Täglich zu singen

Philipper 3, 1 – 11

1 Weiter, liebe Brüder: Freut euch in dem Herrn! Dass ich euch immer daselbe schreibe, verdrießt mich nicht und macht euch umso gewisser.

            Das ist ein Grund-Ton in diesen Brief: Freut euch in dem Herrn! Ein Ermutigung zur Freude. Eine Erinnerung daran, dass es ein Glück ist, eine Lust ist, mit Christus zu leben. Das kann man vermutlich gar nicht oft genug wiederholen, weil es sich sonst so leicht einschleift. „Alle Jahr wieder“ – was soll daran schon Grund zur Freude sein?

Paulus aber denkt so: Das immer gleiche Evangelium, dass wir Gott recht sind, weil er uns sich recht sein lässt – wie sollte einen das nicht freuen? Nicht jubeln lassen? Dass Gott sich durch nichts von uns trennen lässt und dass uns nichts aus seiner Hand reißen kann – weder Tod noch Leben, weder Hohes noch Zukünftiges. Weder Glück noch Schmerz – wenn das kein Grund zur Freude ist! In allen Wechselfällen des Leben gehalten und geborgen in Christus. „Wer in Christus ist, kann allezeit fröhlich sein.“ (G. Friedrich, aaO. S. 158) Darum

            In dir ist Freude in allem Leide, o du süßer Jesu Christ!
Durch dich wir haben himmlische Gaben, du der wahre Heiland bist;
hilfest von Schanden, rettest von Banden.
Wer dir vertrauet, hat wohl gebauet, wird ewig bleiben. Halleluja.
Zu deiner Güte steht unser G’müte, an dir wir kleben im Tod und Leben;
nichts kann uns scheiden. Halleluja.                   C. Schnegass 1598 , EG 398

Täglich zu singen. Besonders in schweren Zeiten. Es ist gut, dass das Lied, das so jubelt, die Wechselfälle des Lebens nicht ausspart. Es gibt eine Freude trotz der Schattenspiele, die das Leben mit sich bringt.

2 Nehmt euch in Acht vor den Hunden, nehmt euch in Acht vor den böswilligen Arbeitern, nehmt euch in Acht vor der Zerschneidung! 3 Denn “wir” sind die Beschneidung, die wir im Geist Gottes dienen und uns Christi Jesu rühmen und uns nicht verlassen auf Fleisch, 4 obwohl ich mich auch des Fleisches rühmen könnte.

            Paulus macht es uns nicht leicht. Er springt von der Aufforderung zur Freude zu scharfer, harter Polemik Dieser Sprung ist so groß, dass manche Ausleger vermuten, hier beginne ein neuer Brief, der erst später mit dem „Freudenbrief“ zusammen geführt worden sei. Mag sein, ich weiß es nicht und bin nicht restlos überzeugt. Aber es hängt nicht so viel daran, ob es ein oder zwei oder gar drei Briefe waren, die nach Philippi gingen.

Jedenfalls: eine harte Polemik. Kein pastorales Gesäusel. Paulus geht nicht sanft mit denen um, die seine Aufbau-Arbeit in Philippi, in Athen, in Korinth gefährden. Hunde. Du Hund – das ist bis heute eine der schlimmsten Beleidigungen. (Nur in Bayern ist der Ausdruck: „des is a Hund“ eine Form höchster Anerkennung!) Er sieht sie als gefährlich, weil sie die Gemeinden spalten, weil sie falsche Zuversicht nähren. Eine Zuversicht, die aufs eigene Tun setzt, auf die eigene Herkunft, auf die eigenen Möglichkeiten. Paulus sagt: auf Fleisch. ν σαρκὶ. Das heißt: auf die natürlichen Voraussetzungen und Möglichkeiten. Auf das, was jeder aus sich selbst machen kann, wenn er nur mit seinen Potentialen ordentlich umgeht. Wuchert.

Es geht nicht um Paulus, es geht um das Evangelium. Das wird verdorben, wo das Vertrauen auf Christus umgebogen wird in das Vertrauen auf sich selbst, die eigenen Fähigkeiten, das eigene Können, das eigene Gut-Sein. Dem widersteht Paulus in seiner Polemik.

Worauf verlässt Du dich? So fragt Paulus seine Leser in Philippi, sich selbst, – uns – und glaubt, dass mit der Antwort auf diese Frage Distanz oder Nähe zum Evangelium zum Vorschein kommen.  Ob das Evangelium trägt oder ob es nur schöner Schein ist.

Wenn ein anderer meint, er könne sich auf Fleisch verlassen, so könnte ich es viel mehr, 5 der ich am achten Tag beschnitten bin, aus dem Volk Israel, vom Stamm Benjamin, ein Hebräer von Hebräern, nach dem Gesetz ein Pharisäer, 6 nach dem Eifer ein Verfolger der Gemeinde, nach der Gerechtigkeit, die das Gesetz fordert, untadelig gewesen.

            An sich selbst spielt er es durch:  Menschlich betrachtet stand er toll da. Von Herkunft und Ausbildung, von Engagement und Karriere-Aussichten: es gibt nicht viele, die da konkurrenzfähig gewesen wären. Paulus – ein Spitzenmann. Eine große jüdische Hoffnung. So hat man ihn wohl gesehen, er sich selbst auch. Aber eben auch andere, die ihn gefördert haben.

7 Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. 8 Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne 9 und in ihm gefunden werde, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben zugerechnet wird.

            Dann jedoch, nach dieser Aufzählung der eigenen Vorzüge: Aber. Alles nichts. Schaden. Dreck. „Nur ein Haufen Scheiße“(Volxbibel, S. 1197) Paulus hat etwas erlebt, was das ganze Leben auf den Kopf gestellt hat. Oder genauer: Sein Wertesystem umgewandelt, ins Gegenteil. Was früher Gewinn war, ist jetzt Abfall. Was früher für ihn abscheuliche Gotteslästerung war, ist jetzt sein Leben. Hauptsache Christus.

             Ihn gewinnen, in ihm gefunden werden, mit ihm leben. Aus seiner Gerechtigkeit die Gerechtigkeit gewinnen, die vor Gott besteht. Oder anders gesagt: Weil Christus für mich ist,m ist klar: Gott ist für mich. So sieht Paulus sich. In dieser Verankerung in Christus hat er seinen Lebensgrund gefunden. Von dort aus versteht er sich und die Welt.

Paulus verzichtet auf eine Schilderung seiner Damaskus-Erfahrung. Aber dass diese Erfahrung hinter dieser Kehre in der Sicht auf sich selbst, auf Christus und die Welt steht, ist mir unzweifelhaft. Es ist die Erfahrung dessen, der sich selbst angenommen erfährt, obwohl er in tiefste Feindschaft verstrickt war. Es ist die Erfahrung dessen, der keine eigene Gerechtigkeit mehr braucht, weil er vor allem Tun Gott recht ist, weil Christus sich zu ihm gestellt hat. Vor ihn gestellt hat.

10 Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleich gestaltet werden, 11 damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten.

Darum ist nur noch ein Ziel seines Lebens für Paulus übrig: Ihn erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden. Wenn es denn sein muss auch im gleich gestaltet Werden, was den Tod angeht. Das alles nur, damit er die Auferstehung gewinnt. Damit er in Christus das Leben gewinnt, das kein Tod mehr zerbrechen kann. Auf das kein Schatten mehr fällt. Weil Paulus dem Auferstandenen begegnet ist, glaubt er an die Auferstehung, hofft er auf sie, weiß er sie als das Ziel, auf das hin er lebt und liebt und arbeitet.  

            Paulus ist kein Theoretiker der Auferstehung. Auch kein Historiker der Auferstehung. Ostern ist kein Datum seiner Vergangenheit. Ostern ist heute. Auferstehung ist jetzt. In Ketten. Unter Tränen. Sie ist die Kraft, die ihn bewegt, die ihn auch in den Gefängnismauern nach vorne schauen lässt.

 

Nichts hab ich zu bringen, alles Herr bist Du. Es hat lange gebraucht, mein Herr Jesus, bis ich so denken konnte, ohne mich abzuwerten, ohne mich klein zu machen. Es hat lange gebraucht, bis ich verstanden habe, dass ich Dir willkommen bin, auch mit den leeren Händen, ohne Auszeichnungen, ohne vorzeigbare Leistungsbilanz, fromm und menschlich, staatsbürgerlich und kirchlich.

Es gibt viel Gutes in meinem Leben, sogar einige Erfolge, sogar manches, auf das ich stolz bin. Aber für den Weg zu Dir braucht es das alles nicht. Du rufst mich und ich komme. Das genügt. Amen