Gelingendes Leben

Sprüche 8, 1 – 21

 1 Ruft nicht die Weisheit, und lässt nicht die Klugheit sich hören? 2 Öffentlich am Wege steht sie und an der Kreuzung der Straßen; 3 an den Toren am Ausgang der Stadt und am Eingang der Pforte ruft sie:

 Der Rufende, die Rufende lässt sich nicht in die Ecke stellen. Lässt sich auch nicht den Mund verbieten. Durch den Zeitgeist oder das Argument: Das machen doch alle so. Es ist keine Winkelangelegenheit, wenn es um die Weisheit geht und die Vernunft. Nichts nur für das stille Kämmerlein. „Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.“(Matthäus 6,6) Wohl wahr: Das Gebet des Einzelnen ist nichts für die Öffentlichkeit. Aber die Weisheit darf nicht aus der Öffentlichkeit heraus gehalten werden. Sie muss hineinwirken in die Gesellschaft.

Anknüpfen kann das Buch der Sprüche einmal mehr bei der prophetischen Botschaft, an dem rufenden Gott: „Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch! Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben. Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben.“ (Jesaja 55, 1 – 3) Wenn Gott selbst so in der Figur eines Marktschreiers auftritt, wer wollte es dem Lehrer der Weisheit verdenken, dass er sich daran ein Beispiel nimmt.

Es gibt eine Zeit der Stille, des Schweigens, auch des Schweigens in der Öffentlichkeit. Es gibt aber auch eine Zeit zu rufen, zu werben um Aufmerksamkeit. Hinter diesen Worten der Sprüche steht die Überzeugung: Menschen sind nicht unbelehrbar. Sie können gewonnen werden. Es lohnt sich, Nachdenklichkeit zu fördern. Nicht einfach weiter so zu proklamieren.

4 O ihr Männer, euch rufe ich und erhebe meine Stimme zu den Menschenkindern! 5 Merkt, ihr Unverständigen, auf Klugheit, und ihr Toren, nehmt Verstand an! 6 Hört, denn ich rede, was edel ist, und meine Lippen sprechen, was recht ist. 7 Denn mein Mund redet die Weisheit, und meine Lippen hassen, was gottlos ist. 8 Alle Reden meines Mundes sind gerecht, es ist nichts Verkehrtes noch Falsches darin. 9 Sie sind alle recht für die Verständigen und richtig denen, die Erkenntnis gefunden haben.

 Da führt jemand das Wort, der vor allem die Lauterkeit seines Bemühens herausstellt. Das unterscheidet ihn, sie, ja von den selbstsüchtigen Wegen und Reden der Spötter. Er appelliert leidenschaftlich. Die Häufung macht auf mich den Eindruck einer Sorge vor dem Scheitern. Was, wenn die Worte kein Gehör finden, wenn das Rufen der Weisheit ins Leere geht, kein Echo auslöst. Dann geht es bergab. Privat und öffentlich. Es ist ein Werben um Weisheit im öffentlichen Raum und für den öffentlichen Raum. Es ist keine Privatsache, was Menschen tun, von welchen Werten sie sich leiten lassen. Ob sie der Weisheit und Gottesfurcht trauen.

Unsere moderne Trennung von Privat-Raum und öffentlichem Raum, von Individuum und Gesellschaft ist in den Sprüchen nicht vorhanden. Da leitet viel mehr das Wissen: Alles, was der Einzelne tut, hat Auswirkungen auf die Gemeinschaft. Das Gute wie das Böse. Die Autoren der Hebräischen Bibel neigen nicht dazu, das allgemeine Klima der Gesellschaft als Entschuldigung für das Verhalten des Einzelnen zu betrachten. Sie neigen eher dazu, die Verantwortung des Einzelnen für einen Wandel im allgemeinen Klima zu betonen.

10 Nehmt meine Zucht an lieber als Silber und achtet Erkenntnis höher als kostbares Gold. 11 Denn Weisheit ist besser als Perlen, und alles, was man wünschen mag, kann ihr nicht gleichen.

 Der unvergleichliche Wert der Weisheit wird jetzt herausgestellt. Sie ist kostbarer als alles, was materiell hochwertig ist. In Zeiten, in denen von Beton-Gold die Rede ist, von der Flucht in die materiellen Werte, ist das eine eher weltfremd klingende Botschaft. Aber ganz so weltfremd ist die Botschaft nicht. Es gibt auch in unserer Zeit eine Ahnung, dass die inneren Werte wichtiger sind als der schöne Schein.

12 Ich, die Weisheit, wohne bei der Klugheit und weiß guten Rat zu geben. 13 Die Furcht des HERRN hasst das Arge; Hoffart und Hochmut, bösem Wandel und falschen Lippen bin ich Feind. 14 Mein ist beides, Rat und Tat, ich habe Verstand und Macht.

Jetzt wird deutlich, wer hier spricht. Die Weisheit selbst führt das Wort. Ist das, was sie über sich selbst sagt, Eigenlob? Ich sage lieber: Selbst-Offenbarung. Das ist der Gewinn, den einer macht, wenn er sich der Weisheit anvertraut. Klugheit, guter Rat, Verstand Macht. Und es gehört zum Wesen der Weisheit als Gottesfurcht, dass sie hilft, Distanz zu halten. Dass sie deutlich erkennen lässt, wo die Gefahren liegen. Es geht immer um beides: um eine Hinwendung zur Weisheit und zur Gottesfurcht und um eine Abwendung von den Verhaltensweisen, die im Widerspruch zu den Wegen Gottes stehen.

Es ist nie nur mit der Hinwendung und nie nur mit der Abwendung getan. Bis heute gibt es einen Ruf zur Abwendung von der Welt, der nur auf Weltflucht hinaus läuft, aber nichts zu sagen weiß von dem Gewinn, der nach der Abwendung erfolgt durch die Hinwendung zu Gott.

Beispielhaft sichtbar wird das an der verkürzten Leseweise der Aufforderung Jesu an den reichen Jüngling: “Jesus antwortete ihm: Willst du vollkommen sein, so geh hin, verkaufe, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm und folge mir nach.”(Matthäus 19,21) Der Ton bei Auslegungen liegt fast immer auf: “Verkaufe alles, was du hast.” Konsumverzicht, Armut als Ideal. Das Verschenken an die Armen als Gipfel der menschlichen Vollkommenheit. Überlesen wird, was zur Hinwendung angeboten wird: Komm und folge mir nach. Jesus fordert nicht einfach alles aufgeben. Sondern er lädt vor allem ein zu einem Leben in seiner Spur, in der Erfahrung der Gemeinschaft, im Geschenk des Miteinanders.

Die Weisheit lädt ein zur Abkehr von den bösen Wegen, weil nur so der Weg frei wird zur Hinkehr auf die Wege Gottes, wo Klugheit, guter Rat, Verstand und sogar Macht gefragt und gegeben werden.

 15 Durch mich regieren die Könige und setzen die Ratsherren das Recht. 16 Durch mich herrschen die Fürsten und die Edlen richten auf Erden.

 Es ist die Weisheit, die Könige gut regieren lässt, die Ratsherren in ihren Urteilen leitet. Es ist die Weisheit, die hinter allem guten Regiment steht. Dass das nicht allzu glatt gehört und allzu leicht als die alleinige Wirklichkeit angesehen werden darf, daran erinnert ein anderes Buch aus dem Umfeld der Weisheitsliteratur: „Weh dir, Land, dessen König ein Kind ist und dessen Fürsten schon in der Frühe tafeln!“ (Prediger 10,16) Martin Luther hat einmal ausgesprochen skeptisch kommentiert: „Ein frommer Fürst ist wie ein weißer Rabe.“ So etwas gibt es nur selten, sehr selten.

Eine große Differenz besteht bei der Übersetzung der Wendung: die Edlen richten auf Erden. Die Luther-Übersetzung schließt sich an die Septuginta an, die hier γς, Erde hat. Aber eine Vielzahl von Übersetzungen folgt einer anderen Spur: „Edle, alle gerechten Richter“ – so Schlachter 2000, Elberfelder, u. a. Der Sinn ist dann: Dass es zu gerechten Urteilen kommt, das ist eine Sache der Weisheit, der sich die Urteilenden anvertrauen. Die sehr offene Formulierung wird so ein wenig eingeschränkt. Nicht die ganze Erde ist der Raum der Gerechtigkeit, sondern sie kommt nur da zum Zug, wo sich Richter der Weisheit öffnen und anvertrauen.

17 Ich liebe, die mich lieben, und die mich suchen, finden mich. 18 Reichtum und Ehre ist bei mir, bleibendes Gut und Gerechtigkeit. 19 Meine Frucht ist besser als Gold und feines Gold, und mein Ertrag besser als erlesenes Silber. 20 Ich wandle auf dem Wege der Gerechtigkeit, mitten auf der Straße des Rechts, 21 dass ich versorge mit Besitz, die mich lieben, und ihre Schatzkammern fülle.

 Einmal mehr fällt die Nähe zu dem Jesus-Wort auf: „Suchet, so werdet ihr finden. (Matthäus 7,7) Was für eine Beteuerung: „Die Weisheit gibt keinem, der sie liebt, einen Korb.“ (W. Dietrich, aaO.; S.95) Wer sie sucht und findet, der findet das Leben. So lesen sich diese Worte als ein starkes Gegenbild zu den Verführungskünsten der fremden Frau. Während die auf den abschüssigen Weg des Verderbens verlockt, auf den Augenblicks-Genuss setzt, verspricht die Weisheit Frucht. Frucht die bleibt. Frucht, die sich auf die Dauer auszahlt, weil sie Besitz schenkt, volle Schatzkammern. Bleibendes Gut und Gerechtigkeit. In unserer Sprache heute: Gelingendes Leben.

 

Heiliger Geist, erfülle Du mein Herz mit der Weisheit, die aus Gott kommt, mit der Ehrfurcht vor dem Gebot, die darin den Weg des Leben glaubt, mit der Demut, die sich durch die Worte der Väter und Mütter leiten lässt.

Heiliger Geist, schärfe mir den Verstand, zu guten Urteilen zu kommen, zu richtigen Entscheiden. Hilf mir, den Weg zu finden, der dem Willen des Vaters entspricht, auf dem mich die Liebe des Sohnes leitet, der meinem Nächsten Gutes gönnt. Leite Du mich, Du Weisheit aus der Höhe. Amen