Rachepläne

  1. Mose 27, 41 – 28,9

41 Und Esau war Jakob gram um des Segens willen, mit dem ihn sein Vater gesegnet hatte, und sprach in seinem Herzen: Es wird die Zeit bald kommen, dass man um meinen Vater Leid tragen muss; dann will ich meinen Bruder Jakob umbringen.

            Die Zeit heilt Wunden, sagt der Volksmund. Aber es gibt auch Wunden, die sind so tief eingegraben, dass die Zeit sie nur überdeckt, aber nicht heilt. So geht es Esau. Er hält still, solange sein Vater lebt. Er hält es aus mit dem, der ihm den Segen weggenommen hat und das Erst-Geburtsrecht abgeluchst. Ihn „abgekocht“ hat. Aber er kann und will nicht vergessen. „Der erschlichene Segen hat die Brüder endgültig entzweit.“ (R.Lux, aaO; S.41)

In seinem Herzen reifen fürchterliche Pläne: Wenn die Trauer um Isaak um sich greift, die anderen lähmt, dann will ich meinen Bruder Jakob umbringen. Es gehört zur Nüchternheit der biblischen Erzähler, dass sie die manchmal geradezu mörderische Rivalität zwischen Brüdern  (auch zwischen Schwestern?) nicht verschweigen, sondern benennen. Sie kennen die Abgründe des menschlichen Herzens. Esau ist auf dem Weg, Kain nachzueifern. Auch da ging es ja um verweigerten und zugewandten Segen.

 42 Da wurden Rebekka angesagt diese Worte ihres älteren Sohnes Esau.

Offensichtlich hat Esau die Gedanken seines Herzens nicht unter Verschluss gehalten. Er hat andere wissen lassen, was er plant, seine Drohungen laut werden lassen. So erfährt Rebekka von den Worten und Plänen ihres älteren Sohnes. Und nimmt sie ernst. 

Und sie schickte hin und ließ Jakob, ihren jüngeren Sohn, rufen und sprach zu ihm: Siehe, dein Bruder Esau droht dir, dass er dich umbringen will. 43 Und nun höre auf mich, mein Sohn: Mach dich auf und flieh zu meinem Bruder Laban nach Haran 44 und bleib eine Weile bei ihm, bis sich der Grimm deines Bruders legt 45 und bis sein Zorn wider dich sich von dir wendet und er vergisst, was du ihm getan hast; dann will ich schicken und dich von dort holen lassen. Warum sollte ich euer beider beraubt werden auf “einen” Tag?

            Rebekka zeigt sich auch hier als Frau klarer Entschlüsse. Sie informiert Jakob über die Gefahr, die ihm droht und zeigt ihm den Ausweg: flieh zu meinem Bruder Laban nach Haran. Kein Versuch, Esau ins Gewissen zu reden, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Sondern sie will dem Unheil wehren, indem sie Jakob entfernt. Eine Weile. sagt Rebekka und scheint zu hoffen, dass die Zeit der Abwesenheit des Jakob überschaubar sein wird. Vielleicht auch, weil sie sich sagt: wenn Esau ihn nicht jeden Tag sieht, wird sich seine Wut legen. Wird er vergessen. „Aber diesmal sollte die sonst so erfolgreiche Planerin sich verrechnen; sie sollte Jakob nicht wiedersehen – sie täuschte sich über das Ausmaß der Folgen ihrer Planung, Jakob zu Laban fliehen zu lassen.“ (H. Seebass, aaO; S.304) Aus der Weile werden mehr als zwanzig Jahre werden. Rebekka wird Jakob nicht mehr sehen.

Ganz nebenbei entlastet sich Rebekka in ihren Worten an Jakob auch: Der Grund des Zorns bei Esau ist, was du ihm getan hast. Das wirkt fast so, als hätte sie schon vergessen, wer hier die Fäden in die Hand genommen hat, das Lügengespinst gesponnen.

Wird in ihrem Satz Warum sollte ich euer beider beraubt werden auf “einen” Tag? so etwas wie ein Erschrecken Rebekkas über die Folgen ihres Handelns sichtbar? Hat sie womöglich überhaupt nicht damit gerechnet, dass sich die Brüder so entzweien, die Wut Esaus so wild sein würde? Jetzt sieht sie das Risiko: Der Bruder erschlägt den Bruder und wird selbst als Brudermörder flüchten und um sein Leben fürchten müssen. Das aber hat sie nicht gewollt. So will sie den, von dem sie durch das Orakel und das Geschehene weiß: er ist der Gesegnete, in Sicherheit bringen.

46 Und Rebekka sprach zu Isaak: Mich verdrießt zu leben wegen der Hetiterinnen. Wenn Jakob eine Frau nimmt von den Hetiterinnen wie diese, eine von den Töchtern des Landes, was soll mir das Leben?

            Trotz aller Ängste: Rebekka kann nicht aus ihrer Haut. Sie ist und bleibt die Planerin, die das Heft in der Hand halten will. Damit Jakob nicht einfach verschwinden muss, braucht es die Entlassung durch den Vater. Was aber liegt näher, als Isaak an den eigenen Weg zu erinnern. So wenig Isaak eine der Frauen aus den Völkern in der Nähe nehmen sollte, so wenig soll Jakob den Hetiterinnen zum Opfer fallen. Rebekka nimmt es aus sich zu sagen: Ich will so eine Ehe nicht.

Und findet wohl auch deshalb offene Ohren, weil Esau gegen den Willen seiner Eltern, diesmal beider! sich mit zwei Hetiterinnen zusammen getan hatte. „Als Esau vierzig Jahre alt war, nahm er zur Frau Jehudit, die Tochter Beeris, des Hetiters, und Basemat, die Tochter Elons, des Hetiters. Die machten Isaak und Rebekka lauter Herzeleid.“ (26, 34-35)  Es leuchtet sofort ein: Das muss sich nicht bei Jakob wiederholen.

27,1 Da rief Isaak seinen Sohn Jakob und segnete ihn und gebot ihm und sprach zu ihm: Nimm dir nicht eine Frau von den Töchtern Kanaans, 2 sondern mach dich auf und zieh nach Mesopotamien zum Hause Betuëls, des Vaters deiner Mutter, und nimm dir dort eine Frau von den Töchtern Labans, des Bruders deiner Mutter. 3 Und der allmächtige Gott segne dich und mache dich fruchtbar und mehre dich, dass du werdest ein Haufe von Völkern, 4 und gebe dir den Segen Abrahams, dir und deinen Nachkommen mit dir, dass du besitzest das Land, darin du jetzt ein Fremdling bist, das Gott dem Abraham gegeben hat.

         So handelt jetzt Isaak, wie gewünscht. Er schickt Jakob fort, nach Mesopotamien, mit dem Auftrag, sich dort eine Frau zu suchen, eine Frau von den Töchtern Labans, des Bruders deiner Mutter. Er schickt ihn also auf den gleichen Weg, den der Knecht Abrahams gezogen war, um Rebekka für ihn zu werben. Das mag auch ein Zeichen dafür sein, dass Isaak auch im Alter die Ehe mit Rebekka als das Glück seines Lebens empfindet. Nie ist ihm der Gedanke gekommen, dass sie hinter der Maskerade Jakobs stecken könnte. Man könnte auch sagen: Nie war Isaak seiner Frau gewachsen, sondern immer war er wie Wachs in ihren Händen.   

Aber: er schickt den Sohn nicht einfach fort. Er schickt ihn als Gesegneten – und spricht ihm erneut den Segen zu. Diesmal einen Segen, der nicht erschlichen ist, auf den kein Schatten der Täuschung fällt. Einen Segen, der die ganze Fülle in sich schließt: Mehrung und Herrschaft, das Land. Es ist eine Übertragung des Segens Gottes für Abraham, jetzt durch den Vater Isaak auf den Sohn Jakob. Wenn man so will: Weitergabe des göttlichen Segens, jetzt durch Menschenmund. Der allmächtige Gott – hier steht: El Schaddai – übersetzt: Gott ist genug. Das wird Jakob zu lernen haben auf dem Weg, den er gehen wird. Die Fülle, die ihm im Segen zugesagt wird, ist nur Dreingabe – der Kern des Segens ist der segnende Gott selbst. Die größte Gabe Gottes ist allemal, dass er sich selbst gibt.

 5 So entließ Isaak den Jakob, dass er nach Mesopotamien zog zu Laban, dem Sohn des Aramäers Betuël, dem Bruder Rebekkas, Jakobs und Esaus Mutter.

Es ist keine Flucht, die hier angesagt und in die Wege geleitet wird, sondern ein Aufbruch. Nicht in eine ungewissen Ferne, sondern mit einem klaren Ziel. Dorthin, wo die Mutter der beiden entzweiten Brüder  herkommt.

6 Nun sah Esau, dass Isaak Jakob gesegnet und nach Mesopotamien entlassen hatte, um sich dort eine Frau zu nehmen; er hatte ihn nämlich gesegnet und ihm geboten: Du sollst dir keine Frau nehmen von den Töchtern Kanaans. 7 Auch sah Esau, dass Jakob seinem Vater und seiner Mutter gehorchte und nach Mesopotamien zog 8 und dass Isaak, sein Vater, die Töchter Kanaans nicht gerne sah. 9 Da ging er hin zu Ismael und nahm zu den Frauen, die er bereits hatte, Mahalat, die Tochter Ismaels, des Sohnes Abrahams, die Schwester Nebajots, zur Frau.

Trotz-Reaktion. Anders kann man das gar nicht beschreiben, was Esau jetzt tut. Er sieht den Bruder gesandt. Er hört, dass es der Herzenswunsch der Eltern ist, dass Jakob dort, in der Verwandtschaft in Mesopotamien, eine Frau nach dem Herzen der Eltern findet. Und alles, was ihm einfällt, ist nun, die Eltern zu kränken. So nimmt er sich zu seinen beiden Frauen noch die Tochter Ismaels dazu. Es ist, als würde er sich verbünden wollen mit dem, der wie er übergangen worden ist, nicht zum Träger der Verheißung geworden ist.

Oder kann und muss man ganz anders lesen: dass in der Wahl einer Frau aus der Nachkommenschaft Abrahams, denn das sind die Töchter Ismaels ja doch, Esau einen letzten, geradezu verzweifelten Versuch unternimmt, sich doch noch die Gunst der Eltern zu gewinnen. Folgt  er doch mit dieser Wahl genau dem, was sie dem Jakob auftragen: Er nimmt eine Frau aus der Verwandtschaft,

Ich lese in diesen Schritten eher die Kränkungen der Eltern. Und denke darüber nach: Wie tief muss Esau gekränkt worden sein, dass er so kränkt.

 

Du Heiliger, wie oft habe ich Menschen gekränkt, mit Worten und Taten, meinen Entscheidungen und meinen Wegen. Wie oft auch waren Wege nur Auswege, mühsam verschleiert als eigene Entscheidung, in Wahrheit aber diktiert durch die Umstände, durch Angst, vom schlechten Gewissen. Gott, Du hast mich auf allen diesen Wegen nie mir selbst überlassen. Du hast sie gesehen und behütet. Amen