Vage Hoffnung

  1. Mose 43, 1 – 14

 1 Die Hungersnot aber drückte das Land. 2 Und als verzehrt war, was sie an Getreide aus Ägypten gebracht hatten, sprach ihr Vater zu ihnen: Zieht wieder hin und kauft uns ein wenig Getreide. 3 Da antwortete ihm Juda und sprach: Der Mann schärfte uns das hart ein und sprach: Ihr sollt mein Angesicht nicht sehen, es sei denn euer Bruder mit euch. 4 Willst du nun unsern Bruder mit uns senden, so wollen wir hinabziehen und dir zu essen kaufen. 5 Willst du ihn aber nicht senden, so ziehen wir nicht hinab. Denn der Mann hat zu uns gesagt: Ihr sollt mein Angesicht nicht sehen, euer Bruder sei denn mit euch.

          Irgendwann sind die Vorräte aus Ägypten aufgebraucht. Aber die Hungersnot ist noch nicht zu Ende. Es ist auch diesmal wieder Jakob, „der die Initiative ergreift und zum Aufbruch nach Ägypten mahnt.“(H.J. Bräumer, aaO; S.162) Er hat Recht, aber Juda erinnert den Vater: Da gibt es Bedingungen. Wir müssen gar nicht erst reisen, wenn wir nicht Benjamin mitnehmen. Ihr sollt mein Angesicht nicht sehen, es sei denn euer Bruder mit euch. Weil diese Bedingung unausweichlich steht, macht eine Reise ohne Benjamin keinen Sinn.

Damit wird das Dilemma sichtbar gemacht, in dem Jakob steckt: „Auf der einen Seite fängt die Hungersnot an, ihrer aller Leben zu bedrohen, andererseits war es wirklich kein Kleines, den Lieblingssohn auf eine solche Reise an einen fremden Hof mitzugeben, wobei es besonders unheimlich war, dass man sich dort gerade für ihn so seltsam interessierte.“ (G. v. Rad, aaO. S. 328)

 6 Israel sprach: Warum habt ihr so übel an mir getan, dass ihr dem Mann sagtet, dass ihr noch einen Bruder habt? 7 Sie antworteten: Der Mann forschte so genau nach uns und unserer Verwandtschaft und sprach: Lebt euer Vater noch? Habt ihr auch noch einen Bruder? Da antworteten wir ihm, wie er uns fragte. Wie konnten wir wissen, dass er sagen würde: Bringt euren Bruder mit herab?

         Jakob unterstellt den Brüdern, dass sie doch die Existenz eines weiteren Bruders hätten verschweigen können. Er ahnt nicht, dass sie genau damit vor Josef als die Betrüger und Lügner wie früher schon da gestanden hätten. Er kann und auch die Brüder konnten ja nicht wissen, warum dieser Mann so genau forschte und fragte.

8 Da sprach Juda zu Israel, seinem Vater: Lass den Knaben mit mir ziehen, dass wir uns aufmachen und reisen und leben und nicht sterben, wir und du und unsere Kinder. 9 Ich will Bürge für ihn sein; von meinen Händen sollst du ihn fordern. Wenn ich ihn dir nicht wiederbringe und vor deine Augen stelle, so will ich mein Leben lang die Schuld tragen. 10 Denn wenn wir nicht gezögert hätten, wären wir wohl schon zweimal wiedergekommen.

         Juda schließt die „Verhandlungen“ mit dem Vater ab. Lass den Knaben mit mir ziehen. Es geht schließlich ums nackte Überleben. Wie zuvor schon Ruben erklärt sich jetzt auch Juda verantwortlich für eine glückliche Heimkehr Benjamins. Mit „einer etwas verweltlicht formulierten Selbstverfluchungsformel“ (G. v. Rad,      aaO; S.339)   unterstreicht er den Ernst seiner Verantwortung.  Auch das erspart Juda dem Vater nicht: wenn du nicht so zögerlich wärst, wären wir schon zweimal wiedergekommen. Heißt im Klartext: Du riskierst unser aller Leben. Man kann auch zu lange warten. Schon damals gilt: Wer zu spät kommt…

Es ist nebensächlich. Aber der Knabe, um den Jakob bangt und für den sich Juda verbürgt, dürfte ein junger Mann Anfang Dreißig sein. Aber wenn man der Jüngste ist, der Zwölfte, bleibt man wohl eine Leben lang der Benjamin, der Kleine, der Knabe.

11 Da sprach Israel, ihr Vater, zu ihnen: Wenn es denn so ist, wohlan, so tut’s und nehmt von des Landes besten Früchten in eure Säcke und bringt dem Manne Geschenke hinab, ein wenig Balsam und Honig, Harz und Myrrhe, Nüsse und Mandeln. 12 Nehmt auch anderes Geld mit euch, und das Geld, das ihr obenauf in euren Säcken wiederbekommen habt, bringt auch wieder hin. Vielleicht ist ein Irrtum da geschehen. 13 Dazu nehmt euren Bruder, macht euch auf und geht wieder zu dem Manne.

Jetzt ist Jakob überwunden und stimmt zu. Und ordnet sogleich an, reichlich Gastgeschenke und Finanzmittel mitzunehmen. Diese neue Fahrt soll nicht an irgendwelchen Nachlässigkeiten scheitern. Sogar das auf dem letzten Rückweg gefundene Geld sollen sie wieder mitnehmen und gewissenhaft abliefern. Vielleicht ist ein Irrtum da geschehen.

14 Aber der allmächtige Gott gebe euch Barmherzigkeit vor dem Manne, dass er mit euch ziehen lasse euren andern Bruder und Benjamin. Ich aber muss sein wie einer, der seiner Kinder ganz und gar beraubt ist.

Vor allem aber hofft Jakob  auf den Beistand Gottes. Auf El Schaddai, den allmächtigen Gott. Dass er den Mann zur Barmherzigkeit bewegt, so dass es zu einer guten Heimkehr kommt. Für Simeon, dessen Namen einmal mehr wieder nicht genannt wird und Benjamin. Und dann bricht es aus Jakob heraus, so wie Emotionen aus einem ratlosen Vater herausbrechen können, der sich zu Schritten genötigt sieht, die er nie tun wollte. Ich aber muss sein wie einer, der seiner Kinder ganz und gar beraubt ist. So kann einer schwanken zwischen der Hoffnung auf den Beistand des Allmächtigen und dem Verzagen vor einer Zukunft, die er nur als Schmerz sehen kann. Väter sind nicht immer stark.

 

Du allmächtiger Gott. So oft sind wir hin und her gerissen zwischen Vertrauen und Angst, Gottvertrauen und Verzagen, weil Menschen uns den Blick verstellen.

So oft möchten wir gerne an den guten Ausgang der Dinge glauben. Aber unser Herz macht nicht mit. Es ist ein trotzig und verzagtes Ding, mahnt uns zum Realismus. Was schief gehen kann wird schief gehen, flüstert uns die innere Stimme zu.

Gott. Lass mich das Vertrauen auf Dein Erbarmen durchhalten gegen alle noch so berechtigten Ängste. Amen