Der Rat eines Hebräers

  1. Mose 41, 1 – 36

 1 Und nach zwei Jahren hatte der Pharao einen Traum, er stünde am Nil 2 und sähe aus dem Wasser steigen sieben schöne, fette Kühe; die gingen auf der Weide im Grase. 3 Nach diesen sah er andere sieben Kühe aus dem Wasser aufsteigen; die waren hässlich und mager und traten neben die Kühe am Ufer des Nils. 4 Und die hässlichen und mageren fraßen die sieben schönen, fetten Kühe.

Die Traumgesichte gehen weiter. Man träumt nicht nur in Gefängnissen. Auch Könige haben Träume. Zumal, wenn Gott sie schickt. Was aber hier nicht gesagt ist. Es ist ein aggressiver Traum vom Fressen und Gefressen-werden. Unverständlich genug, weil Kühe doch im Normalfall nicht Kühe fressen.

 Da erwachte der Pharao. 5 Und er schlief wieder ein, und ihm träumte abermals und er sah, dass sieben Ähren aus “einem” Halm wuchsen, voll und dick. 6 Danach sah er sieben dünne Ähren aufgehen, die waren vom Ostwind versengt. 7 Und die sieben mageren Ähren verschlangen die sieben dicken und vollen Ähren. Da erwachte der Pharao und merkte, dass es ein Traum war.

         Es ist nicht genug mit dem einen Traum. Wieder eingeschlafen, träumt der Pharao weiter. Und auch hier wieder: Das Starke, Schöne wird von dem Mageren, Dünnen, Häßlichen aufgefressen. Es wirkt fast wie eine Erleichterung, als der Pharao aufwacht: Nur ein Traum! Aber: „Die Träume selbst in ihrer bizarren Gestalt kündigen schon eine Gefahr an, das hat der Pharao gespürt.“ (C. Westermann, aaO; S.407)

         Es ist ein bisschen blass übersetzt: und merkte, dass es ein Traum war.  Näher am Wortlaut ist: „Und siehe! Es war ein Traum.“ Und siehe ist wie ein Ausrufezeichen. Achtung! Es droht Gefahr. „Denn es war keine Frage, dass ein zweimaliges Traumgesicht von solcher Klarheit und Gleichförmigkeit einen Hinweis auf die Zukunft enthalte.“ (G. v. Rad,     Das Erste Buch Mose, ATD 2/4; Göttingen 1967, S.328) 

Es ist gewiss nicht reiner Zufall: Dieser Doppeltraum des Pharao erinnert in seiner Klarheit und Gleichförmigkeit an den Doppeltraum, der am Anfang der Josefs-Erzählung von Josef berichtet wird. Diese Doppelung verleiht den Träumen Nachdruck und unterstreicht ihre Bedeutsamkeit.       

 8 Und als es Morgen wurde, war sein Geist bekümmert, und er schickte aus und ließ rufen alle Wahrsager in Ägypten und alle Weisen und erzählte ihnen seine Träume. Aber da war keiner, der sie dem Pharao deuten konnte.

          Es ist nur zu verständlich, dass der Pharao unruhig wird über diesen Träumen und dass er sie entschlüsselt sehen will. So lässt er alles aufbieten, was es an Wahrsagern und Weisen und Traumdeutern gibt.  Aber sie sind alle nicht in der Lage, ihm zu helfen.

 „Wenn alle Lügen Wahrheiten werden,                                                                 wenn Freude sich in Kummer kehrt                                                                          dann schwatzen und dann plappern die Gelehrten                                                   und der Verrückten Weisheit wird begehrt.“                                                                     Bittlinger, Sonnenwende in: CD Mensch, bist du’s wirklich, 1981

  9 Da redete der oberste Schenk zum Pharao und sprach: Ich muss heute an meine Sünden denken: 10 Als der Pharao zornig wurde über seine Knechte und mich mit dem obersten Bäcker ins Gefängnis legte in des Amtmanns Hause, 11 da träumte uns beiden in “einer” Nacht einem jeden sein Traum, dessen Deutung ihn betraf. 12 Da war bei uns ein hebräischer Jüngling, des Amtmanns Knecht, dem erzählten wir’s. Und er deutete uns unsere Träume, einem jeden nach seinem Traum. 13 Und wie er uns deutete, so ist’s gekommen; denn ich bin wieder in mein Amt gesetzt, aber jener wurde aufgehängt.

         Weil die anerkannten Profis in Sachen Traumdeutung versagen, fällt dem Mundschenk sein Versäumnis ein. Wenn er an seine Sünden denken muss, ist das nicht nur die Erinnerung an sein Aufstandkomplott, sondern wohl auch die Erinnerung, dass er ein Versprechen nicht gehalten hat. Er erinnert sich an diesen hebräischer Jüngling, dem sie, er und sein Kumpan, der Oberbäcker, im Gefängnis ihre Träume erzählt hatten und der sie deuten konnte. Auf ihn, diesen Hebräer, weist er Pharao hin. Es schlägt die Stunde dessen, der in der ägyptischen Gesellschaft nichts zählt. Eines Sklaven im Gefängnis.

 14 Da sandte der Pharao hin und ließ Josef rufen, und sie ließen ihn eilends aus dem Gefängnis. Und er ließ sich scheren und zog andere Kleider an und kam hinein zum Pharao. 15 Da sprach der Pharao zu ihm: Ich habe einen Traum gehabt und es ist niemand, der ihn deuten kann. Ich habe aber von dir sagen hören, wenn du einen Traum hörst, so kannst du ihn deuten. 16 Josef antwortete dem Pharao und sprach: Das steht nicht bei mir; Gott wird jedoch dem Pharao Gutes verkünden.

          Der Pharao handelt sofort. Der Hebräer wird herbei geschafft. Nicht ohne, dass er vorher einigermaßen ansehnlich gemacht wird. Hof-tauglich. Und sofort wird er mit der Aufgabe konfrontiert: Einen Traum zu deuten, an dem alle gescheitert sind.

          Jetzt erst wird entschlüsselt, warum Josef in des Königs Gefängnis (39,20) gekommen war. Er wird in dieser Situation vor dem Pharao gebraucht. Aber: es ist nicht seine Fähigkeit, die gebraucht wird. Wieder, wie seinerzeit im Gefängnis, weist Josef darauf hin: Es ist Gott, der deuten muss. Leser sollen verstehen: Träume können Botschaften Gottes sein – aber dann muss auch Gott für ihre Entschlüsselung sorgen.

          Es klingt allerdings fast, als wüsste Josef schon, was kommen wird: Es wird Gutes sein, was Gott verkündet, Wörtlich: Schalom, Heil. Was auch imer der Traum sagt, so könnte man lesen, am Ende „läuft es zuletzt auf Heil für den Pharao und sein Land hinaus.“ (C. Westermann, aaO; S.408)

  17 Der Pharao sprach zu Josef: Mir träumte, ich stand am Ufer des Nils 18 und sah aus dem Wasser steigen sieben schöne, fette Kühe; die gingen auf der Weide im Grase. 19 Und nach ihnen sah ich andere sieben dürre, sehr hässliche und magere Kühe heraussteigen. Ich hab in ganz Ägyptenland nicht so hässliche gesehen. 20 Und die sieben mageren und hässlichen Kühe fraßen die sieben ersten, fetten Kühe auf. 21 Und als sie die hineingefressen hatten, merkte man’s ihnen nicht an, dass sie die gefressen hatten, und waren hässlich wie zuvor. Da wachte ich auf. 22 Und ich sah abermals in meinem Traum sieben Ähren auf “einem” Halm wachsen, voll und dick. 23 Danach gingen auf sieben dürre Ähren, dünn und versengt. 24 Und die sieben dünnen Ähren verschlangen die sieben dicken Ähren. Und ich habe es den Wahrsagern gesagt, aber die können’s mir nicht deuten.

          Der Pharao erzählt. Fast wortgetreu wird wiederholt, was zuvor geschildert war. Nur ein das Erschreckende an den Träumen wird noch mehr betont. So etwas Hässliches wie diese Kühe hat der Pharao noch nie gesehen. Damit wird die Bedrohung für ganz Ägyptenland sichtbar gemacht.  Und die fatale Situation: Unerklärlich.

 25 Josef antwortete dem Pharao: Beide Träume des Pharao bedeuten das Gleiche. Gott verkündet dem Pharao, was er vorhat. 26 Die sieben schönen Kühe sind sieben Jahre und die sieben guten Ähren sind dieselben sieben Jahre. Es ist ein und derselbe Traum. 27 Die sieben mageren und hässlichen Kühe, die nach jenen aufgestiegen sind, das sind sieben Jahre und die sieben mageren und versengten Ähren sind sieben Jahre des Hungers. 28 Das meinte ich, wenn ich gesagt habe zum Pharao, dass Gott dem Pharao zeigt, was er vorhat. 29 Siehe, sieben reiche Jahre werden kommen in ganz Ägyptenland. 30 Und nach ihnen werden sieben Jahre des Hungers kommen, sodass man vergessen wird alle Fülle in Ägyptenland. Und der Hunger wird das Land verzehren, 31 dass man nichts wissen wird von der Fülle im Lande vor der Hungersnot, die danach kommt; denn sie wird sehr schwer sein. 32 Dass aber dem Pharao zweimal geträumt hat, bedeutet, dass Gott solches gewiss und eilends tun wird.

Josef hört und deutet. Weil er versteht: Hier kündigt Gott Zukunft an. Sieben Jahre voller Fruchtbarkeit und sieben Hungerjahre. Ein Wechsel von Überfülle und Mangel. Die Übereinstimmung der Träume wird zum Signal: Was hier angekündigt ist, kommt gewiss und eilends. Auch in diesem Satz behält Josef seine Linie bei: Diese Träume sind eine Botschaft Gottes, die er nur weitergibt.

33 Nun sehe der Pharao nach einem verständigen und weisen Mann, den er über Ägyptenland setze, 34 und sorge dafür, dass er Amtleute verordne im Lande und nehme den Fünften in Ägyptenland in den sieben reichen Jahren 35 und lasse sie sammeln den ganzen Ertrag der guten Jahre, die kommen werden, dass sie Getreide aufschütten in des Pharao Kornhäusern zum Vorrat in den Städten und es verwahren, 36 damit für Nahrung gesorgt sei für das Land in den sieben Jahren des Hungers, die über Ägyptenland kommen werden, und das Land nicht vor Hunger verderbe.

            Jetzt aber wechselt Josef seine Rolle. Er wird gewissermaßen zum „Politikberater“ (R.Lux, aaO; S.60) Er rät dem Pharao, wie es gehen kann, sich auf das kommende Geschehen einzustellen, vorausschauend zu handeln. Es ist, als würde er sagen: Wenn Gott dir schon die Zukunft ansagt, dann hast du auch die Aufgabe, diese Information zu nützen. Vorbereitungen zu treffen.

Was Josef dem Pharao rät, ist ein regelrechter Projekt-Plan: einen Projekt-Leiter, einen verständigen und weisen Mann, soll der Pharao ernennen, der einen entsprechenden Arbeits-Stab (Amtsleute) erhält. Kornhäuser müssen errichtet werden und in den guten Jahren ein Fünftel der Ernteerträge in diese Kornhäuser einlagern. Dann wird man für die Hungerzeiten gerüstet sein. Das ganze Projekt aber wird nur gehen können, wenn es der Pharao anordnet. Es muss seine Autorität hinter dem Plan sichtbar sein.

„Die Magazinierung des Getreides in staatlichen Kornspeichern war in Ägypten  eine gebräuchliche Maßnahme der Regierung.“ (G. v. Rad, aaO. S. 329) So die historisch sicher zutreffende Feststellung. Umso bemerkenswerter: Der Erzähler des 1. Mosebuches führt das auf den Rat eines Hebräers zurück, eines Menschen, der in Ägypten eher für minderwertig eingeschätzt wird, aber zugleich eines, der die Pläne Gottes zu deuten versteht. Was da in Ägypten an kluger Vorsorge getroffen wird, verdankt sich der Weisung Gottes – durch seine Träume und seinen Traum-Ausleger.

 

Mein Gott, Du leitest uns durch Gedanken, Einfälle, Träume, Ratschläge anderer. Du lässt uns nicht ohne Deine Wegweisung. Gib Du, dass wir Deine Fingerzeige nicht übersehen, Deine leise Stimme nicht überhören, Deine Botschaften nicht abtun, weil wir glauben, dass wir es schon selbst hinkriegen werden.

Lehre Du uns hören und dann auch gehorchen. Tun, was zu tun ist. Amen