Gekommen um zu bleiben?

1. Mose 47, 27 – 31

27 So wohnte Israel in Ägypten im Lande Goschen, und sie hatten es inne und wuchsen und mehrten sich sehr. 28 Und Jakob lebte siebzehn Jahre in Ägyptenland, dass sein ganzes Alter wurde hundertundsiebenundvierzig Jahre.

             Es kommt anders, als es gedacht war: Israel bleibt im Lande Goschen. Die Gastwohner kehren nicht nach Kanaan zurück. Sie setzten sich vielmehr in Goschen fest, haben es inne. Es wird ihr Land. Man kann auch übersetzen: „Sie ließen sich vom Boden fesseln“ (H.J. Bräumer, , aaO; S.205) Jedenfalls wird aus dem Notbehelf eine Dauerlösung. Und obendrein: sie sind ein fruchtbares Volk und mehren sich sehr. So wie es ja auch verheißen war, schon an den Stammvater Abraham: „Ich will dich zum großen Volk machen.“(12,2)

             So wie es oft ist, auch heutzutage: Sie kommen als „Gastarbeiter“, um nur vorübergehend zu bleiben. Aber plötzlich, wie über Nacht sind sie ein Teil der Gesellschaft geworden. Und die aufnehmende Mehrheits-Gesellschaft muss sich Gedanken machen, über Integration, über diie Bereitschaft zur Veränderung, über diiesen Zuwachs an neuen Menschen und neuer Kultur. „Gekommen um zu bleiben?“ weiterlesen

Heimat auf Zeit

  1. Mose 47, 1 – 12

 1 Da kam Josef und sagte es dem Pharao an und sprach: Mein Vater und meine Brüder, ihr Kleinvieh und Großvieh und alles, was sie haben, sind gekommen aus dem Lande Kanaan, und siehe, sie sind im Lande Goschen. 2 Und er nahm von allen seinen Brüdern fünf und stellte sie vor den Pharao.

          Josef setzt um, was er dem Vater und den Brüdern angekündigt hat. Er sucht den Pharao auf, erbittet und erhält also eine Audienz, und informiert ihn zunächst einfach einmal: Meine Sippe ist angekommen mit ihrer ganzen Habe.  Fünf seiner Brüder nimmt er mit und stellt sie dem Pharao vor. Warum nicht gleich  alle?  Man darf es nicht vergessen: Josef ist zwar mächtig, aber doch nur ein hoher Beamter, noch dazu eine landfremder. Da ist Fingerspitzengefühl gefordert.

  3 Da sprach der Pharao zu seinen Brüdern: Was ist euer Gewerbe? Sie antworteten: Deine Knechte sind Viehhirten, wir und unsere Väter. 4 Und sagten weiter zum Pharao: Wir sind gekommen, bei euch zu wohnen im Lande; denn deine Knechte haben nicht Weide für ihr Vieh, so hart drückt die Hungersnot das Land Kanaan. So lass doch nun deine Knechte im Land Goschen wohnen.

          Das Gespräch wird vom Pharao eröffnet. Alles andere ginge auch nicht. Aber dann läuft es genau so ab, wie es Josef seinen Brüdern eingeschärft hatte. Sie antworten auf die Frage nach ihrem Gewerbe, sprich: ihrem Broterwerb. Es scheint, als sei es das erste Interesse des Pharao zu erfahren, ob diese Leute brauchbar sind, ein Gewinn für Ägypten, in der Lage, für sich selbst zu sorgen.

Wenn man das so liest, kann einem schon der Gedanke kommen, dass sich nicht viel geändert hat seit damals: Auch heute ist die erste Sorge, wenn Fremde an die Türen des Landes klopfen: Haben wir etwas davon? Können sie für sich selbst sorgen oder wollen sie etwa nur in unser Sozialversicherungs-System einwandern?

Die Antwort der Brüder mag in den Ohren des Pharao beruhigend klingen: Wir sind gekommen, bei euch zu wohnen im Lande. Das ist beruhigend, liegt doch in dem Satz, „dass sie vorhaben, nur zeitweilig und ohne die vollen Rechte der Landesbewohner in Ägypten zu bleiben.“ (H.J. Bräumer, , aaO; S.198) Sie wollen nur „Gastarbeiter“ und Fremdbewohner sein! Für die Zeit, bis die Hungersnot ein Ende hat. „Heimat auf Zeit“ weiterlesen

Orte zum Leben

  1. Mose 46, 28 – 34

28 Und Jakob sandte Juda vor sich her zu Josef, dass dieser ihm Goschen anwiese. Als sie in das Land Goschen kamen, 29 spannte Josef seinen Wagen an und zog hinauf seinem Vater Israel entgegen nach Goschen.

             Juda ist endgültig der Sprecher der Brüder und auch der Bote zwischen Vater und Sohn geworden. Die Region, in der sie wohnen werden steht nicht frei wählbar zu ihrer Verfügung. An dieser Praxis hat sich bis heute nichts geändert. Asylanten bekommen ihren Ort angewiesen. Hier wird es also nach Goschen gehen, der Gegend „an der Grenze zur syrisch-palästinensischen Landbrücke“.(H.J. Bräumer, aaO; S.196) In ein typisches Weideland. Dorthin zieht nun seinerseits Josef, durch Juda über die bevorstehende Ankunft informiert, dem Vater Israel entgegen.

             Einmal mehr zeigt der Name Israel: es geht nicht nur um Jakob, sondern es geht um das Volk, um Israel. Israel kommt nach Goschen. Und Josef zieht Israel, dem Volk entgegen.  „Orte zum Leben“ weiterlesen

Gott führt – auch nach Ägypten

  1. Mose 45, 25 – 46,7

25 So zogen sie hinauf von Ägypten und kamen ins Land Kanaan zu ihrem Vater Jakob  26 und verkündeten ihm und sprachen: Josef lebt noch und ist Herr über ganz Ägyptenland! Aber sein Herz blieb kalt, denn er glaubte ihnen nicht.

             Es wird wieder sehr sachlich. So zogen sie hinauf. Reich beschenkt und mit Erfahrungen, die ihnen den Atem rauben mussten. Sie kommen nach Kanaan, zu Vater Jakob. Und dann ihre Botschaft! Das ist so unglaublich, dass Jakob sich ihr verweigert. Nach Jahrzehnten, in denen er ich an den Gedanken gewöhnen musste: Josef ist tot, zerrissen von einem wilden Tier, sträubt sich jetzt das Herz, diesen Worten zu glauben. Er glaubt ihnen nicht. Fast, als würde er sagen: Ihr habt mich schon einmal belogen.

Es ist eine so starke Wendung: Sein Herz blieb kalt. Erstarrt, erschlafft, unfähig, diese Wende zum Guten wahrzunehmen in des Wortes wirklicher Bedeutung: sie für wahr zu nehmen. Es ist ja auch ein unglaubliches Risiko: wer an ein Wunder glaubt und es stellt sich als  Seifenblase heraus, wie soll der noch weitermachen können. Dass Jakob sein Herz instinktiv schützt, indem er sich weigert zu glauben, was er hört, ist – mir jedenfalls – nachvollziehbar.

27 Da sagten sie ihm alle Worte Josefs, die er zu ihnen gesagt hatte. Und als er die Wagen sah, die ihm Josef gesandt hatte, um ihn zu holen, wurde der Geist Jakobs, ihres Vaters, lebendig. 28 Und Israel sprach: Mir ist genug, dass mein Sohn Josef noch lebt; ich will hin und ihn sehen, ehe ich sterbe.

Die Brüder aber geben nicht auf. Sie erzählen, berichten. Wort um Wort, was Josef gesagt hat. Aber erst, als Jakob sieht – Wagen, Esel, Geschenke – da wird etwas neu in ihm wach.. Einmal mehr sehr schön formuliert. Der Geist Jakobs, ihres Vaters, wurde lebendig. Nach Jahren der Trauer ein Lebenszeichen. Wieder Hoffnung. All die großen Botschaft vom Vizekönig, Vater Ägyptens –  alles nebensächlich. Wenn nur Josef lebt und Jakob ihn noch einmal sehen darf. „Gott führt – auch nach Ägypten“ weiterlesen

Zueinander finden

  1. Mose 45, 1 – 24

1 Da konnte Josef nicht länger an sich halten vor allen, die um ihn her standen, und er rief: Lasst jedermann von mir hinausgehen! Und stand kein Mensch bei ihm, als sich Josef seinen Brüdern zu erkennen gab. 2 Und er weinte laut, dass es die Ägypter und das Haus des Pharao hörten, 3 und sprach zu seinen Brüdern: Ich bin Josef. Lebt mein Vater noch? Und seine Brüder konnten ihm nicht antworten, so erschraken sie vor seinem Angesicht. 4 Er aber sprach zu seinen Brüdern: Tretet doch her zu mir! Und sie traten herzu.        

          Jetzt, nach diesen Worten Judas, ist es um Josef geschehen. Er verliert die Fassung. Ist es Vermeiden, die eigen Schwäche zu zeigen oder ist es das Empfinden: was jetzt geschieht, geht die Hofleute nichts an – jedenfalls schickt Josef alle aus dem Raum. Nur er und die Brüder bleiben zurück. Es bricht aus ihm heraus: Ich bin Josef. Lebt mein Vater noch? Der Ausruf und die „Enthüllung  seiner Identität“(R.Lux, aaO; S.80) überfordern die Brüdern. Nur zu verständlich, dass sie maßlos erschrecken, haben sie doch einen Ägypter vor Augen.

Es ist einer der seltenen Texte in der Bibel, wo davon die Rede ist, wie sich ein Mensch zu erkennen gibt: Ich bin der und der. Ungefragt auch noch. Denn die Brüder glaubten ja zu wissen, wen sie da vor sich haben: einen mächtigen Ägypter, den Kanzler des Pharao. Und nun enthüllt er sich ihnen als einer, der wie sie ist, ein Hebräer. Noch dazu als den einen, den sie vor Jahren in die Sklaverei verkauft haben.

Und schlägt doch auch mit seiner Frage: Lebt mein Vater noch? zugleich eine Brücke zu ihnen hin. Wobei die Frage insofern verwunderlich ist, weil Juda zuvor ja in seiner  Rede an ihn ständig davon gesprochen hatte, dass es den Vater das Leben kosten würde, wenn Benjamin nicht zurückkehren dürfte.  Diese Frage zeigt etwas von der hochgradigen Erregung des Josef und von dem Versuch, einen Weg zu den Brüdern zu finden.

Darum ist es ein entscheidender Schritt, wenn Josef zu ihnen sagt: Tretet doch her zu mir! Die Distanz zwischen ihnen, dem hohen, fremden Mann und den verängstigten Hebräern wird nicht nur durch Worte überwunden. Es muss wirklich zu Schritten aufeinander zu kommen. „Zueinander finden“ weiterlesen