Der Verführung standhalten

  1. Mose 39, 1 – 23

 1 Josef wurde hinab nach Ägypten geführt, und Potifar, ein ägyptischer Mann, des Pharao Kämmerer und Oberster der Leibwache, kaufte ihn von den Ismaelitern, die ihn hinabgebracht hatten. 2 Und der HERR war mit Josef, sodass er ein Mann wurde, dem alles glückte. Und er war in seines Herrn, des Ägypters, Hause. 3 Und sein Herr sah, dass der HERR mit ihm war; denn alles, was er tat, das ließ der HERR in seiner Hand glücken, 4 sodass er Gnade fand vor seinem Herrn und sein Diener wurde. Der setzte ihn über sein Haus; und alles, was er hatte, tat er unter seine Hände.

Szenenwechsel. Aus dem jüdischen Bergland in die Stadtkultur nach Ägypten. Josef wird Haus-Sklave bei einem angesehenen Mann. Potifar, ein ägyptischer Mann, des Pharao Kämmerer und Oberster der Leibwache. Was im Luther-Text eindeutig wirkt, ist so eindeutig nicht. Die hebräische Bezeichnung sarissim ­ kann einfach einen diplomatischen, militärischen oder Verwaltungsbeamten bezeichnen. Sie kann aber auch die Bedeutung “Eunuch” haben, Kastraten waren prädestiniert für die Beamtenlaufbahn in den königlichen Harems, und das nicht nur in Ägypten. Die zweite Beamtenbezeichnung könnte gelesen werden: Potifar ist der “oberste Metzgermeister” oder “Küchenchef“ des Pharao. Jedoch kann sich hinter der Bezeichnung auch ein militärischer Rang verbergen. War er also der „Oberste der Leibgarde”? Das ist iin manchen dikataturen ja fast deckungsgleich mit dem „obersten Metzegermeiser“.

           Josef hat in seinem Tun in diesem Haus eine glückliche Hand. „Der Gott der Väter ist jetzt in der Ferne mit Josef wie er mit seinen Vätern war.“ (C. Westermann, aaO; S.394) Aber von einem aktiven Handeln Gottes, gar von einem Reden Gottes wird in diesen Josefs-Geschichten nicht die Rede sein. Es ist der Erzähler, der weiß: Es ist der Herr, der mit Josef ist, auch in dem fremden Land.

Das bleibt nicht verborgen. Potifar sieht, dass er einen guten Fang gemacht hat mit diesem Sklaven. Wie man sich das vorstellen muss: sein Herr sah, dass der HERR mit ihm war, ist mir nicht ganz klar. Aber es ist öfters so, dass die Heiden an den Israeliten etwas aufleuchten sehen von der Wirklichkeit Gottes.  Es ist regelrecht eine Erwartung an Israel: In seiner Existenz soll sichtbar werden: „Zu der Zeit werden zehn Männer aus allen Sprachen der Heiden “einen” jüdischen Mann beim Zipfel seines Gewandes ergreifen und sagen: Wir wollen mit euch gehen, denn wir hören, dass Gott mit euch ist.“(Sacharja 8,23) Was Sacharja in Zukunft erwartet, sieht Potifar schon an Josef!

Es ist eine Botschaft über die erzählte Geschichte hinaus. Gott segnet, wo seine Leute sind. Er lässt sich nicht exklusiv einschränken mit seinem Segen. Gottes Leute sind Segensträger in die Welt hinein, auch in die Welt hinein, die mit Gott nichts (mehr) anzufangen weiß.

5 Und von der Zeit an, da er ihn über sein Haus und alle seine Güter gesetzt hatte, segnete der HERR des Ägypters Haus um Josefs willen, und es war lauter Segen des HERRN in allem, was er hatte, zu Hause und auf dem Felde. 6 Darum ließ er alles unter Josefs Händen, was er hatte, und kümmerte sich, da er ihn hatte, um nichts außer um das, was er aß und trank.

So macht Josef Karriere. Er wird zum Hausverwalter. So sehr verlässt sich Potifar auf ihn, dass er nur noch Essen und Trinken im Kopf hat. Alles andere regelt Josef. Und es ist lauter Segen des HERRN.

Und Josef war schön an Gestalt und hübsch von Angesicht. 7 Und es begab sich danach, dass seines Herrn Frau ihre Augen auf Josef warf und sprach: Lege dich zu mir! 8 Er weigerte sich aber und sprach zu ihr: Siehe, mein Herr kümmert sich, da er mich hat, um nichts, was im Hause ist, und alles, was er hat, das hat er unter meine Hände getan; 9 er ist in diesem Hause nicht größer als ich und er hat mir nichts vorenthalten außer dir, weil du seine Frau bist. Wie sollte ich denn nun ein solch großes Übel tun und gegen Gott sündigen?

            Josef ist ein schöner Mann. Gut gebaut, gut anzusehen. Offensichtlich auch ein begehrenswerter Mann, jedenfalls für die Frau seines Herrn. Ist es Langeweile oder Unausgefülltsein, die sie dazu bringt, sich diesem Diener, der doch immer noch nur ein Diener ist, anzudienen? Dazu erfahren wir nichts. Lege dich zu mir! heißt wörtlich: schlafe mit mir. Ihre Aufforderung lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.

             Josef aber sagt nein. Er verweigert sich. Der erste Grund: „Er darf und will keinen Vertrauensbruch begehen.“ (C. Westermann, aaO; S.395) Vielleicht auch hat Josef Angst: wenn er sich mit dieser Frau einlässt, wird er von ihr abhängig, ist er ganz in ihren Händen, erpressbar. Josef aber will nur seinem Herrn verpflichtet sein.

             Es ist eine Beobachtung nebenbei: alles, was er hat, das hat er unter meine Hände getan…. er hat mir nichts vorenthalten außer dir, weil du seine Frau bist. Da ist eine Grenze gesetzt in der Verfügungsgewalt des Josef. Das erinnert an die andere, die ältere Grenze: „Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben.“(2,16-17) Spiegelt sich in der Grenze seines Herrn, die er Josef setzt, die göttliche Grenze für Adam und Eva?

Was für diesen Gedanken spricht: Josef sieht nicht nur den Vertrauensbruch gegenüber dem Mann, ein so großes Übel, sondern er sieht zugleich und in diesem Missbrauch des Vertrauens, dass er gegen Gott sündigen würde. „Es ist die Gottesfurcht, die Scheu vor den strengen Geboten der Gottheit, die Joseph bindet.“ (G. v. Rad, aaO. ; S.319) 

Für mich liegt es auf der Hand, wie sich hier, auch in dieser Begründung, die viel spätere Weisheit „zu Wort meldet“. Vielleicht ist es auch umgekehrt: Mit ihren Warnungen vor dem Ehebruch (Sprüche 6,20-34; 7, 6-23) knüpft sie an diese alte Erzählung an. So ist Josef schon hier in seiner Weigerung das Vorbild des Weisen, der den Weg des Lebens wählt.

            Auch das ist eine Beobachtung: die Erzählung, wie Josef sich verhält, wirkt wie ein Gegenbild zu dem gerade unmittelbar zuvor berichteten Verhalten seines Bruders Juda. (Kapitel 38) Hier das Bestehen auf das Recht, das Respektieren der Grenzen, dort die Lust, die sich nimmt, was sie sieht.

10 Und sie bedrängte Josef mit solchen Worten täglich. Aber er gehorchte ihr nicht, dass er sich zu ihr legte und bei ihr wäre.

             Das Spiel wiederholt sich. Täglich. Sie gibt nicht auf, Sie ist wie eine Klette. Gedanken legen sich nahe, ohne dass sie formuliert werden: Sie vermag nicht einzusehen, dass einer sich ihr nicht hingibt, noch dazu einer, der doch von ihr abhängig sein müsste. Josef ist standhaft, aber seine Standhaftigkeit ist gefährlich.

11 Es begab sich eines Tages, dass Josef in das Haus ging, seine Arbeit zu tun, und kein Mensch vom Gesinde des Hauses war dabei. 12 Und sie erwischte ihn bei seinem Kleid und sprach: Lege dich zu mir! Aber er ließ das Kleid in ihrer Hand und floh und lief zum Hause hinaus. 13 Als sie nun sah, dass er sein Kleid in ihrer Hand ließ und hinaus entfloh, 14 rief sie das Gesinde ihres Hauses und sprach zu ihnen: Seht, er hat uns den hebräischen Mann hergebracht, dass der seinen Mutwillen mit uns treibe. Er kam zu mir herein und wollte sich zu mir legen; aber ich rief mit lauter Stimme. 15 Und als er hörte, dass ich ein Geschrei machte und rief, da ließ er sein Kleid bei mir und floh und lief hinaus. 16 Und sie legte sein Kleid neben sich, bis sein Herr heimkam, 17 und sagte zu ihm ebendieselben Worte und sprach: Der hebräische Knecht, den du uns hergebracht hast, kam zu mir herein und wollte seinen Mutwillen mit mir treiben. 18 Als ich aber ein Geschrei machte und rief, da ließ er sein Kleid bei mir und floh hinaus.

Schließlich eskaliert die Situation. Dem einmal mehr bedrängten Josef bleibt nur die Flucht.  Aber er muss, um sich zu entziehen, sein Gewand in ihren Händen zurücklassen. Sie hat ihn buchstäblich entblößt. Jetzt aber schlägt das Stimmungsbarometer um. Aus der geschlechtlichen Begierde wird Hass. Nicht zuletzt wohl wegen der steten Zurückweisung durch diesen Hebräer. „Diesen minderwertigen Kerl“, so wird man zu übertragen haben.  Hebräischer Mann ist hier keine Herkunftsbezeichnung, sondern es charakterisiert „die sozial-rechtliche Stellung“, die Herkunft aus „einer unteren deklassierten Bevölkerungsschicht.“ (G.v. Rad,     aaO; S.322) Vergleichbar zu unserer Wendung vom „Prekariat“.

Wieder ist es ein Stoff-Fetzen, der eine Rolle spielt. Diesmal als Anklage-Hilfe vor dem eilig herbei gerufenen Gesinde des Hauses. Die Frau des Hauses beschuldigt den Sklaven der sexuellen Belästigung. Ein Kommentar des Gesindes wird nicht berichtet. Aber damit ist der Weg bereitet für die Wiederholung der Anklage, als der Mann nach Hause kommt. Auch vor ihm gibt sie ihre Darstellung ab – und man darf sich das Gesinde als schweigende Zeugen wohl dazu denken. Als Beweisstück wird das Kleid des Josef vorgezeigt. Und ihre Worte sind obendrein auch noch Anklage gegen ihn, den Hausherrn: Du hast diesen Kerl ins Haus gebracht und mich ihm ausgesetzt. „Was für eine perfide Argumentationskette!“(R.Lux, aaO;  S.37)

19 Als sein Herr die Worte seiner Frau hörte, die sie ihm sagte und sprach: So hat dein Knecht an mir getan, wurde er sehr zornig. 20 Da nahm ihn sein Herr und legte ihn ins Gefängnis, in dem des Königs Gefangene waren. Und er lag allda im Gefängnis.

Die Reaktion des Hausherrn, der Name Potifar wird nicht mehr genannt, auf die Klagen, Anklagen, die Worte seiner Frau ist verständlich und eindeutig. Josef kommt ins Gefängnis. Merkwürdigerweise in das Gefängnis des Königs. Also nicht in einen Allerweltsknast, in den so ein Hebräer doch wohl eigentlich hinein gehört hätte. Warum Josef dort landet, wird hier noch nicht gesagt.

Diese unbefristete Gefängnis-Strafe ist aber gleichwohl eine seltsam milde Strafe. „Die dem Vergehen gemäße Strafe wäre der Tod oder der Wiederverkauf zu niederen Sklavendiensten gewesen.“(C. Westermann aaO;  S.396) In Israel wird Ehebruch mit dem Tod bedroht. „Wenn jemand die Ehe bricht mit der Frau seines Nächsten, so sollen beide des Todes sterben, Ehebrecher und Ehebrecherin, weil er mit der Frau seines Nächsten die Ehe gebrochen hat.“(3. Mose 20,10) Ähnlich drakonische Strafen gibt es auch in der Umwelt Israels. „Nach altem assyrischen Recht wurde ein Mann, der eine Frau vergewaltigt hast, kastriert, außerdem wurden ihm Nase und Ohren abgeschnitten.“ (H.J. Bräumer, aaO; S.85)

Vor diesem Hintergrund wirft die milde Strafe – „nur Gefängnis“ – Fragen auf. Hat Potifar den Anklagen seiner Frau nicht wirklich getraut? Will er sie nur nicht bloßstellen und bestraft deshalb gewissermaßen halbherzig? Es ist möglich, so zu fragen. Aber Antworten dazu gibt der Text nicht her. Es sei denn, man liest weiter.

 21 Aber der HERR war mit ihm und neigte die Herzen zu ihm und ließ ihn Gnade finden vor dem Amtmann über das Gefängnis, 22 sodass er ihm alle Gefangenen im Gefängnis unter seine Hand gab und alles, was dort geschah, durch ihn geschehen musste. 23 Der Amtmann über das Gefängnis kümmerte sich um nichts; denn der HERR war mit Josef, und was er tat, dazu gab der HERR Glück.

Das ist der theologische Hintergrund, auf dem der Erzähler schreibt. Aber der HERR war mit ihm. Doch wohl nicht erst im Gefängnis, sondern auch schon zuvor, als der Besitzer Josefs sein Urteil fällt. Ich glaube, man darf so lesen: es ist der HERR, der ihn bewahrt so wie es auch der HERR ist, der ihm die Herzen zuwendet und ihn Gnade finden lässt. Gnade, chäsäd auch da, wo sich das Leben erneut einem Tiefpunkt nähert. Die Gnade leuchtet nicht nur am wolkenlosen Himmel. Sie strahlt aus ins Dunkel.

Bei aller Zurückhaltung der Josefsgeschichten, das Reden Gottes und sein Handeln in den Vordergrund zu stellen – im Hintergrund ist es allemal so: Diese Geschichten erzählen von  Bewahrungen Gottes, nicht Bewahrungen „vor der Not, aber in der Not.“ (G. v. Rad,     , aaO; S.321) 

Es wirkt fast wie eine Wiedergutmachung: so wie Josef in Potifars Haus Karriere gemacht hat, so macht er auch im Gefängnis Karriere. Am Ende ist er die rechte Hand des Gefängnis-Chefs, der sich, darin dem Potifar ganz artverwandt, um nichts mehr kümmert, sondern alles dem Josef überlässt. Und Gott gibt zum Tun des Josef das Glück dazu. Gemeint ist Gelingen.

 

Mein Gott, wie rasch können Bilder entstehen, die anklagen. Wie rasch kann sich vermeintliche Liebe in Hass verwandeln. Wie leicht ist es, einen Menschen unter Verdacht zu bringen. Aber auch, wie großartig ist das, wenn einer sich treu bleibt, Deinem Gebot vertraut, sich nicht nimmt, was ihm angeboten wird als Vorteil oder Gewinn, weil er sieht, dass es Unrecht wäre.

Gib mir die innere Stärke, die Bindung an Dich, die mich den Weg der Treue gehen lässt, widerstandsfähig macht gegen die falschen Versprechen, gegen den trügerischen Glanz, die mich die Liebe gegen Dein Wort leben lässt. Amen