein Stück Vieh am Sabbat in einen Wassergraben gefallen ist, so bringt man Decken und Polster und legt sie ihm unter. Kommt es herauf, so kommt es herauf.“ (Strack/Billerbeck, Kommentar zum NT, Bd. 1,  München 1982, S. 629) Mag sein, es mutet uns seltsam an. Aber in einem Umfeld, in dem die Achtung des Gesetzes ein Höchstwert ist, weil nur so Gott geachtet und geehrt wird, kommen solche Debatten auf. Weil es darum geht, auch die Achtung des Gesetzes irgendwie lebensdienlich zu begreifen.

Erst recht ringt man um den richtigen Umgang mit dem Sabbat in einem Umfeld, in dem die Achtung des Sabbat so etwas wie ein Markenzeichen geworden ist. Es ist seit dem Exil eines „der wichtigsten Identitätsmerkmale für das Judentum“ (W.Klaiber, aaO.; S.245) geworden. Mit dem sich große Erwartungen verbinden:  Wenn Israel einmal den Sabbat hält, wird das Reich Gottes da sein.

Jesus verschärft: das einzige Schaf. Er bezieht Partei: nicht nur Polster und Decken, sondern retten. Herausholen. Barmherzigkeit geht weiter. Einmal mehr das Schlussverfahren: Der Mensch – mehr als ein Schaf. Jesus sieht jeden Menschen, ob prominent oder unbekannt, bedeutend oder übersehen, als einen, dessen „Wert“ höher ist – natürlich höher als der Wert eines Schafes, höher aber auch als der Wert des Sabbat. „So kann man den Menschen nur sehen, wenn man vom Glauben an den Schöpfer herkommt.“(E.Schweizer, aaO., S.182 ) 

Daraus folgt – für Jesus – eine Grundregel für den Sabbat: Darum darf man am Sabbat Gutes tun. Weil der Sabbat ein Geschenk der Barmherzigkeit Gottes ist, ein Geschenk der Güte Gottes. Weil er nicht Vorschrift, sondern Gabe ist. Für den Menschen gegeben. Darum bilden Taten der Barmherzigkeit am Sabbat Gott selbst ab. Nicht der Sabbat, sondern das Erbarmen und die Liebe rücken so in die Mitte. Das sind die „Höchst-Werte“, wenn es um Gott geht.

13 Da sprach er zu dem Menschen: Strecke deine Hand aus! Und er streckte sie aus; und sie wurde ihm wieder gesund wie die andere.

Den Worten folgt die Tat. Kurz und knapp erzählt. Als käme es gar nicht auf den Mann an. Er ist „nur ein Streitobjekt“. Ist er mehr nicht auch für Jesus? Nur einer, an dem er seine Macht demonstriert, seine Konsequenz? Ich kann das so nicht sehen. Wenn er geheilt wird, tatsächlich gesund, dann doch nur so, dass er als Mensch ganz ernst genommen ist und eben nicht nur Mittel zum Zweck, nicht nur Objekt, auch nicht nur Objekt für das Gute, das Jesus tun will. Eben nicht: „Modellfall für die Liebe“, Beispiel dafür, was es heißt, Gutes zu tun.“ (W.Klaiber, ebda.; S.245) Sondern ein Mensch, dem sich Jesus liebend zuwendet.

  14 Da gingen die Pharisäer hinaus und hielten Rat über ihn, wie sie ihn umbrächten.

Die Würfel sind gefallen. Nicht mit dieser Heilung, sondern mit den Worten Jesus. Über den Sabbat. Über die Liebe und Barmherzigkeit als das, was Gott zuerst und zuletzt gibt und von uns will. Es ist für die Pharisäer am Tage: hier stehen sich unterschiedliche Sichtweisen auf Gott gegenüber. So unterschiedlich, dass sie nicht mehr vereinbar sind. Keine Ko-Existenz mit dem, der so von Gott redet. Jetzt erst werden sie zu Gegnern Jesu, die vorher Gesprächspartner, aufmerksame Beobachter waren, vielleicht sogar bereit, ihn als Lehrer zu achten. Jetzt ist das Maß voll.

συμβολιον λαμβάνειν – einen Rat halten, genauer: „einen Beschluss fassen,“ oder noch enger: den Willen zusammenwerfen, übereinkommen. Sie verständigen sich angesichts der Botschaft von der Liebe und dem Erbarmen Gottes darüber, dass sie den Boten dieser Botschaft umbringen wollen. Mundtot machen.

 

Herr Jesus. Du stellst auch uns vor die Frage: Was ist dein höchstes Gut? Was ist dir heilig, so heilig, dass du ihm alles unterordnest? Du hast Deine Antwort eindeutig gegeben, gelebt in Wort und Tat. Nichts ist wichtiger als Barmherzigkeit zu üben, Leben zu bewahren, die Liebe zu bewähren.

Hilf Du mir doch, dass ich auch so klar bin in meinem Reden, meinem Handeln, meinem Leben. Amen