Geführte Suche

  1. Mose 24, 1 – 28

 1 Abraham war alt und hochbetagt, und der HERR hatte ihn gesegnet allenthalben.

         Abraham – das Bild eines gesegneten Mannes. Alt, reich, auf guten Wegen unterwegs. Hinter diesen Segen steht der HERR. Es ist seine Fülle, seine Güte, die Abrahams Leben erfüllt hat und nicht nur das Glück und die Tatkraft Abrahams. Auch nicht nur seine Frömmigkeit.

2 Und er sprach zu dem ältesten Knecht seines Hauses, der allen seinen Gütern vorstand: Lege deine Hand unter meine Hüfte 3 und schwöre mir bei dem HERRN, dem Gott des Himmels und der Erde, dass du meinem Sohn keine Frau nimmst von den Töchtern der Kanaaniter, unter denen ich wohne, 4 sondern dass du ziehst in mein Vaterland und zu meiner Verwandtschaft und nimmst meinem Sohn Isaak dort eine Frau.

         Merkwürdig. Nicht mit Isaak, sondern mit seinem Knecht beredet Abraham, was ihm auf der Seele liegt. So weit geht der Einfluss dieses Knechtes, dass er dem Sohn eine Frau nehmen soll. Aber es ist ja nicht irgendein Knecht. Das Wort Ebed für Knecht ist ein gefülltes Wort. Das ist nicht irgendein Diener, sondern einer, der in einer intensiven Verbindung zu seinem Herrn steht. Theologisch hoch bedeutend wird das Wort Knecht bei Jesaja verwendet, wenn er vielfach vom Knecht Gottes spricht, dem Ebed Jahwe. Dieser Knecht hier ist der Älteste im Haus, der allen seinen Gütern vorstand. Es liegt nahe, hinter diesem Knecht, dessen Name in der ganzen folgenden Erzählung ungenannt bleibt, „Eliëser von Damaskus“ (1. Mose 15,2) zu sehen. Sicher ist das aber nicht.

         Eine Frau für Isaak ist sein Auftrag. Er soll dabei im Ausschlussverfahren suchen: keine von den Töchtern der Kanaaniter. Abraham vergisst es nicht: Er lebt in einem fremden Land, unter ihm fremden Leuten. Daran hat sich durch seine lange Lebenszeit nichts geändert. Hinter diesem Verbot steht wohl der Gedanke: Keine Vermischung mit den Kanaanäern –  ein Thema, das sich durch viele Erzählungen der Geschichtsbücher zieht. Nicht um das Rasse willen, eher wohl aus religiösen Gründen. Die Verbindung mit dem fremden Volk hat diev Gefahr der Religionsmischung im Gefolge.

 5 Der Knecht sprach: Wie, wenn das Mädchen mir nicht folgen wollte in dies Land, soll ich dann deinen Sohn zurückbringen in jenes Land, von dem du ausgezogen bist?

Es ist naheliegend: Soll die Suche nach der Frau notfalls zur Rückkehr nach Mesopotamien führen? Dorthin, wo Abraham einst aufgebrochen war? Das würde ja passen zu den Worten, wie sie zu Beginn des 1. Mose-Buches überliefert werden: „Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden sein “ein” Fleisch.“(1.Mose 2,24) Wird das der Weg Isaaks werden – Aufbruch in die Vergangenheit?

 6 Abraham sprach zu ihm: Davor hüte dich, dass du meinen Sohn wieder dahin bringst! 7 Der HERR, der Gott des Himmels, der mich von meines Vaters Hause genommen hat und von meiner Heimat, der mir zugesagt und mir auch geschworen hat: Dies Land will ich deinen Nachkommen geben -, der wird seinen Engel vor dir her senden, dass du meinem Sohn dort eine Frau nimmst. 8 Wenn aber das Mädchen dir nicht folgen will, so bist du dieses Eides ledig. Nur bringe meinen Sohn nicht wieder dorthin!

         Nur das nicht. Gegen die Rückkehr, auch gegen die Erfüllung der Ordnung, wie sie das Schriftwort kennt, die wohl aus matriarschalen Zeiten stammt, steht der konkrte Ruf Gottes an Abrahm. Steht die Verheißung Gottes. Dieser Ruf ist Dreh- und Angelpunkt für alles, was Abraham noch will. Das verheißene Land darf nicht preis gegeben werden. Nicht einmal um den Preis einer Ehe. „Unter keinen Umständen darf die zu gründende Ehe zu einer Umkehrung des göttlichen Heilsweges führen, den Gott mit Abraham gegangen ist.“ (G. v. Rad, aaO. S. 218) Dass diese Worte die letzten Worte Abrahams sind, die uns überleifert werden, gibt ihnen zusätzliches Gewicht.     

Es wirkt fast wie naives Vertrauen: Der Gott, der Abraham das Land verheißen hat, der ihn hierher, in die Fremde geleitet hat, der wird auch den Weg zur richtigen Frau weisen. Was Abraham anordnet, das ordnet er in diesem Vertrauen an: Gott wird den Weg weisen. Gott wird die Richtige finden. Wobei auch das zum Wissen Abrahams und der Verfasser dieser Zeilen gehört: Es wird die Bereitschaft des Mädchen brauchen. Der Knecht Abrahams wird nicht geschickt, um eine Frau zu kaufen, auch gegen ihren Willen. Er soll eine Frau werben. Auf diesem Weg wird ihn der Engel Gottes leiten.

Es ist ein gerne erhobener Vorwurf gegen biblische Geschichten, zumal des Alten Testaments, dass sie nur aus der Perspektive der Männer erzählt seien. Das mag sein. Aber hier zeigt sich ein großer Respekt vor der zukünftigen Frau Isaaks, die Abrahams Mann suchen soll. Sie wird nicht gezwungen sein. Sie muss aus einer inneren Freiheit heraus den Weg zu Isaak, in die Fremde gehen können.

9 Da legte der Knecht seine Hand unter die Hüfte Abrahams, seines Herrn, und schwor es ihm. 10 So nahm der Knecht zehn Kamele von den Kamelen seines Herrn und zog hin und hatte mit sich allerlei Güter seines Herrn und machte sich auf und zog nach Mesopotamien, zu der Stadt Nahors.

Der Auftrag wird mit einem Schwur besiegelt. Die Hüfte, auf die er die Hand zum Schwur legt, ist das „Symbol der Nachkommenschaft.“ (H.J. Bräumer, , aaO; S.230) Es geht in allem, was hier verhandelt wird, um die Zukunft, darum, dass der Verheißungsweg weitergeht. Durch diesen Schwur ist der Knecht gebunden. So zieht der Knecht los, reichlich ausgestattet mit Gütern, wohl Geschenken. Es sind immerhin zehn Kamele. Das ist schon eine stattliche Gesandtschaft. Aber Abraham ist ja auch kein armer Mann.

11 Da ließ er die Kamele sich lagern draußen vor der Stadt bei dem Wasserbrunnen des Abends um die Zeit, da die Frauen pflegten herauszugehen und Wasser zu schöpfen. 12 Und er sprach: HERR, du Gott Abrahams, meines Herrn, lass es mir heute gelingen und tu Barmherzigkeit an Abraham, meinem Herrn! 13 Siehe, ich stehe hier bei dem Wasserbrunnen, und die Töchter der Leute in dieser Stadt werden herauskommen, um Wasser zu schöpfen. 14 Wenn nun ein Mädchen kommt, zu dem ich spreche: Neige deinen Krug und lass mich trinken, und es sprechen wird: Trinke, ich will deine Kamele auch tränken -, das sei die, die du deinem Diener Isaak beschert hast, und daran werde ich erkennen, dass du Barmherzigkeit an meinem Herrn getan hast.

Folgt der Knecht Abrahams einem Zeitplan? Er kommt zu einer günstigen Zeit vor der Stadt Nahors an. Gegen Abend, wenn die Zeit ist, da die Frauen pflegten herauszugehen und Wasser zu schöpfen. Zufall oder geschickte Planung? Das bleibt offen. Viel später wird wieder eine Wasserstelle eine wichtige Rolle spielen, diesmal bewusst aufgesucht. „Am Sabbattag gingen wir hinaus vor die Stadt an den Fluss, wo wir dachten, dass man zu beten pflegte, und wir setzten uns und redeten mit den Frauen, die dort zusammenkamen.“(Apostelgeschichte 16,13) Es ist nicht dumm, die Orte aufzusuchen, die von Menschen auch sonst aufgesucht werden.

Ist dieser Knecht Abrahams ein frommer Mann? Geht es um Zeichen seiner Frömmigkeit, wenn sein Gebet, ich würde lieber sagen: sein Nachdenken vor Gott, erzählt wird? Ich spüre ein wenig Distanz in seinem Gebet: HERR, du Gott Abrahams. Es ist völlig offen, ob dieser Gott Abrahams auch sein Gott ist. Er ruft ihn an, weil es um einen Angelegenheit Abrahams geht. Er rechnet damit, dass der Gott Abrahams sich dafür zuständig fühlen wird. 

Hinter der Erzählung steht eine Sicht auf das Leben, die uns heute fremd geworden ist, die hier aber deutlich gezeigt wird: Man darf sich in den eigenen Lebensentscheidungen den Führungen Gottes anvertraut. Nichts ist zufällig. Lass es mir heute gelingen bittet der Knecht, bevor er handelt.  Es ist auch möglich zu übersetzen: „Füge es doch heute vor mir!“Uns mag es „weltfremd“ erscheinen, dieses Gottvertrauen. Für den Erzähler ist es der tragende Grund des Lebens. Menschen werden, wenn sie es sich nur gefallen lassen, geführt in ihren Lebensentscheidungen.

Obendrein. Man darf dabei auch auf die eigene Vernunft setzen. Denn es ist doch eine kluge Überlegung: Eine junge Frau, die nicht nur der Bitte eines Fremden nachkommt, sondern auch an die Kamele dieses Fremden denkt und für sie sorgt, hat ein gutes, mitfühlendes Herz. Sie ist gehorsam und aufmerksam zugleich. Wer so handelt, ist jemand, die auch einen Hauswesen gut wird vorstehen können. Ein Mensch mit eigener Entscheidungsfähigkeit. Gut geeignet, um Frau eines Herdenfürsten zu sein.

15 Und ehe er ausgeredet hatte, siehe, da kam heraus Rebekka, die Tochter Betuëls, der ein Sohn der Milka war, die die Frau Nahors, des Bruders Abrahams, war, und trug einen Krug auf ihrer Schulter. 16 Und das Mädchen war sehr schön von Angesicht, eine Jungfrau, die noch von keinem Manne wusste. Die stieg hinab zum Brunnen und füllte den Krug und stieg herauf. 17 Da lief ihr der Knecht entgegen und sprach: Lass mich ein wenig Wasser aus deinem Kruge trinken. 18 Und sie sprach: Trinke, mein Herr! Und eilends ließ sie den Krug hernieder auf ihre Hand und gab ihm zu trinken. 19 Und als sie ihm zu trinken gegeben hatte, sprach sie: Ich will deinen Kamelen auch schöpfen, bis sie alle genug getrunken haben. 20 Und eilte und goss den Krug aus in die Tränke und lief abermals zum Brunnen, um zu schöpfen, und schöpfte allen seinen Kamelen.

         Kann Rebekka Gedanken lesen? Sicher nicht. Aber als sie auftritt, verhält sie sich genau so, wie es sich der Knecht Abrahams im Stillen vor Gott überlegt hatte. Es ist, als würde sie Wort für Wort erfüllen, was zuvor als Gedankenspiel vor Gott ausgebreitet worden ist. So wird das überraschende aber doch auch wieder alltägliche Verhalten zum Zeichen. Zeichen müssen nicht immer größere oder kleinere Naturwunder sein. Hier spielt sich alles im Bereich des Natürlichen ab – und ist doch für den zuschauenden Knecht ein Zeichen. Dass sie auch noch schön ist, ist eine Zugabe. Dass sie die Tochter Betuëls, der ein Sohn der Milka war, die die Frau Nahors, des Bruders Abrahams, ist, das zeigt: Gott hat die Reise des Knechtes geleitet. Er hat die Regie in allem, was hier geschieht.

21 Der Mann aber betrachtete sie und schwieg still, bis er erkannt hätte, ob der HERR zu seiner Reise Gnade gegeben hätte oder nicht.

Darum ist für den Mann, den Knecht Abrahams auch nicht Eile geboten, sondern warten, hinschauen, still sein. In diesem Inhalte soll und will er  dessen gewahr werden, ob der HERR zu seiner Reise Gnade gegeben hätte oder nicht. Das ist offen formuliert. Weil es ja nicht von vornherein feststeht. Immerhin hat auch Abraham mit der Möglichkeit gerechnet, dass diese Brautwerbung ins Leere laufen könnte.

Das macht das Zusammenspiel deutlich, das hier vorliegt. Es gibt erst einmal das schlichte Geschehen vor aller Augen. Das könnte ein Zeichen von Gott sein. Aber es hängt auch an dem Urteil dieses Menschen, ob er das so sieht, das von Gott her geschieht, was geschieht, dass Gott Barmherzigkeit tut, Gnade gibt, chäsäd (hbr.) erweist

22 Als nun die Kamele alle getrunken hatten, nahm er einen goldenen Stirnreif, sechs Gramm schwer, und zwei goldene Armreifen für ihre Hände, hundertundzwanzig Gramm schwer, 23 und sprach: Wessen Tochter bist du? Das sage mir doch! Haben wir auch Raum in deines Vaters Hause, um zu herbergen? 24 Sie sprach zu ihm: Ich bin die Tochter Betuëls, des Sohnes der Milka, den sie dem Nahor geboren hat. 25 Und sagte weiter zu ihm: Es ist auch viel Stroh und Futter bei uns und Raum genug, um zu herbergen.

Der Durst ist gestillt, bei Mensch und Tier. Jetzt holt Abrahams Mann ein erstes Geschenk heraus. Kostbar und wird so erkennbar als jemand von Gewicht. Jetzt erkundigt er sich über das Mädchen und erfährt, wer sie ist. Das gibt Auskunft über ihre Identität, aus welcher Familie sie stammt. Wer Vater und Großvater ist. Rebekka kann nicht wissen, was ihre Auskunft über ihre Herkunft für den Fragenden bedeutet. Was sie wissen kann ist, dass sie ihm Gastfreundschaft anbietet, Raum genug, um zu herbergen, ihn, seine Leute und seine Tiere.

26 Da neigte sich der Mann und betete den HERRN an 27 und sprach: Gelobt sei der HERR, der Gott Abrahams, meines Herrn, der seine Barmherzigkeit und seine Treue von meinem Herrn nicht hat weichen lassen; denn der HERR hat mich geradewegs geführt zum Hause des Bruders meines Herrn.

         Die Reaktion: Anbetung. Der Mann weiß und sieht: Ich bin geführt worden. Er sieht: Gott ist gut zu meinem Herrn. Hinter dem Geschehen stehen des HERRN Barmherzigkeit und Treue. Das, was das Leben des Abraham bisher geleitet hat, das bleibt. Worauf er gehofft hat, das sieht er jetzt bestätigt: Der Herr hat mich geradewegs geführt. „Es ist eine einfache, kindliche Frömmigkeit, die hier spricht; aber sie spricht dass in jeder Gottesbeziehung Fundamentale aus.“ (C. Westermann , aaO., S.252) Darum segnet er Gott. Baruch Jahwe – wörtlich: Gesegnet sei Jahwe.

28 Und das Mädchen lief und sagte dies alles in ihrer Mutter Hause.

 

Rebekka läuft nach Hause. Aufgeregt? Irritiert? Über ihren Gemüts-Zustand wird nichts gesagt, nur was sie tut. Sie berichtet vom Geschehen  am Wasserbrunnen, draußen, vor der Stadt Nahors.

 

Wie gut, mein Gott, dass Du manchmal kleine Zeichen gibst, einen Weg bestätigst, zur Klarheit hilfst

Wie gut, dass Du uns manchmal die Augen dafür öffnest, hinter dem Alltäglichen das Wunderbare zu sehen, dass Du das Vertrauen bestätigst, das sich Deiner Führung anvertraut.

Wie gut, dass wir unsere Wege nicht ohne Dein Geleit gehen müssen, auch wenn Du ganz im Hintergrund bleibst. Amen