Segen eines Sterbenden

  1. Mose 48, 1 – 22

 1 Danach wurde Josef gesagt: Siehe, dein Vater ist krank. Und er nahm mit sich seine beiden Söhne Manasse und Ephraim.

          Josef wird benachrichtigt: Dein Vater ist krank. „Das Wort krank kommt hier in der Bibel zum ersten Mal vor und zwar in der Bedeutung: Krankheit, die zum Tode führt.“ (H.J. Bräumer, , aaO; S209.) Sofort macht Josef sich auf den Weg, mit den beiden Söhnen.

  2 Da wurde Jakob angesagt: Siehe, dein Sohn Josef kommt zu dir. Und Israel machte sich stark und setzte sich auf im Bett 3 und sprach zu Josef: Der allmächtige Gott erschien mir zu Lus im Lande Kanaan und segnete mich 4 und sprach zu mir: Siehe, ich will dich wachsen lassen und mehren und will dich zu einer Menge von Völkern machen und will dies Land zu Eigen geben deinen Nachkommen für alle Zeit. 5 So sollen nun deine beiden Söhne Ephraim und Manasse, die dir geboren sind in Ägyptenland, ehe ich hergekommen bin zu dir, mein sein gleichwie Ruben und Simeon. 6 Die du aber nach ihnen zeugst, sollen dein sein und genannt werden nach dem Namen ihrer Brüder in deren Erbteil. 7 Und als ich aus Mesopotamien kam, starb mir Rahel im Land Kanaan auf der Reise, als noch eine Strecke Weges war nach Efrata, und ich begrub sie dort an dem Wege nach Efrata, das nun Bethlehem heißt.

          Der zum Sterben Kranke nimmt alle seine Kräfte zusammen, um den Sohn zu empfangen. Was dann geschieht, sprengt die Situation. Es geht nicht um die Krankheit und nicht um das Sterben, sondern um den Weg Gottes mit Jakob und um die Zukunft. Mit seinen Worten stellt Jakob die Söhne Josefs, Ephraim und Manasse in seinen Weg hinein, den er von dem allmächtigen Gott, vom El Schaddai empfangen hat. „Sie werden Ruben und Simeon, den beiden ältesten Söhnen Jakobs, gleichgestellt.. Es ist als nachträgliche Legitimation gemeint, die sich auf ihre Zukunft als Stammväter bezieht.“ (C. Westermann, , aaO;  S.457)

          Neben diesen Worten steht unverbunden die Erinnerung an Rahel, ihren Tod und ihr Begräbnis in Efrata, das nun Bethlehem heißt. Noch einmal sieht Jakob Bilder seines Lebens und seiner Liebe vor sich. Aber es ist zugleich auch mehr als bloße Erinnerung, werden doch diese Sohne Josefs durch die Worte des Vaters auch anerkannt als die Enkel seiner geliebten Rahel. Sie ist auch ihre Stamm-Mutter.

 8 Und Israel sah die Söhne Josefs und sprach: Wer sind die? 9 Josef antwortete seinem Vater: Es sind meine Söhne, die mir Gott hier gegeben hat. Er sprach: Bringe sie her zu mir, dass ich sie segne. 10 Denn die Augen Israels waren schwach geworden vor Alter und er konnte nicht mehr sehen. Und Josef brachte sie zu ihm. Er aber küsste sie und herzte sie 11 und sprach zu Josef: Siehe, ich habe dein Angesicht gesehen, was ich nicht gedacht hätte, und siehe, Gott hat mich auch deine Söhne sehen lassen. 12 Und Josef nahm sie von seinem Schoß und verneigte sich vor ihm zur Erde.

          Es ist eine anrührende Szene: der fast blinde, sterbende Mann begegnet seinen Enkeln. Er ruft es sich ins Gedächtnis: Das habe ich nie erwarten können, Josef noch einmal zu sehen und dazu auch noch die Söhne Josefs. Was für ein Geschenk. Die Söhne, die Gott Josef gegeben hat, sind auch ein Geschenk an Jakob. Es spricht für sich und für die „Heiligkeit“ dieses Moments: Josef verneigte sich vor ihm zur Erde.

 13 Dann nahm sie Josef beide, Ephraim an seine rechte Hand gegenüber Israels linker Hand und Manasse an seine linke Hand gegenüber Israels rechter Hand, und brachte sie zu ihm. 14 Aber Israel streckte seine rechte Hand aus und legte sie auf Ephraims, des Jüngeren, Haupt und seine linke auf Manasses Haupt und kreuzte seine Arme, obwohl Manasse der Erstgeborene war. 15 Und er segnete Josef und sprach: Der Gott, vor dem meine Väter Abraham und Isaak gewandelt sind, der Gott, der mein Hirte gewesen ist mein Leben lang bis auf diesen Tag, 16 der Engel, der mich erlöst hat von allem Übel, der segne die Knaben, dass durch sie mein und meiner Väter Abraham und Isaak Name fortlebe, dass sie wachsen und viel werden auf Erden.

          Dann spricht Jakob über seinen Enkeln Segensworte. Er stellt sie hinein in die Segenslinie, die mit den Vätern Abraham und Isaak begonnen hat. Er stellt sie hinein in die Art, wie Gott ihm begegnet ist: Gott, ist  mein Hirte gewesen mein Leben lang bis auf diesen Tag. Das sagt er den beiden Josefs-Söhne zu: so wird er auch euer Hirte sein. Und durch diese beiden wird der Name fortleben.   

 17 Als aber Josef sah, dass sein Vater die rechte Hand auf Ephraims Haupt legte, missfiel es ihm, und er fasste seines Vaters Hand, dass er sie von Ephraims Haupt auf Manasses Haupt wendete, 18 und sprach zu ihm: Nicht so, mein Vater, dieser ist der Erstgeborene; lege deine rechte Hand auf sein Haupt. 19 Aber sein Vater weigerte sich und sprach: Ich weiß wohl, mein Sohn, ich weiß wohl. Dieser soll auch ein Volk werden und wird groß sein, aber sein jüngerer Bruder wird größer als er werden, und sein Geschlecht wird eine Menge von Völkern werden.

          Es geht bei diesem Segen nicht ganz korrekt zu. Überspitzt könnte man sagen: Die Beamten-Seele in Josef protestiert gegen die Vertauschung, Verwechselung von Erst- und Zweitgeborenem. Aber ist es ein Wunder: Jakob, der hier segnet, war auch der Zweitgeborene und hat doch den Segen des Erstgeborenen empfangen.

Aber Jakob wehrt ab. „Was mag der blinde Alte gewusst haben? Offenbar doch dies, dass da, wo der Segen Gottes zugewendet wird, jeder Rechtsanspruch, und sei es der natürlichste, außer Betracht bleiben muss.“(G. v. Rad, aaO. S. 364) Wer wäre für eine solche Vertauschung mehr prädestiniert gewesen als Jakob? Gewiss spiegelt diese Szene auch die geschichtliche Wirklichkeit, dass der spätere Stamm Ephraim von ungleich größerer Bedeutung und Stärke ist als der Stamm Manasse.

20 So segnete er sie an jenem Tage und sprach: Wer in Israel jemanden segnen will, der sage: Gott mache dich wie Ephraim und Manasse! Und so setzte er Ephraim vor Manasse. 21 Und Israel sprach zu Josef: Siehe, ich sterbe; aber Gott wird mit euch sein und wird euch zurück bringen in das Land eurer Väter.

Noch einmal wird es bestätigt: beide sind gesegnet, beispielhaft für alle späteren Generationen. Wer gesegnet ist wie sie, wird werden wie sie, eine Menge von Völkern. Und doch bleibt es dabei: Jakob setzte Ephraim vor Manasse.

         Es ist ein schöner Hinweis auf jüdische Sitte bis heute: „An jedem Sabbat legt der Vater seinen Söhnen die Hände auf und spricht die Worte: Gott mache dich wie Efraim und Manasse.“ (H.J. Bräumer, aaO; S.215) Die beiden sind die Söhne, die in der Fremde geboren werden, aber durch den Segen in die Reihe der Sippe gestellt sind. Das macht sie zu Vorbildern, dass sie Juden sind und bleiben, auch in der Fremde.

Israel, so wird Jakob hier sicherlich mit starker Betonung genannt, spricht noch einmal, über den eigenen Tod hinaus. Worte, die Zukunft eröffnen: Gott wird mit euch sein und wird euch zurück bringen in das Land eurer Väter. Das ist eine bleibende Erwartung. Verheißung aus Menschenmund, die sich Gott zu eigen machen wird.

 22 Ich gebe dir ein Stück Land vor deinen Brüdern, das ich mit meinem Schwert und Bogen aus der Hand der Amoriter genommen habe.

Mit diesem Wort stehe ich vor einem Rätsel. Es ist eine sehr direkte Schenkung an Josef. Eine, die ihn vor allen Brüdern bevorzugt. Auch hier bleibt Josef der Lieblingssohn Jakobs. Aber was es mit dieser Schenkung auf sich hat, bleibt völlig im Dunkeln. Auch, weil wir von einem Kampf Jakobs mit dem Amoritern nirgends etwas erfahren. Manchmal ist es geboten, sich einzugestehen: Ich weiß nicht, was sich hier zeigen will.

 

 Mein Gott, ich weiß nicht, wie es sein wird, wenn es einmal so weit ist, dass es zum Sterben geht. Ich will es, so glaube ich, auch gar nicht wissen. Habe ich dann noch etwas weiter zu geben oder bin ich nur noch angsterfüllt vor dem großen Tor.

Wie auch immer. Heute glaube ich: Auch dann wird Deine Hand mich halten, auch wenn meine Hände leer sind. Amen