Gefährten

Matthäus 4, 18 – 22

 18 Als nun Jesus am Galiläischen Meer entlangging, sah er zwei Brüder, Simon, der Petrus genannt wird, und Andreas, seinen Bruder; die warfen ihre Netze ins Meer; denn sie waren Fischer.

            Jesus ist auf dem Weg, am galiläischen Meer entlang. Warum spielt keine Rolle. Dort sieht er –  zwei Brüder in der Arbeit ihres Alltags. Fischer, die ihre Netze auswerfen. Eine Szene, wie sie sich Tag um Tag abspielt, damals. Heute.  

 19 Und er sprach zu ihnen: Folgt mir nach; ich will euch zu Menschenfischern machen! 20 Sogleich verließen sie ihre Netze und folgten ihm nach.

Der Prediger lässt es nicht bei Predigten, die an alle gerichtet sind. Er bleibt nicht allgemein. Sondern er spitzt seine Predigt zu. In den Alltag der Brüder Simon und Andreas hinein ruft Jesus. Genauer: er ruft sie aus ihrem Alltag heraus. Ein Ruf ohne jede Begründung. Kein Warum. Nur ein Weg: Folgt mir nach. „Kein Lebensprogramm, dessen Verwirklichung sinnvoll erscheinen könnte, kein Ziel, Kein Ideal, dem nachgestrebt werden sollte.“(D. Bonhoeffer, Nachfolge, München 1976, S.29) Nur dies eine: Hinter mir her.

Nur ein Ziel: Menschenfischer. Das hört sich hart an: Menschenfänger. Das sollen sie werden auf dem Weg mit ihm. Es gibt nichts, was an den Beiden so wäre, dass es diesen Ruf begründen würde, keine Voraussetzung, warum sie es sind, die er ruft. Auch nicht ihr Beruf. Es ist allein sein Sehen, das Voraussetzung ist.

Mich erinnert das daran, dass das Sehen Gottes der Anfang seiner Hilfe ist. So wird  es von Israel im Haus der Knechtschaft erzählt: „Und die Israeliten seufzten über ihre Knechtschaft und schrien, und ihr Schreien über ihre Knechtschaft kam vor Gott. Und Gott erhörte ihr Wehklagen und gedachte seines Bundes mit Abraham, Isaak und Jakob. Und Gott sah auf die Israeliten und nahm sich ihrer an.“ (2. Mose 2, 23b-25) Hier ist das Sehen Jesu und sein Rufen der Anfang eines neuen Weges. Auf dem Jesus sich seines Volkes annimmt. Mit diesem Sehen und Rufen fängt alles an.   

Es ist, als lasse der Ruf Jesu ihnen gar keine Wahl. Sie hören und folgen. Sogleich. Stehenden Fußes. Die Netze bleiben liegen. Kein Abschied. Wenn er ruft, gibt es keine Abschiedsszenen. So unbedingt ist sein Ruf, dass nur „der radikale Gehorsam der beiden“ (U. Luz, aaO.; S.175 )   bleibt.

21 Und als er von dort weiterging, sah er zwei andere Brüder, Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und Johannes, seinen Bruder, im Boot mit ihrem Vater Zebedäus, wie sie ihre Netze flickten. Und er rief sie. 22 Sogleich verließen sie das Boot und ihren Vater und folgten ihm nach.

            In der nachfolgenden zweiten Berufung ist fast alles wie bei der zuerst Erzählten. Aber es ist eben doch nicht nur eine Wiederholung. Über die Netze und das Boot hinaus wird sichtbar: Das Verlassen betrifft auch die Familie. Hier wird ausdrücklich der Vater Zebedäus benannt, der zurückbleibt. In anderen Berufungen bleiben andere zurück. Später wird in einem Jesus-Wort erkennbar werden, wie einschneidend dieses Nachfolgen sein kann, aber auch, welcher Lohn wartet: „Wer Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Äcker verlässt um meines Namens willen, der wird’s hundertfach empfangen und das ewige Leben ererben.“(19,29)

Was die Berufung der Zebedäus-Söhne auch von der ersten Berufung unterscheidet: hier gibt es nicht einmal die Zielangabe: Menschenfischer. Der bloße Ruf genügt. „Im Rufen Jesu trifft sie Gottes Ruf. Es ist ein Ruf, in dem sich Gott einem Menschen ganz persönlich zuwendet und ihm zusagt: Du gehörst zu mir.“ (W.Klaiber, aaO.; S.75) Das reicht, um alles stehen und liegen zu lassen. Die so gerufen werden, verlassen ihr altes Leben, lassen alles zurück und treten ein in eine neue Existenz.

Nur eine Erzählung von damals? Nur für die besondere Situation des Zwölfer-Kreises? Oder machen wir es uns zu einfach, wenn wir so denken? In aller Vorsicht und ohne Kokettieren mit einem selbst verliehenen Heiligen-Schein: Ich selbst habe nie etwas Grundstürzenderes, Umwerfenderes erfahren als diesen ersten, bewusst wahrgenommenen Anruf Jesu in mein Leben hinein. Er hat alles verändert: Mein Selbstverständnis, Weltverständnis, Lebensperspektive. Ich vermag heute nicht mehr zu denken, wie mein Leben ohne diesen Anruf verlaufen wäre. Ich weiß nur: Er hat alles anders werden lassen.

Es sind harte Worte, aber sie machen deutlich, was auf dem Spiel steht für uns heute, worum es in dieser Geschichte geht, die vom Ruf Jesu an Petrus und Andreas, Jakobus und Johannes erzählt: „Ein Christentum ohne den lebendigen Jesus Christus bleibt notwendig ein Christentum ohne Nachfolge und ein Christentum ohne Nachfolge ist immer ein Christentum ohne Jesus Christus..“(D. Bonhoeffer, aaO.; S.30) Die Schritte, mit denen die vier auf das Rufen Jesu antworten, sind ihre ersten Glaubensschritte. Es werden nicht ihre letzten sein.

 

Herr Jesus, Du rufst Menschen auf den Weg hinter Dir her, in Deine Nähe, in einen Lebensgemeinschaft mit Dir. Du versprichst nichts, nicht Erfolg, nicht Mühelosigkeit, keine großen Herausforderungen, nicht immerwährende Freude. Nur Deine Nähe schenkst Du.

Ich danke Dir, dass mich Menschen in Deinem Auftrag gerufen haben, zum Glauben, zum Gehorsam, zum Leben auf Deinem Weg. Amen