Sich lösen

Matthäus 10, 34 – 39

34 Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.

             Das ist das Sendungsbewusstsein Jesu. Eine Harte Herausforderung für alle, die aus ihm einen soften Mann machen wollen. Nein, Jesus will nicht den Frieden um jeden Preis, um den Preis auch, dass Konflikte zugekleistert werden und alles gleichgültig ist und damit gleich gültig. Zugleich muss festgehalten werden: dieses Wort ist keine Aufforderung oder Rechtfertigung von Gewalt. Auch dieses Wort macht aus Jesus noch keinen Revolutionär oder Freiheitskämpfer.

Es gibt eine Fülle alttestamentlicher Worte, die den Messias als den Friedensfürsten ansagen. Worte, die wir Christen auf Jesus hin lesen: „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit.“(Jesaja 9,5-6) Mit seinem Kommen wird Frieden verbunden, der bis in die Naturverhältnisse hinein reicht: „Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. Kühe und Bären werden zusammen weiden, dass ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder. Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein entwöhntes Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter.“(Jesaja 11, 6-8)

Das alles sieht Jesus nicht als seinen Weg! Nicht Frieden, sondern das Schwert. Auch darüber kann man stolpern: diese Worte beißen sich mit dem Auftrag an seine Jünger, Frieden in die Häuser zu bringen: Wenn ihr aber in ein Haus geht, so grüßt es; und wenn es das Haus wert ist, wird euer Friede auf sie kommen.“ (10,12-13) Fast möchte man fragen: Was gilt denn nun? Meine Antwort: Die Sendung Jesu bringt mit sich, dass Differenzen sichtbar werden, Konflikte auftreten, weil sich Menschen unterschiedlich zu ihm verhalten. Es kommt zu Spaltungen in den Familien.

  35 Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. 36 Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.

             Wir lesen das, als ob Jesus damit ein Ziel seines Kommens benennen würde. Aber so darf ich nicht lesen. Sondern es geschieht durch sein Kommen. Die Spaltungen sind eine Folge des Kommens Jesu. „Das Kommen Jesu und seine Gottesreichbotschaft stehen quer zu den familiären und gesellschaftlichen Bindungen. Es ist der Friedensgruß der Jünger, der die Spaltungen bewirkt.“ (U.Luz, aaO.; S.139) Das ist, wenn man den hohen Stellenwert in Anschlag bringt, den Familie und Sippe nicht nur im Orient haben, eine große Herausforderung. Oder anders formuliert der Preis, den die Nachfolge kosten kann: eine innere und äußere Trennung von denen, mit denen man durch Geburt verbunden ist. Blut ist zwar dicker als Wasser. Aber es darf den Glauben nicht hindern. Eine Botschaft, die wir im Kontext der Volkskirche weithin verdrängt haben.

In unserer Gesellschaft heute halten viele, vielleicht die Allermeisten, den Glauben nicht mehr für so lebensrelevant, dass es durch ihn zu Spaltungen kommen könnte. Wo das doch geschieht, da wittern wir Sektierertum und schlimmstenfalls – bei jungen Muslimen und zum Islam konvertierten ehemaligen Christen kommt das ja auch vor – Terrorismus. Vielleicht hilft genau diese Beobachtung, die Schärfe dieser Worte Jesu zu erfassen.   

 37 Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.

            Es fühlt sich an,  als würde Jesus jetzt noch eins oben drauf setzen. Es geht um die Liebe. Er tritt in Konkurrenz zur Liebe der Kinder zu den Eltern, der Eltern zu den Kindern. Dabei geht es nicht um das Gefühl Liebe. Sondern es geht um die Bindung. Wer sich nicht von den Eltern lösen kann, wer sich nicht von den Kindern lösen kann, der wird unfähig zur Nachfolge. Die familiäre Bindung tritt zurück, hinter die Bindung des Glaubens.

 

Aber es ist mehr gemeint als: Um erwachsen zu werden, muss ich mich von den Eltern lösen. Um den eigenen Weg zu finden, muss ich die erlernten Wege der Familie relativieren lernen. Um ich werden zu können, muss ich Vater und Mutter vom Thron stürzen. Sondern gemeint ist: Wenn die Frage ansteht – Loyalität zur Familie oder Christusnachfolge, dann kann nur die Christusnachfolge die Priorität sein.

Gelebt worden sind diese Worte immer wieder in der Kirchengeschichte. Sie sind ein Teil des Weges, wie ihn Mönche gehen. Ordensleute. Sie vollziehen auch äußerlich, durch den neuen Namen, den Bruch mit der Herkunftsfamilie und setzen so die neue Gemeinschaft an die erste Stelle.

38 Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert. 39 Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.

Jetzt geht es nicht mehr um den Bruch mit der Familie, sondern um die Konsequenzen für das eigene Leben. Das eigene Leben ist: sein Kreuz tragen. Sein Leben preisgeben.  Sich selbst loslassen. Mir scheint eindeutig: Es geht um ein Leben, das bereit wird, den Weg des Leidens zu gehen, bis hin zum Richtplatz. Hinter Jesus her, wohin er auch führen wird. So, wie es der Auferstandene zu Petrus in einer letzten Begegnung sagt: „Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hinwolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hinwillst.“(Johannes 11,18)   

Also nicht mehr: „Geh, wohin dein Herz dich führt.“ Sondern: Immer hinter Jesus her. Nichts festhalten, nicht einmal sich selbst behalten wollen, sondern nur seinem Weg folgen. Es mag sein, dass es einem leichter wird, das zu hören, wenn ich mit klar mache: Ich kann sowieso nichts festhalten, was lebendig ist. Nicht die Zeit, nicht die Liebe, nicht das Leben. Auch nicht mich selbst. Ich bin, weil ich lebe, auf einem Wandlungsweg. Jeden Tag neu. Aber durch den Glauben an Jesus gewinnt dieser Weg seine Richtung: Immer hinter Jesus her.

Gleich dreimal: der ist mein nicht wert. ξιος. Offensichtlich hängt viel daran. Das deutsche Wort klingt nach „meiner nicht würdig“. Vielleicht aber auch: Der passt nicht zu mir.  Der entspricht mir nicht. Ich versuche es mit einer Umschreibung: Der weiß nicht, was er an mir hat und würdigt das Geschenk meiner Gemeinschaft nicht. Des Lebens mit mir. Und beraubt sich dadurch selbst seiner Würde, des Wertes, den er haben könnte als mein Bruder, meine Schwester, als Sohn und Tochter meines Vaters im Himmel.

Das Versprechen Jesu aber ist: Auf diesem Weg mit mir, der von außen so armselig erscheint, der so viel Widerspruch erregt, gewinnst du das Leben.ψυχ meint ein einziges, unteilbares Gut, das Gott dem nschen schenkt: Wahres Leben ist nicht das, was der Mensch selbst sich aneignet, sondern das, was Gott ihm geben wird, grade durch den Tod hindurch.“ (U.Luz, Das Evangelium nach Matthäus (8 – 17) EKK 1/2, Zürich 1990; S.145) Wahres Leben.

 

Jesus, es gibt Worte von Dir, die mich erschrecken lassen, weil sie mein Leben in Frage stellen, meine Werte, die Grundlagen meines Denkens und Fühlens, meines Handelns.

Es verunsichert mich tief, dass meine Familie, meine Frau und Kinder so in die zweite Reihe rücken sollen. Ich tue mich schwer zu beten; Ich bin klein, mein Herz mach´ rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein.

Ich bitte Dich, dass Du  in mir wohnst, in meinem Herzen Einzug hältst. In diesem Herzen, dem meine Leute so unendlich viel bedeuten. Amen