So geht Versöhnung

  1. Mose 33, 1 – 20

1 Jakob hob seine Augen auf und sah seinen Bruder Esau kommen mit vierhundert Mann.

            Der nächtliche Kampf ist ausgestanden. Jetzt steht am hellen Tag ein anderer Kampf bevor. Jakob schaut auf und sieht Esau kommen. Mit vierhundert Mann. Der Bruder mit der offenen Rechnung kommt – und Jakob geht ihm entgegen.

Und er verteilte seine Kinder auf Lea und auf Rahel und auf die beiden Leibmägde 2 und stellte die Mägde mit ihren Kindern vornean und Lea mit ihren Kindern dahinter und Rahel mit Josef zuletzt. 3 Und er ging vor ihnen her und neigte sich siebenmal zur Erde, bis er zu seinem Bruder kam.

            Es ist eine regelrechte Prozession, die hier sichtbar gemacht wird. Die Kinder der Leibmägde vorneweg, dann die Kinder Leas und ganz zum Schluss Rahel, die geliebte Frau mit Josef. Das ist eine Reihenfolge der emotionalen Wertigkeit: Die Geliebtesten zuletzt. Aber: er selbst, Jakob, geht vor ihnen her – schutzlos. Damit wird jede Prozessions-Ordnung des Orients auf den Kopf gestellt: Da kommt der Herr immer erst zum Schluss!

Siebenmal wirft er sich zu Boden auf dem Weg. Das zeigt völlige Unterwerfung. Vielleicht noch mehr. „Mit der siebenmaligen Ergebenheitsbezeugung steht Jakob zu seiner Schuld und bittet um Versöhnung und das ohne alle Worte.“ (H.J. Bräumer, aaO; S.359) Was Jakob da vollzieht, ist ein regelrechtes Unterwerfungs-Zeremoniell, wie man es auch aus anderen Texten der Zeit kennt. Ein öffentlicher, gewissermaßen „amtlicher“ Akt. Jakob gibt sich in die Hand seines Bruders Esau. Versöhnung beginnt hier mit einer „Selbsterniedrigung“ Jakob verzichtet auf seine eigene Größe und gibt sich in demütigt in die Hand seines Bruders. Der Gesegnete Gottes beugt sich vor dem, über dem ihm sein Herr-Sein angekündigt war.

 4 Esau aber lief ihm entgegen und herzte ihn und fiel ihm um den Hals und küsste ihn und sie weinten.

            Ganz anders Esau. Da ist nichts offiziell, amtlich, zeremoniell. „Höchste Emotionalität, Tränen fließen und lösen den Konflikt…. Zwanzig Jahre hatten sich Jakob unds Esau nicht gesehen, zwanzig Jahre Schuld und Hass standen zwischen ihnen, zwanzig Jahre Angst. Und jetzt? Alles vergessen in einem Augenblick?“ (R.Lux, aaO;  S.93) Kann es wirklich so rasch gehen? Alles ist wieder gut.

            Wie ein Fest nach langer Trauer, wie ein Feuer in der Nacht.
Ein off’nes Tor in einer Mauer, für die Sonne auf gemacht.
Wie ein Brief nach langem Schweigen, wie ein unverhoffter Gruß.
Wie ein Blatt an toten Zweigen ein-ich-mag-dich-trotzdem-Kuss.

So ist Versöhnung, so muss der wahre Friede sein.
So ist Versöhnung, so ist vergeben und verzeih’n.    Jürgen Werth 1988

             Wunderschön. So wünscht man sich Versöhnung. Aber vielleicht ist der Preis der Versöhnung doch höher als es auf den ersten Blick und in den Worten des Liedes scheint. Da ist ja gar keine Rede vom Preis, der für die Versöhnung zu zahlen ist. Wenn ich weiterdenke, so glaube ich, dass man es so sagen muss: Versöhnung braucht den Verzicht auf die eigene Position und das eigene Recht. Das gilt nicht nur zwischen Jakob und Esau, das gilt auch bis heute zwischen uns: Versöhnung geht nicht ohne den Verzicht aufs Recht haben wollen.

             Es gibt zu dieser einen Passage Esau aber lief ihm entgegen und herzte ihn und fiel ihm um den Hals und küsste  ihn, und sie weinten.  eine Parallele. Fast wortgleich in der Erzählung Jesu von der Heimkehr des verlorenen Sohnes. „Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn.“ (Lukas 15,20) Wie da der Vater dem Sohn entgegen läuft, so läuft Esau Jakob entgegen – und von daher gewinnt auch der später folgende Satz des Jakob noch einmal einen eigentümlichen Klang: ich sah dein Angesicht, als sähe ich Gottes Angesicht.

5 Und Esau hob seine Augen auf und sah die Frauen mit den Kindern und sprach: Wer sind diese bei dir? Er antwortete: Es sind die Kinder, die Gott deinem Knecht beschert hat. 6 Und die Mägde traten herzu mit ihren Kindern und neigten sich vor ihm. 7 Lea trat auch herzu mit ihren Kindern und sie neigten sich vor ihm. Danach traten Josef und Rahel herzu und sie neigten sich auch vor ihm. 8 Und Esau sprach: Was willst du mit all den Herden, denen ich begegnet bin? Er antwortete: Dass ich Gnade fände vor meinem Herrn. 9 Esau sprach: Ich habe genug, mein Bruder; behalte, was du hast.

Jetzt sieht Esau nicht mehr nur den Bruder, sondern die ganze Prozession und fragt nach: Wer sind diese bei dir? Jetzt wird sichtbar, was in der Fremde aus Jakob geworden ist – ein reich gesegneter Mann. Nacheinander treten sie herzu, die Söhne der Mägde, deren Namen nicht genannt werden, dann Lea und schließlich Josef mit Rahel. Einmal mehr wird die Reihenfolge der emotionalen Verbundenheit kenntlich gemacht.

Als Esau nach den Herden fragt, die ihm begegnet sind, wird es noch einmal eng. Jakob sagt: Geschenke, um deine Gnade zu finden. Steht jetzt noch einmal alles auf der Kippe? Was, wenn Esau die Annahme, das Geschenk, den Segen verweigert? Was, wenn die Versöhnung auf halbem Weg stecken bleibt? Wenn es nicht zur Versöhnung kommt, wird es sie alle treffen. Wenn es nicht zur Versöhnung kommt, wird die ganze Familie Jakobs in Mitleidenschaft gezogen sein

10 Jakob antwortete: Ach nein! Hab ich Gnade gefunden vor dir, so nimm mein Geschenk von meiner Hand; denn ich sah dein Angesicht, als sähe ich Gottes Angesicht, und du hast mich freundlich angesehen. 11 Nimm doch diese Segensgabe von mir an, die ich dir zugebracht habe; denn Gott hat sie mir beschert und ich habe von allem genug. So nötigte er ihn, dass er sie nahm.

Was Jakob bei Esau sucht, ist Gnade, nicht Recht. Was er sucht, ist das Angesicht, das ihn freundlich ansieht. Es ist einer der schönsten Sätze der Heiligen Schrift: „Hab ich Gnade gefunden vor dir, so nimm mein Geschenk von meiner Hand; denn ich sah dein Angesicht, als sähe ich Gottes Angesicht, und du hast mich freundlich angesehen.“ Der Bruder, der allen Grund gehabt hätte, ihm Feind zu sein, der kommt ihm freundlich entgegen. Gehe ich zu weit, wenn ich sage: Hier leuchtet etwas auf von der Gegenwart Gottes in der Welt? In der Versöhnung zwischen Brüdern wird etwas sichtbar von der unsichtbaren Wirklichkeit Gottes?

Versöhnung ist nie nur eine Angelegenheit zwischen zweien. Sie hat soziale Folgen. Sie wirkt sich aus auf Unbeteiligte. Wo es zur Versöhnung kommt, geschieht Wegbereitung für die Zukunft. Wo es bei der Unversöhnlichkeit bleibt, wird der Weg in die Zukunft verschlossen. Die Kinder Jakobs, seine Frauen, seine Knechte und Mägde, sie alle hängen davon ab mit ihrem Leben, dass die beiden Brüder zueinander finden.

12 Und Esau sprach: Lass uns aufbrechen und fortziehen; ich will mit dir ziehen. 13 Er aber sprach zu ihm: Mein Herr weiß, dass ich zarte Kinder bei mir habe, dazu säugende Schafe und Kühe; wenn sie auch nur einen Tag übertrieben würden, würde mir die ganze Herde sterben. 14 Mein Herr ziehe vor seinem Knechte her. Ich will gemächlich hintennach treiben, wie das Vieh und die Kinder gehen können, bis ich komme zu meinem Herrn nach Seïr. 15 Esau sprach: So will ich doch bei dir lassen etliche von meinen Leuten. Er antwortete: Ist das denn nötig? Lass mich nur Gnade vor meinem Herrn finden. 16 So zog Esau an jenem Tage wiederum seines Weges nach Seïr.

Wir erwarten von Schritten der Versöhnung oft, dass es dann so wird, wie es früher einmal war. Was getrennt hat, spielt keine Rolle mehr. Jetzt sind wir versöhnt, jetzt bleiben wir zusammen. Alle wohnen im gleichen Haus, alle haben einander wieder lieb. Das Trennende ist weg – Versöhnung: Wie ein Ich mag-Dich-Trotzdem-Kuß.

Ist das nüchtern? Realistisch? Oder nur der Überschwang des Augenblicks? Es scheint, dass Esau dieses Konzept von Versöhnung auch schon im Kopf und womöglich im Herzen hat: „Lass uns aufbrechen, ich will mit dir ziehen.“ Jakob aber wehrt ab. In meinen Augen ist es so: Jakob will das kostbare Geschenk der Versöhnung nicht der dauerhaften Belastung eines neuen Miteinanders aussetzen. Er will die freundliche Begegnung nicht so auf die Probe stellen, dass sie auch halten muss, wenn der Alltag wieder einkehrt.

Wir wollen es nicht übertreiben“ sagt Jakob und meint die Kinder und das Vieh – ein gemeinsamer Weg wird für beide zu anstrengend werden. Aber in diesem „Wir wollen es nicht übertreiben“ steckt ja auch das andere drin: Lass es uns mit der neu gewonnenen Brüderlichkeit nicht übertreiben. Lass  uns damit zufrieden sein, diesen wunderbaren Augenblick der Versöhnung im Gedächtnis zu behalten und dann getrennt unsere Wege gehen. Damit die alten Geschichten nicht auf einmal doch wieder aufstehen zwischen uns. Damit sie nicht auf einmal doch wieder unser Herz bestimmen und die Freude sich in Zorn verwandelt und  die Versöhnung in Hass.

Ganz nüchtern: Der Augenblick einer großen Versöhnung bewahrt sich leichter im Abstand voneinander. Und manchmal ist es das Zeichen geglückter Versöhnung, dass man sich gehen lassen kann und sich nicht mehr festhalten muss, dass es einen neuen Weg gibt, den einer dem anderen gönnt und keiner den anderen auf den alten Weg zurück zwingt.

„Darüber hinaus kann der Realismus der Versöhnung auch bedeuten, dass beide Parteien, die sich miteinander versöhnen, lernen müssen, dass sie noch keine neuen Menschen sind. Auch nach den Umarmungen, Tränen, guten Worten und Gaben bleiben sie letztlich, was sie waren: fehlbare Wesen und keine Heroen, eben Schlawiner – kurz: Menschen.“ (R.Lux, Und dann ist alles anders, Texte zur Bibel 25; Neukirchen 2009; S.96) Mag sein, manchem ist das zu wenig. Ich finde es viel.

17 Und Jakob zog nach Sukkot und baute sich ein Haus und machte seinem Vieh Hütten; daher heißt die Stätte Sukkot. 18 Danach kam Jakob wohlbehalten zu der Stadt Sichem, die im Lande Kanaan liegt, nachdem er aus Mesopotamien gekommen war, und lagerte vor der Stadt  19 und kaufte das Land, wo er sein Zelt aufgeschlagen hatte, von den Söhnen Hamors, des Vaters Sichems, um hundert Goldstücke 20 und errichtete dort einen Altar und nannte ihn »Gott ist der Gott Israels«.

            So trennen sich die Wege. Esau zieht nach Seïr. Ins Edomiter-Gebiet. Jakob siedelt sich in Sukkot an. In Sukkot, „Hütten“ baut er Hütten. Aber der Weg geht dann weiter nach Sichem, also über den Jordan. Wohlbehalten. Unversehrt, Heil. Warum wird das so betont? Für mich liegt es auf der Hand: Hier schwingt Erinnerung mit an die Turbulenzen. An alles, was Jakob in den zwanzig Jahren durchgemacht hat. Jetzt ist er im Land, durchgerüttelt und durchgeschüttelt, aber dennoch wohlbehalten, im Frieden (hebr. schalem) trotz der angeschlagenen Hüfte unversehrt.

Dort, bei Sichem, erwirbt Jakob Land. Es ist nach dem Begräbnisplatz Abrahams und Saras bei der Höhle von Machpela der erste Landbesitz der Sippe, von dem wir hören.  Dort baut er einen Altar und tritt damit in die Fußstapfen Abrahams, der im Land nicht nur einen Altar errichtet hat.

 

Gott, manchmal begegnest Du im Lächeln eines Menschen, vor dem wir uns gefürchtet haben, manchmal leuchtet Deine Sonne auf, weil uns einer freundlich entgegen tritt, der allen Grund dazu hätte, uns spüren zu lassen, was gegen uns spricht.

Manchmal sind Menschen großmütig, von denen wir es nie erwartet hätten. Es ist schön, so von Freundlichkeit überrascht zu werden, die letztlich in Dir ihren Grund hat.

Manchmal erfahren wir Gnade, die uns neue Schritte tun lässt, uns den Weg der Versöhnung leitet, auf den wir uns vorsichtig tastend einlassen. Segne Du unsere Tastversuche. Amen