Verhasst, verkauft

  1. Mose 37, 12 – 36

12 Als nun seine Brüder hingegangen waren, um das Vieh ihres Vaters in Sichem zu weiden, 13 sprach Israel zu Josef: Hüten nicht deine Brüder das Vieh in Sichem? Komm, ich will dich zu ihnen senden. Er aber sprach: Hier bin ich. 14 Und er sprach: Geh hin und sieh, ob’s gut steht um deine Brüder und um das Vieh, und sage mir dann, wie sich’s verhält. Und er sandte ihn aus dem Tal von Hebron, und er kam nach Sichem.

            Die Brüder sind mit den Herden Jakobs unterwegs, in der Gegend von Sichem. Josef ist zuhause. Der Vater sendet ihn zu den Brüdern, um zu sehen, wie es um sie steht, auch um das Vieh. Hier bin ich  – so stellt sich Josef dem Vater zur Verfügung. Dieser kurze Satz begegnet oft, oft in dem Zusammenhang, dass die Antwort auf einen Anruf Gottes durch seine Boten ist. Das lässt mich fragen: wird Jakob hier, ganz ohne sein Wissen zu dem, der Josef anruft,weil er einen neuen Weg zu gehen hat? Josef, ganz gehorsamer Sohn, macht sich auf den Weg.

15 Da fand ihn ein Mann, wie er umherirrte auf dem Felde; der fragte ihn und sprach: 16 Wen suchst du? Er antwortete: Ich suche meine Brüder; sage mir doch, wo sie hüten. 17 Der Mann sprach: Sie sind von dannen gezogen; denn ich hörte, dass sie sagten: Lasst uns nach Dotan gehen. Da zog Josef seinen Brüdern nach und fand sie in Dotan.

            Es wird erkennbar: Josef ist nicht vorbereitet auf solche Wege. Er verirrte sich auf dem Feld, auf dem Weg zu seinen Brüdern. „Hier draußen nützt es dem Josef nichts, dass er der vom Vater Vorgezogene ist.“ (H.J. Bräumer, Das erste Buch Mose, 3. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1990; S.31) Er weiß nicht, wo und wie er seine Brüder finden soll. Hinter der äußeren Sicht wird ein Innenbild sichtbar: Josef weiß keinen Weg zu seinen Brüdern. Sie sind ihm fremd – und er ihnen auch. Erst mit Hilfe eines Fremden findet er sie in Dotan, einem Ort, identisch wohl mit dem „heutigen tell dōtan nördlich von Samarien.“ (G. v. Rad, aaO.    S.309) 

18 Als sie ihn nun sahen von ferne, ehe er nahe zu ihnen kam, machten sie einen Anschlag, dass sie ihn töteten, 19 und sprachen untereinander: Seht, der Träumer kommt daher! 20 So kommt nun und lasst uns ihn töten und in eine Grube werfen und sagen, ein böses Tier habe ihn gefressen; so wird man sehen, was seine Träume sind.

            Die Brüder sehen ihn von weither kommen – und die Wut bricht in ihnen auf. Lasst uns ihn töten. So tief sitzt der Hass auf ihn, den Träumer, den Liebling des Vaters, dass sie vor mörderischer Gewalt nicht zurück schrecken. Eine Erklärung für sein Verschwinden ist rasch bei der Hand: sie wollen sagen, ein böses Tier habe ihn gefressen. Das ist in Wüste und Bergland ja eine reale Gefahr und eine plausible Erklärung.

Hinter dem Hass steht die Wut über die Träume. Über das, was diese Träume auch als Lebensfestlegung bedeuten können. Sie sind ja nicht harmloser Quatsch, Träumereien. Es gibt bei ihnen „ein dunkles Wissen von der Unwiderruflichkeit solcher weissagenden Träume.“ (G. v. Rad, aaO. S. 309) So gesehen ist der Mordplan der Brüder „eine Auflehnung gegen die in den Träumen enthaltene Sache, ja gegen die dahinter stehende göttliche Macht.“ (ebda, S. 309)

21 Als das Ruben hörte, wollte er ihn aus ihren Händen erretten und sprach: Lasst uns ihn nicht töten! 22 Und weiter sprach Ruben zu ihnen: Vergießt nicht Blut, sondern werft ihn in die Grube hier in der Wüste und legt die Hand nicht an ihn! Er wollte ihn aber aus ihrer Hand erretten und ihn seinem Vater wiederbringen.

Ist es die Scheu vor der Mordtat oder ist es die Ahnung dass sie einem höheren Plan in die Quere kommen – jedenfalls widerspricht Ruben. Er verwendet sich für Josef, will ihn bewahren. Ein Denkzettel – ja. Eine Zeit lang Angst – ja. Aber kein Blut. Ruben will den Bruder dem Vater zurück bringen. „Offensichtlich weiß Ruben sich als Ältester dem Vater gegenüber in besonderer Weise für die Sicherheit des jüngeren Bruders verantwortlich.“ (R.Lux, …damit wir leben und nicht sterben, Texte zur Bibel 29; Neukirchen 2013; S.26) Ruben will das Ärgste, den Brudermord, verhindern.

23 Als nun Josef zu seinen Brüdern kam, zogen sie ihm seinen Rock aus, den bunten Rock, den er anhatte, 24 und nahmen ihn und warfen ihn in die Grube; aber die Grube war leer und kein Wasser darin. 25 Und sie setzten sich nieder, um zu essen. Indessen hoben sie ihre Augen auf und sahen eine Karawane von Ismaelitern kommen von Gilead mit ihren Kamelen; die trugen kostbares Harz, Balsam und Myrrhe und zogen hinab nach Ägypten. 26 Da sprach Juda zu seinen Brüdern: Was hilft’s uns, dass wir unsern Bruder töten und sein Blut verbergen? 27 Kommt, lasst uns ihn den Ismaelitern verkaufen, damit sich unsere Hände nicht an ihm vergreifen; denn er ist unser Bruder, unser Fleisch und Blut. Und sie gehorchten ihm.

            Kaum ist Josef da, fallen sie über ihn  her, nehmen ihm seinen bunten Rock, sein Status-Symbol und werfen ihn in eine Grube. Danach essen sie. Seelenruhig mit gutem Appetit. Buisness as usual. Beim Essen streifen ihre Blicke in die Weite. Wohlwollend könnte man interpretieren: sie halten Ausschau nach einem Ausweg. Der kommt ihnen entgegen in der Gestalt einer Karawane von Ismaelitern. Kurzerhand wird Josef auf Vorschlag Judas verkauft.

Was für ein Ausweg! An unseren Händen klebt kein Blut, können sie sich sagen. Unsere Hände haben sich nicht an ihm vergriffen. Kann man sich so belügen? Spätere Leser wissen: auch der Verkauf Josefs ist ein todeswürdiges Verbrechen. „Wer einen Menschen raubt, sei es, dass er ihn verkauft, sei es, dass man ihn bei ihm findet, der soll des Todes sterben.“(2. Mose 21,16) Und doch will es so scheinen, als würde hier auch eine letzte Hemmung sichtbar. Gleich dreimal heißt es aus dem Mund Judas: Unser Bruder, unser Bruder, unser Fleisch und Blut. Auch bei diesen hartherzigen und gewissenlosen „Brüdern“ bleibt ein Rest an Scheu spürbar.

28 Als aber die midianitischen Kaufleute vorüberkamen, zogen sie ihn heraus aus der Grube und verkauften ihn um zwanzig Silberstücke den Ismaelitern; die brachten ihn nach Ägypten.

Ist das eine zweite Krawane? Wird Josef erst von den midianitischen Kaufleuten erworben und dann an die Ismaeliter weiter verkauft. Handelsware sozusagen?  Der Preis jedenfalls, zwanzig Silberstücke, ist handelsüblich. Ein fairer Preis. So beginnt für Josef der Weg nach Ägypten.

Es wird irgendwie wie nebenbei notiert. Die Käufer Josefs sind Ismaeliter. Sie stammen vom Bruder des Großvaters Isaak ab, von Ismael. Aber die Art, wie sie erwähnt werden, lässt darauf schließen: Sie sind dem Erzähler innerlich genauso fremd und fern wie die Midianiter. Trotz allem, was zuvor über Ismael und Isaak erzählt worden ist. Vielleicht ist das ein Hinweis, dass die Gesamt-Fassung dieser Geschichten,die wir lesen,  ihre End-Redaktion, doch eher späteren Datums ist.

 29 Als nun Ruben wieder zur Grube kam und Josef nicht darin fand, zerriss er sein Kleid 30 und kam wieder zu seinen Brüdern und sprach: Der Knabe ist nicht da! Wo soll ich hin? 31 Da nahmen sie Josefs Rock und schlachteten einen Ziegenbock und tauchten den Rock ins Blut 32 und schickten den bunten Rock hin und ließen ihn ihrem Vater bringen und sagen: Diesen haben wir gefunden; sieh, ob’s deines Sohnes Rock sei oder nicht. 33 Er erkannte ihn aber und sprach: Es ist meines Sohnes Rock; ein böses Tier hat ihn gefressen, ein reißendes Tier hat Josef zerrissen!

            Ruben kehrt zurück. Warum er nicht bei den Brüdern war, wird nicht erzählt, spielt auch keine Rolle. Aber er findet nun die leere Zisterne völlig leer. Der Knabe ist weg.„In Schrecken und Trauer zerreißt er seine Kleider“(C. Westermann, aaO; S.383) Ein Trauer-Ritus, der mit dem Tod Josefs rechnet. Ob Ruben seinen Brüdern doch den vorher verabredeten Totschlag zutraut, hinter seinem Rücken? Es ist Ratlosigkeit und wohl auch Angst, die Ruben hier packt. Ist er doch der, der dem Vater wird Rede und Antwort stehen müssen.

Merkwürdig: Ruben erhält keine Antwort. Er trifft auf eine Mauer des Schweigens. Und fragt auch nicht mehr nach. Statt dessen wird der ursprüngliche Plan wieder aufgegriffen. Der Rock, in Blut getaucht, muss herhalten, um den Vater zu täuschen. Es ist infam: sie geben ihm den blutigen Stoff-Fetzen und fordern ihn auf, diese Überreste zu identifizieren. Es ist nicht ihre Lüge –  sie sagen ja nichts. Es ist nur eine „Wahrheit“, die sie ihm unterschieben, aber er ist es, der die Sätze sagt, die sie ihm sagen wollten:  Es ist meines Sohnes Rock; ein böses Tier hat ihn gefressen, ein reißendes Tier hat Josef zerrissen!

 34 Und Jakob zerriss seine Kleider und legte ein härenes Tuch um seine Lenden und trug Leid um seinen Sohn lange Zeit. 35 Und alle seine Söhne und Töchter kamen zu ihm, ihn zu trösten; aber er wollte sich nicht trösten lassen und sprach: Ich werde mit Leid hinunterfahren zu den Toten, zu meinem Sohn. Und sein Vater beweinte ihn.

Jakob ist untröstlich. Er trauert um Josef als um einen Toten. „Das Leben des alten Mannes ist von nun an gezeichnet durch die Trauer um seinen jüngsten Sohn, dargestellt in den Trauerriten.“ (C. Westermann, aaO; S.384) Kein Trost erreicht ihn mehr. Er lebt in einer trostlosen Welt, in der er nur noch darauf warten kann, zu ihm zu den Toten hinunter zu fahren. Das ist keine Hoffnung, sondern nur noch Verzweiflung.

Es ist, als würde Jakob noch einmal von seinen eigenen Betrügereien eingeholt. Er, der den Vater getäuscht hatte mit seiner Maskerade, er wird jetzt von den Söhnen getäuscht mit ihrem Stoff-Fetzen. Er, der dem Vater den Segen abgeluchst hatte, er wird jetzt von den Söhnen dazu überlistet, den eigenen Sohn bei den Toten zu glauben. Er wollte sich durch Betrug Lebenskraft und Lebensglück erwerben. Jetzt beraubt ihn der Betrug der Söhne aller Kraft und aller Lebenshoffnung. Es bleibt nur noch die Hoffnung auf das Dunkel des Totenreiches. Was für ein Schmerz.

36 Aber die Midianiter verkauften ihn in Ägypten an Potifar, des Pharao Kämmerer und Obersten der Leibwache.

Immerhin: die Geschichte endet nicht mit der lichtlosen Trauer Jakobs. Da bleibt eine nüchterne Kauf-Notiz. Potifar, des Pharao Kämmerer und Oberste der Leibwache, erwirbt einen neuen, weiteren Sklaven. Von Midianitern. 

 

Gott, wie hart können Geschwister aneinander geraten, wie tief können die Wunden gehen, die sie sich gegenseitig schlagen. Und wie leicht geht es, die Eltern zu täuschen.

Ich erschrecke, weil ich weiß, das alles ist nicht nur eine ferne Geschichte. Mir steht eigene Erfahrung vor Augen, eigenes Täuschen und Lügen, Beschönigen und Verschleiern – aus Eifersucht und Ehrgeiz, aus dem Suchen nach Liebe und der Angst vor dem Schmerz.

Du Heiliger Gott, ich danke Dir, dass Du Wunden heilen kannst, die wir einander zufügen, gerade denen, die zu uns gehören. Amen