Sich nicht besitzen lassen

Matthäus 6, 19 – 23

19 Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe einbrechen und stehlen. 20 Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen. 21 Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.

            Er hat leicht reden, dieser Wanderprediger in Galiläa. Er hat ja nur, was er auf dem Leib trägt. Aber wie soll diese Worte der hören, der ein Haus hat, der Schätze hat, der umgeben ist von Gütern und Gaben, Insignien seines erfolgreichen Lebens, der Diebstahl-Sicherungen eingebaut hat? Das ist doch die Angst, die Besitzende haben: dass einer kommt und stiehlt oder dass plötzlich alles wertlos ist, von Motten zerfressen, vom Zahn der Zeit zernagt.

Klar ist: Dem Habenwollen wird mit diesen Worten Jesu nicht das Wort geredet. Der menschlichen Gier, die das „Grundkapital des Kapitalismus“, ein „Baustein der menschlichen Natur“ ist (Olaf Henkel vor Jahren in einer TV-Sendung), wird hier nicht das Wort geredet. Irgendwie wird all das, womit man auftrumpfen könnte und nicht nur in der Werbung heutzutage auftrumpft: „Mein Haus, mein Auto, mein… alles mein“ – das wird alles eher nebensächlich, wenn nicht gar als hinderlich angesehen. Jesus scheint nicht wirklich viel Respekt zu haben vor den Reichtümern, die wir so ansammeln im Lauf des Lebens.

Stattdessen: Sammelt euch aber Schätze im Himmel. Sofort ist die Frage da: Wie macht man das? Gute Taten? Jeden Tag eine gute Tat? Fasten, Beten, Almosen geben? Oder: Ein engagiertes Leben im Einsatz für die Armen? Rettungseinsätze in Nepal, Flüchtlinge im Mittelmeer, Obdachlose in Frankfurt. „Nur noch kurz die Welt retten“ (T. Bendzko, CD Wenn Worte meine Sprache wären 2012)) Ein rastloses Leben im Einsatz für andere, Nächste und Fernste. Ist das gemeint? Stimmt es also: „Damit wird völlig ungebrochen der Lohngedanke übernommen; gedacht ist an Almosen, Liebeswerke oder andere gute Taten.“ (U.Luz, aaO.; S.359) 

 Aber was ist dann mit dem Satz: Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. Der klingt nicht nach restlosem und rastlosem Einsatz. Sondern eher wie eine Erinnerung: Achte darauf, wem dein Herz gehört. Mir scheint, hier knüpft Jesus an dem Urbekenntnis Israels an, am Schema Israel: „Höre Israel. Der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller deiner Kraft.“(5. Mose 6,4)

Auf unserem Esstisch liegt seit Monaten ein Wort, das uns regelrecht zugelaufen ist, an dem wir herumbuchstabieren: „Wirf in den Staub dein Gold, so wird der Allmächtige dein Gold sein.“ (Hiob 22,24-25) Dieses Denken leitet wohl den Herrn Jesus in diesen Worten. Nicht, was wir tun, sammelt Schätze im Himmel. Schon gar nicht, was wir haben, als unsere Besitztümer. Er selbst, Gott, ist der Schatz über allen Schätzen. „Wenn ich nur dich habe, frage ich nichts nach Himmel und Erde“(Psalm 73,25)

  22 Das Auge ist das Licht des Leibes. Wenn dein Auge lauter ist, so wird dein ganzer Leib licht sein. 23 Wenn aber dein Auge böse ist, so wird dein ganzer Leib finster sein. Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß wird dann die Finsternis sein!

Beginnt ein neues Thema? Oder geht es doch mit dem alten Thema weiter? Man kann ja so lesen und denken:  „Das, was du siehst, prägt dich.“ So habe ich es gelernt und auch selbst oft genug weitergegeben. Es ist nicht alles gut, was wir sehen. Es gibt schlimme böse Bilder. Ich denke nicht, dass es Jesus um böse Augen geht oder gute Augen, sondern um das, was Augen wahrnehmen, worauf sie sich richten. Was ich sehend aufnehme in mich und was aus dem Sehen erwächst.

Wer zu viele Gräuel gesehen hat, wahrnehmen musste, in der Wirklichkeit seines Lebens, nicht nur in der virtuellen Film und Internet-Welt, der wird diese Bilder nicht mehr los. Sie belasten, oft über Jahrzehnte hinweg. Unsere Fähigkeit, Schreckensbilder zu verkraften ist nicht grenzenlos, sondern begrenzt. Ein Grund mehr, manchmal einfach Hinsehen zu verweigern, weil es der Seele Gewalt antut.

Aber vielleicht darf ich auch so lesen: Wenn das Auge sich von den Schätzen und Besitztümern blenden lässt, dann wird es zum „bösen Auge“, zu einem Auge, das nur noch die Schätze sieht und das Gott aus den Augen verliert. Damit das Auge Licht ist und durch das Auge Licht in den Menschen kommt, darf es Gott nicht aus den Augen verlieren. Muss es über allen guten Gaben den im Blick behalten, der der Geber aller Gaben ist.

Es gibt eine jüdische Geschichte, die für mich hierher passt:

 „Zum Rabbi kommt ein Mann und klagt: “Rabbi, es ist entsetzlich. Wenn du zu einem Armen kommst, ist er freundlich zu dir und hilft dir, wenn er kann. Kommst du aber zu einem Reichen, dann beachtet er dich nicht einmal. Was ist nur mit dem Geld los?” Da sagte der Rabbi: “Komm, schau aus dem Fenster! Was siehst du? ” – “Ich sehe eine Frau mit ihrem Kind an der Hand. Ich sehe einen Wagen, der zum Markt fährt.” – “Gut. Nun schau hier in den Spiegel. Was siehst du jetzt?” – ” Was werde ich sehen, Rabbi? Mich selber!” – Darauf der Rabbi: “Genau so ist es. Doch sieh! Das Fenster ist aus Glas gemacht und der Spiegel ist aus Glas. Aber kaum legst du ein wenig Silber hinter das Glas, so wird daraus ein Spiegel und du siehst dich nur noch selber. So ist es mit dem Geld.”

Es ist das harte Urteil Jesu: Wer kein Auge mehr für Gott hat, der gerät in eine ausweglose Finsternis. „Wenn das, was dein Leben erleuchten könnte und sollte, in deinem Leben keinen Raum bekommt, wie groß ist dann die Finsternis.“ (W.Klaiber, aaO.;S. 134)

             Oder, um einen alten Sängerfreund zu zitieren:

 Es geht ohne Gott in die Dunkelheit,                                                                           aber mit ihm gehen wir ins Licht.                                                                                Sind wir ohne Gott, macht die Angst sich breit,                                                          aber mit Ihm fürchten wir uns nicht.                                                                                   M. Siebald, CD Das ungedüngte Feld, 1976

 

Jesus, Gib gesunde Augen, die was taugen, die sich nicht gefangen nehmen lassen von dem, was unmittelbar vor Augen ist, von den Schätzen und Besitztümern, auch nicht von den Schönheiten der Welt.

Hilf Du, dass wir hinter allem, was wir sehen, die gebende und schenkende Liebe nicht übersehen, nicht blind werden für Gott, weil uns blendet und verblendet, was er uns gibt.

Lehre uns staunen über alles Schöne, uns freuen an allem Guten, genießen, was wir haben und hinter allem den freigiebigen Gott sehen, der uns aus seiner Fülle gibt, was wir brauchen und manchmal mehr als wir brauchen, damit es auch für andere noch reicht. Amen