Dämonen-Befreiung

Matthäus 8, 28 – 34

28 Und er kam ans andre Ufer in die Gegend der Gadarener. Da liefen ihm entgegen zwei Besessene; die kamen aus den Grabhöhlen und waren sehr gefährlich, sodass niemand diese Straße gehen konnte

 Die Episode wird unterschiedlich erzählt. Sie folgt wie bei Markus dem Bericht über Sturmstillung und Überfahrt. Die ganze Geschichte spielt in der Nähe von Gadara, einer Handelsstadt in der Dekapolis. Statt von einem  Besessenen (Markus) weiß Matthäus von zweien zu erzählen. Woher dieses Wissen stammt, ist nicht zu erklären. Es spielt auch für den Gang der Erzählung keine Rolle, dass es zwei sind.

Sie wohnen in Grabhöhlen, sind also irgendwie unheimlich, zugleich aber auch nach normalen Maßstäben unbehaust. Sie sind gefährlich. Wohl, weil sie unberechenbar sind, vielleicht Menschen angreifen. Vielleicht aber auch einfach deshalb, weil sie Angst einflössen. Wie man mit ihnen umgehen könnte oder sie umgehen könnte, wird nicht deutlich. Klar gesagt ist nur: Sie hindern den Verkehr auf der Straße.

Offensichtlich benützt aber Jesus nun genau diese Straße, die sie unsicher machen. Es kommt zu einer Begegnung zwischen ihnen und Jesus.

  29 Und siehe, sie schrien: Was willst du von uns, du Sohn Gottes? Bist du hergekommen, uns zu quälen, ehe es Zeit ist?

Diese Begegnung ist erst einmal sehr einseitig. Die Besessenen schreien auf. Schreien Jesus an. Sie kennen Jesus. Woher wird nicht gesagt. Es gibt ein Wissen von Jesus, das irgendwie in der Luft zu liegen scheint. Auffällig, deshalb vielleicht auch und siehe, was sie schreien, wie sie Jesus anreden: Du Sohn Gottes! Diese beiden Besessenen wissen, wen sie da vor sich haben! Und wollen ihn sich vom Leib halten. Statt „was willst du von uns“ ist es besser zu übersetzen: Was haben wir mit dir zu tun?

 Mit dieser „Art Abgrenzungsformel“ (W.Klaiber, aaO.; S.172) suchen sie nach Zeitgewinn. Denn sie scheinen zu wissen, dass ihre Zeit nicht unbegrenzt ist, dass es einen Zeitpunkt geben wird,  an dem es mit ihrer Macht vorbei ist. Und sie „ahnen“, dass diese Begegnung, in die sie hineingeraten sind, ihre Zeit verkürzen wird.  „Dämonen-Befreiung“ weiterlesen

Wer bist Du?

Matthäus 8, 23 – 27

23 Und er stieg in das Boot und seine Jünger folgten ihm.

             Genug geredet. Jetzt steigt Jesus in das Boot. Die Jünger tun es ihm gleich. Sie folgen ihm. Nachfolgen ist  für die Jünger etwas sehr schlichtes: einfach hinter Jesus her. Mir ist das eine wichtige Mahnung, das Wort „Nachfolge“ nicht zu sehr mit Bedeutung aufzuladen. „Wahre Jünger folgen Jesus auch dann, wenn es gefährlich werden kann.“ (W.Klaiber, aaO.; S. 169) Aber von drohender Gefahr ist hier noch nichts zu sehen. Das Nachfolgen der Jünger geht in Schritten, die von außen betrachtet auch nur so aussehen: Schritte. Hier: Einsteigen in einen Boot.

 24 Und siehe, da erhob sich ein gewaltiger Sturm auf dem See, sodass auch das Boot von Wellen zugedeckt wurde. Er aber schlief.

                        Jetzt, als sie auf dem galiläischen Meer sind,  dem See Genezareth, wird es gefährlich. Ein gewaltiger Sturm. σεισμς μγας. Ein Beben, das die Welt erschüttert. Matthäus wählt das gleiche Wort das „auch in den Schilderungen der Katastrophen der Endzeit, unter denen die Verfolgung der Gemeinde einen wichtigen Platz einnimmt, vorkommt.“(E.Schweizer, aaO.;,S.143 ) 

 Das mag ein Hinweis darauf sein, dass diese Geschichte auf doppelter Ebene erzählt: Im Vordergrund geht es um einen wirklichen Sturm, im Hintergrund aber um die Erschütterungen und Stürmen, denen den Gemeinde ausgesetzt ist.

Diesem Sturm sind alle preisgegeben, ausgeliefert, die im Boot sind. So heftig ist er, das die Wellen das Boot überspülen. Es doch wohl zu sinken droht. Das Chaos tobt.

Er aber schlief. Was für ein Kontrast. Mitten im Sturm ein Schlafender. In himmlischer Ruh. Als ob ihm die Unbilden des Wetters nichts anhaben könnten. „Darin zeigt sich nicht der überlegene Mensch, der jederzeit Herr der Situation ist,  sondern der Herr der Elemente, der über ihrem Ansturm steht.“ (U.Luz, aaO.;S. 27) Ich bin noch ein weniger vorsichtiger: Ich  sehe schlicht einen Jesus, der schlafen kann, weil er sich geborgen weiß. Mitten im Sturm geborgen. Das ist keine Demonstration: Seht her, ich schlafe. Das ist ein einfacher, natürlicher Vorgang. „Wer bist Du?“ weiterlesen

Ich will Dir folgen

Matthäus 8, 18 – 22

 18 Als aber Jesus die Menge um sich sah, befahl er, hinüber ans andre Ufer zu fahren.

             Jesus sucht das Weite. Weil ihm die Leute zu viel sind oder es zu viele Leute sind?  Weil er spürt, dass ein Ortwechsel jetzt angesagt sein könnte. Es ist ziemlich nachdrücklich: er befiehlt. Er hat deutlich eine Führungsrolle inne und nimmt sie auch genauso deutlich an. Es sind Leute um ihn, die diesen Befehl hören und ihm gehorchen wollen.

 19 Und es trat ein Schriftgelehrter herzu und sprach zu ihm: Meister, ich will dir folgen, wohin du gehst.

             Aus der Menge am Ufer, die sich um die Boote drängt, löst sich einer heraus. Ein Schriftgelehrter. Einer, der sich ständig mit der Schrift beschäftigt, auf sie hört, in ihr forscht. Freiwillig und von Berufs wegen. Er will mit Jesus gehen. Mit auf die andere Seite des Sees. Wohin auch immer der Weg führen könnte. Er will dabei sein. Folgen. κολουθσω.  Das ist kein Allerweltswort: Ich will mit dir gehen. Es ist das Wort, das Matthäus gebraucht, wenn er vom Nachfolgen und der Nachfolge spricht. Das Wort, mit dem er den Aufbruch der vier Jünger Petrus, Andreas, Jakobus und Johannes beschrieben hat. Das Wort auch, mit dem die Gemeinde ihren Weg mit Jesus charakterisiert: Immer nur hinter Jesus her.

Auffallend: dieser Schriftgelehrte, der Jesus folgen will, spricht ihn als Meister an. Διδσκαλε. Lehrer. Könnte man auch sagen. Er vermeidet die Anrede „Herr“. Vielleicht ist er sich noch nicht darüber im Klaren, was er in Jesus sehen soll – ob einen Lehrer, der die Schrift auslegt oder den Herrn, was immer das auch bedeuten mag. Und doch ist er voll guten Willen, sich auf diese Überfahrt einzulassen, auf einen neuen Weg, den er noch gar nicht überblicken kann. Noch kein Jünger, wohl aber ein Suchender, Fragender. Einer der Klarheit will.

Ob das nicht geeignet sein kann, unser so fest gefügtes Bild von den Schriftgelehrten zu erschüttern? „Die Angehörigen dieses Berufstandes werden von Matthäus meist als Kritiker Jesu geschildert.“ (W.Klaiber, aaO.;S.165) Es ist hier doch großartig anders: Keine Kritik, keine Spitzfindigkeit, sondern da will sich einer Jesus als Lehrer wählen. Von ihm lernen, sich von ihm leiten lassen. „Ich will Dir folgen“ weiterlesen

Der Heiland

Matthäus 8, 14 – 17

14 Und Jesus kam in das Haus des Petrus und sah, dass dessen Schwiegermutter zu Bett lag und hatte das Fieber. 15 Da ergriff er ihre Hand und das Fieber verließ sie. Und sie stand auf und diente ihm.

             Der Szene auf der Straße von Kapernaum folgt eine Szene im Haus des Petrus. Jesus betritt dieses Haus. Hat ihn Petrus eingeladen? Es wirkt wie ein selbstverständlicher Aufenthalt. Wie nebenbei erfahren die Leser, dass Petrus verheiratet ist und seine Schwiegermutter bei ihm wohnt, mit der Familie lebt. Wenn das Haus des Petrus wirklich so „eine Art Standquartier“ Jesu war (W.Klaiber, aaO.; S162), dann müsste Jesus sie als Hausgenossin gekannt haben.

 Sie ist krank. Liegt mit Fieber im Bett. Jesus nimmt diese Kranke wahr. Einmal mehr ist sein Sehen der Anfang der Hilfe. „Es ist die einzige Heilung, bei der Jesus völlig aus eigener Initiative handelt.“ (E.Schweizer, aaO.; S.140) Jesus geht auf sie zu, ergreift ihre Hand und das Fieber weicht. Sofort. Ein völlig unspektakulärer Vorgang.

Auch was weiter geschieht, ist so alltäglich, wie nur möglich. Die vom Fieber befreite Frau steht auf und dient ihm.  Kümmert sich um den Haushalt, um das Wohl der Gäste. „Meist wird das so verstanden, dass sie für Jesus und seine Jünger das Abendessen vorbereitet hat.“ (W.Klaiber, ebda.; S.163)

 Man kann darüber nachdenken, ob mehr gemeint ist. Sie diente ihm heißt es. Nur ihm. Nicht dem ganzen Jüngerhaufen. Und die griechische Verbform deutet auf eine sich über lange Zeiträume erstreckende Tätigkeit hin, nicht nur auf das kurzfristig vorbereitete Abendessen. Dann könnte in dem unscheinbaren Sätzchen „eine sehr viel umfassendere Form tätiger Unterstützung und Nachfolge“ (W.Klaiber, ebda) angedeutet sein. In einer ganz unauffälligen Alltagsgestalt.    „Der Heiland“ weiterlesen

Sprich nur ein Wort

Matthäus 8, 5 – 13

5 Als aber Jesus nach Kapernaum hineinging, trat ein Hauptmann zu ihm; der bat ihn  6 und sprach: Herr, mein Knecht liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen.

 Der Weg vom Berg hinab führt nach Kapernaum. Hafendorf am See Genezareth. Dort tritt ihm ein Hauptmann entgegen. Die Ausleger sind sich weitgehend einig: „ein im Dienst des Herodes Agrippa stehender heidnischer Kommandant einer Hundertschaft.“ (U.Luz, aaO.; S.14) Ein Centurio. So die lateinische Übersetzung der Vulgata. Er kommt, weil ihn eine Not bewegt. Sein Knecht ist krank. Es ist nicht irgendein Knecht, einer unter vielen. Es ist sein Bursche, der ihm so lieb ist, dass er ihn „seinen Jungen“ nennt. Vielleicht sogar sein Kind.

πας – die Vulgata übersetzt puer – wird von Matthäus fast immer in der Bedeutung von Kind, Sohn verwendet. Dann hätten wir in dem Hauptmann einen besorgten, bekümmerten Vater vor Augen, der sich um seinen Sohn ängstigt, der gelähmt ist und schwer leidet. Er aber steht dabei und kann nichts tun. So viel er sonst befehlen kann, soviel Macht er sonst hat ‑ hier ist er hilflos. Er kann herumkommandieren, er kann herumschreien, er kann wüten oder stumm vor sich hin grübeln. Alle seine Befehlsgewalt nützt nichts, all seine Machtworte bleiben wirkungslos: er steht an einer Grenze, an der er nichts mehr vermag.

 In dieser Lage, sucht er Hilfe. Bei Jesus. Wie er auf ihn als Helfer kommt, wird nicht erzählt. Er geht zu ihm und sagt ihm seine Not. Mehr nicht. In dem Sagen steckt die Frage, steckt die Bitte: „Willst du nicht helfen?“ In diesen Worten überlässt der Hauptmann sich und sein Wünschen ganz dem Willen Jesu. Er schreibt ihm nichts vor. Aber er erwartet alles von ihm. Das ist Vertrauen, das alles auf eine Karte setzt, das sich an Jesus ganz ausliefert. Das ist Wagen des Glaubens. „Sprich nur ein Wort“ weiterlesen

Wenn Du willst

Matthäus 8, 1 – 4

1 Als er aber vom Berge herabging, folgte ihm eine große Menge.

             Jesus bleibt nicht für immer auf dem Berg. Er geht hinunter, ins Tal. „Aus den Höhen seiner Lehre herab in die Niederungen menschlichen Leids.“(W.Klaiber, aaO.; S.156) Dass ihm viele „nachfolgen, kennzeichnet sie als potentielle Kirche (U.Luz, Das Evangelium nach Matthäus (8 – 17) EKK 1/2, Zürich 1990, S. 9) Sie haben ihn gehört. Jetzt werden sie sehen, was er tut. Und könnten so, im Hören und Sehen zu Nachfolgern, Jüngerinnen und Jüngern, Christinnen und Christen werden. 

  2 Und siehe, ein Aussätziger kam heran und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, wenn du willst, kannst du mich reinigen.

Es geschieht Dramatisches, auch wenn es nicht sofort so aussieht. Aber Und siehe fordert Leserinnen und das Volk um Jesus herum zur Aufmerksamkeit auf. Ein Aussätziger kommt und fällt vor ihm nieder- auf die Knie. Bittend. „Hinzutreten und Niederfallen bezeichnet im Alten Testament häufig die kultische Anbetung.“(E.Schweizer, aaO.;S.136) Hier aber ist es auf dem Weg, weit und breit keine Kultstätte. So kann es nur heißen: Der Aussätzige ehrt den, vor dem er niederfällt, wie es sonst nur Gott im Tempel zukommt.

Das wird unterstrichen durch seine Anrede: Herr. Das ist bei Matthäus nicht Höflichkeitsfloskel, sondern Anrede, „die nur im Mund Glaubender erscheint.“ (E.Schweizer, ebda.) Woher der Aussätzige diesen Glauben hat, wird nicht erklärt, spielt auch keine Rolle. Er zeigt ihn in seiner Bitte. In diesem Zutrauen auf die Macht und den Willen Jesu: wenn du willst.  In dieser Bitte vertraut er sich ihm an.

Es ist eine Bitte, die aufs Ganze geht. „Die Rabbinen verglichen die Heilung eines Aussätzigen mit der Auferweckung eines Toten.“ (W.Klaiber, aaO.; S.157) Das traut der Aussätzige Jesus zu. Er will zurück ins Leben. Wieder rein sein – nicht mehr gefangen in seiner Krankheit, ausgeschlossen aus der Gemeinschaft, weggesperrt auch vom Gottesdienst. Das alles sind ja die Folgen des Aussatzes, der Lepra. λπρα. Ob es sich nun dabei um Lepra, wie wir sie heute kennen, oder Psiorasis oder Vitiligo oder sonst eine Hautkrankheit handelt, ist nebensächlich. Die Wirkung ist immer die Gleiche: Lebendig dem sozialen Tod ausgeliefert.   „Wenn Du willst“ weiterlesen

Auf diesen Fels bauen

Matthäus 7, 24 – 29

24 Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. 25 Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet.

             Jesus bleibt bei seinem Thema. Er drängt aufs Tun. Reden allein macht nicht selig. Hören allein auch nicht. Es kommt alles darauf an, dass wir das Gehörte in Lebenspraxis umsetzen. In kleinen Schritten. Unspektakulär,. Alltäglich. Aber eben: Umsetzen.

Es ist die Stärke der Gewohnheit, die hier verdeckt zur Sprache kommt. Die Stärke auch des Einübens. Wer sich den Gehorsam gegenüber den Worten Jesu angewöhnt hat, wer sie immer neu zu üben sucht, der gewinnt durch sie Stabilität, die den Stürmen standhalten lässt.

Es gibt die Klage, dass es im Christentum so wenig praktische Anleitung gebe, wie das mit dem Glauben geht. Hier habe ich so eine Anleitung vor Augen: Die Worte der Bergpredigt hören und sie tun. Sie als Verhaltensmuster einüben. In oft winzig kleinen Schritten. Immer wieder.

Wie das als Übungsweg aussehen kann, lese ich in einem Buch: „Nehmen wir mal an, ein Mann hat Angst vor der Dunkelheit. Er ist dahinter gekommen, dass diese Angst aus seinen Kindheitserfahrungen rührt, als man ihn allein in einem dunklen Zimmer zurück ließ und seine Eltern außer Hörweite waren. Natürlich wird es ihm helfen, wenn er weiß, woher sein Problem kommt, doch die Heilung kann erst erfolgen, wenn er sich bemüht, seine Ängste zu überwinden. Und so kann er anfangs nur einen ganz kurzen Moment im Dunkeln bleiben und sich bewusst machen, dass er heute keinerlei Gefahr ausgesetzt ist. Dann bleibt er jedes Mal ein paar Minuten länger im Dunkeln, bis ihm seine Ängste so unbegreiflich erscheinen dass er darüber lachen kann. Dann ist er frei davon. Auf diese Weise muss man einen positiven Akt nach dem anderen setzen, bis man sich endlich selbst transformiert hat.“ (F.Lenoir, Die Seele der Welt. Von der Weisheit der Religionen, München 2014, S 78f)

 Ich teile den Optimismus dieses Autors nicht, dass man sich so „selbst transformieren“ kann. Aber in seinem Beispiel wird ein Übungsweg sichtbar. Es geht nur Schritt um Schritt. So eben auch mit diesen Worten der Bergpredigt. Sie zu Herzen nehmen und sie in kleinen Schritten beherzigen. Daraus wird Stabilität. Weil Gott diesen Weg bestätigt. Zum Wachstumsweg werden lässt.      „Auf diesen Fels bauen“ weiterlesen

Den Zwiespalt überwinden

Matthäus 7, 12 – 23

12 Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten.

             Es ist zum Verstehen vielleicht doch hilfreich: unsere Kapitel-Einteilungen in der Bibel sind nicht Teil der alten Texte. Im griechischen Text ist es so, dass die jetzt folgenden Worte unmittelbar anknüpfen an die Ermutigung zum Beten. An die Ermutigung zu einem Umgehen, das Maß nimmt an der Güte des „Vaters im Himmel“. (6,25;7,10) 

            Goldene Regel. Jesus ist nicht weltfremd. Er schöpft auch aus dem Wissen und der Weisheit der Zeit und der Umwelt.  Aus den Büchern Israels. „Sorge für einen Nächsten wie für dich selbst und denk an all das, was auch dir zuwider ist.“ (Jesus Sirach 31,15) Negativ formuliert: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“ Unzählige Mal zitiert und von Eltern an Kinder weiter gegeben. Das eigene Handeln am Anderen so ausrichten, dass es ihm gerecht wird, dass es einem selbst gut tun würde, wenn einer so mit einem selbst umgeht. Eine Ethik der Gegenseitigkeit. Die Behauptung ist: nichts anderes will das ganze Gesetz samt den Propheten.

             „Von Hillel, einem Rabbi, der um 20 v. Chr. Gewirkt hat, wird erzählt, ein Heide habe zu ihm gesagt, wenn er ihm die Tora erklären würde, solange er auf einem Bein stehen könne, würde er Jude werden. Darauf soll Hillel gesagt haben. `Was dir unlieb ist, tue keinem andere; das ist die ganze Tora, und das Übrige ist Erläuterung; geh und lerne!´“ (W.Klaiber, aaO.; S.145) Es ist eine Regel, die die Nächstenliebe ins Zentrum setzt. Nicht in der Erwartung der Gegenseitigkeit, sondern als frei zugewendetes Verhalten, das sich aber ganz an dem Anderen orientiert. Nachahmung der Güte Gottes.

„Die Frage ist nur, woher uns die Kraft zukommt, so zu handeln.“ (E.Schweizer, aaO.;S.112) Eine Antwort mag sein: aus dem Beten. Eine andere: Aus der Nähe zu Jesus. Er macht es ja vor. Es gilt nur, bei ihm zu bleiben und nachzumachen, was er vormacht. „Den Zwiespalt überwinden“ weiterlesen

Nicht verschlossen in uns selbst bleiben

Matthäus 7, 7 – 11

 7 Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. 8 Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.

             Was für eine Weite! Was für ein Vertrauen! Was für eine Zumutung! Die Worte hören und sich davon angezogen fühlen ist eins. Aber auch das passiert sozusagen automatisch, dass der Zweifel sich meldet, Die Erfahrung. Das wissen wir doch: Bitten laufen ins Leere, finden keinen Echo, keine Antwort. Gebete bleiben unerhört. „Nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt Gott.“(D. Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, DBW Band 8, S.569) Das klingt wie eine notwendige Eingrenzung dieses so unglaublich weiten Jesus-Wortes.

Und weiter unsere Einwände: Es gibt vergebliches Suchen, nicht nur nach verlegten Gegenständen. Vergebliches Suchen nach Lösungen, nach Weggefährten für das eigene Leben. Nach Liebe. Nach Gerechtigkeit. Nicht alle Türen gehen auf. Nach der fünfzigsten  vergeblichen Bewerbung werfen manche das Handtuch: Für mich geht keine Tür mehr auf.

„Weiß Jesus nichts von nicht erhörten Gebeten?“ (W.Klaiber, Das Matthäusevangelium, TB 1, 1,1 – 16,20, Neukirchen 2015, S.143) Er, der beten wird: „Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!“(26,39)  Hinter diesen Worten Jesu steht sein Vertrauen auf den himmlischen Vater. Sein Vertrauen, dass er allen mitteilen möchte, mit allen teilen möchte, die sich um ihn sammeln. Die ihn hören. Es ist das Rufen in ein Beten über die eigenen Grenzen hinaus. In ein Vertrauen, dass sich nicht von vornherein durch Einwände, Erfahrungen und Zweifel ausbremst. Das sich nicht mehr traut, die eigenen Hoffnungen zu denken, zuzulassen und auch vor Gott zu sagen, allen inneren Stimmen zum Trotz.

In meinen Ohren hört es sich ein bisschen mühsam, wenn auch theologisch korrekt an: „Man kann diesen Satz nicht in eine Anweisung zu unfehlbar wirkendem Zauberritus umprägen.“ (E.Schweizer, aaO.;,S.110 ) Das ist wohl wahr. Aber wahr ist auch, dass Jesus mit seiner bedingungslosen Einladung zum Beten, Suchen, Anklopfen eben eine Einladung ausspricht: So darfst du mit Gott rechnen.

Ein weiterer Versuch, diese Weite einzuschränken, mit unseren Erfahrungen in Einklang zu bringen, besteht darin, sie einzugrenzen: Es geht um Bitten um den Glauben, das Anklopfen bei Gott, um das Suchen nach der Tür des Glaubens. Nicht um Bitten, Suchen, Anklopfen in einer Alltäglichkeit. „Nicht verschlossen in uns selbst bleiben“ weiterlesen

Normfrei werden

Matthäus 7, 1 – 6

1 Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. 2 Denn nach welchem Recht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden.

             Sind das die gleichen Leute, die hier angesprochen sind? Die zuvor in die Freiheit vom Sorgen gerufen worden sind, in ein Leben im Heute. Es scheint eine Brücke zu geben von den Sorgen um das eigene Leben und Auskommen zu dem Urteilen über andere. Eine Brücke, über die es sich immer wieder leicht geht, weil die Urteile über die anderen auch ablenken von den eigenen Ängsten und Sorgen.

Der Ruf in die Sorglosigkeit verbindet sich also hier mit der Aufforderung, auf das Urteilen und Richten zu verzichten. Das Bewerten. „Das kann man gelten lassen.“ höre ich.  „Gerade noch so.“ spüre ich. Wer will, dass eine Gemeinschaft, eine Gruppe zerbricht, der hat eine todsichere Möglichkeit: mann/frau muss nur laut und deutlich alle negativen Urteile von sich geben, die er/sie über andere in sich trägt oder die ihm zugetragen worden sind. Danach ist er/sie mit größter Sicherheit allein.

Es liegt eine zerstörerische Kraft in solchen Urteilen. Darum durchzieht die Schriften des Neuen Testamentes auch die Aufforderung zum Verzicht auf dieses Richten und Urteilen. Bei Paulus: „Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.“ (Römer 14,10) Bei Jakobus: „Einer ist der Gesetzgeber und Richter, der selig machen und verdammen kann. Wer aber bist du, dass du den Nächsten verurteilst?“(Jakobus 4,12) Es ist das Wissen, dass alle menschlichen Urteile vorläufig sind. Nur einem steht es wirklich zu, über uns zu urteilen: Gott selbst.

Das ist auch der letzte Grund für diese Worte Jesu: wer über andere urteilt, sie gar verurteilt, der maßt sich Gottesrechte an. Erst recht, wenn es ein Urteilen ist, gegen das es keine Instanz mehr gibt. „Der ist nicht gläubig“. – „Der ist ein hoffnungsloser Fall.“ – „Da ist Hopfen und Malz verloren“. Es gibt eine Neigung, Gottes Urteile vorwegzunehmen, die tief sitzt, die mit der angemaßten Gottgleichheit zu tun hat: „Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“(1. Mose 3,5) Urteilsfähig in allem, auch im Letzten.

Nein, sagt Jesus. Das steht euch nicht zu. Ihr kennt die Maßstäbe Gottes nicht. Darum werdet ihr Maßstäbe anlegen, die euch selbst zum Verhängnis werden. Wenn ihr daran gemessen werdet.    „Normfrei werden“ weiterlesen