Nachmachen

Philipper 4, 1 – 9

1 Also, meine lieben Brüder, nach denen ich mich sehne, meine Freude und meine Krone, steht fest in dem Herrn, ihr Lieben.

Sätze der Ermutigung. Keine Polemik mehr, sondern Zuneigung und Verbundensein bestimmen  diese Worte. Und Hochachtung. Meine Freude und meine Krone. Was ihn äußerlich schmückt und innerlich froh sein lässt – das ist die Gemeinde. Ich überlege: in wie vielen der Gemeinden, die Paulus gegründet hat, hat er Anderes erlebt – Misstrauen, Vorbehalte, Skepsis. Hier dagegen: Freude. Von ihnen hofft er, dass sie fest bleiben. Stabil,  würden wir sagen. Beständig und treu.

Diese kurze Notiz zeigt: dass Christen stabil und treu im Glauben sind, versteht sich nicht von selbst. Es ist Aufgabe und es ist Bitte zugleich. Wohl auch Teil der Fürbitte des Paulus.

  Ach bleib mit deiner Treue bei uns, mein Herr und Gott;
Beständigkeit verleihe, hilf uns aus aller Not.             J. Stegemann 1627  EG 347

2 Evodia ermahne ich und Syntyche ermahne ich, dass sie „eines“ Sinnes seien in dem Herrn. 3 Ja, ich bitte auch dich, mein treuer Gefährte, steh ihnen bei; sie haben mit mir für das Evangelium gekämpft, zusammen mit Klemens und meinen andern Mitarbeitern, deren Namen im Buch des Lebens stehen.

Paulus bleibt bei seinem Thema: Feststehen, beständig werden. Gefährdet wird das sicher durch Druck von außen. Aber vor allem auch durch Uneinigkeit im Inneren. Gibt es Unstimmigkeiten zwischen Evodia und Syntyche, dass Paulus so ermahnt – diesmal wirklich ermahnt? Wir wissen nichts von beiden. Nur: Die Gemeinde soll nicht zusehen, wie sich Leute entzweien, die gemeinsam für das Evangelium gekämpft haben. Es ist nicht die Art des Paulus, solche Unstimmigkeiten einfach als gegeben hinzunehmen.

Darum stellt er ihnen Leute zur Seite. Helfer. Friedensstifter.  Σζυγε. Jochgenosse – so redet er einen direkt an. Und will ihn einspannen für diese beiden Frauen. Sie sind ja doch, wie alle anderen Mitarbeiter, Leute, deren Namen im Buch des Lebens stehen. Wie könnte Paulus sie da sich selbst und ihren Unstimmigkeiten überlassen.

 4 Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! 5 Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe! 6 Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden!

ΧαρετεFreut euch. Gleich mehrfach steht das in diesem Brief und gibt ihm seine eigene Färbung. Es ist das erste Wort, das Jesus nach dem Bericht des Matthäus-Evangeliums als Auferstandener spricht. Darum auch verweist Paulus wohl darauf: Der Herr ist nahe! Wo Jesus nahe ist, wo Menschen in seiner Nähe sind, da ist Raum zur Freude. Und Menschen, die in der Nähe Jesu sind, werden das ausstrahlen. Auf ihnen liegt ein Glanz, der nicht verborgen bleiben kann.

Dieser Ruf zur Freude deckt nichts zu. „Trübsal und Freude sind im Christenleben keine Gegensätze.“ (G. Friedrich,  aaO. S. 168) Aber Paulus zeigt mit seinem Ruf in die Freude einen Weg, Spaltungen, Widersprüche, Uneinigkeiten, auch Trübsal zu überwinden. In der gemeinsamen Freude. Die Gemeinde hat immer mehr Grund zur Freude als zum Streit.

Sie hat schließlich einen Zufluchtsort. Gott. Er hat ein „offenes Ohr“ für alles, Sorgen, Bitten. Flehen, Danksagung, Tränen und Lachen. Einmal mehr, will mir scheinen, greift Paulus auf Jesus-Worte zurück, die ihm vertraut sind: „Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“(Matthäus 6,33) Es ist fester Bestand-Teil der Botschaft, eben nicht nur des Paulus: Wir dürfen mit allen Anliegen, Ängsten, Zweifeln, Sorgen zu Gott gehen. Er sorgt für uns.

Ich kenne eine Praxis, die aus der Aufzählung des Paulus ein Gebetsformular ableiten will. Erst dann ist richtig gebetet, wenn es über das Bitten und Flehen hinaus zur Danksagung kommt. Ich glaube nicht, dass Paulus so gelesen sein will. Er zählt einfach auf. Mehr nicht. Kein Formular. Schon gar keines, das über richtiges und falsches Beten entscheidet.

7 Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Wie oft habe ich diese Sätze selbst gesagt – als Segenswort nach einer Predigt. Wie oft sie gehört.  Es ist ja so wahr: das Herz bewahren ist nicht unsere eigene Sache. Wir können uns schützen, vielleicht sogar panzern. Aber die Gefahr dabei ist immer, dass das Herz erstarrt und eng wird. Wo der Frieden Gottes Herzen bewahrt, da ist Weite und Güte und Freundlichkeit. Der Friede Gottes verträgt sich nicht mit Engherzigkeiten jeder Art, auch nicht mit der Unvernunft. Aber er überschreitet auch die engen Grenzen der Vernunft.

Achtmal im ganzen Brief verwendet Paulus den Ausdruck „in Christus Jesus.“  Das ist nie ein frommes Sahnehäubchen. Sondern es ist die Wirklichkeit, in der Paulus die Gemeinde, die einzelnen Christinnen und Christen sieht. Sie sind dem Leib Christi einverleibt und damit in Christus Jesus. Sie werden bestimmt in ihrem Handeln durch diese Wirklichkeit. Und sie sind unterwegs dorthin, zeitlich, räumlich, wo diese Wirklichkeit sich erfüllt, sichtbar wird, offenbar wird – und bleibt. Von Ewigkeit zu Ewigkeit. Lebenswirklichkeit, Lebensgrund, Lebensgewinn, Lebensziel – alles zusammen: in Christus Jesus. 

8 Weiter, liebe Brüder: Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was rein, was liebenswert, was einen guten Ruf hat, sei es eine Tugend, sei es ein Lob – darauf seid bedacht!

            So ähnlich könnte auch ein philosophischer Zeitgenosse schreiben.  Die Ethik, die Paulus von seiner Gemeinde erwartet, ist nicht bloß christliche Sonder-Ethik. Sie hat gehörigen Anteil an dem, was auch in der Welt als Werte anerkannt ist. Das ist ein bleibender Ansatzpunkt für das Gespräch in der Welt, in der wir leben.

9 Was ihr gelernt und empfangen und gehört und gesehen habt an mir, das tut; so wird der Gott des Friedens mit euch sein.

An manchen Stellen aber geht sie über das, was allgemein anerkannt ist, hinaus. Dafür steht Paulus ein. Und selbstbewusst genug fordert er seine Lieblingsgemeinde in Philippi. In diesem ethischen Überschuss orientiert euch an mir! Was ihr gelernt und empfangen und gehört und gesehen habt an mir – das ist die ganze Bandbreite der Begegnungen mit dem Apostel. Er ist Prediger und Weggefährte, Lehrer und Seelsorger, Bruder und Mitchrist. Sie können sehen, wie er lebt und gelebt hat, wie er umgegangen ist mit Menschen und jetzt mit ihnen umgeht. In allem können sie sehen, was ihn leitet: Der Glauben an den Gott, der sich Sünder Recht sein lässt.

 

Mein Gott, immer schon war mein Glauben „nachmachen“, den Eltern nachmachen, manchen Freunden nachmachen, manchen geistlichen Lehrern nacheifern und nachmachen. Ich habe immer die gebraucht, an denen Du mir gezeigt hast, wie Glauben geht. Beter haben mich Beten gelehrt. Andere den Umgang mit Deinem Wort. Bei ein paar Leuten habe ich gesehen, wie Festhalten an einem Menschen geht, auch an einem schwierigen, einem hoffnungslosen Fall.

Es sind Leute, deren Namen nie in der Presse erschienen ist, die keine kirchlichen Würden erhalten haben, die mich die Treue gelehrt haben zu Dir, zu Deinem Wort, Deinen Menschen, der Welt. Für sie alle danke ich Dir. Amen