Über den Tisch gezogen

  1. Mose 29, 14b – 30

Und als er nun einen Monat lang bei ihm gewesen war, 15 sprach Laban zu Jakob: Zwar bist du mein Verwandter, aber solltest du mir darum umsonst dienen? Sage an, was soll dein Lohn sein?

            „Der Besucher ist am angenehmsten, wie lange er zu bleiben hat. War mit einem Monat diese Grenze des Anstandes erreicht?“ (R.Lux, aaO; S.61) Vielleicht aber auch hat Laban ja bemerkt: Jakob ist nicht nur Besuch. Er wird allmählich zu einem Teil der Sippe vor Ort. Er macht sich nützlich, dient hier und da. Und fordert keinen Lohn. Das aber will Laban offensichtlich nicht. Er will klare Verhältnisse und nicht auf einmal zu Dank verpflichtet sein. So bietet er Jakob einen „Arbeitsvertrag“ an und fragt nach seinen „Gehaltsvorstellungen“ – Verwandtschaft hin oder her.

16 Laban aber hatte zwei Töchter; die ältere hieß Lea, die jüngere Rahel. 17 Aber Leas Augen waren ohne Glanz, Rahel dagegen war schön von Gestalt und von Angesicht. 18 Und Jakob gewann Rahel lieb und sprach: Ich will dir sieben Jahre um Rahel, deine jüngere Tochter, dienen. 19 Laban antwortete: Es ist besser, ich gebe sie dir als einem andern; bleib bei mir.

Die beiden Männer werden rasch handelseinig, weil Jakob auch klare Vorstellungen hat. Er hat Rahel lieb gewonnen – vielleicht schon von der ersten Begegnung am Brunnen her. Für sie ist er bereit zu bleiben und zu dienen. Sieben Jahre.  Es sind „romantische Gefühle“, die Jakob bewegen.

Zur Vorbereitung des Fortgangs der Erzählung erfährt der Leser: Es sind zwei Töchter im Hause Laban. Rahel, die jüngere, ist rundum schön. Von Gestalt und von Angesicht. Die ältere Tochter Lea ist anders. Das macht der Erzähler fest an den Augen ohne Glanz. In der alten Luther-Übersetzung (1912) steht noch: „Lea hatte ein blödes Gesicht.“  Das hebräische Wort, an dem hier alles hängt, rach, kann sowohl „matt, kraftlos, schwach“ wie auch „zart, milde, sanft“ (R.Lux, aaO; S.62) heißen. Vielleicht muss man sich einfach damit abfinden: In den Augen Jakobs ist Rahel schöner als Lea.    

Laban dagegen begegnet als der nüchterne Rechner: „Bei Laban schlägt das bis dahin verwandtschaftliche Verhalten in das des auf seinen Vorteil bedachten Mannes um, der allein darauf aus ist, die Arbeitskraft Jakobs auszunutzen.“ (C. Westermann, aaO; S.298) Mir ist das ein bisschen zu leicht Laban in die Rolle des kapitalistischen Ausbeuters gedrängt. Immerhin gesteht er doch Jakob zu, dass er die bessere Wahl gegenüber allen anderen möglichen Schwiegersöhnen ist. So nimmt er das Angebot Jakobs an. Bleib bei mir. Da Jakob ja auch noch keine Nachrichten von Rebekka hat, dass der Heimweg frei ist, hat er auch keine andere Wahl.

20 So diente Jakob um Rahel sieben Jahre, und es kam ihm vor, als wären’s einzelne Tage, so lieb hatte er sie.

Die Liebe zu Rahel lässt für Jakob die sieben Jahre wie im Flug vergehen. Sie scheint in dieser Zeit gar noch zu wachsen.

 21 Und Jakob sprach zu Laban: Gib mir nun meine Braut; denn die Zeit ist da, dass ich zu ihr gehe. 22 Da lud Laban alle Leute des Ortes ein und machte ein Hochzeitsmahl. 23 Am Abend aber nahm er seine Tochter Lea und brachte sie zu Jakob; und er ging zu ihr. 24 Und Laban gab seiner Tochter Lea seine Magd Silpa zur Leibmagd. 25 Am Morgen aber, siehe, da war es Lea.

Es ist also kein Wunder, dass Jakob nach den sieben Jahren auf die Hochzeit drängt. Wortlos geht  Laban auf seine Bitten und Begehren ein und richtet ein großes Fest aus. Das ganze Dorf ist zugegen und, so muss man wohl lesen, es wird ein rauschendes und berauschendes Fest gefeiert. Als Jakob am nächsten Morgen neben der Braut aufwacht, gehen ihm die Augen auf:  Siehe! da war es Lea.

Und Jakob sprach zu Laban: Warum hast du mir das angetan? Habe ich dir nicht um Rahel gedient? Warum hast du mich denn betrogen?

Wie stelle ich mir als Leser diese Begegnung vor? Beide erregt, beide verlegen? Jakob stellt Laban zur Rede und spricht Klartext: Du hast mich betrogen. Mir die falsche Frau untergeschoben.

Es ist eine irre Situation: Er, der die Blindheit des Vaters für seine Maskerade ausgenützt hatte, wird jetzt zum Opfer eines anderen Maskenspieles, in dem sein Rausch, ob Liebesrausch oder Weinrausch tut nichts zur Sache, der ihn blind sein lässt, ausgenützt wird. Schamlos. Es wird wohl so sein: Laban liefert hier „ein Meisterstück frivoler Tücke, durch das er gewiss weit und breit das derbste Gelächter auf seiner Seite hat“(G. v. Rad, aaO.    S.254) 

26 Laban antwortete: Es ist nicht Sitte in unserm Lande, dass man die Jüngere weggebe vor der Älteren. 27 Halte mit dieser die Hochzeitswoche, so will ich dir die andere auch geben für den Dienst, den du bei mir noch weitere sieben Jahre leisten sollst.

            Ausgemacht war es anders. Aber Laban beruft sich jetzt auf die Sitte in unserem Lande. Das ist erneut schamlos, denn wenn es wirklich so bindend wäre mit dieser Sitte, hätte er das doch schon sieben Jahre lange gewusst und es fairerweise auch sagen müssen. So aber wirkt das Argument fadenscheinig, weit hergeholt, fast wie aus dem  Augenblick erfunden. Aber nun macht Laban einen Vorschlag zur Güte: Noch einmal sieben Jahre und du sollst Rahel auch haben, jetzt, vorab. Aber erst wird ordentlich Hochzeitswoche mit Lea gehalten.

Schlägt Laban das Gewissen, auch Lea gegenüber? Es fällt ja auf: die beiden Mädchen werden wie Handelsobjekte in diesem Spiel eingesetzt. Was das mit Lea „macht“, auch mit Rahel, was ihnen beiden mit diesem „Verfahren“ zugemutet wird, scheint nicht zu interessieren. Weder die Erzähler noch die agierenden Männer. Es ist eben eine Männergeschichte, die hier erzählt wird. „Dass sich dabei die Töchter von ihrem Vater wie als Ware verkauft vorkommen und sich über solche Behandlung bitter beschweren, wundert keinen.“(G. v. Rad, aaO. S. 254) Aber diese Reaktion der Töchter wird erst vierzehn Jahre später, oder in der Buchform zwei Kapitel später, sichtbar gemacht.  

28 Das tat Jakob und hielt die Hochzeitswoche. Da gab ihm Laban seine Tochter Rahel zur Frau. 29 Und er gab seiner Tochter Rahel seine Magd Bilha zur Leibmagd. 30 So ging Jakob auch zu Rahel ein und hatte Rahel lieber als Lea; und er diente bei ihm noch weitere sieben Jahre.

Hat Jakob wirklich eine Wahl? Er mit seiner Liebe zu Rahel? So willigt er in diesen Handel, dieses unmoralische Angebot ein.  Nach der Hochzeitswoche wird auch Rahel seine Frau. Von einer zweiten Hochzeitswoche hören wir nichts. So wirkt Rahel wie eine Dreingabe, ein Zusatzgeschäft. Für Laban ist sie das. Er hat den Schwiegersohn für weitere sieben Jahre im Dienst.

Es ist ein schöner, ein wahrer und doch auch zugleich ein schwieriger Satz: Jakob hatte Rahel lieber als Lea. Laban wird das nicht gekümmert haben. Aber für die drei Betroffenen bahnt sich hier Unheil an. Unfrieden. Die ungleiche Liebe stiftet Unfrieden – das hatte Jakob ja schon durch die ungleich verteilte Liebe seiner Eltern erfahren. Und nun verteilt er seine Liebe ungleich.

Für den Fortgang der Ereignisse ist die Notiz von Bedeutung. Sowohl Lea als auch Rahel erhalten je eine Leibmagd, Silpa und Bilha. Beide werden noch ihre Rolle zu spielen haben. Hier dagegen stört ihre Erwähnung nur den Fortgang der Erzählung.

 

Gott, ist das ausgleichende Gerechtigkeit, dass der Betrüger betrogen wird, der Trickser ausgetrickst? Ist das Dein Urteil, dass Du durch Menschen zustande bringst, die nur ihren eigenen Vorteil kennen?

Du gibst uns dahin an die Pläne  unseres Herzens, lieferst uns manchmal aus daran, dass sich unsere Taten gegen uns wenden. Ist das Deine Gerechtigkeit?

Ich hoffe auf die Gerechtigkeit, die aus Deinem Erbarmen kommt, nicht nur ausgleicht, nicht nur mit gleicher Münze zurück zahlt, sondern die zurecht bringt, die das Leben bewahrt, auch wenn wir alle Gerechtigkeit längst verspielt haben. Amen