Der Träumer

1.Mose 37, 1 – 11

1 Jakob aber wohnte im Lande, in dem sein Vater ein Fremdling gewesen war, im Lande Kanaan. 2 Und dies ist die Geschichte von Jakobs Geschlecht: Josef war siebzehn Jahre alt und war ein Hirte bei den Schafen mit seinen Brüdern; er war Gehilfe bei den Söhnen Bilhas und Silpas, der Frauen seines Vaters, und brachte es vor ihren Vater, wenn etwas Schlechtes über sie geredet wurde.

Mit der Auflistung der Genealogie Esaus im Kapitel zuvor ist der Kreis der Erzählungen um Isaak, um Esau, um Laban zum Abschluss gebracht. Jetzt geht es nicht mehr um die Väter, sondern jetzt beginnt eine neue Geschichte, die um Jakobs Geschlecht kreisen wird, um seine Sippe und was aus ihr wird.

Was folgt, spielt zunächst in Kanaan, dem Land, in dem die Väter Abraham und Isaak noch Fremdlinge gewesen waren. Jakob dagegen wohnt hier. Es klingt, als sei das „Land der Fremdlingschaft“ (C. Westermann, Am Anfang, 1. Mose. Kleine Biblische Bibliothek, Teil 2 Neukirchen 1986, S.374) für ihn nicht mehr Fremde, sondern Heimat. Er ist heimisch geworden in diesem Land. Wenn es denn für Halbnomaden so etwas gibt.

Die Hauptfigur dieser Erzählungen wird vorgestellt: Josef, der Sohn Rahels. Der sich bei den Brüdern, die von Bilha und Sipha stammen, als Gehilfe nützlch macht. Sie sind nur Halbbrüder, nach dazu von Nebenfrauen. Ob das für sein Verhalten eine Rolle spielt? Es ist scheinbar eine nebensächliche Bemerkung, die aber ein negatives Licht auf ihn wirft: Er schwärzt seine Brüder beim Vater an. Es ist üble Nachrede, die er betreibt. Sie muss nicht falsch sein, nicht erfunden, aber sie geschieht hinter dem Rücken der Brüder. Afterreden. Das, was Luther mit seiner Erklärung zum achten Gebot unterbinden will: „Wir sollen Gott fürchten und lieben, daß wir unsern Nächsten nicht belügen, verraten, verleumden oder seinen Ruf verderben, sondern sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum besten kehren.“

3 Israel aber hatte Josef lieber als alle seine Söhne, weil er der Sohn seines Alters war, und machte ihm einen bunten Rock. 4 Als nun seine Brüder sahen, dass ihn ihr Vater lieber hatte als alle seine Brüder, wurden sie ihm Feind und konnten ihm kein freundliches Wort sagen.

          Jakob will das sicher nicht. Aber er schürt die Rivalität unter den Brüdern. Er hat Josef lieber als alle seine Söhne. Die Begründung weil er der Sohn seines Alters war überzeugt nicht so ganz; denn danach müsste doch Benjamin der Lieblingssohn sein. Aber der hat ja seine Mutter Rahel bei der Geburt das Leben gekostet (35,19). Geschwister sind feinfühlig für Vorzugsbehandlungen. Es hätte keinen bunten Rock für Jakob gebraucht, damit die Brüder es merken: Papas Liebling. Zwischen den Brüdern herrscht Schweigen. Oder: herzliche Feindschaft.

  5 Dazu hatte Josef einmal einen Traum und sagte seinen Brüdern davon; da wurden sie ihm noch mehr Feind. 6 Denn er sprach zu ihnen: Hört doch, was mir geträumt hat. 7 Siehe, wir banden Garben auf dem Felde, und meine Garbe richtete sich auf und stand, aber eure Garben stellten sich ringsumher und neigten sich vor meiner Garbe. 8 Da sprachen seine Brüder zu ihm: Willst du unser König werden und über uns herrschen? Und sie wurden ihm noch mehr Feind um seines Traumes und seiner Worte willen.

         Diese Feindschaft schürt Josef noch, indem er seinen Brüdern von seinen Träumen erzählt. Es sind, dafür muss man kein Traumdeuter sein, Herrschaftsträume. Er sieht sich als den Mittelpunkt der Sippe, als den, vor dem sich alle beugen. Die Brüder verstehen die Botschaft sofort. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann aus dem, dass sie ihm Feind sind, auch Taten folgen werden.

 9 Und er hatte noch einen zweiten Traum, den erzählte er seinen Brüdern und sprach: Ich habe noch einen Traum gehabt; siehe, die Sonne und der Mond und elf Sterne neigten sich vor mir. 10 Und als er das seinem Vater und seinen Brüdern erzählte, schalt ihn sein Vater und sprach zu ihm: Was ist das für ein Traum, den du geträumt hast? Soll ich und deine Mutter und deine Brüder kommen und vor dir niederfallen? 11 Und seine Brüder wurden neidisch auf ihn. Aber sein Vater behielt diese Worte.

          Nicht genug mit dem einen Traum. Der Träumer träumt weiter. Das an sich ist noch nicht schlimm. Aber dass er seine Träume nicht für sich behält, das ist wirklich schlimm. Ist der Garbentraum noch relativ harmlos, so ist der Traum mit den Himmelsgestirnen nun wirklich anstößig, erst recht in einer Zeit, in der Sterne nicht nur einfach Leuchten am Himmel sind, sondern aufgeladen mit göttlicher Kraft.

          Diesmal ist es Jakob, der von dem Traum hört, ihn sofort versteht und reagiert. „Für Jakob ist der Traum Josefs ein entarteter und abnormer. Er beinhaltet die Zerstörung aller Ordnungen.“ (H.J. Bräumer, Das erste Buch Mose, 3. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1990; S.29)

          Als Leser steht man ein wenig verwundert da und staunt über die Naivität dieses Siebzehnjährigen. Versteht er denn gar nicht, was er mit dem Erzählen seiner Träume anrichtet? Die harsche Reaktion und die Feindseligkeit der Brüder sind ja nicht ganz unverständlich. Sie wirken vielmehr wie „die instinktive Abwehr eines unangenehmen und unglaubwürdigen Zukunftsbildes aus dem Mund eines Halbwüchsigen.“ (G. v. Rad, aaO. ;  S.308)

         Und doch: Aber sein Vater behielt diese Worte. Er regt sich über sie auf, aber: „Eine mögliche Bedeutung für die Zukunft schließt er nicht aus.“ (C. Westermann, aO.; S.381) Es liegt nahe, auf eine Parallele im Neuen Testament zu verweisen: „Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“ (Lukas 2,19) Dieses Behalten der Worte ist wie eine ahnende Frage: Was wird das werden mit diesem Kind? Und: Was ist das für eine Junge, der sich so eine Karriere weit über alle hinaus erträumt?

 

Heiliger Gott, Du redest zu uns durch Menschen,  durch Ereignisse, auch durch Träume. Du ersparst uns nicht, über unsere Träume nachzudenken, sie zu klären, ihnen auf die Spur zu kommen.

Ob wir alles anderen erzählen müssen, was wir träumen?

Manchmal wird es gut sein, einen Traum, auch wenn Du in ihm zu uns sprichst, für uns zu behalten, weil er nur für uns bestimmt ist als Dein Zukunftsbild, das Du uns aufleuchten lässt. Aber hilf Du uns, solche Träume im Herzen zu bewahren. Amen