Zueinander finden

  1. Mose 45, 1 – 24

1 Da konnte Josef nicht länger an sich halten vor allen, die um ihn her standen, und er rief: Lasst jedermann von mir hinausgehen! Und stand kein Mensch bei ihm, als sich Josef seinen Brüdern zu erkennen gab. 2 Und er weinte laut, dass es die Ägypter und das Haus des Pharao hörten, 3 und sprach zu seinen Brüdern: Ich bin Josef. Lebt mein Vater noch? Und seine Brüder konnten ihm nicht antworten, so erschraken sie vor seinem Angesicht. 4 Er aber sprach zu seinen Brüdern: Tretet doch her zu mir! Und sie traten herzu.        

          Jetzt, nach diesen Worten Judas, ist es um Josef geschehen. Er verliert die Fassung. Ist es Vermeiden, die eigen Schwäche zu zeigen oder ist es das Empfinden: was jetzt geschieht, geht die Hofleute nichts an – jedenfalls schickt Josef alle aus dem Raum. Nur er und die Brüder bleiben zurück. Es bricht aus ihm heraus: Ich bin Josef. Lebt mein Vater noch? Der Ausruf und die „Enthüllung  seiner Identität“(R.Lux, aaO; S.80) überfordern die Brüdern. Nur zu verständlich, dass sie maßlos erschrecken, haben sie doch einen Ägypter vor Augen.

Es ist einer der seltenen Texte in der Bibel, wo davon die Rede ist, wie sich ein Mensch zu erkennen gibt: Ich bin der und der. Ungefragt auch noch. Denn die Brüder glaubten ja zu wissen, wen sie da vor sich haben: einen mächtigen Ägypter, den Kanzler des Pharao. Und nun enthüllt er sich ihnen als einer, der wie sie ist, ein Hebräer. Noch dazu als den einen, den sie vor Jahren in die Sklaverei verkauft haben.

Und schlägt doch auch mit seiner Frage: Lebt mein Vater noch? zugleich eine Brücke zu ihnen hin. Wobei die Frage insofern verwunderlich ist, weil Juda zuvor ja in seiner  Rede an ihn ständig davon gesprochen hatte, dass es den Vater das Leben kosten würde, wenn Benjamin nicht zurückkehren dürfte.  Diese Frage zeigt etwas von der hochgradigen Erregung des Josef und von dem Versuch, einen Weg zu den Brüdern zu finden.

Darum ist es ein entscheidender Schritt, wenn Josef zu ihnen sagt: Tretet doch her zu mir! Die Distanz zwischen ihnen, dem hohen, fremden Mann und den verängstigten Hebräern wird nicht nur durch Worte überwunden. Es muss wirklich zu Schritten aufeinander zu kommen.

 Und er sprach: Ich bin Josef, euer Bruder, den ihr nach Ägypten verkauft habt. 5 Und nun bekümmert euch nicht und denkt nicht, dass ich darum zürne, dass ihr mich hierher verkauft habt; denn um eures Lebens willen hat mich Gott vor euch hergesandt. 6 Denn es sind nun zwei Jahre, dass Hungersnot im Lande ist, und sind noch fünf Jahre, dass weder Pflügen noch Ernten sein wird. 7 Aber Gott hat mich vor euch hergesandt, dass er euch übrig lasse auf Erden und euer Leben erhalte zu einer großen Errettung. 8 Und nun, ihr habt mich nicht hergesandt, sondern Gott; der hat mich dem Pharao zum Vater gesetzt und zum Herrn über sein ganzes Haus und zum Herrscher über ganz Ägyptenland.

          Hat zuvor Juda Josef zu Herzen geredet, so redet jetzt Josef herzlich zu seinen Brüdern, redet ihnen zu Herzen. Wirbt um sie. Möchte ihnen die Angst und Scheu nehmen. Das geht nur, wenn die Wahrheit nicht verschwiegen wird. Darum noch einmal der Satz, der sagt, wer er ist:  Ich bin Josef, euer Bruder, den ihr nach Ägypten verkauft habt. Ja, das ist er, einer, der verkauft worden ist. Das gehört unauslöschlich zu seiner Biographie. Das ist seine Wahrheit.„Die Wahrheit wird euch frei machen“ (Johannes 8,32) gilt auch schon, bevor Jesus das gesagt hat. Darum: Ihr habt mich nach Ägypten verkauft. Das ist auch die Wahrheit, der sich die Brüder stellen müssen.

Aber es ist eine Wahrheit, vor der sie sich nicht mehr fürchten müssen. Aus doppeltem Grund. Einmal, weil Josef nicht mehr darüber zürnt. Er hat ja seinen Weg gemacht – ungeahnt und nie für möglich gehalten: zum Herrn über sein ganzes Haus und zum Herrscher über ganz Ägyptenland ist er geworden. Durch den Pharao. So scheint es auf den ersten Blick.

Aber in Wahrheit – und das ist der zweite Grund, weshalb die Brüder sich nicht mehr fürchten müssen: Gott hat mich vor euch hergesandt. Gleich dreimal wird das in diesen wenigen Sätzen hervorgehoben: dieser Weg nach Ägypten ist der Weg Gottes, den er nicht nur mit Josef gegangen ist, sondern auf den er ihn gesandt hat.

Es ist die Fürsorge Gottes, die Weitsicht Gottes, providentia dei, die diesen Weg geöffnet hat, die Josef schon vor Jahren nach Ägypten geführt hat. Gott wusste ja, was kommen wird.  So kann Josef in seinem Weg die Vorsorge Gottes für Israel sehen. Aber – und das ist mir wichtig: Dieses dreimalige „Gott hat mich vor euch hergesandt“, kann und darf nur Josef sagen. Nie und nimmer dürfte das einer der Brüder sagen: Sieht du, Gott hat dich vor uns hergesandt. Das wäre eine unverschämte Grenzuüberschreitung und Anmaßung. Die Deutung des eigenen Lebens steht bis zum Tod unter Selbst-Vorbehalt. Danach mögen andere deuten. Aber zu Lebenzeiten nicht.

In diesen wenigen Worten wird das ganze theologische Programm der Josefs-Erzählungen auf den Punkt gebracht. Hinter dem Geschehen steht der HERR, der führt und leitet, der seinen Plan hat und ihn durch das Handeln der Menschen voran bringt. Führungen. Ja. Aber nicht durch Himmelsstimmen und Träume zuerst und allein, sondern durch menschliche Entscheide. Auch wenn dabei Schuld und Bosheit, Hass und Neid Triebkräfte sind. Gott „bedient“ sich der Menschen, um seinen Weg zu bahnen. In, mit und hinter der Menschengeschichte und den menschlichen Geschichten schreibt und treibt Gott seine Geschichte voran. Das ist die Botschaft dieser Erzählungen, die Josef hier in Worte fasst.

Über Josef hinausgehend sind die Worte aber auch ein Angebot an die Lesenden: vielleicht könnt ich euer Leben auch so verstehen als den Weg, den  Gott euch führt, mit dem er eure Schritte lenkt.

Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn,
der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann. 
P. Gerhardt  1653, EG 361

  9 Eilt nun und zieht hinauf zu meinem Vater und sagt ihm: Das lässt dir Josef, dein Sohn, sagen: Gott hat mich zum Herrn über ganz Ägypten gesetzt; komm herab zu mir, säume nicht! 10 Du sollst im Lande Goschen wohnen und nahe bei mir sein, du und deine Kinder und deine Kindeskinder, dein Kleinvieh und Großvieh und alles, was du hast. 11 Ich will dich dort versorgen, denn es sind noch fünf Jahre Hungersnot, damit du nicht verarmst mit deinem Hause und allem, was du hast. 12 Siehe, eure Augen sehen es und die Augen meines Bruders Benjamin, dass ich leibhaftig mit euch rede. 13 Verkündet meinem Vater alle meine Herrlichkeit in Ägypten und alles, was ihr gesehen habt; eilt und kommt herab mit meinem Vater hierher.

          Aus den Brüdern, die sich Josef nahen dürfen, werden durch die nächste Worte Boten, die er sendet. Er lässt ihnen gar keine Wahl. Es ist ein Auftrag. Josef ist inzwischen gewohnt, dass seine Befehle ausgeführt werden. Das lässt dir Josef, dein Sohn, sagen. Keine Bitte,  sondern eine klare Weisung. Und eilig ist diese Weisung, weil Gott doch am Werk ist. Aber auch, weil Jakob alt ist. Auch wenn das hier nicht gesagt wird. Jakob soll mit seiner ganzen Sippe nach Ägypten umsiedeln. Nicht zuletzt, um sehen zu können, was aus Josef geworden ist, was er erreicht hat:  alle meine Herrlichkeit.

          Es wirkt fast, als würde hier noch einmal mitschwingen: auch Jakob soll sehen und erleben, dass meine Träume, von den Garben, von den sich neigenden Gestirnen wahr geworden sind.

 14 Und er fiel seinem Bruder Benjamin um den Hals und weinte, und Benjamin weinte auch an seinem Halse, 15 und er küsste alle seine Brüder und weinte an ihrer Brust. Danach redeten seine Brüder mit ihm. 16 Und als das Gerücht kam in des Pharao Haus, dass Josefs Brüder gekommen wären, gefiel es dem Pharao gut und allen seinen Großen. 17 Und der Pharao sprach zu Josef: Sage deinen Brüdern: Macht es so: Beladet eure Tiere, zieht hin! 18 Und wenn ihr ins Land Kanaan kommt, so nehmt euren Vater und alle die Euren und kommt zu mir; ich will euch das Beste geben in Ägyptenland, dass ihr essen sollt das Fett des Landes. 19 Und gebiete ihnen: Macht es so: Nehmt mit euch aus Ägyptenland Wagen für eure Kinder und Frauen und bringt euren Vater mit und kommt. 20 Und seht euren Hausrat nicht an; denn das Beste des ganzen Landes Ägypten soll euer sein.

          Willkommenskultur. Da ist beim Pharao und seinen Großen in seiner Umgebung keine Angst: Jetzt kommen diese Hebräer und übernehmen das Land. Da ist kein Gedanke: Womöglich war Josef nur ein „Schläfer“, vor vielen Jahren voraus gesandt, um der ganzen Mischpoke den Weg zu bahnen? Da ist keine Furcht vor Überfremdung! Sondern: Ich will euch das Beste geben in Ägyptenland, dass ihr essen sollt das Fett des Landes.

          Das lesen wir heute mit den Bildern von Asylantenheimen, die brennen, die wie die hinterletzte Bude aussehen, im Kopf. Von Schiffen, die auf dem Meer treiben. Von den Grenzzäumen, die die Festung Europa schützen vor den unnützen Fressern aus Afrika und Kleinasien. Müssen wir uns nicht schämen vor Pharao und den Seinen?

Denn wissen wir denn, ob in diesen Strömen von Menschen, die an den Grenzen des alten Europa anlanden, nicht Menschen sind, die Gott schickt, anderen voraus, zu einer großen Errettung? Auch zur Rettung von so etwas wie Humanität in Europa?

  21 Die Söhne Israels taten so. Und Josef gab ihnen Wagen nach dem Befehl des Pharao und Zehrung auf den Weg 22 und gab ihnen allen, einem jeden ein Feierkleid, aber Benjamin gab er dreihundert Silberstücke und fünf Feierkleider. 23 Und seinem Vater sandte er zehn Esel, mit dem Besten aus Ägypten beladen, und zehn Eselinnen mit Getreide und Brot und mit Zehrung für seinen Vater auf den Weg. 24 Damit entließ er seine Brüder und sie zogen hin. Und er sprach zu ihnen: Zankt nicht auf dem Wege!

          Die Befehle sind gegeben, durch Josef und den Pharao. Jetzt ist es an den Brüdern, sich auf den Weg zu machen. Reichlich ausgestattet brechen sie auf. Es ist mehr als nur gute Reisekleidung, die sie erhalten. Es sind Zeichen der Versöhnung. Der, dem sie seinen bunten Rock geneidet haben, der kleidet sie neu ein. Kostbar. Mit Feierkleidern.

Eine Mahnung gibt Josef seinen Brüdern mit. Auf den ersten Blick überflüssig: Zankt nicht auf dem Wege! Es könnte sein, er fürchtet, dass sie in neue Konflikte stürzen. Dass ihre Solidarität nicht von Dauer ist. Sie sind ja, „trotz der Wandlung keine Engel geworden“. (H.J. Bräumer, aaO; S.185) Es gehört zu der nüchternen Betrachtungsweise biblischer Erzählungen, dass sie auch nach großen und bewegenden Erfahrungen damit rechnet, dass Menschen Menschen bleiben.

 

Mein Gott, manchmal nimmt es uns den Atem, wenn wir erleben, was wir ersehnt haben, aber nie zu hoffen wagten.

Manchmal nimmt es uns den Atem, dass Du unser Leben zum Guten kehrst, dass wir vor Leuten stehen, die uns gekränkt und verwundet haben und alles ist doch gut.

Manchmal nimmt es uns den Atem, wie Du neue Wege auftust, uns das Herz berührst, uns durch die Tränen hindurch zur Freude leitest.

Danke für diese kostbaren Momente, in denen wir Deine Hand zum Guten über uns spüren. Amen