Gekommen um zu bleiben?

1. Mose 47, 27 – 31

27 So wohnte Israel in Ägypten im Lande Goschen, und sie hatten es inne und wuchsen und mehrten sich sehr. 28 Und Jakob lebte siebzehn Jahre in Ägyptenland, dass sein ganzes Alter wurde hundertundsiebenundvierzig Jahre.

             Es kommt anders, als es gedacht war: Israel bleibt im Lande Goschen. Die Gastwohner kehren nicht nach Kanaan zurück. Sie setzten sich vielmehr in Goschen fest, haben es inne. Es wird ihr Land. Man kann auch übersetzen: „Sie ließen sich vom Boden fesseln“ (H.J. Bräumer, , aaO; S.205) Jedenfalls wird aus dem Notbehelf eine Dauerlösung. Und obendrein: sie sind ein fruchtbares Volk und mehren sich sehr. So wie es ja auch verheißen war, schon an den Stammvater Abraham: „Ich will dich zum großen Volk machen.“(12,2)

             So wie es oft ist, auch heutzutage: Sie kommen als „Gastarbeiter“, um nur vorübergehend zu bleiben. Aber plötzlich, wie über Nacht sind sie ein Teil der Gesellschaft geworden. Und die aufnehmende Mehrheits-Gesellschaft muss sich Gedanken machen, über Integration, über diie Bereitschaft zur Veränderung, über diiesen Zuwachs an neuen Menschen und neuer Kultur. „Gekommen um zu bleiben?“ weiterlesen

Heimat auf Zeit

  1. Mose 47, 1 – 12

 1 Da kam Josef und sagte es dem Pharao an und sprach: Mein Vater und meine Brüder, ihr Kleinvieh und Großvieh und alles, was sie haben, sind gekommen aus dem Lande Kanaan, und siehe, sie sind im Lande Goschen. 2 Und er nahm von allen seinen Brüdern fünf und stellte sie vor den Pharao.

          Josef setzt um, was er dem Vater und den Brüdern angekündigt hat. Er sucht den Pharao auf, erbittet und erhält also eine Audienz, und informiert ihn zunächst einfach einmal: Meine Sippe ist angekommen mit ihrer ganzen Habe.  Fünf seiner Brüder nimmt er mit und stellt sie dem Pharao vor. Warum nicht gleich  alle?  Man darf es nicht vergessen: Josef ist zwar mächtig, aber doch nur ein hoher Beamter, noch dazu eine landfremder. Da ist Fingerspitzengefühl gefordert.

  3 Da sprach der Pharao zu seinen Brüdern: Was ist euer Gewerbe? Sie antworteten: Deine Knechte sind Viehhirten, wir und unsere Väter. 4 Und sagten weiter zum Pharao: Wir sind gekommen, bei euch zu wohnen im Lande; denn deine Knechte haben nicht Weide für ihr Vieh, so hart drückt die Hungersnot das Land Kanaan. So lass doch nun deine Knechte im Land Goschen wohnen.

          Das Gespräch wird vom Pharao eröffnet. Alles andere ginge auch nicht. Aber dann läuft es genau so ab, wie es Josef seinen Brüdern eingeschärft hatte. Sie antworten auf die Frage nach ihrem Gewerbe, sprich: ihrem Broterwerb. Es scheint, als sei es das erste Interesse des Pharao zu erfahren, ob diese Leute brauchbar sind, ein Gewinn für Ägypten, in der Lage, für sich selbst zu sorgen.

Wenn man das so liest, kann einem schon der Gedanke kommen, dass sich nicht viel geändert hat seit damals: Auch heute ist die erste Sorge, wenn Fremde an die Türen des Landes klopfen: Haben wir etwas davon? Können sie für sich selbst sorgen oder wollen sie etwa nur in unser Sozialversicherungs-System einwandern?

Die Antwort der Brüder mag in den Ohren des Pharao beruhigend klingen: Wir sind gekommen, bei euch zu wohnen im Lande. Das ist beruhigend, liegt doch in dem Satz, „dass sie vorhaben, nur zeitweilig und ohne die vollen Rechte der Landesbewohner in Ägypten zu bleiben.“ (H.J. Bräumer, , aaO; S.198) Sie wollen nur „Gastarbeiter“ und Fremdbewohner sein! Für die Zeit, bis die Hungersnot ein Ende hat. „Heimat auf Zeit“ weiterlesen

Orte zum Leben

  1. Mose 46, 28 – 34

28 Und Jakob sandte Juda vor sich her zu Josef, dass dieser ihm Goschen anwiese. Als sie in das Land Goschen kamen, 29 spannte Josef seinen Wagen an und zog hinauf seinem Vater Israel entgegen nach Goschen.

             Juda ist endgültig der Sprecher der Brüder und auch der Bote zwischen Vater und Sohn geworden. Die Region, in der sie wohnen werden steht nicht frei wählbar zu ihrer Verfügung. An dieser Praxis hat sich bis heute nichts geändert. Asylanten bekommen ihren Ort angewiesen. Hier wird es also nach Goschen gehen, der Gegend „an der Grenze zur syrisch-palästinensischen Landbrücke“.(H.J. Bräumer, aaO; S.196) In ein typisches Weideland. Dorthin zieht nun seinerseits Josef, durch Juda über die bevorstehende Ankunft informiert, dem Vater Israel entgegen.

             Einmal mehr zeigt der Name Israel: es geht nicht nur um Jakob, sondern es geht um das Volk, um Israel. Israel kommt nach Goschen. Und Josef zieht Israel, dem Volk entgegen.  „Orte zum Leben“ weiterlesen

Gott führt – auch nach Ägypten

  1. Mose 45, 25 – 46,7

25 So zogen sie hinauf von Ägypten und kamen ins Land Kanaan zu ihrem Vater Jakob  26 und verkündeten ihm und sprachen: Josef lebt noch und ist Herr über ganz Ägyptenland! Aber sein Herz blieb kalt, denn er glaubte ihnen nicht.

             Es wird wieder sehr sachlich. So zogen sie hinauf. Reich beschenkt und mit Erfahrungen, die ihnen den Atem rauben mussten. Sie kommen nach Kanaan, zu Vater Jakob. Und dann ihre Botschaft! Das ist so unglaublich, dass Jakob sich ihr verweigert. Nach Jahrzehnten, in denen er ich an den Gedanken gewöhnen musste: Josef ist tot, zerrissen von einem wilden Tier, sträubt sich jetzt das Herz, diesen Worten zu glauben. Er glaubt ihnen nicht. Fast, als würde er sagen: Ihr habt mich schon einmal belogen.

Es ist eine so starke Wendung: Sein Herz blieb kalt. Erstarrt, erschlafft, unfähig, diese Wende zum Guten wahrzunehmen in des Wortes wirklicher Bedeutung: sie für wahr zu nehmen. Es ist ja auch ein unglaubliches Risiko: wer an ein Wunder glaubt und es stellt sich als  Seifenblase heraus, wie soll der noch weitermachen können. Dass Jakob sein Herz instinktiv schützt, indem er sich weigert zu glauben, was er hört, ist – mir jedenfalls – nachvollziehbar.

27 Da sagten sie ihm alle Worte Josefs, die er zu ihnen gesagt hatte. Und als er die Wagen sah, die ihm Josef gesandt hatte, um ihn zu holen, wurde der Geist Jakobs, ihres Vaters, lebendig. 28 Und Israel sprach: Mir ist genug, dass mein Sohn Josef noch lebt; ich will hin und ihn sehen, ehe ich sterbe.

Die Brüder aber geben nicht auf. Sie erzählen, berichten. Wort um Wort, was Josef gesagt hat. Aber erst, als Jakob sieht – Wagen, Esel, Geschenke – da wird etwas neu in ihm wach.. Einmal mehr sehr schön formuliert. Der Geist Jakobs, ihres Vaters, wurde lebendig. Nach Jahren der Trauer ein Lebenszeichen. Wieder Hoffnung. All die großen Botschaft vom Vizekönig, Vater Ägyptens –  alles nebensächlich. Wenn nur Josef lebt und Jakob ihn noch einmal sehen darf. „Gott führt – auch nach Ägypten“ weiterlesen

Zueinander finden

  1. Mose 45, 1 – 24

1 Da konnte Josef nicht länger an sich halten vor allen, die um ihn her standen, und er rief: Lasst jedermann von mir hinausgehen! Und stand kein Mensch bei ihm, als sich Josef seinen Brüdern zu erkennen gab. 2 Und er weinte laut, dass es die Ägypter und das Haus des Pharao hörten, 3 und sprach zu seinen Brüdern: Ich bin Josef. Lebt mein Vater noch? Und seine Brüder konnten ihm nicht antworten, so erschraken sie vor seinem Angesicht. 4 Er aber sprach zu seinen Brüdern: Tretet doch her zu mir! Und sie traten herzu.        

          Jetzt, nach diesen Worten Judas, ist es um Josef geschehen. Er verliert die Fassung. Ist es Vermeiden, die eigen Schwäche zu zeigen oder ist es das Empfinden: was jetzt geschieht, geht die Hofleute nichts an – jedenfalls schickt Josef alle aus dem Raum. Nur er und die Brüder bleiben zurück. Es bricht aus ihm heraus: Ich bin Josef. Lebt mein Vater noch? Der Ausruf und die „Enthüllung  seiner Identität“(R.Lux, aaO; S.80) überfordern die Brüdern. Nur zu verständlich, dass sie maßlos erschrecken, haben sie doch einen Ägypter vor Augen.

Es ist einer der seltenen Texte in der Bibel, wo davon die Rede ist, wie sich ein Mensch zu erkennen gibt: Ich bin der und der. Ungefragt auch noch. Denn die Brüder glaubten ja zu wissen, wen sie da vor sich haben: einen mächtigen Ägypter, den Kanzler des Pharao. Und nun enthüllt er sich ihnen als einer, der wie sie ist, ein Hebräer. Noch dazu als den einen, den sie vor Jahren in die Sklaverei verkauft haben.

Und schlägt doch auch mit seiner Frage: Lebt mein Vater noch? zugleich eine Brücke zu ihnen hin. Wobei die Frage insofern verwunderlich ist, weil Juda zuvor ja in seiner  Rede an ihn ständig davon gesprochen hatte, dass es den Vater das Leben kosten würde, wenn Benjamin nicht zurückkehren dürfte.  Diese Frage zeigt etwas von der hochgradigen Erregung des Josef und von dem Versuch, einen Weg zu den Brüdern zu finden.

Darum ist es ein entscheidender Schritt, wenn Josef zu ihnen sagt: Tretet doch her zu mir! Die Distanz zwischen ihnen, dem hohen, fremden Mann und den verängstigten Hebräern wird nicht nur durch Worte überwunden. Es muss wirklich zu Schritten aufeinander zu kommen. „Zueinander finden“ weiterlesen

Mein Leben für sein Leben

  1. Mose 44, 1 – 34

1 Und Josef befahl seinem Haushalter und sprach: Fülle den Männern ihre Säcke mit Getreide, soviel sie fortbringen, und lege jedem sein Geld oben in seinen Sack. 2 Und meinen silbernen Becher lege oben in des Jüngsten Sack mit dem Gelde für das Getreide. Der tat, wie ihm Josef gesagt hatte.

          Der Abend hat seinen erfreulichen Verlauf genommen. Jetzt werden Vorbereitungen zum Aufbruch getroffen. Josef gibt Anweisungen. Hat er bei der ersten Rückreise alle mit Geld „versorgt“, so lässt er jetzt dem Jüngsten eine sehr persönliche Gabe zu teil werden. Meinen silbernen Becher. Was für ein Licht fällt durch diese Anordnungen auf Josef? „Es ist ein verwegenes, ja fast frevles Spiel, das er mit den Jüngern treibt.“ (G. v. Rad, aaO. S. 342) Selbst wer nicht so hart urteilt, wird sich zugestehen müssen: Josef wirkt hier undurchsichtig in seinem Tun und seinen Motiven.  

 3 Am Morgen, als es licht ward, ließen sie die Männer ziehen mit ihren Eseln. 4 Als sie aber zur Stadt hinaus waren und noch nicht weit gekommen, sprach Josef zu seinem Haushalter: Auf, jage den Männern nach und wenn du sie ereilst, so sprich zu ihnen: Warum habt ihr Gutes mit Bösem vergolten? 5 Warum habt ihr den silbernen Becher gestohlen? Ist das nicht der, aus dem mein Herr trinkt und aus dem er wahrsagt? Ihr habt übel getan. 6 Und als er sie ereilte, redete er mit ihnen diese Worte.

          Die Männer brechen auf, erleichtert, froh vielleicht. Aber sie kommen nicht weit. Sie sind kaum aus der Stadt, da lässt Josef seinen Hausverwalter ihnen nachjagen, sie stellen mit einer harten Anklage: Warum habt ihr Gutes mit Bösem vergolten? Es ist keine Nebensächlichkeit: sie haben Josef, dem Traumdeuter etwas genommen, mit dem er Zukunft ersehen kann. „Das Wahrsagen aus einem Trinkgefäß ist in der Antike vielfach bezeugt.“ (C. Westermann, aaO; S.430 )Es wird hier aber eher nebenbei erwähnt und soll wohl weder legitimiert werden noch soll Josef in seiner „subjektiven Glaubenseinstellung“ (G. v. Rad, aaO. S. 343) in Frage gestellt werden. Josef hat sich Ägypten und den Ägyptern auch in solchen Praktiken angepasst. Integriert in das Land, in dem er lebt.

Spannender ist allemal die Frage: Was führt Josef im Schilde? Was soll dieser Auftrag?  Der Hausverwalter fragt nicht, sondern er führt ihn aus. „Mein Leben für sein Leben“ weiterlesen

Alles in der Schwebe

  1. Mose 43, 15 – 34

15 Da nahmen sie diese Geschenke und das doppelte Geld mit sich, dazu Benjamin, machten sich auf, zogen nach Ägypten und traten vor Josef. 16 Als Josef sie sah mit Benjamin, sprach er zu seinem Haushalter: Führe diese Männer ins Haus und schlachte und richte zu, denn sie sollen zu Mittag mit mir essen. 17 Und der Mann tat, wie ihm Josef gesagt hatte, und führte die Männer in Josefs Haus.

             Die Brüder kommen in Ägypten an und werden überaus freundlich empfangen. Nicht, weil sie so reichlich Geschenke mitbringen. Sondern allein deshalb, weil Josef diesen Empfang anordnet. In seinem Haus. Viel Ehre durch diesen hochgestellten Mann für Leute, die doch nur Getreide kaufen wollen.

 18 Sie fürchteten sich aber, weil sie in Josefs Haus geführt wurden, und sprachen: Wir sind hereingeführt um des Geldes willen, das wir in unsern Säcken das vorige Mal wiedergefunden haben; man will auf uns eindringen und über uns herfallen und uns zu Sklaven machen und uns die Esel nehmen. 19 Darum traten sie zu Josefs Haushalter und redeten mit ihm vor der Haustür 20 und sprachen: Mein Herr, wir sind das vorige Mal herabgezogen, Getreide zu kaufen, 21 und als wir in die Herberge kamen und unsere Säcke auftaten, siehe, da war eines jeden Geld oben in seinem Sack mit vollem Gewicht. Darum haben wir’s wieder mit uns gebracht, 22 haben auch anderes Geld mit uns herabgebracht, Getreide zu kaufen. Wir wissen aber nicht, wer uns unser Geld in unsere Säcke gesteckt hat.

Die Furcht greift nach ihnen, weil sie nicht wissen, wie ihnen geschieht. Wie sollten sie auch ahnen, was im Gang ist. „Wer kennt alle die Tücken, die einem an einem fremden Hof widerfahren können?“ (G. v. Rad, aaO. S. 340) Es arbeitet in ihnen und sie rechnen mit allem, auch mit dem Schlimmsten: überfallen und versklavt zu werden. Weil irgendetwas nicht stimmt – mit dem Geld in den Säcken. So treten sie die Flucht nach vorne an und erzählen diese ganze abenteuerliche Geschichte. Vielleicht kann ja ein Geständnis helfen, die Situation zu entschärfen?  Sie wollen, daran liegt ihnen viel, als redliche Männer (42,8) dastehen. „Alles in der Schwebe“ weiterlesen

Vage Hoffnung

  1. Mose 43, 1 – 14

 1 Die Hungersnot aber drückte das Land. 2 Und als verzehrt war, was sie an Getreide aus Ägypten gebracht hatten, sprach ihr Vater zu ihnen: Zieht wieder hin und kauft uns ein wenig Getreide. 3 Da antwortete ihm Juda und sprach: Der Mann schärfte uns das hart ein und sprach: Ihr sollt mein Angesicht nicht sehen, es sei denn euer Bruder mit euch. 4 Willst du nun unsern Bruder mit uns senden, so wollen wir hinabziehen und dir zu essen kaufen. 5 Willst du ihn aber nicht senden, so ziehen wir nicht hinab. Denn der Mann hat zu uns gesagt: Ihr sollt mein Angesicht nicht sehen, euer Bruder sei denn mit euch.

          Irgendwann sind die Vorräte aus Ägypten aufgebraucht. Aber die Hungersnot ist noch nicht zu Ende. Es ist auch diesmal wieder Jakob, „der die Initiative ergreift und zum Aufbruch nach Ägypten mahnt.“(H.J. Bräumer, aaO; S.162) Er hat Recht, aber Juda erinnert den Vater: Da gibt es Bedingungen. Wir müssen gar nicht erst reisen, wenn wir nicht Benjamin mitnehmen. Ihr sollt mein Angesicht nicht sehen, es sei denn euer Bruder mit euch. Weil diese Bedingung unausweichlich steht, macht eine Reise ohne Benjamin keinen Sinn.

Damit wird das Dilemma sichtbar gemacht, in dem Jakob steckt: „Auf der einen Seite fängt die Hungersnot an, ihrer aller Leben zu bedrohen, andererseits war es wirklich kein Kleines, den Lieblingssohn auf eine solche Reise an einen fremden Hof mitzugeben, wobei es besonders unheimlich war, dass man sich dort gerade für ihn so seltsam interessierte.“ (G. v. Rad, aaO. S. 328)

 6 Israel sprach: Warum habt ihr so übel an mir getan, dass ihr dem Mann sagtet, dass ihr noch einen Bruder habt? 7 Sie antworteten: Der Mann forschte so genau nach uns und unserer Verwandtschaft und sprach: Lebt euer Vater noch? Habt ihr auch noch einen Bruder? Da antworteten wir ihm, wie er uns fragte. Wie konnten wir wissen, dass er sagen würde: Bringt euren Bruder mit herab?

         Jakob unterstellt den Brüdern, dass sie doch die Existenz eines weiteren Bruders hätten verschweigen können. Er ahnt nicht, dass sie genau damit vor Josef als die Betrüger und Lügner wie früher schon da gestanden hätten. Er kann und auch die Brüder konnten ja nicht wissen, warum dieser Mann so genau forschte und fragte. „Vage Hoffnung“ weiterlesen

Brüder in der Falle

  1. Mose 42, 29 – 38

 29 Als sie nun heimkamen zu ihrem Vater Jakob ins Land Kanaan, sagten sie ihm alles, was ihnen begegnet war, und sprachen: 30 Der Mann, der im Lande Herr ist, redete hart mit uns und hielt uns für Kundschafter. 31 Und wir antworteten ihm: Wir sind redlich und nie Kundschafter gewesen, 32 sondern zwölf Brüder, unseres Vaters Söhne; einer ist nicht mehr vorhanden und der jüngste ist noch bei unserm Vater im Lande Kanaan. 33 Da sprach der Herr im Lande zu uns: Daran will ich merken, ob ihr redlich seid: Einen eurer Brüder lasst bei mir und nehmt für euer Haus, wie viel ihr bedürft, und zieht hin 34 und bringt euren jüngsten Bruder zu mir, so merke ich, dass ihr nicht Kundschafter, sondern redlich seid; dann will ich euch auch euren Bruder wiedergeben und ihr mögt im Lande Handel treiben.

            Nach Hause zurück gekehrt erstatten die Brüder dem Vater Bericht. Sie erzählen von dem Verdacht, unter dem sie stehen. Kundschafter. Menschen, die täuschen. Von ihrer Verteidigung gegen diesen Verdacht. Auch davon, dass sie von dem verschwundenen Bruder gesprochen haben und von dem Jüngsten, daheim bei unserem Vater. Sie müssen auch erklären, warum Simeon nicht mit zurückgekehrt ist. Es klingt ein wenig schön geredet, wie sie Josefs Anweisung wiedergeben:   Einen eurer Brüder lasst bei mir.

Und sie nennen seine Forderung: Benjamin soll mitkommen. Nach Ägypten. Zu diesem unerbittlich fordernden Mann, der seine Macht ausspielt. Das soll als Beweis gelten, dass sie redlich sind und keine Kundschafter. Wenn Benjamin mitkommt, gibt es eine gute Rückkehr für Simeon und alle Türen für Handel stehen ihnen offen. Soweit der Bericht. Immerhin: sie haben Getreide mitgebracht. Der ersten Not ist abgeholfen.

Eine Antwort auf diesen Bericht bleibt erst einmal aus. Stattdessen wird das Naheliegende getan: Der Einkauf wird ausgepackt.  „Brüder in der Falle“ weiterlesen

Hindernis-Lauf zum Neuanfang

  1. Mose 42, 1 – 28

 1 Als aber Jakob sah, dass Getreide in Ägypten zu haben war, sprach er zu seinen Söhnen: Was seht ihr euch lange an? 2 Siehe, ich höre, es sei in Ägypten Getreide zu haben; zieht hinab und kauft uns Getreide, dass wir leben und nicht sterben. 3 Da zogen hinab zehn Brüder Josefs, um in Ägypten Getreide zu kaufen. 4 Aber den Benjamin, Josefs Bruder, ließ Jakob nicht mit seinen Brüdern ziehen; denn er sprach: Es könnte ihm ein Unfall begegnen.

         Es ist, wie es heute auch ist. Jakob hört von Ägypten, dass es da gibt, was ihnen fehlt: Getreide. Und wie heute schickt er die jungen Leute auf die Reise. Nicht, damit sie sich in Sicherheit bringen, sondern damit sie für die Sippe und ihr Überleben tun, was sie können.  Nur Benjamin, der jüngste Sohn, der letzte Sohn der Rahel, der soll bei ihm bleiben. Denn die Reise ist gefährlich.

 5 So kamen die Söhne Israels, Getreide zu kaufen, samt andern, die mit ihnen zogen; denn es war auch im Lande Kanaan Hungersnot. 6 Aber Josef war der Regent im Lande und verkaufte Getreide allem Volk im Lande. Als nun seine Brüder kamen, fielen sie vor ihm nieder zur Erde auf ihr Antlitz. 7 Und er sah sie an und erkannte sie, aber er stellte sich fremd gegen sie und redete hart mit ihnen und sprach zu ihnen: Woher kommt ihr? Sie sprachen: Aus dem Lande Kanaan, Getreide zu kaufen.

Es kommt zur Begegnung der Brüder mit Josef. Dem, den sie verkauft haben. Dem, der jetzt die Getreide-Vorräte Ägyptens verkauft. Er kennt sie, aber sie kennen ihn nicht. Kein Wunder, erwarten sie doch einen hochgestellten Ägypter zu sehen und nicht einen der Ihren. Josef aber gibt sich mit keinem Wort zu erkennen. Hart redet er mit ihnen. Fremd stellt er sich. Er geht mit ihnen um, als seinen sie ganz gewöhnliche Wirtschaftsflüchtlinge.

 8 Aber wiewohl er sie erkannte, erkannten sie ihn doch nicht. 9 Und Josef dachte an die Träume, die er von ihnen geträumt hatte, und sprach zu ihnen: Ihr seid Kundschafter und seid gekommen zu sehen, wo das Land offen ist. 10 Sie antworteten ihm: Nein, mein Herr! Deine Knechte sind gekommen, Getreide zu kaufen. 11 Wir sind alle „eines“ Mannes Söhne; wir sind redlich und deine Knechte sind nie Kundschafter gewesen. 12 Er sprach zu ihnen: Nein, sondern ihr seid gekommen zu sehen, wo das Land offen ist.

Als sie vor ihm stehen, fallen sie vor ihm nieder. Wie von selbst stellt sich bei Josef das Bild seines Traumes wieder ein, geträumt vor vielen Jahren. Löst es Triumph-Gefühle in ihm aus? Steigt der Zorn noch einmal hoch? Nichts davon wird auch nur angedeutet. Wir Leser werden an unsere eigenen Gedanken verwiesen.

         Aber Josef spielt ein Spiel mit ihnen. Er schuldigt sie an: Ihr wollt gar nicht kaufen. Ihr seid Kundschafter. Vielleicht darf man lesen: Die Vorhut einer Einwanderungswelle, die unser Land überschwemmen wird. Sie wehren diese Angriffe ab, er erneuert sie. „Hindernis-Lauf zum Neuanfang“ weiterlesen