Zwillinge

  1. Mose 25, 19 – 34

19 Dies ist das Geschlecht Isaaks, des Sohnes Abrahams: Abraham zeugte Isaak. 20 Isaak aber war vierzig Jahre alt, als er Rebekka zur Frau nahm, die Tochter Betuëls, des Aramäers aus Mesopotamien, die Schwester des Aramäers Laban.

 

Bevor weiter erzählt wird, lesen wir eine kurze Zusammenfassung, wie eine Erinnerung, wer Isaak ist. Dazu braucht es den Verweis auf seine Herkunft. Für die analysierende Bibelwissenschaft sind diese beiden Verse Einsprengsel aus einer anderen Quellenschrift, die in den Erzählgang eingefügt sind.

21 Isaak aber bat den HERRN für seine Frau, denn sie war unfruchtbar. Und der HERR ließ sich erbitten, und Rebekka, seine Frau, ward schwanger.

            Wir erinnern uns: Isaak gewinnt Rebekka lieb. Umso schmerzhafter ist es, dass sie unfruchtbar ist, einfach über langer Zeit hin nicht schwanger wird. Das Schicksal der Sara, lange Zeit auf den ersehnten Sohn warten zu müssen, wiederholt sich bei Rebekka. Es ist, auch heute, eine der großen Belastungen, wenn der Wunsch nach Kindern unerfüllt bleibt. Was, so wissen wir es besser als frühere Zeiten, nicht automatisch an der Frau liegen muss. Hier ist es im Fortgang der Erzählung die Erinnerung daran: Kinder sind Gabe, sie werden nicht gemacht.

Darum wird Isaak einer, der den HERRN bittet. Für seine Frau. Aber doch genauso auch für sich selbst. Und vielleicht auch, wenn denn der Vater Abraham ihm die Verheißung Gottes erzählt und weiter gegeben hat, auch für die Verheißung Gottes. Beten ist oft genug, Gott in den Ohren liegen: du hast doch versprochen….

Isaaks Gebet läuft nicht ins Leere. Der HERR ließ sich erbitten. Das ist das Zeugnis nicht nur dieser Geschichte:  Isaak bittet, der Herr lässt sich erbitten. Wir glauben an einen Gott, der unser Beten hört. Manchmal erst nach langer Zeit. Manchmal auch in einer Weise hört, wie wir es nicht erwartet haben. Hier nun: Rebekka wird schwanger. Man könnte auch sagen: Wie gut, Isaak und Rebekka haben nicht aufgegeben.

 22 Und die Kinder stießen sich miteinander in ihrem Leib.

             Ganz nebenbei erfährt der Leser: Rebekka ist mit Zwillingen schwanger. Er erfährt es wie Rebekka: Weil diese Kinder schon im Mutterleib einander stoßen, treten. Sich gegenseitig  nicht in Ruhe lassen.

 Da sprach sie: Wenn mir’s so gehen soll, warum bin ich schwanger geworden? Und sie ging hin, den HERRN zu befragen. 23 Und der HERR sprach zu ihr: Zwei Völker sind in deinem Leibe, und zweierlei Volk wird sich scheiden aus deinem Leibe; und ein Volk wird dem andern überlegen sein, und der Ältere wird dem Jüngeren dienen.

             So hart setzt die Schwangerschaft, dieser „Krieg im Leib“ ihr zu, dass sie regelrecht verzweifelt. Wer ihr sagen wollte: „Schwangerschaft ist schön“, würde wohl heftigen Widerspruch ernten. Mit diesen Schmerzen, körperlich und seelisch, geht sie zu einem Heiligtum, den HERRN zu befragen. Ihr Weg ist der normale Weg damaliger Medizin – Arztkunst und Heiligtum sind eng miteinander verbunden. Rebekka will wissen, was da mit ihr geschieht, in ihr geschieht.

Sie erhält Antwort. Der Orakelspruch geht weit über eine medizinische Diagnose hinaus. Er ist eine Deutung der Zukunft, nicht nur der Zukunft der beiden Kinder in ihrem Leib, sondern der Zukunft der beiden Völker in ihrem Leib. „Das JHWH-Orakel hebt die Familiengeschichte auf die Ebene der Volksgeschichte“ (R.Lux, Und dann ist alles anders, Texte zur Bibel 25; Neukirchen 2009; S.25) Zunächst also: Rebekka wird Zwillinge gebären. Mit dieser Geburt wird sie Stamm-Mutter zweier Völker werden. Dabei wird es um Herrschaft und Unterlegensein gehen. Im Verhältnis der beiden Söhne aber wird sich das normale Erbfolge-Verhältnis umkehren: Der Ältere wird dem Jüngeren dienen. Darf man übertragen: das ältere Volk wird dem jüngeren unterlegen sein – was auch immer das heißt?

Es ist gut, sich zu erinnern: auch Abraham wird zum Stamm-Vater zweier Linien. Die eine Linie ist die der Verheißung, die mit Isaak verbunden ist, dem Sohn der Sara. Die andere Linie ist die Linie Ismaels, des Sohnes der Hagar. Zwei Linien aus zwei Frauen, mit einem Vater. Hier nun: Zwei Völker aus einer Mutter. Und so, wie bei Abraham die Verheißung nur in einer Linie ihre Geschichte findet, so wird es auch bei denen aus der Rebekka sein: Die Verheißung wird an einen gebunden, an den Jüngeren. Über ewiges Heil und Unheil der Beiden, auch der Völker aus beiden wird hier nichts gesagt. „Es geht hier um ihre Stellung und ihre geschichtliche Aufgabe, um die Frage, wie Gott vorgehe bei der Durchführung seines Heilsplanes mit der ganzen Welt.“ (H.J. Bräumer, aaO.S. 258) In dieser Frage wird der Jüngere mit seiner Nachkommenschaft eine andere Rolle spielen als der Ältere mit seinen Nachkommen.

Hier wird nicht nur die Geschichte einer etwas schmerzhaften und komplizierten Schwangerschaft erzählt, sondern hier wird Geschichte gedeutet, Heilsgeschichte. Sie wird schon vorgeburtlich an den Jüngeren gebunden. Vor allem Verdienst und vor dem Nachweis auch nur der geringsten Würdigkeit.

  24 Als nun die Zeit kam, dass sie gebären sollte, siehe, da waren Zwillinge in ihrem Leibe. 25 Der erste, der herauskam, war rötlich, ganz rau wie ein Fell, und sie nannten ihn Esau. 26 Danach kam heraus sein Bruder, der hielt mit seiner Hand die Ferse des Esau, und sie nannten ihn Jakob. Sechzig Jahre alt war Isaak, als sie geboren wurden.

             Als die Zeit erfüllt ist. Die biblischen Autoren wissen das: „alles hat seine Zeit“(Prediger 3,1), braucht seine Zeit. Auch gebären. Als es so weit ist – Überraschung! Siehe! Wer es bis jetzt noch nicht verstanden hat: Rebekka gebiert Zwillinge. Sie sind, allen Schwierigkeiten in der Schwangerschaft und auch später zum Trotz „Kinder des Erbarmens JHWHs mit dem kinderlosen Paar.“ (R.Lux, aaO; S.26) Der Ältere – „der Rote“. Einer mit rauer Haut und rötlich vom Ansehen. Rothaarig? Sein Name Esau greift auf dieses Erscheinungsbild zurück. Ihm folgt der jüngere Bruder, der ihn an der Ferse, hebr. ‛akeb, hält. Und auch hier deutet der Name wieder sein Erscheinen an: Jakob, der Fersenhalter.

             Bleibt noch die Anmerkung: die beiden Jungen haben einen „alten Vater“. Isaak ist sechzig Jahre. Nach heutiger Empfindung kein absolutes Schreckensalter, um noch einmal Vater zu werden. Es gibt ja dieses Heer der alten Väter, das sogar eine eigene Bezeichnung gefunden hat. Das sind die Doby’s =Daddy old baby young. Für frühere Zeiten aber ist der sechzigjährige Vater uralt.

 27 Und als nun die Knaben groß wurden, wurde Esau ein Jäger und streifte auf dem Felde umher, Jakob aber ein gesitteter Mann und blieb bei den Zelten. 28 Und Isaak hatte Esau lieb und aß gern von seinem Wildbret; Rebekka aber hatte Jakob lieb.

             Die beiden Knaben entwickeln sich unterschiedlich. Offensichtlich keine Ei-eiigen Zwillinge. Esau ein Jäger, einer für draußen, wohl nicht der sanfteste Mensch. Jakob dagegen ist häuslich. Immer in der Nähe.  Bei den Zelten. Ein vollkommener Mann, so kann man auch übersetzen: iš tam. Eine Bezeichnung, die im Alten Testament sonst nur Noah und Hiob zuteil wird! „Jakob zählt damit zu den großen Gerechten Israels“. (R.Lux, aaO. S.27) So unterschiedlich wie die beiden sind, lösen sie auch unterschiedlich Zuneigung aus. Esau ist Isaaks „Sohn“, Jakob ist Rebekkas „Junge“.

             Es ist wohltuend, wie nüchtern der Schreiber hier den Mythos aufbricht: Eltern haben alle Kinder gleich lieb. Das gehört zum festen Bestand der Familien-Lügen. Es gibt Papa-Kinder und Mama-Kinder. Es gibt die unterschiedliche Liebe, die nicht wertet, aber eben unterscheidet.  Das eine Kind braucht mehr an Zuwendung als das andere. Das eine Kind ist leichter zugänglich als das andere. Das eine hat den Draht eher zum Vater, das andere ist mit der Mutter auf einer Wellenlänge unterwegs.  Wenn Isaak und Rebekka mit ihrer unterschiedlichen Zuneigung uns heute dazu helfen, hier ehrlicher zu werden im Wahrnehmen der eigenen Gefühlen, so ist das wirklich große Hilfe.  Über so lange Zeit hinweg.

29 Und Jakob kochte ein Gericht. Da kam Esau vom Feld und war müde 30 und sprach zu Jakob: Lass mich essen das rote Gericht; denn ich bin müde. Daher heißt er Edom.

            Immerhin: die beiden so unterschiedlichen Brüder reden miteinander. Sie kommunizieren. Esau, erschöpft von der Jagd, müde, hungrig, sieht, dass Jakob gekocht hat. Irgendwelches rotes Zeug. Lass mich essen von dem Roten. Sagt er, der Rote. Edom.

31 Aber Jakob sprach: Verkaufe mir heute deine Erstgeburt. 32 Esau antwortete: Siehe, ich muss doch sterben; was soll mir da die Erstgeburt? 33 Jakob sprach: So schwöre mir zuvor. Und er schwor ihm und verkaufte so Jakob seine Erstgeburt. 34 Da gab ihm Jakob Brot und das Linsengericht, und er aß und trank und stand auf und ging davon. So verachtete Esau seine Erstgeburt.

            Jakob geht auf die Bitte ein. Aber er stellt Bedingungen. Er will einen Handel: Stillung des Hungers jetzt gegen den Verzicht auf Zukunfts-Rechte. Essen gegen das Recht der Erstgeburt. Die einklagbare Erbfolge. Esau antwortet: „Was ist schon Zukunft. Sicher ist nur der Tod. Aber ich habe jetzt Hunger.“ So kommt der Handel zustande. Der Hunger Esaus wird gestillt.  Es ist große Erzähl-Kunst, so lapidar zu formulieren:  er aß und trank und stand auf und ging davon.

            Der nachfolgende Satz aber lässt keinen Zweifel an der Position des Schreibers. So verachtete Esau seine Erstgeburt. Viel deutlicher kann man seine Missbilligung für dieses Verhalten Esaus nicht zum Ausdruck bringen.

            Zwei Typen, dem Leben zu begegnen, werden hier gegenüber gestellt. Der eine, Esau, ist der Mensch des Augenblicks. Alles ist nur jetzt. Bedürfnisbefriedigung. Bert Brecht grüßt: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“. (Bert Brecht, Dreigroschenoper) So ist die Welt und so ist sie in Ordnung. Der andere dagegen, Jakob, denkt weiter. Denkt und plant Zukunft. Mag sein, der Handel ist nicht ganz koscher. Aber er ist gerechtfertigt. Man muss in dieser Welt weiter denken als bis zum nächsten Eintopf-Teller. Das Zauberwort „Nachhaltigkeit“ lässt in Jakobs  Handel grüßen.

„Über Jakob fällt kein negatives Wort!“ (R.Lux, aaO. S.29) Man darf nicht vergessen: Jakob ist der, der in diesem dubiosen Handel, den er nicht anfängt, sondern in dem er nur reagiert, einen ersten Schritt tut, um den Orakel-Spruch, den die Mutter empfangen hat, wirklich, wirksam werden zu lassen. Auch Orakel-Worte erfüllen sich nicht einfach so, senkrecht von oben. Sie sind wie Handlungsanweisungen für die, denen sie gelten.

 

Dass das Leben weitergeht, ist Dein Geschenk, mein Gott. Wie es weitergeht ist unsere Aufgabe, liegt auch in unseren Händen, unseren Beschlüssen, Begierden, Hoffnungen.

Du willst uns auf Deinen Wegen, auch die mit den ungünstigen Startchancen, die nur als Zweite oder Dritte oder gar aus einer der hintersten Reihen kommen.

Gib Du, dass wir unsere Chancen ergreifen, unsere Möglichkeiten nützen. Und schenke es, dass deswegen keiner zurückstehen muss oder das eigene Recht auf seinen Weg verliert. Amen