Gewohnt helfen

Matthäus 10, 40 – 42

40 Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat.

              Das ist für wandernde Leute eine dringliche Frage: wo finde ich eine Bleibe für die Nacht? Wer nimmt mich auf? Das ist für die ersten Christengemeinden eine stete Herausforderung, die wandernden Boten des Evangeliums zu beherbergen. Das Thema spielt eine große Rolle – in der Apostelgeschichte,  in den Briefen des Paulus bis hin zum Hebräer-Brief. „Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“(Hebräer 13,2) Jesus geht einen Schritt weiter: Nicht nur Engel – ich selbst finde Aufnahme da, wo einer euch aufnimmt.

Der Gedanke nimmt die Worte schon vorweg, die er später, im Gleichnis vom  großen Weltgericht sagen wird: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“(25,40) Jesus identifiziert sich mit seinen Leuten, mehr noch: seine Leute mit sich. Salopp gesagt: es gibt keinen Unterschied zwischen Jesus und seinen Leuten.

Bonhoeffer hat das später auf die Formel gebracht: „Christus, als Gemeinde existierend.“(D. Bonhoeffer, Das Wesen der Kirche, Kaiser Traktate München 1971, S.42) Das ist bei Bonhoeffer Zuspruch an die Gemeinde und Anspruch zugleich.  So wie ja auch die Identifikationsformel Jesu an seine Jünger nicht nur Zuspruch ist, sondern von ihnen auch einfordert, aus dieser Identifikation zu handeln – so wie er.

Dabei wird die Reihe der Identifikationen noch fortgesetzt: In Jesus wird der aufgenommen, der ihn gesandt hat. Der unsichtbare, unbegreifliche, der ewige Gott. Oder, wie ich lieber sage: der Vater. Es mag an der Herkunft Jesu aus dem Judentum liegen, dass er hier eine umschreibende Formel braucht und nicht ohne Verhüllung den Gottesnamen verwendet.    

41 Wer einen Propheten aufnimmt, weil es ein Prophet ist, der wird den Lohn eines Propheten empfangen. Wer einen Gerechten aufnimmt, weil es ein Gerechter ist, der wird den Lohn eines Gerechten empfangen.

             Wer ist mit den Propheten und den Gerechten gemeint? Es gibt in der ersten Gemeinde Menschen mit einer prophetischen Gabe. Es gibt Propheten. Männer und Frauen mit dem Durchblick durch die Wirklichkeit, den der Geist Gottes schenkt. Manche von diesen Propheten werden wandernd unterwegs gewesen sein.

Vor größeren Schwierigkeiten noch stehen wir, wenn es darum geht, die Gerechten zu identifizieren. Was macht sie zu Gerechten?  In der Hebräischen Bibel werden Abel, Noah, Abraham, Josef als „Gerechte“ bezeichnet. Aber geklärt ist damit noch nichts. Sind die Gerechten Arme, die alles für andere gegeben haben? Sind es Leute, die hungert und dürstet nach  Gerechtigkeit(5,6)? Oder sind es Christinnen und Christen, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden? (5,10) Dieser Rückgriff auf die Seligpreisungen scheint mir am besten geeignet zur Klärung. Dann haben wir es in den Gerechten mit Leuten zu tun, die heimatlos sind, weil sie aus dem Vertrauen auf diese Worte Jesu alles preisgegeben haben. Ohne jede Rückversicherung. Die kein „Amt“ innehaben, sondern einfach eine Jesus-förmige Lebensweise praktizieren. Die ganz angewiesen sind darauf, dass man ihnen gerecht wird.

Was man ihnen tut, den Propheten und den Gerechten, bleibt nicht unbemerkt – im Himmel – und nicht unvergolten – vom Himmel her. Es lohnt nicht unbedingt auf der Erde, in der Zeit. Aber es findet seinen Lohn.

Viermal: wer aufnimmt. δεχμενος Das gibt den Worten ihr Gewicht. Es geht gewiss auch um die Übung der Gastfreundschaft. Aber weit darüber hinaus geht es um ein Aufnehmen Jesu, um ein Öffnen des eigenen Lebens für seine Gegenwart. Auf den ersten Blick tut jemand, der/die so handelt, anderen Gutes. Aber in Wahrheit wird er/sie reich beschenkt. Durch Gotteslohn wird es sich auszahlen. Das ist nicht Geschäftsbeziehung, sondern Verheißung.

  42 Und wer einem dieser Geringen auch nur einen Becher kalten Wassers zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist, wahrlich, ich sage euch: Es wird ihm nicht unbelohnt bleiben.

Am Ende wird noch einmal verallgemeinert, jetzt in einer deutlichen Ausrichtung auf die Gemeinde hin, auf alle Christinnen und Christen. Schon der Becher Wasser wird nicht unbemerkt, unbelohnt bleiben. Was an Freundlichkeit und Aufmerksamkeit einem, einer der Geringen zugewendet wird – einem normalen Gemeindeglied ohne besondere Fähigkeiten oder Würden – einfach, weil es eine, einer in der Gemeinde ist, das hat Folgen bis in Ewigkeit. Vielleicht steht dieses Wort hinter Worten des Paulus: „Darum, solange wir noch Zeit haben, lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen.“ (Galater 6,10)

            Ich erinnere mich: Auf der Wanderung über den Athos kommen wir erschöpft nachmittags im Kloster an. Wir sind sehr durstig. Ein junger Mitarbeiter im Kloster sieht uns, begrüßt uns freundlich und dann geht er und holt einen großen Krug mit Saft. Orangensaft. Er schüttet zwei Becher voll, schlägt über ihnen das Kreuz und gibt uns zu trinken.

Es gibt die Gewohnheit, das Tun in den Spuren Jesu in den Vordergrund zu rücken. Wir handeln wie Jesus und sind ihm so nahe. Hier dagegen wird Empfangen in den Blick gerückt. Was uns einer tut, das tut er Christus. Als die Empfangenden sind wir wie er – mit leeren Händen, die doch gefüllt werden.

            Ich überlege zusammenfassend: Hat die Rede zuvor „die Schicksalsidentität von Jünger und Meister“, (U.Luz, aaO.; S150.) mit Jesus unter dem Gesichtspunkt: Leiden in der Spur Jesu in den Blick genommen, so wird jetzt diese Schicksalsgemeinschaft positiv gewendet. Die Jünger gewinnen durch das Leben mit Jesus eine Ewigkeits-Perspektive. Auf sie wartet großer Lohn.

 

Jesus, Dich aufnehmen, Deine Leute aufnehmen. Dazu öffne du mir das Herz. Dazu mache mich bereit durch die Liebe, die Du mir ins Herz gibst.

Lass mich auch dann lieben, wenn es weh tut, anstrengend ist, mir Kraft abverlangt.

Lass mich auch dann lieben, wenn ich nicht mit einem Echo rechnen kann, lieben mit der Liebe, die aller Antwort und aller Enttäuschung zuvorkommt. Amen