Zeit – keine Eile

  1. Mose 24. 50 – 67

50 Da antworteten Laban und Betuël und sprachen: Das kommt vom HERRN, darum können wir nichts dazu sagen, weder Böses noch Gutes. 51 Da ist Rebekka vor dir, nimm sie und zieh hin, dass sie die Frau sei des Sohnes deines Herrn, wie der HERR geredet hat.

            So vorsichtig der Knecht Abrahams auch geredet hatte, seine Botschaft ist angekommen. Laban und Betuël, der Bruder und der Vater, haben verstanden. Wenn es der Weg des HERRN ist, wer sind sie, dass sie sich dem verweigern könnten. Rebekka aber wird gar nicht mehr gefragt:  Da ist Rebekka vor dir, nimm sie und zieh hin. Jetzt zeigt sich doch deutlich, dass die Geschichte in einer Männergesellschaft erzählt ist.

Eine kleine „Übertreibung“ liegt auch in den Worten. Der HERR hat in der ganzen Angelegenheit nicht ein Wort gesagt. Schon gar nicht hat er gesagt: Rebekka ist es, die Frau, die ich für Isaak bestimmt habe. Es ist späteren, „frömmeren“ Zeiten vorbehalten zu behaupten: Ehen werden im Himmel geschlossen. Hier dagegen geht es ausgesprochen irdisch zu. Aber der HERR hat gehandelt, geführt, die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt an den richtigen Platz gebracht. Das ist „Reden“ genug.

52 Als Abrahams Knecht diese Worte hörte, neigte er sich vor dem HERRN bis zur Erde.

Das ist überraschend und deutet die Situation jetzt noch einmal anders: Nicht vor den beiden Männern schon gar nicht vor den möglicherweise auch anwesenden Frauen der Familie verbeugt sich Abrahams Knecht. Sondern er neigt sich vor dem Herrn zur Erde. Ehre, wem Ehre gebührt – und hier gebührt sie zuerst und zuletzt dem Herrn, der im Hintergrund handelt.

“Gott spannt leise feine Fäden,  die du leicht ergreifen kannst.”                                                 C. Bittlinger, CD Jeder Mensch braucht einen Menschen 1984 

 53 Danach zog er hervor silberne und goldene Kleinode und Kleider und gab sie Rebekka; auch ihrem Bruder und der Mutter gab er kostbare Geschenke. 54 Dann aß und trank er samt den Männern, die mit ihm waren, und sie blieben über Nacht allda.

            Jetzt wird es bunt, „orientalisch“. Jede und jeder bekommt etwas ab, Geschenke aus dem reichen Fundus, den Abrahams Knecht mit sich geführt hat. Für Rebekka, ihre Mutter und ihren Bruder. Der Vater Betuël, so scheint es, geht leer aus. Es folgt eine Gelage unter Männern. Die ganze Nacht hindurch? Wahrscheinlich gibt es viele Geschichten, die man sich erzählt. Man sieht sich schließlich nicht alle Tage

 Am Morgen aber standen sie auf und er sprach: Lasst mich ziehen zu meinem Herrn.

            Als der neue Tag, der Morgen da ist, will Abrahams Mann ziehen. Er will sich nicht weiter aufhalten. Er hat es eilig. Geradezu unhöflich eilig.

55 Aber ihr Bruder und ihre Mutter sprachen: Lass doch das Mädchen noch einige Tage bei uns bleiben; danach sollst du ziehen. 56 Da sprach er zu ihnen: Haltet mich nicht auf, denn der HERR hat Gnade zu meiner Reise gegeben. Lasst mich, dass ich zu meinem Herrn ziehe.

            Bruder und Mutter, wieder ist vom Vater keine Rede, machen Einwände. Nicht jetzt sofort. Lass noch Zeit. Sie wissen ja: das wird ein Abschied für immer. Es eilt doch nicht so. auf einige Tage mehr oder weniger kommt es auch nicht an.

Die Antwort aber ist eindeutig. Jetzt.- „Haltet mich nicht auf.“ Es ist doch alles gut gelaufen – so würden wir heute sagen. Macht es einen Unterschied zu uns, dass er sagt: Der HERR hat Gnade zu meiner Reise gegeben. Viermal ist diese Wendung in der gesamten Erzählung aufgetaucht. Viermal stand es zur Frage, ob der HERR seinen Weg „gelingen, glücken lässt“. So im Hebräischen und weniger religiös angereichert als Luthers Übersetzung mit der Gnade. Und doch: Ist das nur religiöse Überhöhung? Oder zeigt sich hier der fundamentale Unterschied zu der Art, wie die Welt und das Weltgeschehen gesehen wird.

Zugespitzt gesagt: Die Schreiber der Bibel sehen die Welt als den Ort, an dem Gott handelt, durchaus weltlich handelt durch Menschen, in Gnade – und auch in Gericht. Es gibt keine Welt, die abgeschlossen ist von Gott, in der die Immanenz alles ist, was ist. Die Weltsicht unserer Zeit hat Gott aus den Augen verloren. Gottvertrauen ist eine nette persönliche Verhaltensweise, aber es ist nicht mehr dadurch gegeben, das Gott Grund und Hintergrund der Welt ist. Die Sicht auf die Welt ist bestimmt durch die Abläufe, die wir sehen und machen, nicht durch den Gott, der der Grund der Welt wäre.

Mir ist dieses Wort biographisch wichtig. Vor einer schwierigen Operation für damalige Zeiten, 1960, hat mein Vater am Tag, an dem er sich für oder gegen  die Operation zu entscheiden hatte, dieses Wort im Losungsbuch gelesen. Damit war die Entscheidung gefallen.

57 Da sprachen sie: Wir wollen das Mädchen rufen und fragen, was sie dazu sagt. 58 Und sie riefen Rebekka und sprachen zu ihr: Willst du mit diesem Manne ziehen? Sie antwortete: Ja, ich will es. 59 Da ließen sie Rebekka, ihre Schwester, ziehen mit ihrer Amme, samt Abrahams Knecht und seinen Leuten. 60 Und sie segneten Rebekka und sprachen zu ihr: Du, unsere Schwester, wachse zu vieltausendmal tausend, und dein Geschlecht besitze die Tore seiner Feinde.

            Jetzt wird nachgeholt, was am Abend zuvor versäumt worden war. Rebekka wird gefragt. Auf den ersten Blick geht es nur um den Aufschub der Reise. Aber die Frage nimmt in Wahrheit noch einmal alles in Blick: Willst du mit diesem Manne ziehen? Das ist das Ja, das den Weg freimacht. Für sie, aber nicht für sie allein. Ihre Amme geht mit. Die Ziehmutter.

Gesegnet. Mit einem Segen, der auf Mehrung abzielt und auf Stärke. Es ist immer im Blick bei diesen alten Geschichten: Es geht nie nur um eine individuelle Lebensgeschichte, den eigenen Wege, sondern es geht immer um die Sippe, das Geschlecht, den Familienverbund. Unser individualistisches Denken ist den Schriften der Bibel völlig fremd. Der Erzähler verliert es nicht aus den Augen: Rebekka wird zu den Stamm-Müttern Israels gehören.

61 So machte sich Rebekka auf mit ihren Mägden, und sie setzten sich auf die Kamele und zogen dem Manne nach. Und der Knecht nahm Rebekka und zog von dannen.

So karg wird der Aufbruch und Abschied für immer geschildert. Unsentimental und ohne jede Äußerung zur Gefühlslage. Auffallend: Es ist Rebekkas Aufbruch!. Sie zeigt sich schon hier als die, die Initiativen ergreift. Die Karawane verschwindet für die Leute aus der Stadt Nahors am Horizont.  

62 Isaak aber war gezogen zum »Brunnen des Lebendigen, der mich sieht« und wohnte im Südlande. 63 Und er war ausgegangen, um zu beten auf dem Felde gegen Abend, und hob seine Augen auf und sah, dass Kamele daherkamen. 64 Und Rebekka hob ihre Augen auf und sah Isaak; da stieg sie eilends vom Kamel 65 und sprach zu dem Knecht: Wer ist der Mann, der uns entgegenkommt auf dem Felde? Der Knecht sprach: Das ist mein Herr. Da nahm sie den Schleier und verhüllte sich.

            Szenenwechsel. Isaak ist im Südland, am Brunnen „zwischen Kadesch und Bered.“ (1. Mose 16,14) An dem Brunnen, an dem das Leben Hagars durch den Engel Gottes gerettet worden ist. Zufall? Oder wird dieser Ort nicht auch für Isaak, der hier wohnt zum Brunnen des Lebendigen werden?

Am Abend ist Isaak auf dem Feld, um zu beten. Das legt nahe, dass dort ein Altar sein muss, irgendein Heiligtum. Aber es kommt nicht zum Beten, weil sich Kamele nahen und mit den Kamelen Leute. Es ist schön formuliert, ein Gleichklang des Verhaltens: Isaak und Rebekka  heben ihre Augen auf. Ein erste Begegnung. Auf Abstand. Auf Distanz. Verhüllt.  Über dieser Begegnung liegt noch der Schleier der Fremdheit. Und darf nur behutsam gelüftet werden. Wer ist der Mann? fragt Rebekka. Ob Isaak nicht auch gefragt hat: Wer ist das Mädchen?

66 Und der Knecht erzählte Isaak alles, was er ausgerichtet hatte. 67 Da führte sie Isaak in das Zelt seiner Mutter Sara und nahm die Rebekka und sie wurde seine Frau und er gewann sie lieb. Also wurde Isaak getröstet über seine Mutter.

Der Knecht berichtet. Eine gute Reise, unter dem Vorzeichen der Gnade. Auch wenn das hier nicht mehr gesagt wird. Aber es ist klar: Alles, was er ausrichten konnte, geschah unter Gottes Obhut.

Rebekka nimmt den Platz von Isaaks Mutter Sara ein. Sie wird in ihr Zelt geführt, das fortan das Zelt Rebekkas sein wird. „Nun ist wieder eine Ahnfrau da für den Samen Abrahams.“(G. v. Rad,     er, aaO.S.222) Der Fortgang der Verheißung ist gesichert.

            Aber nicht nur das, so zentral für den Verlauf der weiteren Erzählung es auch ist. Ungewöhnlich genug für biblische Schriften steht hier ausdrücklich: Isaak gewann sie lieb. Erst wenn man sich klar macht, wie zurückhaltend die Bibel sonst mit Gemütsbewegungen umgeht, wird erkennbar, was hier steht, auch, wie singulär das ist. Allen später folgenden Geschichten um Isaak und Rebekka zum Trotz: Dieses Paar ist und lebt eine Liebesgeschichte. Gehorsam gegen die Verheißung und Erfüllung der Liebe schließen sich nicht aus. Hier schließen sie einander ein.

Dass Rebekka  Isaak zum Trost über den früheren Tod seiner Mutter wird, mag Psychologen beschäftigen, vielleicht sogar zu Deutungen verleiten. Es könnte ein versteckter Hinweis darauf sein, dass Isaak mehr an der Mutter als an dem Vater hing, der ihm ja diesen schlimmen Gang nach Morija nicht erspart hatte. Wie auch immer. Ich finde es schön und beruhige mich mit dem Gedanken: Er hat sie nicht als Mutter-Ersatz geheiratet. Aber sie hat ihm darin geholfen, die Mutter los zulassen.

 

Du heiliger Gott, die Zeit des Aufbruchs ist Deine Zeit. Weggehen können, loslassen können, sich in die Zukunft wagen, alles legst Du in unser Herz.

Die Zeit des Ankommens ist Deine Zeit. Andere empfangen können, sie aufnehmen lernen, sich ihnen behutsam nahen, ihnen Zeit gewähren für den nächsten Schritt, die Geduld dazu legst Du uns als Deine Gabe ins Herz.

Lehre Du uns, die Zeiten des Aufbruchs und die Zeiten des Ankommens zu leben, im Wissen, dass beides, auch das Dazwischen Deine Zeit ist. Amen