Der Himmel stürzt nicht ein

  1. Mose 27, 1 – 29

1 Und es begab sich, als Isaak alt geworden war und seine Augen zu schwach zum Sehen wurden, rief er Esau, seinen älteren Sohn, und sprach zu ihm: Mein Sohn! Er aber antwortete ihm: Hier bin ich. 2 Und er sprach: Siehe, ich bin alt geworden und weiß nicht, wann ich sterben werde. 3 So nimm nun dein Gerät, Köcher und Bogen, und geh aufs Feld und jage mir ein Wildbret 4 und mach mir ein Essen, wie ich’s gern habe, und bring mir’s herein, dass ich esse, auf dass dich meine Seele segne, ehe ich sterbe.

            Wer viel in der Bibel liest, wird schon bei dieser Formulierung hellhörig: Und es begab sich. Damit wird fast immer ein Ausrufezeichen gesetzt: Achtung, es geschieht etwas, das den normalen ruhigen Lauf der Dinge durchbricht. Isaak ist alt und er sieht nicht mehr. Er ist erblindet. Aber er weiß noch, was er will. Die Lebensgeister sind noch nicht erloschen. Deshalb ruft er Esau, um ihm eine Aufgabe zu stellen, die er erfüllen soll. Er soll tun, was er gerne tut – jagen und aus der Jagdbeute ein Essen bereiten. Dann will ihn Isaak segnen. Meine Seele ist gleich mein Leben. Im Hebräischen steht da das Wort näphäsch. das beides heißen kann – Seele, Leben, im ursprünglichen Sinn: Kehle. Isaak ahnt, dass sein Ende nahe kommt: auf dass dich meine Seele segne, ehe ich sterbe. Darum will er das Leben weitergeben.

            Was der Erzähler verschweigt, ist die Bedeutung dieses Segens. Das ist nicht nur ein gutes Wort. „Im Segen wird von dem Scheidenden die Lebenskraft dem ins Leben Gehenden weiter  gegeben.“ (C. Westermann, Am Anfang, 1. Mose. Kleine Biblische Bibliothek, 2.Teil, Neukirchen S.280) Und: Segen, zumal der Segen des Vaters kurz vor seinem Sterben, ist zugleich auch ein Rechtsakt. Sofort stellt sich damit eine Frage: Weiß Isaak nichts von dem Handel, den Esau mit Jakob eingegangen ist, als er ihm das Erstgeburts-Recht „überlassen“ hat? Haben die Brüder das für sich behalten – und der Leser weiß mehr als der blinde Isaak?

 5 Rebekka aber hörte diese Worte, die Isaak zu seinem Sohn Esau sagte. Und Esau ging hin aufs Feld, dass er ein Wildbret jagte und heimbrächte. 6 Da sprach Rebekka zu Jakob, ihrem Sohn: Siehe, ich habe deinen Vater mit Esau, deinem Bruder, reden hören: 7 Bringe mir ein Wildbret und mach mir ein Essen, dass ich esse und dich segne vor dem HERRN, ehe ich sterbe. 8 So höre nun, mein Sohn, auf mich und tu, was ich dich heiße. 9 Geh hin zu der Herde und hole mir zwei gute Böcklein, dass ich deinem Vater ein Essen davon mache, wie er’s gerne hat. 10 Das sollst du deinem Vater hineintragen, dass er esse, auf dass er dich segne vor seinem Tod.

            Rebekka hört, was Isaak sagt. Sie muss dafür nicht lauschen. Sie sieht, dass Esau dem Auftrag des Vaters folgt und wird nun ihrerseits aktiv. Das kennzeichnet die Erzählungen im Isaak insgesamt: Es ist immer Rebekka, die die Initiative ergreift. Eine starke Frau, während Isaak eher das Bild eines etwas hilflosen Mannes zeigt. Es ist Rebekka, die aus dem Auftrag an Esau eine Rivalität ableitet. Sie ist es, die dem Auftrag des Isaak ihren Plan entgegenstellt.

Rebekka ist in den Augen des Erzählers eine resolute, willensstarke Person.“ (R.Lux, aaO; S.36) Nicht zuletzt, weil sie ja den Orakel-Spruch kennt und nun gehört hat, dass Isaak Esau segnen will vor dem HERRN. Damit würde der Weg, den das Orakel angezeigt hat, durchkreuzt. Darum beauftragt sie nun ihrerseits Jakob, für die Zutaten zu einem Essen zu sorgen. Auf dem kurzen Weg zur Herde.

Das steht sich gegenüber: die lange, wohl auch mühsame und anstrengende Jagd, deren Ergebnis nicht sicher sein kann und der kurze und  auf jeden Fall erfolgversprechende Weg zur Herde. Jakob muss nur zwei gute Böcklein heraus greifen. Das wird er ja wohl können. Alles andere ist Rebekkas Sache.

11 Jakob aber sprach zu seiner Mutter Rebekka: Siehe, mein Bruder Esau ist rau, doch ich bin glatt; 12 so könnte vielleicht mein Vater mich betasten, und ich würde vor ihm dastehen, als ob ich ihn betrügen wollte, und brächte über mich einen Fluch und nicht einen Segen. 13 Da sprach seine Mutter zu ihm: Der Fluch sei auf mir, mein Sohn; gehorche nur meinen Worten, geh und hole mir.

            Jakob wird von Skrupeln geplagt. Nicht wegen der Rivalität. Nur deshalb, weil es schief gehen könnte. Er weiß, wie unterschiedlich sich beide Söhne anfühlen und ahnt: Der Vater wird tasten wollen, so wie er es immer in seiner Blindheit tut. Er könnte missverstehen: ich werde betrogen – und aus dem Willen zum Segnen könnte Zorn und Fluch werden. Es sind die Bedenken dessen, der um den Erfolg der Aktion bangt, nicht aber um ihre ethische Vertretbarkeit.

Lass mich nur machen! Beruhigt die Mutter. Und nimmt den möglichen Fluch, so scheint es, leichten Herzens auf sich. So sicher ist sie sich ihrer Sache. Auch diese Worte unterstreichen: alles, was hier geschieht, ist Rebekkas Werk. Sie ist die Verantwortliche. Jakob ist nur ihr Zuarbeiter, Handlanger.

14 Da ging er hin und holte und brachte es seiner Mutter. Da machte seine Mutter ein Essen, wie es sein Vater gerne hatte, 15 und nahm Esaus, ihres älteren Sohnes, Feierkleider, die sie bei sich im Hause hatte, und zog sie Jakob an, ihrem jüngeren Sohn. 16 Aber die Felle von den Böcklein tat sie ihm um seine Hände und wo er glatt war am Halse. 17 Und so gab sie das Essen mit dem Brot, wie sie es gemacht hatte, in die Hand ihres Sohnes Jakob.

Jakob gehorcht. Vielleicht ist er deshalb ja auch der Sohn, den Rebekka liebt. Es beginnt eine Maskerade, um den alten, blinden Mann zu täuschen. Jakob wird zu Esau gemacht. In seine Kleider gesteckt, mit rauer Haut versehen. So verkleidet trägt er das Essen, das ganz so ist, wie es sein Vater gerne hat, zu Isaak. In allem, was hier geschieht heißt es immer: sie… Sie bereitet das Essen, kleidet ein, sorgt für die richtige Haut. Alles ist Rebekkas Werk. Der ganze falsche Esau.

18 Und er ging hinein zu seinem Vater und sprach: Mein Vater! Er antwortete: Hier bin ich. Wer bist du, mein Sohn? 19 Jakob sprach zu seinem Vater: Ich bin Esau, dein erstgeborener Sohn; ich habe getan, wie du mir gesagt hast. Komm nun, setze dich und iss von meinem Wildbret, auf dass mich deine Seele segne.

Jetzt muss Jakob seinen Part spielen. Das kann ihm Rebekka nicht abnehmen. So geht er zum Vater. Mein Vater, ’abi,  sagt er – das gleiche Wort, das der Junge Isaak auf dem Weg zum Berg Morija an Abraham (22,7) gerichtet hatte. Und dort wie hier Auftakt einer Täuschung. Nun beginnen Jakobs „Lügen“, gleich mit der ersten Antwort auf die Frage: Wer bist du, mein Sohn? Er stellt sich vor: Ich bin Esau, dein erstgeborener Sohn. Es hätte genügt: Ich bin Esau. Der Zusatz: dein erstgeborener Sohn weist darauf hin, worum es gehen wird: um den Segen, den Isaak seinem Erstgeborenen zugedacht hat.

Man sieht förmlich, wie Jakob den alten Mann aufrichtet. Setz dich. Lass es dir schmecken. Wohl bekomm’s. Und dann segne mich, aus Herzensgrund. Ob man hinter dieser ganzen Maskerade und diesem Falschspiel auch das sehen darf: Jakob „Buhlt um die Zuneigung des Vaters ohne der sein zu können, der er in Wahrheit ist.“ (R.Lux, aaO;; S.37) Ich bin da eher zögerlich, weil mir das zu sehr von heute her gedacht erscheint.

20 Isaak aber sprach zu seinem Sohn: Wie hast du so bald gefunden, mein Sohn? Er antwortete: Der HERR, dein Gott, bescherte mir’s. 21 Da sprach Isaak zu Jakob: Tritt herzu, mein Sohn, dass ich dich betaste, ob du mein Sohn Esau bist oder nicht. 22 So trat Jakob zu seinem Vater Isaak. Und als er ihn betastet hatte, sprach er: Die Stimme ist Jakobs Stimme, aber die Hände sind Esaus Hände. 23 Und er erkannte ihn nicht; denn seine Hände waren rau wie Esaus, seines Bruders, Hände.

Isaak aber wirkt noch immer ein wenig irritiert. Er hat nicht vergessen, dass die Jagd kein einfaches Geschäft ist, oft genug sehr zeitaufwändig. So fragt er nach und erhält eine Antwort, die dem Leser doch die Haare zu Berge stehen lässt. Der HERR, dein Gott, bescherte mir’s.  So unverfroren wird Gott vor den Karren der eigenen Interessen gespannt. Es ist „die schlimmste seiner Lügen.“ (G. v. Rad, aaO. S. 241) Aber auch: Was für eine Distanz von Vater und Sohn zeigt sich hier: Der HERR, dein Gott. Ist dieser HERR nicht auch der Gott Jakobs? Sieht er die Frömmigkeit des alten, blinden Mannes mit einem Achselzucken kann, nützt sie, um lästiges Nachfragen abzuwimmeln?

Was für ein Umgang mit Sätzen des Glaubens wird hier sichtbar! Die Missbrauchbarkeit von Religion. Die Missbrauchbarkeit von Gut-Gläubigkeit. Die Missbrauchbarkeit von frommen Worten.  Wie oft hat sich dieses Rede-Verhalten des Jakob wiederholt in der Geschichte, dass fromme Vokabeln zu Täuschungsmitteln wurden, dass der Name Gottes schändlich missbraucht worden ist. Auch von frommen Leuten. Auch von Kirchen. Auch von solchen, zu denen wir aufschauen. Kirchenvätern. Glaubens-Vätern und Glaubens-Müttern. So schutzlos ist Gott, wenn er in den „Mund“ von Menschen gerät.

            Isaak fragt dennoch nach. Tastet nach. Und merkt den Zweispalt: Jakobs Stimme, aber Esaus Haut. Und doch, so wird Isaak getäuscht. Er glaubt, Esau zu erkennen, aber er erkennt Jakob nicht. Der Betrug fliegt nicht auf.

Und er segnete ihn 24 und sprach: Bist du mein Sohn Esau? Er antwortete: Ja, ich bin’s. 25 Da sprach er: So bringe mir her, mein Sohn, zu essen von deinem Wildbret, dass dich meine Seele segne. Da brachte er’s ihm und er aß; und er trug ihm auch Wein hinein und er trank. 26 Und Isaak, sein Vater, sprach zu ihm: Komm her und küsse mich, mein Sohn! 27 Er trat hinzu und küsste ihn.

So wird er willig, den, der vor ihm steht, den er nicht sieht, nicht erkennt, zu segnen. Fragt noch einmal und wird noch einmal belogen. Isaak ißt und trinkt und ihm ist wohl. So ruft er nun den Sohn, um sich von ihm küssen zu lassen. Jakob aber tritt herzu und küsst ihn. Was für ein Kuss! Falsch – oder doch wirklich? Der Kuss eines Sohnes für den Vater. Aus Zuneigung? Oder nur, um die Rolle formvollendet zu spielen?

Da roch er den Geruch seiner Kleider und segnete ihn und sprach: Siehe, der Geruch meines Sohnes ist wie der Geruch des Feldes, das der HERR gesegnet hat. 28 Gott gebe dir vom Tau des Himmels und von der Fettigkeit der Erde und Korn und Wein die Fülle. 29 Völker sollen dir dienen, und Stämme sollen dir zu Füßen fallen. Sei ein Herr über deine Brüder, und deiner Mutter Söhne sollen dir zu Füßen fallen. Verflucht sei, wer dir flucht; gesegnet sei, wer dich segnet!

Als sie einander so nahe kommen, riecht Isaak noch einmal „Esau“. Den Geruch seiner Kleider. Jetzt ist er sich seiner Sache sicher. Er kann ihn ja riechen! Er segnet ihn – der Leser weiß: Jakob ist es, den Isaak segnet. Isaak weiß es nicht. Es ist – Tau des Himmels und von der Fettigkeit der Erde und Korn und Wein die Fülle – ein Segen für einen Landmann, einen Bauern. Nicht für einen Jäger. Aber es ist auch ein Segen für einen Herrscher. Es ist der Segen für das Oberhaupt der Familie, für den, dem alle anderen dienen sollen. Sei ein Herr über deine Brüder, und deiner Mutter Söhne sollen dir zu Füßen fallen.

Ein Segen, der auch an den Segen des Herrn für Abraham anknüpft:  Verflucht sei, wer dir flucht; gesegnet sei, wer dich segnet! sagt Isaak. „Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“(1. Mose 12,3)  hatte der HERR Abraham zugesagt. Es geht beim Segen in den Vätererzählungen immer um mehr als nur um persönliche Glücks- oder Heilserfahrungen und Heilszusagen. Es geht um den Weg Israels, um das Volk, das durch den einzelnen Gesegneten repräsentiert ist. Die Erzähler vergessen es nie: Sie erzählen Geschichte Israels, indem sie vom Weg der Familien erzählen, von Abraham, Isaak und Jakob, auch von Sara, Rebekka und später Rahel und Lea.

Schamlos erschlichen ist dieser Segen. Durch eine ganze Kette von Lügen. Aber: Das Orakel gilt vor der Zeit der Geburt schon. Und jetzt zeigt sich: Der von Gott Erwählte ist ein Mensch, der vor Lügen nicht zurück schreckt. Und doch wird er ein vollkommener Mann genannt! Wir lernen es schon im Voraus: „Der Gott Jakobs  offenbart sich nicht einem Menschen, der sich als korrekt kennt oder hinstellt, sondern einem Sünder.“ (H. Seebass, Genesis II/2, Vätergeschichte II(23,1 – 36,43), Neukirchen 1998, S.309)  Jakob ist ein Lügner – und doch ein Gesegneter.

 

Gott, Du segnest. Du schenkst dem Segen von Menschen Deine Kraft. Du gibst Dein Leben, Deine Segenskraft Gerechten und Ungerechten, Bösen und Guten.

Es ist so merkwürdig: Der Himmel stürzt nicht ein, wenn wir uns durchs Leben lügen, andere übervorteilen, uns selbst sichern.

Du siehst das alles und hältst fest an uns, nicht in ausgleichender Gerechtigkeit -in einem Erbarmen, das ich nie begreifen werde. Dafür danke ich Dir. Amen