Noch nicht am Ziel

Philipper 3, 12 – 16

12 Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin. 13 Meine Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht so ein, dass ich’s ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist, 14 und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.

            Noch nicht am Ziel. Noch nicht vollkommen. Das sind vielleicht die kostbarsten Sätze dieses großen ersten Theologen der Christenheit. Er, der so den Glauben radikal durchdacht hat, wie vor ihm keiner aus der Jüngerschar. Der, der mit seinen Denken Grundlagen für alle spätere Denkarbeit in der Christenheit gelegt hat – er sagt: noch nicht vollkommen.

Im Deutschen sieht man nicht, was hier mitschwingt. Οχ τι δη τετελεωμαιNicht, dass ich schon vollkommen sei steht einem anderen Satz, einem anderen Wort, gegenüber: Τετλεσται„Es ist vollbracht.“ (Johannes 19,30) Das gleiche Wort, einmal als Signal des Sieges, der Vollendung und einmal als Hinweis: noch nicht. Es ist, als wüsste Paulus, dass dieses Wort vollbracht, vollkommen nur einem zusteht, nur dem Christus am Kreuz.

Paulus jedenfalls sieht sich noch auf dem Weg. Er ist kein Vollkommener. Kann es ja auch gar nicht sein, solange er noch auf dem Weg ist. Noch nicht in der Ewigkeit angekommen. Es ist gut, sich vor allen zu hüten, die sich unterwegs mit der Aura der Vollkommenheit umgeben.  Das Evangelium von der Rechtfertigung der Gottlosen verträgt keine perfekten Frommen. Es verträgt Frömmigkeit nicht als Vollkommenheit, sondern immer nur als Versuch. Als Übung.

Sich ausstrecken – ja. Sich mühen – ja. Sich festhalten in der Hoffnung, dass ich gehalten werde – ja.

            Was ist Jesus
für mich?
Einer, der
für mich ist.

            Was ich
von Jesus halte?
Dass er
mich hält.       L. Zenetti, Auf seiner Spur, Mainz 2000, S. 126

             In dieser Haltung lebt Paulus. Sieht er sich als einen, der Jesus folgt. Ihm nachläuft. In ihm das Ziel seines Lebens hat. Man kann es vermutlich gar nicht einfach genug sagen:  Ich strecke mich aus nach dem, was da vorne ist. Darin sieht Paulus die Erfüllung, der er entgegen lebt: bei Jesus sein. Dazu weiß er sich berufen. Das ist die Berufung, die über die Berufung als Apostel hinaus geht, die sich auch nicht in rastlosem Einsatz erschöpft: Im Vaterhaus ankommen. Ihn sehen, wie er ist. Von ihm angesehen werden.

15 Wie viele nun von uns vollkommen sind, die lasst uns so gesinnt sein.

            Das klingt fast ein bisschen ironisch. Aus dem Mund dessen, der gerade von sich gesagt hat: Ich jedenfalls bin nicht vollkommen. Noch nicht am Ziel. Nimmt Paulus ein Schlagwort aus den Gemeinden auf, ein Wort, das Faszination ausübt? Es könnte so sein. Vollkommenheits-Ideale haben zu allen Zeit Konjunktur. Und es gab und gibt genügend Gruppen, die ihren Leute genau das versprechen: Das vollkommene Leben, das gelingende Leben. Nur noch ein Kurs mehr. Nur noch ein bisschen Mühe mehr.

Dem stellt Paulus seine Sicht gegenüber: Noch nicht am Ziel. Noch verbesserlich. Noch auf die Gnade angewiesen. Noch zerbrechlich und bedroht. Noch mit Zittern und Zagen unterwegs. Das ist die Vollkommenheit, mit der Paulus etwas anfangen kann: noch nicht…. Immer noch im Werden.

In den Spuren des Paulus denkt einer wie Martin Luther

            »Einem Gläubigen ist nichts schädlicher, als dass er meint, er habe es schon ergriffen, und es sei nicht nötig, es erst zu suchen. Denn daher kommt es, dass viele zurückfallen und vor Sicherheit und Faulheit welken und lasch werden. […] Dieses Leben ist keine Frömmigkeit, sondern ein Fromm-Werden. Keine Gesundheit, sondern ein Gesund-Werden. Kein Wesen, sondern ein Werden. Keine Ruhe, sondern ein Üben. Wir sind es noch nicht; werden es aber.«                                       (M. Luther, Auslegung zu Philipper 3,13)

            Das heißt doch: Wer sich um Vollkommenheit bemüht, wird es als Grundlektion zu lernen haben, dass dieses Ziel für ihn nicht zu erreichen ist. Die Vollkommenheit, die Paulus als seine Berufung glaubt, ist eine fremde Gabe und wird erst im Himmel zuteil.

Meine Folgerung daraus ist unter anderem: Hüte Doch vor allen Vollkommenen. Sie legen dir einen Weg nahe, der nicht von dem Vertrauen auf die Gnade, das Erbarmen Christi, durchtränkt und getragen ist.  Sie messen dich an Idealen, an denen du nur scheitern kannst. Sie werden dich nicht lieben in deinem Scheitern.

Und solltet ihr in einem Stück anders denken, so wird euch Gott auch das offenbaren.

Das hört sich für mich an, als würde Paulus sich selbst ermahnen: Sei gelassen. Paulus muss die Philipper nicht auf Linie bringen, auf völlige Übereinstimmung mit seinen Einsichten. Sie werden es noch lernen. Sie werden es irgendwann verstehen. Wenn es nach Gottes Zeitplan an der Zeit ist. Was für ein wunderbares Wort für alle Ungeduldigen, die daran verzweifeln, dass die anderen nicht die eigenen Einsichten teilen. Gott wird ihnen schon offenbaren, was er für richtig hält. Für wichtig hält. Wir können die wechselseitigen Belehrungen einstellen.

 16 Nur, was wir schon erreicht haben, darin lasst uns auch leben.

             Es ist eine minimalistische Ethik, aber die anspruchsvollste, die ich kenne: Lebe das, was Du schon verstanden hast. Wenn Du eine Einsicht hast, erfülle sie mit Leben, indem du tust, was du eingesehen hast. Wenn du einen Traum hast – lebe ihn.

 

Jesus, Du lädst mich ein, Abschied zu nehmen von den großen Träumen. Abschied von den hohen Zielen. Du lädst mich ein, einfach zu werden. Nur das zu tun, was ich auch kann – und frei zu werden von den Ansprüchen, die mich überfordern. Vor allem von den Ansprüchen, die ich selbst mir stelle,  weil ich glaube, nur so zu genügen.

Dazu braucht es nur das eine, dass ich lerne zu vertrauen, wo ich wirklich aufgehoben bin mit meinem kleinen Leben, mit meiner kleinen Kraft, mit meinem schwachen Glauben – Dir, mein Jesus. Amen