Brunnen-Alltag

  1. Mose 29, 1 – 14 a

 1 Da machte sich Jakob auf den Weg und ging in das Land, das im Osten liegt, 2 und sah sich um, und siehe, da war ein Brunnen auf dem Felde; und siehe, drei Herden Schafe lagen dabei, denn von dem Brunnen pflegten sie die Herden zu tränken. Und ein großer Stein lag vor dem Loch des Brunnens. 3 Und sie pflegten die Herden alle dort zu versammeln und den Stein von dem Brunnenloch zu wälzen und die Schafe zu tränken und taten alsdann den Stein wieder vor das Loch an seine Stelle.

         Jakob macht sich auf den Weg. Nach Osten. „Präzisere Angaben über die Reiseroute interessieren den Erzähler nicht.“ (R.Lux aaO; S.59) Irgendwie wirkt es dann wie im Zeitraffer erzählt. Jakob kommt an einem Brunnen an. Wo? Schon im Osten? Brunnen sind die Treffpunkte der Zeit. Man muss dorthin, weil Wasser ein kostbares Gut ist, für Mensch und Tier. Drei Herden sind dort zusammen. Der Brunnen ist durch einen großen Stein geschützt. Dass hier etwas Wichtiges geschehen wird, kündigt sich durch das zweifache Und siehe! an, dem gleich ein weiteres folgen wird

 4 Und Jakob sprach zu ihnen: Liebe Brüder, wo seid ihr her? Sie antworteten: Wir sind von Haran. 5 Er sprach zu ihnen: Kennt ihr auch Laban, den Sohn Nahors? Sie antworteten: Ja, wir kennen ihn. 6 Er sprach: Geht es ihm auch gut? Sie antworteten: Es geht ihm gut; und siehe, da kommt seine Tochter Rahel mit den Schafen.

         Jakob sucht das Gespräch mit den Hirten. Geradezu gesprächig wird man die Hirten nicht nennen können, eher maulfaul. Immerhin erfährt Jakob, dass er am Ziel seiner Reise ist. Irgendwo in der Nähe von Haran. Er erkundigt sich weiter, nach Laban, und erhält, nachfragend, auch hier sparsame Auskunft: es geht ihm gut. Wie es der Zufall will, kommt gerade seine Tochter Rahel mit den Schafen. Das immerhin sagen sie ihm freiwillig, wer die ist, die da in der Ferne auftaucht.

7 Er sprach: Es ist noch hoher Tag und ist noch nicht Zeit, das Vieh einzutreiben; tränkt die Schafe und geht hin und weidet sie. 8 Sie antworteten: Wir können es nicht, bis alle Herden zusammengebracht sind und wir den Stein von des Brunnens Loch wälzen und dann die Schafe tränken.

         Die Situation wird weiter erhellt: Es stellt sich heraus, dass man viele Hände braucht, um den Stein von der Wasserstelle zu wälzen. Darum „lungern“ die Herden und Hirten noch herum, bis alle da sein werden. In dem ganzen Gespräch treffen mit den Hirten eher träge Leute auf einen Jakob, der irgendwie vorwärts drängt.

9 Als er noch mit ihnen redete, kam Rahel mit den Schafen ihres Vaters, denn sie hütete die Schafe. 10 Als Jakob aber Rahel sah, die Tochter Labans, des Bruders seiner Mutter, und die Schafe Labans, des Bruders seiner Mutter, trat er hinzu und wälzte den Stein von dem Loch des Brunnens und tränkte die Schafe Labans, des Bruders seiner Mutter.

         Während dieses Gesprächs ist Rahel mit ihren Schafen am Brunnen angekommen. Jetzt wird es ein wenig bizarr: Es ist, als würde ihr bloßer Anblick Jakob Riesenkräfte verleihen, so dass er den Stein von dem Brunnen wälzt und nun die Schafe Labans tränkt. Kein Wort darüber, wie diese Aktion des fremden Mannes auf die junge Frau, das Mädchen Rahel wirkt. Aber ein imponierender Auftritt. Wofür man sonst eine ganze Belegschaft braucht, das macht Jakob hier alleine. Der treue Bibelleser erinnert sich: Er hatte auch schon eine zwei Meter große Massebe allein aufgestellt! (28,18) 

11 Und er küsste Rahel und weinte laut 12 und sagte ihr, dass er ihres Vaters Verwandter wäre und Rebekkas Sohn. Da lief sie und sagte es ihrem Vater.

            Ist Jakob nicht ein wenig übergriffig mit seinem Kuss oder ist es tatsächlich nur der Kuss, wie er „unter Verwandten üblich ist“? (C. Westermann, aaO; S.297) Mir scheint fraglich, dass Rahel das so verstehen kann, ist doch der riesenstarke Kerl vor ihr ein wildfremder Mensch für sie. Auch wenn er ihr sagt, dass er ein Verwandter ihres Vaters sei. Immerhin: sie hört das und läuft und sagt ihrem Vater Laban, was da am Brunnen im Gang ist.

13 Als aber Laban hörte von Jakob, seiner Schwester Sohn, lief er ihm entgegen und herzte und küsste ihn und führte ihn in sein Haus. Da erzählte er Laban alles, was sich begeben hatte. 14 Da sprach Laban zu ihm: Fürwahr, du bist von meinem Gebein und Fleisch.

            Laban hört von Jakob, seiner Schwester Sohn. Offensichtlich hatte Jakob nicht nur Rahel geküsst, sondern ihr auch seinen Namen genannt. So kommt jetzt der Oheim, herzt und küsst ihn und führt in ins Haus. Eine überaus freundliche Aufnahme. „Es scheinen gute Menschen zu sein, die da zusammen gefunden haben; jedenfalls Menschen, die sich alle drei bei der ersten Begegnung von ihrer besten Seite zeigen.“(G. v. Rad, aaO.    S.252) 

            Da erzählte er Laban alles, was sich begeben hatte. Das ist ein Satz, der mehr verbirgt als er offenlegt. Was hat Jakob erzählt? Vom Konflikt mit Esau? Von seiner Gotteserfahrung bei Bethel? Von den Strapazen des Weges? Hat er Grüße von Rebekka ausgerichtet? Alles ist möglich, aber nichts ist sicher. Sicher ist nur: „Jetzt erst erfährt Laban, dass Jakob mit leeren Händen gekommen ist.“ (H.J. Bräumer, aaO; S.307) Immerhin: Er bestätigt ihn nach dem Erzählten als Verwandten. Er ist sich sicher, dass Jakob  nicht als Schwindler unterwegs ist, der sich in eine fremde Familie einschleichen will. Ohne Pass und Legitimation.

Man wird gut daran tun, diesen Satz: Fürwahr, du bist von meinem Gebein und Fleisch. nicht zu überstrapazieren, etwa in die Richtung: Laban erkennt in Jakob einen, der seinem Wesen verwandt und gleich ist. Obwohl genau das ja später sichtbar werden wird: Da sind zwei zusammen gekommen und aneinander geraten, die sich in ihrer Wesenart nicht unähnlich sind, sondern wirklich verwandt.

Die ganze Szene der Ankunft Jakobs in Haran wirkt wie eine merkwürdige verschobene Wiederholung der Brautwerbung für Isaak. Auch da die Begegnung am Brunnen, auch da werden Tiere getränkt, auch da eilt Laban dem Ankömmling entgegen. Aber die Unterschiede sind gravierend: hier tränkt Jakob – dort Rebekka die Tiere. Hier kommt Jakob mit leeren Händen, dort verteilt der Knecht Abrahams überreich Geschenke. Dort, bei Rebekka erfolgt die Brautwerbung in wenigen Stunden, Tagen. Hier beginnt eine Geschichte, die zwanzig Jahre währen wird.

 

Gott, wie viele Alltagsszenen erlebe ich, die viel weiter reichen, deren Hintergrund mir verhüllt ist. Wie oft gehe ich durch den Tag und sehe nur, was vor Augen ist.

Dass Du aber in diesem Tag Deinen Weg mit mir gehst, Deine Fäden spannst, die mich leiten und halten können, so fein sie auch sind, das sehe ich nicht. Es reicht ja auch, dass Du weißt, was Du tust. Amen