Orte zum Leben

  1. Mose 46, 28 – 34

28 Und Jakob sandte Juda vor sich her zu Josef, dass dieser ihm Goschen anwiese. Als sie in das Land Goschen kamen, 29 spannte Josef seinen Wagen an und zog hinauf seinem Vater Israel entgegen nach Goschen.

             Juda ist endgültig der Sprecher der Brüder und auch der Bote zwischen Vater und Sohn geworden. Die Region, in der sie wohnen werden steht nicht frei wählbar zu ihrer Verfügung. An dieser Praxis hat sich bis heute nichts geändert. Asylanten bekommen ihren Ort angewiesen. Hier wird es also nach Goschen gehen, der Gegend „an der Grenze zur syrisch-palästinensischen Landbrücke“.(H.J. Bräumer, aaO; S.196) In ein typisches Weideland. Dorthin zieht nun seinerseits Josef, durch Juda über die bevorstehende Ankunft informiert, dem Vater Israel entgegen.

             Einmal mehr zeigt der Name Israel: es geht nicht nur um Jakob, sondern es geht um das Volk, um Israel. Israel kommt nach Goschen. Und Josef zieht Israel, dem Volk entgegen. 

 Und als er ihn sah, fiel er ihm um den Hals und weinte lange an seinem Halse. 30 Da sprach Israel zu Josef: Ich will nun gerne sterben, nachdem ich dein Angesicht gesehen habe, dass du noch lebst.

             Es ist ein bewegender Augenblick. Nach so langen Jahren, nach so vielen Tränen hat Jakob den totgeglaubten Sohn in den Armen. Oder hat der Sohn ihn in den Armen? Tränen fließen. Jakob sieht, den er nie mehr sehen zu können geglaubt hatte. Allenfalls bei den Toten. „Der Ausdruck, dass Joseph dem Vater „erschien“ ist außergewöhnlich, denn er wurde vom gleichen Erzähler bisher nur von Gotteserscheinungen gebraucht.“ (G. v. Rad, aaO.    S.353)

             Es ist gut, sich zu erinnern: Der gleiche Jakob, der hier Josef sieht, dem er erscheint, der hat vor Zeiten das Sehen seines Bruders Esau in die folgenden Worte gefasst: „Ich sah dein Angesicht, als sähe ich Gottes Angesicht,“(33,10) Es gibt Augenblicke, in denen eine Begegnung durchsichtig wird auf Gott hin. Dass er mit drin ist in dem Begegnen von Menschen.

Jetzt hat sich Jakobs Leben erfüllt. Was er allenfalls im Reich der Toten erhoffte, eine neue Begegnung mit Josef, das widerfährt ihm jetzt. Im Leben. Und macht ihn bereit zum Sterben. Es gibt, so der Erzähler, Augen-Blicke, in denen sich das Leben so erfüllt, dass wir bereit werden zu gehen. Jahrhunderte später wird ein alter Mann, der sein Leben lang ein Wartender war, im Tempel in Jerusalem fast die gleichen Worte gebrauchen: „Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen.“(Lukas 2,29-30)

Ich lese diese Szene in Goschen wie eine Frage, die sich dem Lesenden stellt: Was muss geschehen, geschehen sein, damit du gehen kannst, in Frieden, einverstanden, lebenssatt? Wie sieht die Versöhnung mit dem Leben aus, die nötig ist, damit du bereit wirst zum Abschied?

 31 Josef sprach zu seinen Brüdern und zu seines Vaters Hause: Ich will hinaufziehen und dem Pharao ansagen und zu ihm sprechen: Meine Brüder und meines Vaters Haus sind zu mir gekommen aus dem Lande Kanaan 32 und sind Viehhirten, denn es sind Leute, die Vieh haben; ihr Kleinvieh und Großvieh und alles, was sie haben, haben sie mitgebracht. 33 Wenn euch nun der Pharao wird rufen und sagen: Was ist euer Gewerbe?, 34 so sollt ihr sagen: Deine Knechte sind Leute, die Vieh haben, von unserer Jugend an bis jetzt, wir und unsere Väter -, damit ihr wohnen dürft im Lande Goschen.

             Josef, der bislang immer die Brüder zu Boten gemacht hat, der sich als befehlsgewohnter Mann gezeigt hat, kündigt an, dass er sich jetzt selbst zum Boten machen wird. Zum Fürsprecher für die Brüder und des Vaters Haus. Damit sie einen Ort zum Bleiben erhalten. Damit sie in ihrer Arbeit und in ihrem Lebensstil Anerkennung finden. Aufnahme in Ägypten, die ihnen Raum lässt und ihnen entspricht. Sie sind Leute, die Vieh haben und davon leben. Damit sie es können, müssen sie ihren Wohnort in den Weidegründen in Goschen nehmen dürfen. So mächtig Josef auch sein mag – das will er nicht am Pharao vorbei anordnen.

Auch das ist eine möglich Intention der Botschaft, die Josef ausrichten möchte: „Der Pharao soll wissen, dass seine Brüder keine Ambitionen haben, von ihrem Bruder protegiert in hohe Staatsämter zu kommen.“ (C. Westermann,  aaO;  S.449) Eine Botschaft, die sowohl Pharao als auch die Großen in seiner Umgebung beruhigen dürfte.

 Denn alle Viehhirten sind den Ägyptern ein Gräuel.

             Die Frage stellt sich: Ist das noch ein Satz des Josef an seine Brüder? Mit dem er sie warnt vor der Abneigung, die ihnen vielleicht entgegen schlagen wird? Mit dem er ihnen auch eine Art rote Linie zeigt: kommt den Ägyptern nicht zu nahe. Es könnte aber genauso gut eine Anmerkung des Erzählers sein, der einfach Bescheid weiß über Vorlieben und Abneigungen: „Die Hyksos, die zur Zeit Josefs im Ägypten herrschten, teilten die Abneigung der alten Ägypter gegenüber den Hirten und Viehzüchtern“. (H.J. Bräumer, aaO; S196.) So oder so gelesen: Es ist ein Satz, der nüchtern macht, mit den Umständen zu rechnen auffordert, zur Rücksichtnahme auf die Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten der Einheimischen mahnt. Wer Integration will, muss beiden Seiten solche Rücksichtnahme und Einfühlung abverlangen.

 

Gott, Du zeigst uns, wo wir leben können. Du lässt uns den Ort finden durch eigenes Suchen, durch Platzanweisungen, durch so viel menschliches Planen,  wo wir sein können, unsere Gaben einbringen.

Ich danke Dir dafür, dass Du mir in meinem Leben so die Orte gezeigt hast, mich dahin geführt hast, wo wir leben können. Darum glaube ich es auch: Am Ende wirst Du uns den Platz bei Dir zeigen, wo wir bleiben dürfen – für immer. Amen