Dem alten Groll entgegen

  1. Mose 32, 1 – 22

1 1Am Morgen aber stand Laban früh auf, küsste seine Enkel und Töchter und segnete sie und zog hin und kam wieder an seinen Ort. 2 Jakob aber zog seinen Weg. Und es begegneten ihm die Engel Gottes. 3 Und als er sie sah, sprach er: Hier ist Gottes Heerlager, und nannte diese Stätte Mahanajim.

            Aufbruch. Auf dem Gebirge Gilead ist kein Bleiben, weder für Laban noch für Jakob. Laban verabschiedet sich von den Töchtern und Enkeln. Zärtlicher als es je zuvor von ihm erzählt worden ist. Und: er segnete sie. Alles, was es an Lebenshoffnung gibt, legt er auf sie. Dann kehrt er zurück. „Zwischen Jakob und Laban war Frieden geworden.“ (H.J. Bräumer, aaO; S.343) Auch Jakob bricht auf, zu einem Weg, den er nicht kennt. Weder sein Ziel, noch was ihm unterwegs widerfahren wird.

Die erste Begegnung auf dem Weg: Engel Gottes. Was immer diese Boten Gottes sonst an Aufträgen haben, es wird uns verschwiegen. Aber: „Der Heimkehrer wird in seinem Eigentum, im verheißenen Land von Engeln empfangen.“ (R.Lux, aaO; S.81) So wie er bei seinem Weggang nach Mesopotamien auf einen Ort Gottes gestoßen war, so trifft er jetzt auf einen Ort Gottes. Das ist ein Lese-Signal: Ausgang und Eingang Jakobs stehen in der Obhut Gottes. Damit aber auch alles, was dazwischen geschehen ist.

„Ausgang und Eingang, Anfang und Ende                                                                     liegen bei dir, Herr, füll du uns die Hände.“   J. Schwarz 1975, EG 185 

4 Jakob aber schickte Boten vor sich her zu seinem Bruder Esau ins Land Seïr, in das Gebiet von Edom, 5 und befahl ihnen und sprach: So sprecht zu Esau, meinem Herrn: Dein Knecht Jakob lässt dir sagen: Ich bin bisher bei Laban lange in der Fremde gewesen 6 und habe Rinder und Esel, Schafe, Knechte und Mägde und habe ausgesandt, es dir, meinem Herrn, anzusagen, damit ich Gnade vor deinen Augen fände.

            Jetzt bereitet sich Jakob vor, auf die schwerste Begegnung seines Lebens. Er schickt Boten zu Esau, um seine Heimkehr anzukündigen. Und wählt dafür Worte, die voller Bedeutung sind: Esau nennt er meinen Herren, sich selbst dein Knecht Jakob. Und was er sucht, ist Gnade. Er kommt nicht als der, der irgendwelche Rechte einfordern kann und will. Er weiß es ja nur zu gut, wie er das Erstgeburtsrecht erlangt hat und den Segen. 

Wenn er Gnade finden will, so heißt das auch: nach der langen Zeit in der Fremde einen Ort zum Bleiben. Vielleicht sogar so etwas wie „Heimat“. Wenn es das Wort für Kleinvieh-Nomaden überhaupt gibt.

 7 Die Boten kamen zu Jakob zurück und sprachen: Wir kamen zu deinem Bruder Esau, und er zieht dir auch entgegen mit vierhundert Mann. 8 Da fürchtete sich Jakob sehr und ihm wurde bange.

            Die Boten kommen zurück, ohne eine Botschaft von Esau, dafür aber mit einer Nachricht über ihn. Er kommt entgegen, mit vierhundert Mann. Das ist Grund genug für Jakob, sich zu fürchten. Kann er doch nicht wissen, was dieses Aufgebot an Männern zu bedeuten hat.

Und er teilte das Volk, das bei ihm war, und die Schafe und die Rinder und die Kamele in zwei Lager 9 und sprach: Wenn Esau über das eine Lager kommt und macht es nieder, so wird das andere entrinnen.

Jakobs erste Reaktion: Er teilt seine Karawane in zwei Lager. Damit wenigstens ein Teil vielleicht entkommen kann, wenn Esau wirklich in feindlicher Absicht kommt. Ein Rest. Das Wort vom Rest spielt bei den Propheten eine große Rolle, wenn sie immer darauf hoffen, dass in Gottes Gericht ein Rest Israels übrig bleiben wird: „Ein Rest wird sich bekehren, ja, der Rest Jakobs, zu Gott, dem Starken.“(Jesaja 10,21) steht nur für mehrere andere, ähnlich gelagerte Texte. Das ist Jakobs Minimal-Hoffnung: ein Rest wird bleiben.

 10 Weiter sprach Jakob: Gott meines Vaters Abraham und Gott meines Vaters Isaak, der du zu mir gesagt hast: Zieh wieder in dein Land und zu deiner Verwandtschaft, ich will dir wohltun -, 11 HERR, ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und aller Treue, die du an deinem Knechte getan hast; denn ich hatte nicht mehr als diesen Stab, als ich hier über den Jordan ging, und nun sind aus mir zwei Lager geworden. 12 Errette mich von der Hand meines Bruders, von der Hand Esaus; denn ich fürchte mich vor ihm, dass er komme und schlage mich, die Mütter samt den Kindern. 13 Du hast gesagt: Ich will dir wohltun und deine Nachkommen machen wie den Sand am Meer, den man der Menge wegen nicht zählen kann.

Nachdem Jakob getan hat, was er konnte, wendet er sich an Gott. Betend. Bittend. „Dieses Gebet ist ein freies Laiengebet, es ist nicht kultisch und nicht poetisch geformt, sondern will ganz aus der Stunde für die Stunde entstanden sein.“ (G. v. Rad,     Das Erste Buch Mose, ATD 2/4; Göttingen 1967, S.277)

            Jakob legt Gott die Angst seines Herzens hin. Er ist auf ihn angewiesen, auf seine  Barmherzigkeit und Treue. Es ist Erinnerung und Hoffnung zugleich: So wie Gott über ihn gewacht hat, ihn behütet hat, ihn reich gemacht hat, so braucht er auch jetzt seine Obhut und seine Hilfe. Dass hier einer betet, wie es ihn seine Angst und Not lehrt, das mag über alle Zeiten hinweg eine Ermutigung zum Beten sein. Es müssen nicht schöne Worte sein, wohl geformt, religiös korrekt. Beten darf sich gänzlich unartikuliert und unzensiert Gott entgegen schreien.

14 Und er blieb die Nacht da und nahm von dem, was er erworben hatte, ein Geschenk für seinen Bruder Esau: 15 zweihundert Ziegen, zwanzig Böcke, zweihundert Schafe, zwanzig Widder 16 und dreißig säugende Kamele mit ihren Füllen, vierzig Kühe und zehn junge Stiere, zwanzig Eselinnen und zehn Esel, 17 und tat sie unter die Hand seiner Knechte, je eine Herde besonders, und sprach zu ihnen: Geht vor mir her und lasst Raum zwischen einer Herde und der andern. 18 Und er gebot dem ersten und sprach: Wenn dir mein Bruder Esau begegnet und dich fragt: Wem gehörst du an und wo willst du hin und wessen Eigentum ist das, was du vor dir hertreibst?, 19 sollst du sagen: Es gehört deinem Knechte Jakob, der sendet es als Geschenk seinem Herrn Esau und zieht hinter uns her. 20 Ebenso gebot er auch dem zweiten und dem dritten und allen, die den Herden nachgingen, und sprach: Wie ich euch gesagt habe, so sagt zu Esau, wenn ihr ihm begegnet, 21 und sagt ja auch: Siehe, dein Knecht Jakob kommt hinter uns. Denn er dachte: Ich will ihn versöhnen mit dem Geschenk, das vor mir hergeht. Danach will ich ihn sehen; vielleicht wird er mich annehmen.

Fast ist es so, als hätte Jakob betend neue Kraft  und neue Ideen zum Handeln gewonnen. Jetzt bereitet er Geschenke vor, aus seinem Herdenbestand, um Esau gnädig oder doch wenigstens freundlich zu stimmen. Und die Knechte, die die Herden treiben, bekommen auch Worte mit, die gute Signale senden sollen: Was Esau da sehen wird, sind Geschenke, die dein Knecht Jakob  seinem Herrn Esau sendet. Für Geschenke steht im hebräischen Text das Wort berākāh, das sowohl Geschenk als auch Segen heißen kann. Jakob, der sich den Segen erschlichen hatte, gibt nun in seinen Geschenken Segen zurück. Das, was er erstrebt hat mit allen, auch unlauteren Mitteln, das lässt er jetzt los. Hat Jakob gelernt, das Versöhnung wichtiger ist als alles, was er früher gewollt hat? Was für eine Wende!

Damit auch der langsame Leser versteht, wird uns die Überlegung Jakobs mitgeteilt: Ich will ihn versöhnen… Danach will ich ihn sehen; vielleicht wird er mich annehmen. Es ist ein Vielleicht, eine vage Hoffnung. Aber keine Sicherheit.  Wenn es darum geht, den Weg zum Herzen eines Menschen zu finden, erst recht den Rückweg, dann gibt es keine Sicherheiten. Dann gibt es nur dieses Vielleicht.

22 So ging das Geschenk vor ihm her; er aber blieb diese Nacht im Lager.

Seit Jakob aus Labans Haus aufgebrochen ist, geht er der Begegnung mit dem Bruder entgegen. Und weiß: Zwischen uns steht eine alte Geschichte. Es wird nicht einfach sein, sich zu begegnen. Es ist nicht ausgemacht, ob Esau jetzt späte Rache nimmt – für meinen Betrug, für meine Ränke, für alles, was ich ihm angetan habe.  Wenn es nicht zur Versöhnung kommt, wird es sie alle treffen. Wenn es nicht zur Versöhnung kommt, wird die ganze Familie Jakobs in Mitleidenschaft gezogen sein.

Jetzt hat Jakob getan, was zu tun war. Die Geschenke sind auf dem Weg. Für ihn beginnt im Lager eine lange Nacht.

 

Gott, es ist gut, Dich mit auf dem Weg zu wissen, an Orte zu kommen, die uns Deine Gegenwart spüren lassen. Es ist gut, weil uns sonst unsere Ängste überwältigen könnten, uns so lähmen, dass uns kein Schritt mehr bleiben will.

Unsere Ängste sind ja nicht weg, nicht schon überwunden, weil wir Dich an unserer Seite glauben.

Hilf Du, dass wir unseren Ängsten standhalten können, dass sie uns nicht lähmen dürfen, Du Beistand in allen Ängsten. Amen