Mein Leben für sein Leben

  1. Mose 44, 1 – 34

1 Und Josef befahl seinem Haushalter und sprach: Fülle den Männern ihre Säcke mit Getreide, soviel sie fortbringen, und lege jedem sein Geld oben in seinen Sack. 2 Und meinen silbernen Becher lege oben in des Jüngsten Sack mit dem Gelde für das Getreide. Der tat, wie ihm Josef gesagt hatte.

          Der Abend hat seinen erfreulichen Verlauf genommen. Jetzt werden Vorbereitungen zum Aufbruch getroffen. Josef gibt Anweisungen. Hat er bei der ersten Rückreise alle mit Geld „versorgt“, so lässt er jetzt dem Jüngsten eine sehr persönliche Gabe zu teil werden. Meinen silbernen Becher. Was für ein Licht fällt durch diese Anordnungen auf Josef? „Es ist ein verwegenes, ja fast frevles Spiel, das er mit den Jüngern treibt.“ (G. v. Rad, aaO. S. 342) Selbst wer nicht so hart urteilt, wird sich zugestehen müssen: Josef wirkt hier undurchsichtig in seinem Tun und seinen Motiven.  

 3 Am Morgen, als es licht ward, ließen sie die Männer ziehen mit ihren Eseln. 4 Als sie aber zur Stadt hinaus waren und noch nicht weit gekommen, sprach Josef zu seinem Haushalter: Auf, jage den Männern nach und wenn du sie ereilst, so sprich zu ihnen: Warum habt ihr Gutes mit Bösem vergolten? 5 Warum habt ihr den silbernen Becher gestohlen? Ist das nicht der, aus dem mein Herr trinkt und aus dem er wahrsagt? Ihr habt übel getan. 6 Und als er sie ereilte, redete er mit ihnen diese Worte.

          Die Männer brechen auf, erleichtert, froh vielleicht. Aber sie kommen nicht weit. Sie sind kaum aus der Stadt, da lässt Josef seinen Hausverwalter ihnen nachjagen, sie stellen mit einer harten Anklage: Warum habt ihr Gutes mit Bösem vergolten? Es ist keine Nebensächlichkeit: sie haben Josef, dem Traumdeuter etwas genommen, mit dem er Zukunft ersehen kann. „Das Wahrsagen aus einem Trinkgefäß ist in der Antike vielfach bezeugt.“ (C. Westermann, aaO; S.430 )Es wird hier aber eher nebenbei erwähnt und soll wohl weder legitimiert werden noch soll Josef in seiner „subjektiven Glaubenseinstellung“ (G. v. Rad, aaO. S. 343) in Frage gestellt werden. Josef hat sich Ägypten und den Ägyptern auch in solchen Praktiken angepasst. Integriert in das Land, in dem er lebt.

Spannender ist allemal die Frage: Was führt Josef im Schilde? Was soll dieser Auftrag?  Der Hausverwalter fragt nicht, sondern er führt ihn aus.

  7 Sie antworteten ihm: Warum redet mein Herr solche Worte? Es sei ferne von deinen Knechten, solches zu tun. 8 Siehe, das Geld, das wir fanden oben in unseren Säcken, haben wir wiedergebracht zu dir aus dem Lande Kanaan. Wie sollten wir da aus deines Herrn Hause Silber oder Gold gestohlen haben? 9 Bei wem er gefunden wird unter deinen Knechten, der sei des Todes; dazu wollen auch wir meines Herrn Sklaven sein. 10 Er sprach: Ja, es sei, wie ihr geredet habt. Bei wem er gefunden wird, der sei mein Sklave, ihr aber sollt frei sein. 11 Und sie legten eilends ein jeder seinen Sack ab auf die Erde, und ein jeder tat seinen Sack auf. 12 Und er suchte und fing an beim Ältesten bis hin zum Jüngsten. Da fand sich der Becher in Benjamins Sack. 13 Da zerrissen sie ihre Kleider, und ein jeder belud seinen Esel, und sie zogen wieder in die Stadt.

          Es ist eine Begegnung auf der Straße – hier der Ankläger, dort die Beklagten. Sie aber wissen: wir sind unschuldig. Diesmal sind wir  mit einem reinen Gewissen unterwegs. Deshalb, nur deshalb können sie sich dazu versteigen, „im Falle einer Überführung mit dem höchsten erdenklichen Strafmaß einverstanden zu sein.“ (H.J. Bräumer, aaO; S172) Der Dieb soll sterben, sie alle wollen Sklaven sein.

Zur Beteuerung ihrer Unschuld werden alle Gepäckstücke geöffnet. Die Durchsuchung beginnt – und: der Verwalter wird fündig!  Beim Jüngsten, in Benjamins Sack findet sich der Becher. Das Entsetzen ist groß bei ihnen. Es ist ein trauriger, belasteter Zug, der da in die Stadt zurückkehrt.

  14 Und Juda ging mit seinen Brüdern in Josefs Haus, denn er war noch dort. Und sie fielen vor ihm nieder auf die Erde. 15 Josef aber sprach zu ihnen: Wie habt ihr das tun können? Wusstet ihr nicht, dass ein solcher Mann, wie ich bin, wahrsagen kann? 16 Juda sprach: Was sollen wir meinem Herrn sagen oder wie sollen wir reden und womit können wir uns rechtfertigen? Gott hat die Missetat deiner Knechte gefunden. Siehe, wir und der, bei dem der Becher gefunden ist, sind meines Herrn Sklaven. 17 Er aber sprach: Das sei ferne von mir, solches zu tun! Der, bei dem der Becher gefunden ist, soll mein Sklave sein; ihr aber zieht hinauf mit Frieden zu eurem Vater.

          In Josefs Haus wiederholt sich die Szene. Wieder, zum dritten Mal fallen die Brüder vor ihm nieder. Die Unterwerfung ist vollständig. Aber das Spiel Josefs ist noch nicht zu Ende gespielt. Es ist ein grausames Spiel mit der Angst seiner Brüder. Verständlich aus seiner eigenen, lang zurück liegenden Angst? Es klingt nach Ironie: einen Wahrsage-Becher habt ihr gestohlen, aber ich bin darauf nicht angewiesen, um die Zukunft zu kennen.

Juda ist der Sprecher der Brüder. Ihm bleibt nichts als das Geständnis: wir haben nichts anzubieten als Wiedergutmachung. Wir sind auf Gedeih und Verderben ausgeliefert. Und dazu der Satz, der viel tiefer greift: Gott hat die Missetat deiner Knechte gefunden. Bei Benjamin ist nur ein Becher gefunden worden. Gott aber hat, so lese ich, aufgedeckt, was sie alle längst zugedeckt wähnten, worüber sie Gras gewachsen glaubten. Die alte Schuld von damals.

Josef erweist sich „großmütig“: Keine Sippenhaftung. Nicht alle für einen. Nur den Schuldigen soll es treffen. Ihr anderen könnt auf Kosten des Bruders gehen.

 18 Da trat Juda zu ihm und sprach: Mein Herr, lass deinen Knecht ein Wort reden vor den Ohren meines Herrn, und dein Zorn entbrenne nicht über deinen Knecht, denn du bist wie der Pharao. 19 Mein Herr fragte seine Knechte und sprach: Habt ihr noch einen Vater oder Bruder? 20 Da antworteten wir: Wir haben einen Vater, der ist alt, und einen jungen Knaben, in seinem Alter geboren, und sein Bruder ist tot und er ist allein übrig geblieben von seiner Mutter, und sein Vater hat ihn lieb. 21 Da sprachst du zu deinen Knechten: Bringt ihn herab zu mir, ich will ihm Gnade erweisen. 22 Wir aber antworteten meinem Herrn: Der Knabe kann seinen Vater nicht verlassen; wenn er ihn verließe, würde der sterben. 23 Da sprachst du zu deinen Knechten: Wenn euer jüngster Bruder nicht mit euch herkommt, sollt ihr mein Angesicht nicht mehr sehen. 24 Da zogen wir hinauf zu deinem Knecht, meinem Vater, und sagten ihm meines Herrn Rede. 25 Da sprach unser Vater: Zieht wieder hin und kauft uns ein wenig Getreide. 26 Wir aber sprachen: Wir können nicht hinabziehen; nur wenn unser jüngster Bruder mit uns ist, wollen wir hinabziehen; denn wir dürfen des Mannes Angesicht nicht sehen, wenn unser jüngster Bruder nicht mit uns ist. 27 Da sprach dein Knecht, mein Vater, zu uns: Ihr wisst, dass mir meine Frau zwei Söhne geboren hat; 28 “einer” ging von mir und ich musste mir sagen: Er ist zerrissen. Und ich hab ihn nicht gesehen bisher. 29 Werdet ihr diesen auch von mir nehmen und widerfährt ihm ein Unfall, so werdet ihr meine grauen Haare mit Jammer hinunter zu den Toten bringen. 30 Nun, wenn ich heimkäme zu deinem Knecht, meinem Vater, und der Knabe wäre nicht mit uns, an dem er mit ganzer Seele hängt, 31 so wird’s geschehen, dass er stirbt, wenn er sieht, dass der Knabe nicht da ist. So würden wir, deine Knechte, die grauen Haare deines Knechtes, unseres Vaters, mit Herzeleid hinunter zu den Toten bringen. 32 Denn ich, dein Knecht, bin Bürge geworden für den Knaben vor meinem Vater und sprach: Bringe ich ihn dir nicht wieder, so will ich mein Leben lang die Schuld tragen. 33 Darum lass deinen Knecht hier bleiben an des Knaben statt als Sklaven meines Herrn und den Knaben mit seinen Brüdern hinaufziehen. 34 Denn wie soll ich hinaufziehen zu meinem Vater, wenn der Knabe nicht mit mir ist? Ich könnte den Jammer nicht sehen, der über meinen Vater kommen würde.

Was für eine Rede! Jetzt steht Juda ein, unbedingt – für den Vater, für den Bruder, für das begangene Unrecht. Er erinnert Josef an seine Bedingungen. Es war deine strenge Anweisung, dass wir dir nicht unter die Augen kommen ohne Benjamin. Juda jammert nicht, klagt nicht, entschuldigt nichts, streitet nichts ab. Er hält Josef aber auch vor Augen: Wenn du das tust, wenn du Benjamin versklavst, ihm den Rückweg verweigerst, dann bringst du seinen Vater ins Grab. Darum macht er  Josef ein letztes Angebot, weniger: Einen Vorschlag: nimm mich zum Sklaven und lass Benjamin ziehen. Es ist ein irgendwie hilfloses Angebot, weil er sich ausliefert an diesen fremden Mann auf Gedeih und Verderben. Damit liegt die Entscheidung nun völlig bei ihm, diesem „Ägypter“. Er wird über Leben und Tod entscheiden – vor Ort im Blick auf Benjamin und Juda und weit über den Ort hinaus, in der Ferne, über Jakob.

Mein Leben gegen sein Leben. Es ist das Äußerste an Solidarität, zu dem Menschen fähig sind. Hier angeboten von einem, der die Bruder-Solidarität früher schwer verletzt hat. Weil er mit dem Einstehen für den Bruder den Vater vor dem Tod schützen will. Juda „erklärt sich bereit zu einem stellvertretenden Leiden“ (H.J. Bräumer, aaO; S.177), zur Preisgabe des eigenen Lebens. Der Leser von heute darf nicht vergessen: Sklaverei ist nicht Leben auf einem Pony-Hof! Juda würde zur Un-Person, zu irgendeinem Hebräer. Soweit geht Juda, aus Treue zu seinem gegebenen Wort.

Es ist wie ein erster Hinweis, weit über den konkreten Anlass hinaus. So schwer kann die Last sein, so tief der Graben zwischen Menschen, dass nur noch  einen gangbaren Weg offen ist: „Es kann in einer Gemeinschaft die Heilung eines Bruches nur noch dadurch möglich sein, dass einer bereit ist, stellvertretend zu leiden.“ (C. Westermann,  aaO; S433.)

 

Heiliger Gott. Es sind heilige Stunden, wenn wir aus der Lüge zur Wahrheit finden, wenn wir füreinander einstehen, auch wenn uns das schwer belasten kann, wenn wir bereit werden, um eines Anderen willen Leiden auf uns zu nehmen, wenn uns die Liebe keine Wahl mehr lässt.

Hilf Du zur Wahrhaftigkeit, auch wenn sie schmerzt. Segne Du die Wahrheit, auch wenn sie uns anklagt. Stärke uns in der Liebe, damit wir treu bleiben, Dir und den Menschen, für die wir da sein wollen. Amen