Gott gedachte es gut zu machen

  1. Mose 50, 15 – 26

 15 Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben.

          Zurück in Ägypten holt die Brüder ihre Angst ein. „Für sie war die Schuldfrage noch nicht erledigt.“ (H.J. Bräumer, aaO; S251) Die Schatten der Vergangenheit verfliegen nicht so leicht. Sie stellen sich immer wieder neu als Furcht ein. Es ist weniger die Gewissensqual, die sie fürchten als der Zorn des Bruders, der bislang um des Vaters willen gebremst worden sein könnte. „Vielleicht hat Joseph nichts vergessen und nur auf diesen Augenblick gewartet.“ (G. v. Rad, aaO. S. 377) Jetzt ist der Vater tot und der Weg zur Rache frei.

 16 Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: 17 So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters!

          Einmal mehr fällt ein merkwürdiges Licht auf das Miteinander dieser Zwölf. Um ihre Bitte um Vergebung unausweichlich zu machen, legen sie den Auftrag zur Vergebung dem verstorbenen Vater in den Mund. Er habe es so gewollt: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde. Kein Zweifel und kein Drumherum-Reden: es ist Sünde und Missetat, was sie an Josef damals verübt haben. Das Geständnis ist in Ordnung. Das Versteckspiel hinter dem toten Vater nicht.

 Aber Josef weinte, als sie solches zu ihm sagten. 18 Und seine Brüder gingen hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. 19 Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? 20 Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. 21 So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

Was selten ist: der biblische Erzähler benennt zuerst die Emotion. Josef wird durch diese Furcht der Brüder und ihre Worte getroffen, so sehr, dass er weint. Er fühlt sich falsch angesehen, falsch eingeschätzt. Stehe ich denn an Gottes statt? Es ist nicht sein, Josefs Aufgabe, Urteile zu sprechen, Recht zu verlangen oder Rache zu üben. „Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«“ (Römer 12,19) zitiert Paulus aus dem 5. Mose-Buch. Josef will nicht den Urteilen Gottes in den Arm fallen.

Daneben aber tritt das andere Wort, das die ganze Josefs-Erzählung grundsätzlich deutet: Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. Wohl wahr: es ist die Bosheit der Brüder, die ihn verraten und verkauft hat. Es war gemein und es bleibt gemein. Aber Gott hat diese menschliche Gemeinheit genützt, um seinen Weg vorzubereiten. Es ist zuletzt und zutiefst eine Vorsorge, die Josef nach Ägypten gebracht hat. Damit sie alle am Leben bleiben. Gott hat den Verkauf in seinen Plan genommen und Josef zur „Vorhut“ des Volkes gemacht, zu seiner Rettung.

Das ist, wie über die Szene hinaus, eine sehr grundsätzliche Aussage über die Art des Handelns Gottes. Er ist uns in seinem Handeln voraus. Er nimmt für seine Pläne auch menschliche Bösartigkeit und Unrecht in Anspruch. Er treibt seine Pläne voran. Was wir tun, geschieht allemale auch in dieser Offenheit: Gott kann es für seine Absichten verwenden. Das ist kein Determinismus. Denn die Verantwortung für das eigene Tun wird nicht aufgehoben. Aber es ist eine Sicht, die daran erinnert, dass Gott nicht an unseren guten Willen gebunden ist.

„Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.
Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen….Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.“

  1. Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, Siebenstern, München 1951, S. 18   

„Dass Gott Böses zum Guten umplant, ist eine Antwort Josefs auf seine persönliche Lebensgeschichte.“ (R.Lux, aaO; S.97) So sieht Josef, geläutert, seinen Weg und so kann er den Brüdern begegnen, sie trösten und freundlich mit ihnen umgehen.

Ist aus Josef im Lauf dieser Geschichte ein anderer Josef geworden? Aus dem Träumer, der sich einen rasanten Aufstieg erträumt, einer, der keine Träume mehr braucht? Aus dem, der aus der Hungersnot Kapital schlägt einer, der Barmherzigkeit übt? Es ist über weite Strecken das Bild eines Menschen, der um seine Traum-Karriere kämpft. Nicht unredlich. Aber doch kämpft und der sein Ziel erreicht. Aber als er ganz oben ist, lässt er seine Macht nicht zum Selbstzweck werden, lässt er sie die nicht spüren, die sie fürchten müssten. Das Wissen, dass der Weg seines Lebens unter der providentia dei steht, der Voraussicht Gottes, lässt ihn menschlich werden, barmherzig. Freundlich.

 22 So wohnte Josef in Ägypten mit seines Vaters Hause und lebte hundertundzehn Jahre 23 und sah Ephraims Kinder bis ins dritte Glied. Auch die Söhne von Machir, Manasses Sohn, wurden dem Hause Josefs zugerechnet.

Es ist eine lange Zeit, die Josef lebt. Er sieht sein Haus wachsen, Enkel und Urenkel.

  24 Und Josef sprach zu seinen Brüdern: Ich sterbe; aber Gott wird euch gnädig heimsuchen und aus diesem Lande führen in das Land, das er Abraham, Isaak und Jakob zu geben geschworen hat. 25 Darum nahm er einen Eid von den Söhnen Israels und sprach: Wenn euch Gott heimsuchen wird, so nehmt meine Gebeine mit von hier. 26 Und Josef starb, als er hundertundzehn Jahre alt war. Und sie salbten ihn und legten ihn in einen Sarg in Ägypten.

          Aber als es ans Sterben geht, da ordnet Josef wie sein Vater Jakob. Auch er will nicht in Ägypten begraben sein. Er will, dass sie seine Gebeine mitnehmen, wenn sie ausziehen werden. Wenn Gott sie heimsuchen wird. Gleich zweimal ist das sein Wort: Gott wird euch gnädig heimsuchen. Das hebräische Wort paqad hat die Bedeutung „aufsuchen, heimsuchen, sich um jemanden kümmern.“(R.Lux, aaO; S99) Da ist nichts von dem  negativen Klang, den das Wort im Deutschen leicht hat. Sondern es ist vielmehr eine Wegeröffnung in die Zukunft. Das steht für Josef unumstößlich fest: Gott überlässt sein Volk nicht einfach dem Weg der Geschichte. Er führt es. Er wird es auch heraufführen aus Ägypten. In das Land, das er den Vätern gelobt hat, es ihnen und ihren Nahkommen zu geben.

So gesehen ist der Sarg, in den sie Josef in Ägypten legen,  nur ein Zwischenlager, nur eine vorläufige Ruhestände. Auch wenn die alten Schriften sehr zurück haltend sind mit Worten, die Zukunft über den Tod hinaus behaupten: Es gibt eine Zukunft jenseits dieses Sarges.      

 

Mein Jesus, darauf hoffe ich, dass ich einmal versöhnt mit meinem Lebensweg gehen kann, weil ich darin Deine Führungen glaube, dass ich einig bin mit dem, was ist, weil ich es aus Deinen Händen nehme.

Darauf hoffe ich, dass Du mich festhältst und dass es mein Glauben bleibt:Du wirst uns heraufführen in das Land, das Du uns verheißen hast, in das ewige Vaterhaus, in dem Du uns schon heute den Platz bereitet hast. Amen