Salz und Licht

Matthäus 5, 13 – 20

 13 Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten.

             Eben noch Zuspruch – und jetzt: Anspruch. Zumutung. Es sind ja, so der Gang des Textes, die gleichen Leute. Das Volk und die Jünger. Hier also: Salz der Erde. Keine Selbst­Aussage der Gemeinde ‑ es wäre furchtbare Arroganz und Über­heblichkeit. Auch keine Aussage der anderen Religionen oder Gemeinschaften über die Gemeinde: sie müssten denn schon von ihrem eigenen Anspruch abgehen. Es ist das Wort des Herrn über seine Gemeinde.

Das Bild ist in sich plausibel, Salz konserviert, hilft aufbewahren. Salz würzt, trägt zum  Geschmack bei. Beides liegt hier mit im Blick. Ohne die Leute, die Jesus vor Augen hat, wäre diese Welt so fade, dass Gott sie längst ausgespien hätte, dass er ihr längst das Ende bereitet hätte. Um ihretwillen bewahrt Gott noch Geduld.

Die Wirkung der Gottesleute, der Gerechten als Salz lässt sich auch noch an anderer Stelle zeigen, Im AT wird die Geschichte von der Fürbitte Abrahams für Sodom und Gomorra erzählt. Fünfzig, fünfundvierzig, ja sogar zehn Gerechte hätten Sodoms Untergang verhindert. Das freilich braucht es: dass sie leben, was sie sind. Leben als die Leute Gottes. Es ist kein Automatismus, der hier folgt. Sondern es geht um Lebens-Schritte, die in Verantwortung gegangen werden, also um ethisches Handeln. 

  14 Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. 15 Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind. 16 So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

             Ein anderes Bild, aber der gleiche Anspruch. Die Wirkung des Salzes geschieht im Verborgenen. Das Licht aber wird gesehen. Es wird gesehen, wenn Christen sich an ihrem Herrn ausrichten ‑ denn das bringt neues Verhalten mit sich. Das bringt die Anpassung an seine Barmherzigkeit mit sich, das bringt das Eintreten für die Notleidenden mit sich, das bringt das Trösten der Geschlagenen mit sich, das bringt die Sanftmut der Gewaltlosen mit sich. Wer als Christ christusförmig wird ‑ und das heißt Nachfolger Jesu werden – der wird ganz von selbst gesehen: Die Stadt auf dem Berg kann nicht verborgen bleiben.

           So gibt es für die Christen im Grunde nur eine Sorge: Dass sie immer wieder das Wagnis der Anpassung unternehmen. An Christus, nicht an die Umgebung. Salz muss Salz bleiben. Licht muss Licht bleiben ‑ sonst ist alles umsonst. Es ist die große Gefahr: Kirche, die sich der Welt anpasst, Gemeinde, die nur sagt, was alle sagen, hat keine Verheißung. Die braucht es nicht.

Das steckt mit in diesen Worten: Christen sind nicht bequem, so wenig Salz bequem ist, sondern brennt. Licht kann unangenehm sein, weil es in unsere dunklen Seiten, die Ecken und Winkel hineinleuchtet. Christen lösen Widerspruch aus. Widerstand. Aber auch darin sind sie glücklich zu preisen, solange sie dem Weg Jesu treu sind.

  17 Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.

Das wirkt gegenüber den vorher gehenden Worten wie ein Neueinsatz. Darum trennen auch die meisten Kommentare und behandeln diese Verse 17 – 20 isoliert von den Worten über Salz und Licht und Stadt. Aber wie wäre es, diese Sätze zusammen zu lesen? Dann wird deutlich, dass die Bildworte vom Salz und vom Licht, von der Stadt auf dem Berge kräftige Zumutungen sind, höchst anspruchsvoll. Sie sind eben nicht nur Zuspruch, sondern sie fordern Lebenspraxis ein. Darin berühren sie sich mit dem Gesetz.

Jesus ist nicht gekommen, um eine reine Gesinnung zu verkündigen. Sondern, so sagt Matthäus: er ist gekommen, um das Gesetz zu erfüllen. Es geht Jesus vom ersten bis zum letzten Wort um ein Tun, das dem Willen und den Weisungen Gottes entspricht. Nun freilich nicht in der buchstäblichen Gesetzesstreue. Wohl aber in der Hingabe an den Willen Gottes. πληρό. Erfüllen ist bei Matthäus „ein exklusiv christologisches Verb. Nur Jesus (und Johannes der Täufer) erfüllt das Gesetz.“ (U. Luz, aaO.; S.236) Das ist mehr als nur eine vollkommene Auslegung des Gesetzes. Dahinter steht das Bild: Jesus lebt das Gesetz. Er erfüllt es in seinem Tun. Nicht unbedingt wörtlich, aber ganz im Sinn und Willen des Vaters.

18 Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht. 19 Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich.

Auch daran liegt dem Evangelisten: das Gesetz bleibt in Geltung. Solange Himmel und Erde bestehen. Das erinnert an den Treueschwur Gottes nach der Sintflut: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“(1. Mose 8,22) Und Paulus teilt diese Sicht, wenn er schreibt: „Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.“(Römer 11,29) Das Gesetz ist gute Gabe Gottes. Wie könnte es also je überflüssig werden, unerfüllt bleiben?

Wir haben hier wohl auch Spuren einer innerchristlichen Debatte vor Augen. Auf der einen Seite die, die am Gesetz festhalten als der guten Weisung Gottes, auf der anderen Seite die, die das Gesetz für erledigt halten, für abgetan. Da ist ja der gesetzesfreie Weg zum Heil in Jesus geöffnet. An dieser Stelle sind die Worte ein unübersehbares  Stopp-Schild: Jesu „Freiheit gegenüber bestimmten Vorschriften des Gesetzes bedeutet keinen Ausverkauf des Willens Gottes zu Schleuderpreisen, sondern zielt gerade darauf, dass dieser auch die kleinsten Details des menschlichen Miteinanders bestimmt.“ (W.Klaiber, aaO.;S. 98)

20 Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.

Es geht im Kommen Jesu um die bessere Gerechtigkeit, nicht um billige Gnade. Was macht die bessre Gerechtigkeit aus: Nicht nur ein paar Gebote zu halten, sondern alle – also mehr Quantität in Sachen gehaltene Gebote? Nach dem Motto: Mehr ist besser. Oder geht es in Wahrheit um eine neue Qualität, eine andere Art von Gerechtigkeit? Viel später im Evangelium wird Matthäus von Jesus die folgenden Worte überliefern: „Das Wichtigste im Gesetz: das Recht, die Barmherzigkeit und den Glauben.“(23,23) Stimmt das, so ist die bessere Gerechtigkeit ein Leben, das die Güte Gottes abbildet. Sein Erbarmen. Seine Gnade. Für Matthäus „ist wirkliche Gnade nicht nur geschenkte Gnade, sondern konkret gelebte Gnade.“ (W.Klaiber, aaO.;S. 101)  So wie Jesus sie lebt

 

Du Jesus, bist das Licht der Welt. Deine Worte brennen manchmal wie Salz in einer Wunde. Du willst uns zu Menschen machen, auf die Dein Licht fällt, die ihrer Umgebung gut tun, sie würzen aus Deiner Kraft, die sich sammeln um Dich, Zuflucht bieten wie eine offene Stadt.

Du willst, dass wir uns orientieren an Dir, dass uns Deine Worte den Weg weisen, dass wir uns leiten lassen durch Deine Güte und Dein Erbarmen als Recht für alle Menschen weitergeben.

Mache Du aus uns Salz und Licht. Mache Du unsere Gemeinde zu Orten der Zuflucht und Geborgenheit, für Freunde und Fremde. Amen