Für die Gemeinde – dankbar

Philipper 1, 1 – 11

1 Paulus und Timotheus, Knechte Christi Jesu, an alle Heiligen in Christus Jesus in Philippi samt den Bischöfen und Diakonen: 2 Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

            Ein Brief nach Philippi. An die Gemeinde, die Paulus als erste Gemeinde in Europa „gegründet“ hat. In der Stadt, in der er wegen Geschäftsschädigung im Gefängnis gelandet war.  Wo er sich, den Behörden gegenüber erfolgreich auf seinen Status als römischer Bürger, Civis Romanus berufen hat. Eine Römer-Stadt in Griechenland, in der überdurchschnittlich viele Römer leben, weil seit Augustus dort Veteranen des römischen Heeres angesiedelt worden waren.

An die Gemeinde dort, alle Heiligen in Christus Jesus, schreibt Paulus, zusammen mit Timotheus.  Beide Knechte Christi Jesu. Das verbindet Paulus und Timotheus mit der Gemeinde – sie gehören zu dem einen Herrn. Als Knechte und als Heilige. Sie sind, was sie sind, durch ihn.

Es hört sich an wie ein Hinweis auf ein erstes, zartes Entstehen von Ämtern, wenn unter den Adressaten auch Bischöfe und Diakone genannt werden. Es wird gut sein, πισκποι κα διακνοι, nicht mit unserer heutigen Erfahrung in eins zu setzen.  Es sind Leute, sicherlich Männer, die „die Aufgabe der Hilfeleistung und der Leitung gehabt haben.“ (G. Friedrich, Der Brief an die Philipper, NTD 8, Göttingen 1976, S. 137) Es sind Funktionen, die sie wahrnehmen, aber noch keine Ämter im heutigen Sinn. Diese Aufgaben sind der Gemeinde nachgeordnet – darum nennt Paulus auch als erste Adressaten die Heiligen. Die Dienste sind um der Gemeinde willen da, nicht die Gemeinde um der Dienste willen.

3 Ich danke meinem Gott, sooft ich euer gedenke – 4 was ich allezeit tue in allen meinen Gebeten für euch alle, und ich tue das Gebet mit Freuden -, 5 für eure Gemeinschaft am Evangelium vom ersten Tage an bis heute; 6 und ich bin darin guter Zuversicht, dass der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu.

Das ist mehr als eine fromme Floskel. Ein Einblick in das Gebetsleben des Paulus, der jetzt doch wie der alleinige Briefverfasser erscheint. Voll Dankbarkeit blickt er auf den Weg, den die Gemeinde genommen hat, vom ersten Tag an bis heute. Es ist eine regelmäßige Praxis, die hier sichtbar wird. Nicht aus Pflicht, sondern mit Freuden. Paulus muss nicht beten. Er betet, weil es ihn mit Freude erfüllt, sich zu erinnern an den gemeinsamen Anfang, Menschen mit Namen vor Gott zu bringen, sie zu bergen in die Obhut Gottes. 

 

Es liegt Segen auf solchen „regelmäßigen Gebetsgewohnheiten“. (G. Friedrich, aaO.; S.138) Sie lassen eine innere Verbindung oft über große Entfernungen und Zeiträume hinweg entstehen und lebendig bleiben. Dieses Beten nährt auch die Zuversicht bei Paulus: Was gut angefangen hat, damals an der Wasch-Stelle und in der Gefängniszelle (Apostelgeschichte 16), das wird Gott auch zur Reife führen, an sein Ziel.  Vollenden. Beten nimmt dem Horizont des Jüngsten Tages den Schrecken.

 7 Wie es denn recht und billig ist, dass ich so von euch allen denke, weil ich euch in meinem Herzen habe, die ihr alle mit mir an der Gnade teilhabt in meiner Gefangenschaft und wenn ich das Evangelium verteidige und bekräftige.

Dass Paulus so von der Gemeinde in Philippi denkt, das ist angemessen. Weil sie immer schon Anteil nehmen an seinem Geschick, auch jetzt, da er im Gefängnis ist. Auf welche Gefangenschaft sich Paulus bezieht – ob die in Cäsarea, die in Rom, oder eine, von der wir nichts wissen, vielleicht in Ephesus, ist nicht eindeutig zu entscheiden. Die Kommentare sind sich nicht einig. Und ich muss nicht mehr wissen wollen als das, was da steht.

Wichtiger als der Ort der Gefangenschaft ist Paulus ohnehin die Erfahrung, die er macht: Dass die Philipper zu ihm stehen, zu „ihrem Mann im Knast“. Nicht auf Distanz gehen. Sich nicht abwenden von ihm, weil der „Erfolg“ fehlt, weil ihn sein Predigen des Evangeliums ins Gefängnis gebracht hat. Es wäre doch naheliegend, sich abzuwenden von einem, der öffentlich Ärgernis erregt, die Behörden zum Handeln bringt und mit der umgebenden Gesellschaft im Clinch liegt. Paulus im Gefängnis kann sehr einsam werden. Das aber haben die Philipper nicht geschehen lassen. So haben sie ihren Anteil daran, wenn er das Evangelium verteidigt und bekräftigt.

8 Denn Gott ist mein Zeuge, wie mich nach euch allen verlangt von Herzensgrund in Christus Jesus. 9 Und ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher werde an Erkenntnis und aller Erfahrung, 10 sodass ihr prüfen könnt, was das Beste sei, damit ihr lauter und unanstößig seid für den Tag Christi, 11 erfüllt mit Frucht der Gerechtigkeit durch Jesus Christus zur Ehre und zum Lobe Gottes.

            Weil das so ist, hat Paulus Sehnsucht nach ihnen. Sie sind ihm ein „Herzensanliegen“. Ihr Ergehen liegt ihm auf dem Herzen, darum bringt er sie wieder und wieder betend vor Gott. Darum hört er nicht auf, für sie zu bitten, dass sie in ihrem Glauben weiter kommen. Wachsen in der Liebe, in der Erkenntnis, in der Erfahrung. Nicht mehr Sätze über den Glauben lernen, sondern mehr an Substanz im Glauben gewinnen, an Kraft und Stärke, Widerstandskraft, an Durchhaltevermögen. An Urteilsfähigkeit auch.

Es sind Bilder vom Glauben in diesen Substantiven, die auf Fülle aus sind, auf Überfülle. Πεπληρωμνοι. Das ist kein Christsein auf Sparflamme, sondern  eines, das empfängt und gibt, leere Hände Gott hinhält und sich erfüllen lässt und darum weitergeben kann. Zur Ehre und zum Lobe Gottes.

Es ist das Bild des römischen Brunnens, das sich unwillkürlich hier einstellt.

Auf steigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.                 C.F. Meyer, 7. Version 1882 

             Eine Korrektur geläufiger Vorstellungen: Darauf hofft Paulus für die Gemeinde, ihre Glieder, dass  ihr lauter und unanstößig seid für den Tag Christi. Nicht, dass dadurch die Gnade überflüssig würde. Wohl aber gilt es so zu leben, dass im Leben der Christen aufleuchtet, was die Gnade aus ihnen macht: Menschen, in den sich die Liebe Gottes widerspiegelt, die durchscheinend werden für die Sonne, die ihnen lacht, sie durchstrahlt. Das ist das Bild, das hinter dem griechischen Wort ελικρινες steht: „offenbar, sonnenklar“ (Gemoll, Griechisch-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch; München 1957; S. 244) So kann die Gemeinde vor Christus stehen, gewachsen in der Liebe und im Glauben.

 

Mein Gott, Du gibst reichlich Glauben, Hoffnung, Zuversicht, Deine Gnade. Du willst unser armes Leben füllen, so dass darin Deine Herrlichkeit, Deine Liebe strahlt, ausstrahlt.

Gib Du, dass wir Deine Gaben empfangen und ihnen Raum geben in unserem Leben, im Tun und Lassen, im Reden und Schweigen, in der Freude und auch im Klagen. Amen