Nazareth

Matthäus 13, 53 – 58

53 Und es begab sich, als Jesus diese Gleichnisse vollendet hatte, dass er davonging 54 und kam in seine Vaterstadt und lehrte sie in ihrer Synagoge, sodass sie sich entsetzten und fragten: Woher hat dieser solche Weisheit und solche Taten?

 Ortswechsel. Nachdem er alles gesagt hat. Genauer: „als er die Gleichnisse beendet hatte.“ Es ist die gleiche Wendung wie am Schluss der Bergpredigt und wie sie Matthäus am Ende der Reden in Kapitel 18 verwenden wird. Das macht deutlich: die Gleichnisse sind nicht einfach nur einzelne Geschichten, die zufällig zusammengefasst sind, sondern sie sind eine Einheit, eine „Gleichnis-Rede“

Diese Rede ist vorüber. Darum geht Jesus jetzt. Ohne dass es deutlich gesagt wird, vom Ort am Galiläischen Meer über den Berg nach Nazareth. In seine Vaterstand. Dort fängt er an zu lehren. Diesmal nicht in irgendeinem Haus oder auf der Straße, sondern in ihrer Synagoge. Wieder schwingt in der Wendung ein Stück Distanz mit. Es ist nicht seine Synagoge. Auch nicht der Ort, wo sich die Christen versammeln. Es ist ihre Synagoge.

Sein Lehren löst Entsetzen ausκπλσσω  – „betäubt werden, erschrecken, verdutzt, erstaunt sein, betroffen, entsetzt.“ (Gemoll, aaO.; S.258)Man darf hier nicht gleich Ablehnung hören, sondern eher Verwirrung. So wie sie sich dann auch im Fragen zeigt: Woher hat er das?

Sein Lehren ist offenkundig nicht nur Reden. Darum fragen sie nach seiner Weisheit und seinen Taten. δυνμεις: „Macht, Fähigkeiten, Krafterweise.“ (Gemoll, ebda, S.228)Das wird wohl auf Berichte über sein Wirken im Umland zurück verweisen. Aber ob diese Berichte Überzeugungskraft haben? Aus dem Entsetzen Glauben werden lassen? „Nazareth“ weiterlesen

Wie ein Netz

Matthäus 13, 47 – 52

47 Wiederum gleicht das Himmelreich einem Netz, das ins Meer geworfen ist und Fische aller Art fängt.

             Wiederum. Πλιν. Es scheint so, als spürte der Autor, dass er sich wiederholt. Erneut geht es um das Himmelreich. Man kann schon ins Fragen kommen: was steckt dahinter, dass ein Himmelreich-Gleichnis auf das nächste folgt? Es könnte der Erzählfreude Jesu geschuldet sein. Orientalen – und das ist Jesus als Jude ja zweifelsfrei auch – erzählen halt gern. Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Oder eben ernsthafter Himmelreich-Gleichnisse.  Es könnte auch sein, dass er, und mit ihm der Evangelist Matthäus, Freude an der Vielfalt der Bilder hat.

Vielleicht aber steckt hinter dieser Vielfalt aber auch ein anderer Grund: Sachgerecht lässt sich vom Reich der Himmel nur so reden, dass man erzählt, viel erzählt. Unterschiedlich erzählt. Mit ganz verschiedenen Bildern, weil sich anders die „Sache“, um die es geht, nicht darstellen lässt. Wenn man versucht, das Himmelreich auf den Begriff zu bringen, dann verarmt es zu einer saft- und kraftlosen Angelegenheit: Transzendenz. Jenseits. Ewigkeit.  Wer, bitte, will sich schon für die Transzendenz erwärmen oder gar über sie freuen, sie ersehnen?

Ich denke, dass es zutiefst im Wesen dessen, was mit Himmelreich verbunden ist, begründet ist, dass Jesus erzählt, erzählt wirbt und lockt und warnt. Nicht zuletzt: er steht damit auch in der Tradition der prophetischen Bilder, wie sie sich reichlich vor allem beim Propheten Jesaja finden. In seinen Visionen von der kommenden Herrschaft Gottes und der zukünftigen Herrlichkeit der Stadt Gottes.

Nun also: das Himmelreich ist wie ein Netz. Ausgeworfen, um Fische zu fangen. Wie von selbst höre ich Jesu Worte an Simon und Andreas mit: „Folgt mir nach; ich will euch zu Menschenfischern machen!“(4,19) Und die Fische, die sie fangen, sind vielfältig. Der ganze Artenreichtum des Meeres in einem Netz. Nicht nur eine Sorte, nicht nur Heringe.

Man kann es kaum deutlicher sagen: Gemeinde ist für alle da. Fische aller Arten sollen in diesem Netz nicht nur gefangen, sondern aufgefangen werden. Da ist so viel Raum – für unterschiedliche Herkunft, für unterschiedliche Stände, für unterschiedliche Erfahrungen. Es ist wie eine vorsichtige Andeutung, dass sich der Horizont des Himmelreiches nicht verengen lässt auf ein Volk,  nicht nur auf die „Frommen“. Auch nicht nur auf die, mit denen wir uns verbunden fühlen, die uns nahe und vertraut sind. „Wie ein Netz“ weiterlesen

Die eine Perle

Matthäus 13, 44 – 46

44 Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand und verbarg; und in seiner Freude ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte den Acker.

             Alles auf eine Karte. So meine spontane Überschrift. Das Himmelreich gleicht einem Schatz. Das ist die Grundüberzeugung Jesu. Er hat mit dem römischen Reich ein Reich vor Augen, das für viele kein Schatz, sondern eine Plage ist. Er kennt Herrschaft, die alles andere als ein Glück ist. Das Reich der Himmel aber ist anders.

Es ist verborgen im Acker – ich ergänze: im Acker der Welt. (13,38) Es liegt nicht so offen zu Tage, wie die großen Reiche der Welt es tun, wie es die materiellen Besitztümer tun. Aber: man kann drauf stoßen. Man kann es finden. Sogar, wenn man es nicht gesucht hat. Verborgen – nur so nebenbei: Vom Wortstamm her taucht das gleiche griechische Wort auf wie bei der Frau, die den Sauerteig unter das Mehl vermengt, versteckt hat (13,33).

Es hört sich ja nach einem Zufallsfund an, nicht nach dem Gelingen einer langen Suchaktion. Der da auf dem Acker arbeitet, sich müht und plagt, der stößt bei seiner Arbeit auf diesen Schatz. Ob das eigentlich in Ordnung ist, diesen Schatz erst einmal zu verbergen und ihn nicht dem Eigentümer des Ackers zu übergeben, interessiert nicht. Auch ob dieser Mensch ein bettelarmer Tagelöhner ist, spielt für den Erzähler keine Rolle. Immerhin hat er noch einiges zu verkaufen, um den Acker zu erwerben.

Aber darauf liegt der Ton: Das ist ihm der Acker wert. Er verkaufte alles, was er hatte – alles für diesen Acker und diesen Schatz. Man darf es nicht überlesen: Dieses Handeln erwächst aus der Freude an dem Fund. Keine kühle Kalkulation, dass sich der Einsatz rechnet, sondern der Mensch ist regelrecht hingerissen von der Freude.

Darf ich das so lesen: Da entdeckt einer den Glauben an Jesus als die Wahrheit für sein Leben und ist hin und weg. Da lässt einer alles, was er hat, stehen und liegen und läuft hinter Jesus her. Weil er überwältigt ist von der Freude: In ihm sieht er das Reich der Himmel in Person vor sich.

Jesu, meine Freude, meines Herzens Weide, Jesu, meine Zier.
Ach, wie lang, ach lange ist dem Herzen bange, und verlangt nach dir!
Gottes Lamm, mein Bräutigam, außer dir soll mir auf Erden
nichts sonst Liebers werden.
 

Weg mit allen Schätzen, du bist mein Ergötzen, Jesu, meine Lust!
Weg, ihr eitlen Ehren, ich mag euch nicht hören, bleibt mir unbewußt!
Elend, Not, Kreuz, Schmach und Tod soll mich, ob ich viel muß leiden,
nicht von Jesu scheiden.             
    J. Franck 1653     EG 396

             Hingerissen von Jesus, hingerissen vom Schatz – ist das eine Lebenshaltung, die wir heute noch nachvollziehen können? Johann Franck schreibt sein Lied in einem menschenleer gewordenen Land, fünf Jahre nach dem großen Morden, nach Pestzeiten, nach tiefsten Notzeiten. Jesus erzählt sein Gleichnis in einem Landstrich, in dem  es den Menschen, die auf einem fremden Acker arbeiten mussten, erbärmlich schlecht ging, zum Gotterbarmen. Und verkündigt ihnen genau dies: das Gotterbarmen für die Habenichtse. „Die eine Perle“ weiterlesen

Ein Senfkorn

Matthäus 13, 31 – 35

31 Ein anderes Gleichnis legte er ihnen vor und sprach:

Wieder ein Vorlegen, ein Einladen, sich über den eigenen Stand und den eigenen Weg klar zu werden. Es gefällt mir: Jesus nimmt seinen Zuhörern das Denken nicht ab. Er erklärt nicht so lange, bis nichts mehr unklar ist. Er erzählt und traut seinem Erzählen zu und traut seinen Zuhörern zu, dass sie hören und sehen. Mit geöffneten Ohren, geöffneten Augen – und mit einem empfangsbereiten Herzen. Ich vermag nicht zu denken, dass Jesus sein Publikum potentiell für Gegner gehalten hat. Er hat in ihnen „Kandidaten des ewigen Lebens“ (Wilhelm Löhe), des Himmelreiches gesehen. Darum auch erzählt er ein Himmelreich-Gleichnis nach dem anderen.

 Das Himmelreich gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und auf seinen Acker säte; 32 das ist das kleinste unter allen Samenkörnern; wenn es aber gewachsen ist, so ist es größer als alle Kräuter und wird ein Baum, sodass die Vögel unter dem Himmel kommen und wohnen in seinen Zweigen.

             Ein Senfkorn – das Himmelreich? Es ist ein schreiender Gegensatz, vor allem für die ersten Hörer. Da das winzig kleine Korn, Durchmesser 1mm. Und es steht für das Himmelreich, das alle Welt umspannt, alle Zeit und alle Räume. Das All. „Er hat die ganze Welt in der Hand.“

Aber es fängt so leicht übersehbar an. Schon unscheinbar ist zu viel.

Man wird zu überlegen haben, ob Jesus damit seinen Anfang in Galiläa beschreibt. Das Rufen dieses Jüngerhaufens, der in den Augen der Großen in Jerusalem, erst recht in den Augen der Großen der  Welt doch ein Nichts ist. Was für ein Häuflein  vom Menschen ist das, das der Menschensohn in den Acker der Welt sät. Eine Auswahl, die von keinem Qualitätskriterium aus zu rechtfertigen ist. Fischer, Handwerker, Zöllner, ein ehemaliger Sikarier. Alle im Blick auf die jüdische Tradition und „nach pharisäischen Maßstäben weltlich und unrein“ (E.Schweizer, aaO.; S.199) Leute, mit denen beim besten Willen kein Staat zu machen ist. Mit diesen Leuten soll das Reich Gottes anfangen? „Aus den kümmerlichsten Anfängen, aus einem nichts für menschliche Augen schafft Gott seine machtvolle Königsherrschaft, die die Völker der Welt umfassen wird.“ (J. Jeremias, Die Gleichnisse Jesu, Siebenstern Göttingen 1966, S. 101)

Aber – was für die Skeptiker eine Zumutung ist, ist für die Hörer Jesu, für die Jünger und für die, die ihm glauben möchten, eine unglaubliche Ermutigung. Ja, es darf klein und unscheinbar anfangen. Ja es stimmt, wenn wir uns ansehen: „Seht doch, liebe Brüder, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt.“(1. Korinther 1,26-27a) Was für ein Rückenwind für eine bedrängte und verängstigte Gemeinde. Es ist Gottes Sache aus dem kleinen, dem kleinsten Anfang Wachstum zu schenken. „Ein Senfkorn“ weiterlesen

Keine Säuberungen

Matthäus 13, 24 – 30. 36 – 43

 24 Er legte ihnen ein anderes Gleichnis vor und sprach:

Ich gerate ins Stolpern: Er legt ihnen vor statt des sonst so schlichten: „er sagte ihnen“ oder „er redet zu ihnen.“ Es ist fast, als würde er mit dem, was folgt herausfordern wollen: Werdet euch klar, wo ihr steht, was ihr wollt. Ein früher Vorläufer: Mose kam und berief die Ältesten des Volks und legte ihnen alle diese Worte vor, die ihm der HERR geboten hatte. Und alles Volk antwortete einmütig und sprach: Alles, was der HERR geredet hat, wollen wir tun. Und Mose sagte die Worte des Volks dem HERRN wieder.“ (2. Mose 19,7-8) Es geht um Entscheidungen. Darum, sich selbst zu positionieren. Zuzustimmen.

 Das Himmelreich gleicht einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte. 25 Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut zwischen den Weizen und ging davon.

             Eine Alltags-Geschichte erzählt Jesus. Aber sie ist durchsichtig auf das Himmelreich. So geht es zu mit der Gottes-Herrschaft. Himmelreich, βασιλεα τν ορανν ist nur eine Umschreibung für die „Gottesherrschaft“, geboren aus der Scheu im Judentum, den Namen Gottes auszusprechen und im Aussprechen zu missbrauchen. Himmel steht für Gott. Mit dem „Wohnort“ Gottes ist Gott selbst im Spiel.

Ein Bauer sät – natürlich guten Samen. Kein Bauer kommt auf die hirnrissige Idee, schlechten Samen auszubringen auf seine Felder. Aber, auch das ist Alltagserfahrung der Zuhörer Jesu: es gibt Feinde und Feindseligkeiten. So kommt hier zu nachtschlafender Zeit, wenn ordentliche Leute von der Mühe der Arbeit ruhen, sein Feind – und sät Unkraut. ζιζνια. Taumellolch. Ein Gewächs, das aussieht wie Weizen, aber giftig ist. Ein Unkraut eben.

 26 Als nun die Saat wuchs und Frucht brachte, da fand sich auch das Unkraut. 27 Da traten die Knechte zu dem Hausvater und sprachen: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn das Unkraut? 28 Er sprach zu ihnen: Das hat ein Feind getan.

             Am Anfang sieht man den Unterschied nicht. Aber als die Frucht entsteht, wird sichtbar, was ist. Und verlangt nach Erklärung. Darum fragen die Knechte den Hausherrn (im Griechischen οκοδεσπτος, den Öko-Despoten!) nach dem Unerklärlichen: wie kann aus gutem Samen Unkraut werden? Im Hintergrund mögen frühere Worte Jesu mitschwingen: „Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen.“(7,18) Muss dann nicht auch guter Same wie von selbst gute Früchte bringen?

Der Hausherr weiß eine Antwort: Das hat ein Feind getan. Das klingt noch reichlich unbestimmt. Aber auch klar genug: es ist kein Zufall und kein Missgeschick. Und: es liegt nicht am Samen und seiner Qualität. „Keine Säuberungen“ weiterlesen

Nicht mein Verdienst

Matthäus 13, 10 – 17

10 Und die Jünger traten zu ihm und sprachen: Warum redest du zu ihnen in Gleichnissen?

             Offensichtlich hat Jesus das Boot wieder verlassen. Wie sonst sollten seine Jünger zu ihm treten können? Genau so offensichtlich empfinden die Jünger, dass es einen Unterschied zwischen ihnen und dem Volk gibt. Das steckt in ihrer Frage: Warum redest du zu ihnen in Gleichnissen? Ist das Kritik am Gleichnis? An der verhüllenden Art seines Redens? Wollen sie, dass Jesus Klartext spricht und nicht in so rätselhaften Bildern, auf die sich jeder seinen Reim machen muss?

 11 Er antwortete und sprach zu ihnen: Euch ist’s gegeben, die Geheimnisse des Himmelreichs zu verstehen, diesen aber ist’s nicht gegeben. 12 Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat. 13 Darum rede ich zu ihnen in Gleichnissen.

             Ja, sagt Jesus, es ist ein Unterschied zwischen ihnen und euch. „Zu verstehen, was es mit dem Hereinbrechen der Gottesherrschaft auf sich hat, ist ein Geschenk Gottes.“ (W.Klaiber, aaO.; S.266) Ist Gnade. Keiner kann sich selbst die Augen für dieses Geschenk öffnen. Aber: man kann sich auf dem Weg Jesu rufen lassen und dann gehen einem die Augen auf. Dann begreift man immer mehr, weil sich seine Wirklichkeit immer mehr erschließt.

Auf den ersten Blick könnte man auf die Idee kommen, dass hier so etwas wie eine Auswahl stattfindet, durch Gottes Vorentscheidungen: die einen bekommen die Augen und die Herzen geöffnet. Die anderen nicht. Die einen sind erwählt und die anderen nicht. Deshalb kann man schon fragen: „Womit hat das Volk, das ja bisher Jesus immer treu zugehört hat und auf ihn sympathisch reagiert hat, diese „Verstoßung“ verdient? Ist Jesus hier nicht unfair?“ (U.Luz, aaO.; S.311)

             Aber das ist die falsche Frage. Es geht nicht um so etwas wie „Prädestination“. Sondern es geht um das Aufnehmen des Wortes in das eigene Leben, so dass das Leben davon erfüllt wird. Oder eben im Abstand bleiben. Freundlich hören, aber sich nicht auf den Weg einlassen. Wer lange hört, aber nicht tut, was er hört, der hört schließlich nicht mehr. Nichts mehr. Das Hören  bleibt folgenlos. Erfolglos. Und wird dann zum Überhören.

Ich höre in diesen Worten eine sehr ernsthafte Anfrage an die Art, wie wir heute mit dem Christsein umgehen. Für viele ist es eine Gelegenheits-Veranstaltung: „Kirche bei Gelegenheit“ (M. Nüchtern) Ab und zu geht man da hin. Aber es wird kein Weg aus diesen punktuellen Begegnungen. Gleicht dieses Verhalten nicht genau dem Verhalten des Volkes: Es hört Jesus bei Gelegenheit, findet ihn auch sympathisch – „guter Mann!“ – aber das ist es dann auch. „Nicht mein Verdienst“ weiterlesen

Was für ein Säemann

Matthäus 13, 1 – 9. 18 – 23

 1 An demselben Tage ging Jesus aus dem Hause und setzte sich an den See. 2 Und es versammelte sich eine große Menge bei ihm, sodass er in ein Boot stieg und sich setzte, und alles Volk stand am Ufer.

             Es ist wohl so, dass man sich Kapernaum am See als Ort des Geschehens zu denken hat. Jesus wechselt aus dem Haus unter den freien Himmel. In die Öffentlichkeit. Was er zu sagen hat, ist für aller Ohren bestimmt, keine Geheimlehre nur für den auserwählten Kreis der Jünger.  Weil es so viele sind, die kommen, sucht sich Jesus einen Platz, von dem aus er reden kann. „Dass Jesus sitzt, während das Volk steht, ist passend: In der Antike sitzt in der Regel der Lehrer.“ (U.Luz, aaO.; S.297)Er setzte sich ist also Signal: ich will lehren. Wir haben es in den Gleichnissen, die folgen, mit dem Lehrer Jesus zu tun.

 3 Und er redete vieles zu ihnen in Gleichnissen und sprach:

Auffällig: Matthäus vermeidet das griechische Wort für lehren. Jesus redete – im Griechischen steht λλέωlautmalerisch unserem lallen verwandt. Es ist vermutlich der Hinweis: Das, was Jesus hier macht, ist anderes als das Lehren in der Auslegung des  Gesetzes, anders als die Erklärung  der heiligen Schriften, anders als alles, was in der Synagoge geschieht. Ein ganz neuer Typus: Lehren durch das Erzählen von Geschichten. Gleichnissen. παραβολα Das kann Sprüche, Fabel, Rätselworte, Vergleichungen bedeuten. Eine offene Form, die Jesus füllt.

Siehe, es ging ein Sämann aus zu säen. 4 Und indem er säte, fiel einiges auf den Weg; da kamen die Vögel und fraßen’s auf. 5 Einiges fiel auf felsigen Boden, wo es nicht viel Erde hatte, und ging bald auf, weil es keine tiefe Erde hatte. 6 Als aber die Sonne aufging, verwelkte es, und weil es keine Wurzel hatte, verdorrte es. 7 Einiges fiel unter die Dornen; und die Dornen wuchsen empor und erstickten’s. 8 Einiges fiel auf gutes Land und trug Frucht, einiges hundertfach, einiges sechzigfach, einiges dreißigfach. 9 Wer Ohren hat, der höre!

             Was Jesus hier erzählt, kennen seine Zuhörer. Es ist das, was alltäglich passiert: Es fällt nicht aller Same auf Boden, der schon vorbereitet ist. Manches geht bei der Aussaat verloren. Die Konzentration der Erzählung allein auf den Vorgang des Säens fällt auf. Kein Wort über Bodenqualität und die Beschaffenheit des Feldes. Nur, dass der Sämann sät. In den Blick fällt, wie viel vergeblich ausgesät ist, aus den unterschiedlichsten Gründen. Drei Viertel der Saat gehen verloren.

Das drängt die Frage auf: Was ist das für ein Sämann, der so mit Verlust sät? Oder ist das die falsche Sicht, weil am Ende ja das in den Vordergrund gerückt wird: was auf das gute Land fällt, trägt viel Frucht, einiges hundertfach, einiges sechzigfach, einiges dreißigfach. Mir fällt auf, dass hier nicht der Ertrag bis zum Maximum gesteigert wird, sondern es geht umgekehrt vom Maximum abwärts. Aber auch dreißigfach ist noch richtig viel!

Bis ins Volkslied hinein hat das Gleichnis Spuren hinterlassen – und das Verständnis des Gleichnisses bestimmt. So heißt es im „Nachtwächterlied:

Hört, ihr Leut, und lasst euch sagen: unsere Glock hat vier geschlagen!       Vierfach ist das Ackerfeld; Mensch wie ist dein Herz bestellt?        Menschenwachen kann nichts nützen, Gott muss wachen, Gott muss schützen. Herr, durch Deine Güt’ und Macht schenk uns eine gute Nacht!                                  Volkslied aus Franken „Was für ein Säemann“ weiterlesen

Geschwisterlich werden

Matthäus 12, 46 – 50

46 Als er noch zu dem Volk redete, siehe, da standen seine Mutter und seine Brüder draußen, die wollten mit ihm reden. 47 Da sprach einer zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen mit dir reden.

             Bis hierher war von der Familie Jesu nicht mehr die Rede. Nicht mehr seit der Rückkehr aus Ägypten. Da hieß es von seinem Vater Josef: „Und im Traum empfing er (gemeint: Josef) Befehl von Gott und zog ins galiläische Land und kam und wohnte in einer Stadt mit Namen Nazareth, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch die Propheten: Er (gemeint: Jesus) soll Nazoräer heißen.“(2,22b-23)Sonst spielt die heilige Familie für seinen Weg durch Galiläa offensichtlich keine Rolle. Nicht wirklich verwunderlich bei einem, der auch seinen Jünger aus ihren Familien herausruft, um ihm nachzufolgen (4,22).

             Jetzt aber sind sie da, die Mutter und seine Brüder, um mit ihm zu reden. Worüber sie reden wollen, ist Matthäus nicht wichtig. Das Markus-Evangelium weiß mehr:  „Und als es die Seinen hörten, machten sie sich auf und wollten ihn festhalten; denn sie sprachen: Er ist von Sinnen.“ (Markus 3,21) Matthäus hat an einer Klärung ihres Wunsches kein Interesse. Wichtiger ist ihm, und das hält er fest: sie stehen draußen. Außerhalb des Kreises, der sich um Jesus gesammelt hat. Außerhalb der Volksmengen, χλοι, die ihm zuhören, die ihm nachlaufen. Sie gehören, weil und solange sie draußen stehen, nicht wirklich dazu. Da ist Abstand vorhanden, der auch nicht überbrückt ist, jedenfalls jetzt nicht.

So dicht ist die Menge um Jesus, dass er es gar nicht mitbekommen kann, dass seine Leute draußen stehen. Dass sie ihn sehen und mit reden wollen. Einer aus dem Volk muss es ihm sagen. Es ist ein bisschen überzogen, aber vielleicht doch nicht ganz falsch: genau das ist die Funktion von Fürbitte, den engen Kreis derer, die Jesu umstehen zu durchbrechen zugunsten derer, die draußen sind, sich nicht selbst zu Worten melden können. Es ist legitim, dass sich dieser Kreis um Jesus sammelt. Aber er darf nicht so eng werden, geschlossen, dass es für die draußen keine Chance mehr gibt, Gehör zu finden, einen Zugang eröffnet zu bekommen. „Geschwisterlich werden“ weiterlesen

Das eine Zeichen

Matthäus 12, 38 -45

38 Da fingen einige von den Schriftgelehrten und Pharisäern an und sprachen zu ihm: Meister, wir möchten gern ein Zeichen von dir sehen.

             Seltsam: trotz der heftigen Worte Jesu ist das Gespräch nicht zu Ende. Es ist, als würden die so hart Angegriffenen immer noch nach einer Verstehensmöglichkeit suchen, nach einem Weg, wie sie begreifen können, mit wem sie es in Jesus zu tun haben. Zu den Pharisäern gesellen sich jetzt Schriftgelehrte. „Für Matthäus sind sie Repräsentanten des Judentums seiner Zeit“ (W.Klaiber, aaO.; S.256),  In seiner Sicht gehören beide Gruppen wohl zusammen, sind fast identisch. In der Folge des Evangeliums werden sie oft in einem Atemzug genannt.

Meister nennen sie Jesus. Das ist Anerkennung und Distanz in einem. Anerkennung dessen, der eine gewichtige Stimme im innerjüdischen Gespräch ist, aber zugleich auch: Davids Sohn (12,23) bist Du nicht!

Ist es eine Forderung oder eine Bitte, die sie vorbringen? Wir möchten gern ein Zeichen von dir sehen. Wollen sie eine Demonstration, ihn gar aufs Glatteis führen: das kannst du ja doch nicht. Spielen sie mit ihren Worten die Rolle des Versuchers. Er hatte ja Jesus auch ein Zeichen nahegelegt:  „Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben : »Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.« (4,5-6)

             Ein Zeichen, σημεον, wollen sie. „Etwas Sichtbares, wodurch man eine Sache eindeutig identifizieren kann.“ (U.Luz, aaO.;  S.275) Einen unumstößlichen Beweis. Es scheint als würden sie es nicht merken: sie wollen den Glauben ersetzen durch ihre objektive Urteilsbildung. Wer Beweise hat, muss nicht mehr glauben. Mit ihrer Forderung, ihnen objektive Kriterien zum eigenen Urteil zu liefern, finden  die Schriftgelehrten und Pharisäer bis in unsere Zeit viele Nachfolger.

Aber: unverschämt ist das alles nicht. Ungehörig auch nicht. Man macht es sich zu einfach, wenn man diese Bitte gleich als übles Spiel betrachtet. Sie kennen ihre Bibel und wissen, dass es durchaus  im Rahmen des Erlaubten liegt, Zeichen zu erbitten. Es gibt schließlich die Gideons-Erzählung, in der das Erbitten von Zeichen legitimiert wird, weil der HERR sich darauf einlässt (Richter 6) Der Glaube ist nicht immer so stark, dass er auf alle äußeren Zeichen Verzicht leisten könnte.  „Das eine Zeichen“ weiterlesen

Fern und nah

Matthäus 12, 22 – 37

 22 Da wurde ein Besessener zu Jesus gebracht, der war blind und stumm; und er heilte ihn, sodass der Stumme redete und sah. 23 Und alles Volk entsetzte sich und fragte: Ist dieser nicht Davids Sohn?

             Wieder, fast im Vorübergehen erzählt, eine Heilung. Fundamental. Einer kann reden und sehen, der vorher stumm und blind war. Ausgeschlossen von allem. Er wird geheilt. Seine Heilung löst beim Volk Entsetzen und Fragen aus. Tief beeindruckt tasten sie nach dem Verstehen Jesu: Haben wir es hier mit einem, mit dem Davids Sohn zu tun?  Dem, der verheißen ist seit uralten Zeiten? „Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.“ (Jesaja 11,1) Es mag mitschwingen in ihrem Fragen: ist es jetzt endlich soweit mit der großen Wende?

 24 Aber als die Pharisäer das hörten, sprachen sie: Er treibt die bösen Geister nicht anders aus als durch Beelzebul, ihren Obersten.

             Die Heilung ist einmal mehr Auftakt einer harten Auseinandersetzung.  Auftakt zu einer Debatte. Die Pharisäer sind jetzt erneut als Gegner Jesu auf dem Plan. Sie bestreiten nicht die Heilung. Wohl aber die Kraft, aus der sie kommt. Es ist die Macht von unten, die Kraft des Bösen, im Klartext: des Teufels.   

  25 Jesus erkannte aber ihre Gedanken und sprach zu ihnen: Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet; und jede Stadt oder jedes Haus, das mit sich selbst uneins ist, kann nicht bestehen. 26 Wenn nun der Satan den Satan austreibt, so muss er mit sich selbst uneins sein; wie kann dann sein Reich bestehen?

             Jesus – Herzenskenner. Gedankenleser. Er erkennt – hellsichtig – den Widerspruch, der sich in ihren Gedanken formiert. Er lässt sich darauf ein, mit den Pharisäern zu reden, zu diskutieren. Das ist kein Widerspruch zu dem voraus gegangenen Jesaja-Zitat! Es geht ja doch darum, die Gedanken zu klären, die Hindernisse abzubauen. Ich lese also diese Diskussion, die hier anfängt, nicht als eine Debatte ums Rechthaben. Es ist ein Versuch, den Pharisäern eine Brücke zu bauen – auch durch Dagegenhalten, auch durch das Aufzeigen von inneren Widersprüchen.

Jesus appelliert zunächst an die Erfahrung seiner Gesprächspartner: Kein Reich, keine Herrschaft, keine Stadt, ja keine Familie kann bestehen, wenn sie in sich selbst uneins ist. Das kennen sie doch alle: Uneinigkeit zerstört die Familie (Haus meint ja nichts anderes als was wir Familie nennen), zerstört die Stadtgemeinschaft, zerstört das Land.

Wie also soll das zugehen? Der Satan zerstört durch Jesus seine eigene Herrschaft? Das aber steckt in ihrer Behauptung: Der Satan bekämpft durch Jesus seine eigene Gefolgschaft, die bösen Geister. Die Dämonen. „Das ist aber absurd!“ (U.Luz, aaO.; S.259) So dumm, töricht, kurzsichtig  kann der Satan doch nicht wirklich sein! „Fern und nah“ weiterlesen