Zulauf

Matthäus 4, 23 – 25

23 Und Jesus zog umher in ganz Galiläa, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen im Volk.

             Sammelbericht – so nennt die Wissenschaft solche Passagen wie diese Verse 23 – 25. Es werden keine einzelnen Geschichten erzählt, sondern es werden gewissermaßen Tätigkeitsfelder zusammengefasst gezeigt. Drei Tätigkeiten Jesu werden vorgestellt: Lehren – Predigen – Heilen. Um das zu tun, wandert er durch ganz Galiläa. Von Ort zu Ort, durch die Täler, die Ebenen, das Gebiet am Galiläischen Meer. Einer, der das Wort ergreift und einer, der sich den Kranken zuwendet.

Περιπατν Umherwandernd. Es gibt eine regelrechte philosophische Schulrichtung, die Peripatetiker, die nicht still auf einem Stuhl sitzend, sondern im Wandeln, im Gehen lehrten. Es hat nicht an Versuchen gefehlt, Jesus irgendwie so philosophisch „einzugemeinden“. Aber das ist nicht wirklich überzeugend, weil er ja nicht als philosophischer Lehrer auftritt, auch keiner Schule angehört. Er ist ja nur „der Zimmermannssohn aus Nazareth“ (13,55), auf dem „der Geist ruht.“(3,16) 

Einer, der lehrt, sich mit den Schriften der Hebräischen Bibel, wohl auch mit Auslegungstraditionen der  Väter, auseinander setzt und sie „anwendungsbezogen“ auf heute zuspitzt. Was sein Lehren betrifft – das wird in den Reden des Matthäus-Evangeliums noch deutlich gezeigt werden.

Vom Lehren unterschieden wird hier sein Predigen des Evangeliums. Dabei dürfen wir nicht mit unseren Ohren hören, wenn wir Evangelium hören. Wir hören Perikopen aus Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Wir hören vielleicht auch noch das Evangelium des Paulus, die Rechtfertigung der Gottlosen durch Jesus Christus. Wenn Jesus Evangelium predigt, dann sagt er das Reich Gottes an. Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen! Dann spricht er denen, die zuhören, die voraussetzungslose Nähe Gottes zu. Wie dieses Predigen ausgesehen haben kann, das zeigen uns vor allem die Gleichnisse, die Jesus erzählt.

Und schließlich ist von seinem Heilen die Rede. Immer wieder wird es Matthäus später erzählen, nicht mehr pauschal, sondern von einzelnen Menschen, denen Jesus so begegnet, dass sie wieder auf die Beine kommen, dass ihnen die Augen aufgehen, dass sie aufgerichtet werden, dass sie ein neuer Geist beseelt.

Das alles wird hier, bevor es in einzelnen Ereignissen auf dem Weg sichtbar wird, schon einmal pauschal benannt. Er begegnet auf dem Weg durch Galiläa Menschen und antwortet auf die Situationen, die er wahrnimmt, lehrend, predigend, heilend. Das darf man nicht auseinander reißen. Sein Lehren und Ausrufen des Reiches ist Teil des Heilens, sein Heilen Teil seines Predigens, der Ansage des Reiches. Es ist das heutige Zauberwort „Ganzheitlichkeit“, das hier aufleuchtet. Jesu Arbeit ist Wort und Tat, Ruf und Hilfe, Predigt und Heil. Zugespitzt: alles in seiner Person. Das ist Jesu Weg.

24 Und die Kunde von ihm erscholl durch ganz Syrien.

            Weil er so auftritt, wird weit über den engen Bereich Galiläas hinaus über ihn gesprochen. Man erzählt sich von ihm. Er muss keine Propaganda für sich machen – es spricht sich herum, was da geschieht. Aber der schlichte Hinweis über Galiläa hinaus auf ganz Syrien mag ein erster Fingerzeig sein: „Was hier geschieht, gilt auch Menschen jenseits dieser Grenze. (W.Klaiber, aaO.;S 78) Sein Auftreten ist kein Winkel-Ereignis, keine nur lokale Sensation. Von Anfang an überschreitet die Kunde von ihm Grenzen. Deshalb muss man auch nicht befürchten, dass das Evangelium an den Gemeindegrenzen und den Milieu-Grenzen unserer Zeit Schiffbruch erleiden wird. Es wird sich herumsprechen, so wie damals.

 Und sie brachten zu ihm alle Kranken, mit mancherlei Leiden und Plagen behaftet, Besessene, Mondsüchtige und Gelähmte; und er machte sie gesund.

             Was von ihm erzählt wird, führt dazu, dass viele zu ihm gebracht werden. Alle Geschlagenen, alle Geplagten, alle, für die jede Hilfe zu spät erscheint. Alle, die nur noch Opfer sind, der Umstände, der Krankheiten, der Mächte. „Da kann man nichts mehr machen“ heißt es von ihnen – und er machte sie gesund. Wenn das kein Hoffnungssignal in die Zeit hinein ist.

  25 Und es folgte ihm eine große Menge aus Galiläa, aus den Zehn Städten, aus Jerusalem, aus Judäa und von jenseits des Jordans.

             Das Ergebnis: Zulauf. χλοι πολλοὶ. Viele Massen. Volksscharen ohne Ende. Was mir auffällt: Hier wird im Griechischen das theologisch so hoch besetzte Wortκολοθησα verwendet: sie folgten ihm nach. Es ist das gleiche Wort, mit dem unmittelbar zuvor beschrieben worden ist, wie Petrus und Andreas, Jakobus und Johannes hinter Jesus hergehen. Das könnte doch zeigen: Es gibt ein hinter Jesus Herlaufen, das nicht aus einem Rufen Jesu entsteht, sondern aus einem Sehen dessen, was er tut. Wie es bei ihm zugeht. Und dieses Nachfolgen ist nicht geringer in seinem Wert wie die Nachfolge, die durch sein Rufen entsteht.   

 

Jesus, wie könnten wir von dem schweigen, was wir von Dir empfangen haben, was Du Gutes an uns getan hast. Wie könnten wir Deine Worte für uns behalten, die uns neuen Mut geschenkt haben, unser Gottvertrauen gestärkt, unsere Hoffnung entzündet haben, über den engen Horizont des Jetzt hinaus.

Wie könnten wir schweigen von dem, was wir an Heil erfahren haben bei Dir, an Kraft und Zuversicht, auch an Heilwerden nach Leib und Seele.

Lass es mich nie vergessen, was Du uns Gutes getan hast. Und lass es mich nie verlernen, es anderen weiterzuzusagen, auf Dich hinzuweisen, bei dem Leben in Fülle ist, in Freude und Schmerz. Amen .