Von Anfang an da

Sprüche 8, 22 – 36

 22 Der HERR hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her. 23 Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war.

 Immer noch hat die Weisheit das Wort. Sie redet wie eine eigenständige Person. Sie stellt sich vor, in ihrer Herkunft, in ihrer Würde. Sie ist schon vor aller Schöpfung. Der Anfang der Schöpfung. Ähnlich klinge die folgenden Worte: „Ich ging aus dem Mund des Höchsten hervor und wie Nebel umhüllte ich die Erde…. Wer auf mich hört, wird nicht zuschanden, wer mir dient, fällt nicht in Sünde. Wer mich ans Licht hebt, hat ewiges Leben. Dies alles ist das Bundesbuch des höchsten Gottes, das Gesetz, das Mose uns vorschrieb als Erbe für die Gemeinde Jakobs.“(Jesus Sirach 24, 3.22-23) Auch da rühmt sich die Weisheit ihres Ursprungs: Und ähnlich wie in den Sprüchen sonst hebt sie den Lebensgewinn hervor, den die haben, die ihr folgen: ewiges Leben.

Spannend dabei ist, dass in Jesus Sirach die Weisheit mit der Tora in eins gesetzt wird. Was im späteren Judentum dazu führen kann, dass Sprüche 8,22 „Beweis für die Präexistenz der Thora“(W. Dietrich, aaO.; S.97) werden. Es sind Gedanken, die uns dann im Neuen Testament wieder begegnen, wenn die ersten Christen über Jesus Christus zu sagen wissen, dass er der Schöpfungsmittler ist, von Anfang an bei Gott. „Alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen.“(Kolosser 1,16) Im gleiche Kolosserbrief wird die Verbindung Weisheit – Jesus sogar noch enger gefasst, wenn es heißt: In Christus liegen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen.(Kolosser 2,3) Es ist von solchen Worten her ein in sich logischer Schritt, in Christus so die Person gewordene Weisheit Gottes zu sehen.

24 Als die Meere noch nicht waren, ward ich geboren, als die Quellen noch nicht waren, die von Wasser fließen. 25 Ehe denn die Berge eingesenkt waren, vor den Hügeln ward ich geboren, 26 als er die Erde noch nicht gemacht hatte noch die Fluren darauf noch die Schollen des Erdbodens. 27 Als er die Himmel bereitete, war ich da, als er den Kreis zog über den Fluten der Tiefe, 28 als er die Wolken droben mächtig machte, als er stark machte die Quellen der Tiefe, 29 als er dem Meer seine Grenze setzte und den Wassern, dass sie nicht überschreiten seinen Befehl; als er die Grundfesten der Erde legte, 30 da war ich als sein Liebling bei ihm; ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit; 31 ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern.

 Der dürre, ein wenig abstrakt wirkende Anfangssatz wird jetzt kräftig „bebildert“. Man kann es förmlich „sehen“, wie die Weisheit beteiligt ist. An der Ordnung der Erde, an den Unterscheidungen, die die Schöpfung ausmachen. An dem Maß, das Berge und Meere gewinnen. An den Grenzziehungen Gottes. Immer ist die Weisheit, der Liebling Gottes beteiligt.

Hinter diesen Worten steht mehr als theologische Reflexion. Vor allem steht dahinter ein Staunen über die Welt, die der Schreiber als sinnvoll geordnet erlebt. Er findet sich und die Menschheit in einem Kosmos wieder, der Leben ermöglicht, der eine gute Lebensordnung widerspiegelt. „Weisheit, die Menschen und vor allem Könige besetzen können, ist also im Grunde genommen dieselbe göttliche Weisheit, die in der festen Ordnung der Schöpfung zu Tage tritt.“(H.Ringgren, aaO.; S.40)

Es ist nicht das Lebensgefühl einer permanenten Bedrohung, das sich hier zeigt, das ja manchmal das Lebensgefühl unserer Zeit zu sein scheint. Sondern es ist die gute Ordnung, die Lust am Leben widerspiegelt. Ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit – dieser Satz entspricht der steten Wiederholung: „Gott sah, dass es gut war.“ (1. Mose 1,10.12.17.21) Es ist die innere und äußere Schönheit der Schöpfung, die hier der Weisheit Gottes zugeschrieben wird.

32 So hört nun auf mich, meine Söhne! Wohl denen, die meine Wege einhalten! 33 Hört die Mahnung und werdet weise und schlagt sie nicht in den Wind!

Wenn das so ist, dass die Weisheit Gottes seit Anfang der Welt am Werk ist, dann ist doch logisch und geradezu vernünftig, auf sie zu hören. Das eigene Tun und Leben von ihr leiten zu lassen. So wird also diese Passage über die Mitwirkung der Weisheit an der Schöpfung zur Begründung für ihren Anspruch, das Leben zu ordnen. So wie sie die Welt geordnet hat, so wird sie auch das Leben der Einzelnen, die sich ihr vertrauen, ordnen, zurechtbringen, auf einen guten Weg stellen. Wäre es nicht totale Unvernunft, ihre Mahnung in den Wind zu schlagen?

 34 Wohl dem Menschen, der mir gehorcht, dass er wache an meiner Tür täglich, dass er hüte die Pfosten meiner Tore! 35 Wer mich findet, der findet das Leben und erlangt Wohlgefallen vom HERRN. 36 Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben; alle, die mich hassen, lieben den Tod.

 Wieder fällt mir die Parallele zu Jesus Sirach auf: Wer mich findet, der findet das Leben. Aber es ist die Überzeugung, die dieses ganze Buch prägt, die darüber hinaus die Weisheitsliteratur insgesamt zum Ausdruck bringt. Auf dem Weg der Gottesfurcht gelingt das Leben. Wer sich leiten lässt von der Stimme der Vernunft, die die Worte Gottes zu Herzen nimmt, die in ihnen die Regeln hört, die den Weg des Lebens beschreiben, der ist auf einem guten Weg.

Und wieder umgekehrt: Wer sich der Weisheit verschließt, wer gegen die Vernunft handelt, der ist selbstzerstörerisch unterwegs. Es sind Gedanken, die ein geradezu aufklärerisches Pathos haben in ihrem Setzen auf die Vernunft. Aber es ist, das unterscheidet wohl die Weisheit von der Aufklärung des 18./19./20. Jahrhunderts, keine autonome Vernunft. Es ist die Vernunft, die an die Gottesfurcht gebunden ist.

 

Mein Gott, die Welt ist ein guter Ort zum Leben. Keine Idylle, aber auch nicht das bloße Chaos. Es gibt Treue und Verlässlichkeit, es gibt Zuflucht in Nöten, es gibt Hilfe in der Gefahr.

Du hast uns offene Augen gegeben zu sehen, was im Gang ist, wo die Herausforderungen für uns liegen. Du gibst uns Hände und Füße, Kraft und Mut zu tun, was von uns getan werden kann. Gib Du den Mut zu handeln, auch die innere Kraft, aller Trägheit und Resignation zu widerstehen.

Lass uns sehen: es gibt mehr gutwillige Leute als bösartige. Wir sind nicht allein. Lehre Du uns, den eigenen Verstand zu gebrauchen, uns von Deiner Weisheit leiten zu lassen und zu tun, was dran ist. Amen