Vertrauen, das sorglos werden kann

Matthäus 6, 24 – 34

 24 Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.

             Merkwürdig: Manche Jesus-Worte sind geradezu sprichwörtlich geworden. So auch dieses Wort. Es ist nicht möglich, mit gegensätzlichen Loyalitäten zu leben. Da gibt es nur Entweder-oder, nie sowohl-als auch. Es ist ein Teil der Unglaubwürdigkeit unserer Kirchen heutzutage in der Bundesrepublik, dass sie genau diesen Spagat versuchen: einerseits staatlich anerkannt und hofiert, im Mainstream der Gesellschaft zu Hause zu sein und andererseits dem Evangelium verpflichtet. Sie sind unterwegs im ausgewogenen sowohl-als auch. Das Entweder-oder Jesu scheint nicht die Option der Groß-Kirchen. Das überlassen sie lieber dem Einzelnen oder denen, die sie gerne auch einmal Sekten nennen. Oder evangelikal.

Es ist ein Wort, wie es schärfer nicht sein kann: Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. Es ist ein Wort, das die heimliche Macht des Besitzes entlarvt: er hat die Tendenz zu versklaven. Abhängig zu machen. Zu Dienern. Vom eigenen Besitz besessen. Wer das nicht will, der muss Gott vorziehen und den Besitz an die zweite, dritte, viere Stelle setzen. Zurückstellen. Es ist möglich, so zu übersetzen: Μισέω und αγαπάω könnten auch abgeschwächt zurückstellen und vorziehen meinen.“ (U. Luz, aaO.; S.362) Aber auch dann bleibt es beim entweder-oder und bei der Herausforderung an die Hörer Jesu, sich zu entscheiden. Modern gesprochen: Gott hat die absolute Priorität. Ist das bei euch so?

In dieser Radikalität ist das eine Kampfansage: Gegen die Rücksichtnahme auf die Bilanzen, auf die Steuereinnahmen, auf die Spenden. Alles aus einem Grund: Weil der Mammon, hier fast schon personhaft gedacht, die unheimliche Kraft hat zu versklaven. Einzelne, Gruppen, Kirchen. Eine Kirche, die sich dieser Rücksichtnahme verweigert, die den Kampf gegen die Herrschaft des Mammon aufnimmt, wird wohl rasch verarmen. Sie könnte aber im Gegenzug reich werden in Gott.

  25 Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?

Jetzt argumentiert Jesus. Mit bestechend schönen Bildern. Wie ein Lehrer der Weisheit. Es ist der Schluss „vom Größeren auf das Kleinere“ (E.Schweizer, aaO.;,S.104) Der das Leben – und das ist doch unzweifelhaft die größte Gabe – gegeben hat, wird der nicht auch für Nahrung und Kleidung sorgen?  Das ist eine Voraussetzung, die viele heute nicht mehr so teilen, „dass Leib und Leben uns vom Schöpfer gegeben sind.“ (E.Schweizer, aaO.; S.104) Eine Überzeugung, von der Jesus ausgehen kann, dass seine Hörer sie mit ihm teilen.

             Wir heute müssen für diese Grundüberzeugung als Kirchen neu werben. Sie der Sicht entgegenstellen, die den Menschen als Produkt seiner selbst sieht. Als Ergebnis einer Liebesnacht, wenn es gut geht. Als Zufalls-Produkt einer flüchtigen Begegnung. Als Ergebnis ärztlicher Kunst in der künstlichen Befruchtung. Aber als Geschenk aus dem Himmel? Wer will das denn heute noch zu sagen wagen?

 26 Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie? 27 Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt? 28 Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. 29 Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. 30 Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?

Es geht im gleichen Stil weiter. Wieder mit unübertrefflich schönen Worten. Einer Bildsprache, die unmittelbar zu Herzen geht. Anrührt. Diesmal geht das Schlussverfahren den umgekehrten Weg – vom Kleineren zum Größeren. Wenn Gott schon die Sorglosigkeit der Vögel nicht ins Leere laufen lässt, wie sollte er dann die, die um Jesus herumstehen, Männer Frauen, Junge, Alte, Kinder, Greise, leer laufen lassen mit ihren Bedürfnissen?

Wenn er die Lilien ausstaffiert mit unaussprechlicher Schönheit, wenn er das Gras so üppig überschüttet mit Glanz, das doch morgen schon bloßes Heu ist  – wie viel mehr wird er Gutes tun an seinen Menschen. An euch, ihr Kleingläubigen? So direkt wird Jesus jetzt. Mancher Hörer oder Hörerin auf dem Berg mag sich nicht nur angeschaut fühlen, sondern durchschaut bis in die Tiefen des Herzens.

Die  Argumentation Jesu zielt  nicht auf Sorglosigkeit. Das weiß er wohl, dass wir die Sorge tief in uns tragen. Aber sie zielt auf ein Vertrauen, dass die Sorge umschließt, einhüllt, aufhebt. Es ist auch ein „Hinweis auf die Sinnlosigkeit des Sorgens.“ (E.Schweizer, aaO.; S.104) Nichts wird besser, nichts ändert sich, kein Problem löst sich dadurch auf, dass ich mir Sorgen mache.

Mir ist es wichtig: das alles sagt Jesus nicht von „Gott“, nicht von einer „Gottheit“, nicht von einem „letzten Grund des Seins“. Auch nicht von einer wie auch immer gearteten göttlichen Macht.. Er kommt in seinem Denken und Sagen her von seinem Vertrauen, dass euer himmlischer Vater sorgt, trägt, schützt, behütet. Es ist sein Glauben an den väterlichen Gott – wir heute mögen getrost ergänzen: auch an den mütterlichen Gott -, der ihn das alles sagen lässt.

Was wir nicht vermögen, dem Leben Zeit zu gewähren – der Vater im Himmel will es und tut es. Was uns unmöglich erscheint, dass Fülle einfach geschenkt wird, Schönheit eine Gabe ist – aus den Händen des Vaters im Himmel kommt alle Fülle und alle Schönheit.   

31 Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? 32 Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.33 Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. 34 Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.

             Wenn das aber alles so ist, dann gilt wirklich: Darum. So sagt Jesus zu den Hungerleidern, die um ihn stehen, zu den Armen, die er vor Augen hat, zu den Besitzlosen, die sich um ihn gesammelt haben: Ihr sollt nicht sorgen. Ihr müsst euch nicht ängstigen. Essen, Kleidung, ein neuer Tag – das alles kommt euch zu, weil euer himmlische Vater es doch weiß: das habt ihr nötig.  Und er wird euch versorgen.

Wenn Jesus eine Bibel-Arbeit hätte halten wollen, hätte er hinweisen können: Denkt an das Manna in der Wüste. Denkt an die Wachteln in der Wüste. Denkt an die Raben,  die zu Elia kamen, am Bach Krit. Denkt an den Engel, der Elia Wasser und Brot gab in der Wüste. Auf das alles verzichtet Jesus. Ihm reicht zu sagen: Vertraut euch Gott an, dem Vater im Himmel. Streckt euch aus nach dem Reich, das von Gott her auf euch zukommt, nach der Gerechtigkeit, die lauter Erbarmen ist.

Und dann eben, wie zum Auswendiglernen, zum täglichen Sich-vorsagen: Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat. Das kann ich mir gar nicht oft genug vorsagen. Denn ein Blick in die Welt, in meine kleine Welt, genügt, um mich zu belehren: Es gibt jeden Tag mehr Grund zur Sorge, als ich bewältigen kann. Genau deshalb  aber ist dieses Wort ein Ruf in die Freiheit: Lebe heute. Sorge nicht für das, wofür du nicht sorgen kannst, weil es ja doch deinem Zugriff entzogen ist. Tue, was vor deinen Füßen liegt. Und vertraue darauf: Gott weiß, was nötig ist. Er  ist es, der in der Zukunft auf dich zukommt. Es ist seine Zukunft, der dein Heute entgegen geht und dein Morgen auch. In ihm ist auch deine Zukunft gut aufgehoben.

 

Jesus, Du stehst mit Deinen Worten vor mir, triffst meine Sehnsucht und weckst doch zugleich meine Angst. Wie soll ich das können, meine Sorgen loslassen, ihrer Übermacht wehren? Manchmal umstellen sie mich wie eine Herde brüllender Löwen, wie wilde Stiere stoßen sie nach mir.

Ich möchte gerne tauschen: Mein kleines Vertrauen gegen meine großen Sorgen. Meinen schwachen Glauben gegen Dein Festhalten. Mein Zagen gegen Deine Treue.

Jesus, wenn ich falle und meine Sorgen über mich stürzen: Halte Du mich fest. Heute. Was morgen ist, Wird sich morgen zeigen. Wenn Du mich heute hältst, so genügt das. Mir. Amen