Weggehen ist erlaubt

  1. Mose 31, 1 – 7. 14 – 32

1 Und es kamen vor ihn die Reden der Söhne Labans, dass sie sprachen: Jakob hat alles Gut unseres Vaters an sich gebracht, und nur von unseres Vaters Gut hat er solchen Reichtum zuwege gebracht. 2 Und Jakob sah an das Angesicht Labans, und siehe, er war gegen ihn nicht mehr wie zuvor.

Was vorher keine Rolle gespielt hat, wird jetzt sichtbar: Laban ist kein Mann ohne Anhang. Da gibt es Söhne und sie sehen durchaus misstrauisch und missmutig auf die Erfolge Jakobs. Sie neiden ihm seinen neu gewonnenen Besitz. Beschuldigen ihn, sich bereichert zu haben. Das ist noch kein Vorwurf, der vor Gericht erhoben wird. Aber er vergiftet das Klima. Jakob kann sehen: auch bei Laban verändert sich die Einstellung zu ihm. Es ist nicht mehr so wie früher. Das Verhältnis hat sich regelrecht abgenutzt.

3 Und der HERR sprach zu Jakob: Zieh wieder in deiner Väter Land und zu deiner Verwandtschaft; ich will mit dir sein. 4 Da sandte Jakob hin und ließ rufen Rahel und Lea aufs Feld zu seiner Herde 5 und sprach zu ihnen: Ich sehe an eures Vaters Angesicht, dass er gegen mich nicht ist wie zuvor; aber der Gott meines Vaters ist mit mir gewesen. 6 Und ihr wisst, dass ich aus allen meinen Kräften eurem Vater gedient habe. 7 Und er hat mich getäuscht und zehnmal meinen Lohn verändert;

Was bei Jakob bislang nur ein diffuses Gefühl sein mag, wird durch das Gotteswort an ihn in ein neues Licht gerückt. Es ist die Aufforderung des HERRN, sich wieder auf den Weg zu machen. In deiner Väter Land und zu deiner Verwandtschaft. So gesagt mag das ein Indiz sein, dass hier eine spätere Zeit formuliert. Von dem bislang Erzählten ist Jakob ja im Land der Väter und bei der Verwandtschaft und der Rückweg nach Kanaan ist ein Weg in ein Land, wo nur Rebekka und Esau und allenfalls Ismaels Nachkommen Verwandtschaft sind und vom Land der Väter kann noch nicht die Rede sein.

Gleichwohl nimmt Jakob dieses Gotteswort und setzt seine beiden Frauen ins Bild. Er stellt ihnen vor Augen, dass bei Laban kein Rückhalt mehr für ihn ist. Rückhalt ist nur bei Gott. Und dann kommt die bittere Anklage gegen Laban: Er hat mich ausgebeutet, betrogen, mir den fairen Lohn durch Tricks zu verweigern gesucht.

aber Gott hat ihm nicht gestattet, dass er mir Schaden täte 8 Wenn er sprach: Die Bunten sollen dein Lohn sein, so trug die ganze Herde Bunte. Wenn er aber sprach: Die Sprenkligen sollen dein Lohn sein, so trug die ganze Herde Sprenklige. 9 So hat Gott die Güter eures Vaters ihm entwunden und mir gegeben. 10 Denn wenn die Brunstzeit kam, hob ich meine Augen auf und sah im Traum, und siehe, die Böcke, die auf die Herde sprangen, waren sprenklig, gefleckt und bunt. 11 Und der Engel Gottes sprach zu mir im Traum: Jakob! Und ich antwortete: Hier bin ich. 12 Er aber sprach: Hebe deine Augen auf und sieh! Alle Böcke, die auf die Herde springen, sind sprenklig, gefleckt und bunt; denn ich habe alles gesehen, was Laban dir antut. 13 Ich bin der Gott, der dir zu Bethel erschienen ist, wo du den Stein gesalbt hast, und du hast mir daselbst ein Gelübde getan. Nun mach dich auf und zieh aus diesem Lande und kehre zurück in das Land deiner Verwandtschaft.

Aber Gott ist treu. Darauf läuft es hinaus: Der Untreue und Unfairness Labans stellt Jakob die Treue Gottes gegenüber. Des Gottes, der ihm auf dem Weg begegnet ist und durch den ganzen Weg hindurch ihm treu gewesen ist. Nicht als etwas, das er immer schon weiß. Jakob erzählt seinen Frauen seine neue, aktuelle Gotteserfahrung, die in der Aufforderung zum Aufbruch zurück ihre Spitze hat.

Zugleich wird der Leser so erinnert, was auf dem Weg nach Mesopotamien war, in der Nacht bei Bethel. Was Gott zugesagt hat und Jakob gelobt. Der Ring schließt sich. Gott hat Jakob nicht vergessen, und auch Jakob seinerseits hat sein Gelübde nicht vergessen.

14 Da antworteten Rahel und Lea und sprachen zu ihm: Wir haben doch kein Teil noch Erbe mehr in unseres Vaters Hause. 15 Haben wir ihm doch gegolten wie die Fremden, denn er hat uns verkauft und unseren Kaufpreis verzehrt. 16 Fürwahr, der ganze Reichtum, den Gott unserm Vater entzogen hat, gehört uns und unsern Kindern. Alles nun, was Gott dir gesagt hat, das tu!

            Die beiden Frauen, die sonst so einig nicht sind, antworten, einmütig. In ihrer Antwort wird sichtbar, dass der ganze Handel, den Laban mit Jakob abgeschlossen hatte, sie tief verletzt haben muss. Er hat sie verschachert, als gingen sie ihn nichts an. Wie Fremde. Ohne jede innere Beziehung und Anteilnahme. Auch das wissen sie: Es gibt für sie keine Zukunft in Labans Haus. Weil dort die Söhne und nicht der eigene Mann das Sagen haben werden. Es sind „Rechtsfragen(G. v. Rad, aaO. S. 267), auf die sie reagieren, verbunden allerdings mit einem gerüttelten Maß an persönlicher Verletzung. So sagen sie sich los von ihres Vaters Haus. „Das geschieht in der geprägten Form einer Lossagung.“(C. Westermann, aaO;  S.317)

Auch das gehört dazu: der Anspruch auf das, was Jakob durch seine Arbeit gewonnen hat. Wobei schon auffällt: dieser Zuwachs an Reichtum wird gewertet als Reichtum, den Gott unserm Vater entzogen hat. Es ist das „Urteil Gottes“, durch das sich Rahel und Lea im Recht sehen.

17 Da machte sich Jakob auf und lud seine Kinder und Frauen auf die Kamele 18 und führte weg all sein Vieh und alle seine Habe, die er in Mesopotamien erworben hatte, dass er käme zu Isaak, seinem Vater, ins Land Kanaan. 19 Laban aber war gegangen, seine Herde zu scheren. Und Rahel stahl ihres Vaters Hausgott. 20 Und Jakob täuschte Laban, den Aramäer, damit, dass er ihm nicht ansagte, dass er ziehen wollte. 21 So floh er mit allem, was sein war, machte sich auf und fuhr über den Euphrat und richtete seinen Weg nach dem Gebirge Gilead.

            Jakob bricht auf. Zu einem günstigen Zeitpunkt, als nämlich Laban anderweitig beschäftigt ist. Kein Wort, keine Andeutung über seine Pläne an Laban. Aus der Anfrage, die Jakob an Laban gerichtet hatte (30,25-26), ergibt sich nicht zwingend, dass Laban jetzt mit dem Weggang rechnen muss.  Wie nebenbei wird es erwähnt: Rahel verwendet eine Götterstatue, wohl aus dem Zelt des Vaters, von seinem „Hausaltar“, „Herrgottswinkel“. „Dieser Diebstahl Rahels war eine schwere Belastung dieses fluchtartigen Wegganges.“(G. v. Rad, aaO.  , S.268)

22 Am dritten Tage wurde Laban angesagt, dass Jakob geflohen wäre. 23 Und er nahm seine Brüder zu sich und jagte ihm nach, sieben Tagereisen weit, und ereilte ihn auf dem Gebirge Gilead. 24 Aber Gott kam zu Laban, dem Aramäer, im Traum des Nachts und sprach zu ihm: Hüte dich, mit Jakob anders zu reden als freundlich. 25 Und Laban holte Jakob ein. Jakob aber hatte sein Zelt aufgeschlagen auf dem Gebirge, und Laban mit seinen Brüdern schlug sein Zelt auch auf dem Gebirge Gilead auf.

            Erst nach drei Tagen wird Laban informiert und setzt sofort zur Verfolgung an. Es ist ein Flüchtling, den er verfolgt, in seinen Augen vielleicht auch ein Dieb. Vermutlich sind die Verfolger gewillt, Gewalt anzuwenden, um dieser Flucht ein Ende zu bereiten. Allen Plänen und allem Zorn Labans aber schiebt ein nächtlicher Traum einen Riegel vor. Gott selbst interveniert durch diesen Traum bei Laban.  Darf ich vermuten: Gott sorgt, dass seinem Gesegneten kein Leid geschieht und sein Weg mit ihm nicht gefährdet wird.

Auf dem Gebirge Gilead, schon in Sichtweite zu Kanaan, haben die Verfolger nach sieben Tagereisen den Flüchtling mit seinen Leuten eingeholt. Sie zelten, auf Abstand. Dann wird es zum Gespräch kommen.

26 Da sprach Laban zu Jakob: Was hast du getan, dass du mich getäuscht hast und hast meine Töchter entführt, als wenn sie im Krieg gefangen wären? 27 Warum bist du heimlich geflohen und hast mich hintergangen und hast mir’s nicht angesagt, dass ich dich geleitet hätte mit Freuden, mit Liedern, mit Pauken und Harfen? 28 Und hast mich nicht einmal lassen meine Enkel und Töchter küssen? Nun, du hast töricht getan. 29 Ich hätte wohl so viel Macht, dass ich euch Böses antun könnte; aber eures Vaters Gott hat diese Nacht zu mir gesagt: Hüte dich, mit Jakob anders zu reden als freundlich. 30 Und wenn du schon weggezogen bist und sehntest dich so sehr nach deines Vaters Hause, warum hast du mir dann aber meinen Gott gestohlen?

Laban eröffnet. Mit Vorwürfen. Warum bist du geflohen? Warum hast du mir die Kinder entführt? In seinem Worten gibt er den enttäuschten Vater. Sagt: Du hättest doch nur mit mir reden müssen. Mit mir kann man doch reden!

Und dann, nur schwer zurückgehalten die Drohung: Ich könnte Dir doch Böses antun. Wenn ich wollte. Aber auch das sagt Laban: mich hindert das Wort von eures Vaters Gott. Man kann richtig heraushören: wenn es nach mir ginge… Es ist nicht der letzte Fall, wo einer, der nicht an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs glaubt, sondern an einen anderen Gott, nicht umhin kann, mit ihm zu rechnen, sich von ihm in die Schranken weisen zu lassen.

Es bleibt noch ein Vorwurf übrig, der allerdings ist ernsthaft genug: Du hast mir meinen Gott gestohlen. Nicht nur eine Statue, sondern meinen Gott. In der Figur steckt der Gott. Das ist jetzt keine freundliche Rede mehr, sondern eine höchst gefährliche Anklage.

31 Jakob antwortete und sprach zu Laban: Ich fürchtete mich und dachte, du würdest deine Töchter von mir reißen. 32 Bei wem du aber deinen Gott findest, der sterbe! Hier vor unsern Brüdern suche das Deine bei mir und nimm’s hin. Jakob wusste aber nicht, dass Rahel ihn gestohlen hatte.

Es ist eine ausgesprochen knappe Antwort, die Jakob gibt. Mit dem ersten Satz zerreißt er das Bild, das Laban von sich als einem freundlichen und zugewandten Vater gemalt hat. Ich fürchtete mich. Und wenn er das Aufgebot Labans an Leuten sieht, hat er doch auch jetzt noch allen Grund dazu. Er könnte ihm immer noch alles nehmen, nicht nur die Töchter.

            Mit großer Ernsthaftigkeit aber geht Jakob auf den Vorwurf ein, den Hausgott gestohlen zu haben. Bei wem der gefunden wird, der ist ein Kind des Todes. Und so lädt er Laban ein zur „Hausdurchsuchung“. Die ganze Karawane darf abgesucht werden. Laban soll das Deine mit zurück nehmen können. Das ist zugleich aber auch eine Feststellung: Nur das Deine – die ganze Karawane ist nicht Labans Eigentum.

Was Jakob nicht weiß: Rahel hat den Hausgott gestohlen. Es ist sein gutes Gewissen, das ihn in dieser Begegnung doch so offensiv reden und agieren lässt.

 

Manchmal ist gut zu wissen, Du, Gott, erlaubst uns auch das Weggehen aus Situationen, die uns überfordern. Wir müssen nicht immer bleiben bis zum Untergang.

Wie oft bin ich weggelaufen vor Konflikten, von Problemen, in meinen Ängsten. Das sehe ich und bin ein wenig getröstet, solange ich es nur weiß: Es ist ein Weggehen aus Überforderung und Angst. Aber keine Flucht aus schlechtem Gewissen, um sich der Verantwortung  entziehen.

Gib Du mir die Klarheit und Kraft zu tun, was dran ist, bleiben oder weggehen, weggehen oder bleiben. Amen