So einfach geht Verführung

Sprüche 7, 1 – 27

 1 Mein Sohn, behalte meine Rede und verwahre meine Gebote bei dir. 2 Behalte meine Gebote, so wirst du leben, und hüte meine Weisung wie deinen Augapfel. 3 Binde sie an deine Finger, schreibe sie auf die Tafel deines Herzens. 4 Sprich zur Weisheit: Du bist meine Schwester, und nenne die Klugheit deine Freundin, 5 dass sie dich behüte vor der Frau des andern, vor der Fremden, die glatte Worte gibt.

 Der Schreiber, die Schreiber der Sprüche sind unermüdlich in ihrer Erinnerung: Die Gebote sind gut. Sie helfen, das Leben zu bewahren. Sie sind wie ein Geländer, das vor dem Absturz bewahrt. Schön ist die Aufforderung: Sprich zur Weisheit. Sie ist eine Einladung zu positiven Einreden. Das eigene Herz binden. Es ist ja das einzige Macht-Mittel, das die Sprüche zur Verfügung haben, dass sie die Einsicht appellieren. Sie können und wollen nicht befehlen. Sie können sich auch, so will es scheinen, nicht auf irgendeine amtliche Autorität berufen. Kein Priesteramt., kein öffentliches Lehramt. Sie haben nur die Macht der Worte. „Non vi sed verbo.“(Martin Luther, Invokavit Predigten 1522) Nicht durch Macht, durch Kraft, sondern durch das Wort – so soll es in der Kirche zugehen. Zu allen Zeiten.

6 Denn am Fenster meines Hauses guckte ich durchs Gitter 7 und sah einen unter den Unverständigen und erblickte unter den jungen Leuten einen törichten Jüngling. 8 Der ging über die Gasse zu ihrer Ecke und schritt daher auf dem Wege zu ihrem Hause 9 in der Dämmerung, am Abend des Tages, als es Nacht wurde und dunkel war. 10 Und siehe, da begegnete ihm eine Frau im Hurengewand, listig, 11 wild und unbändig, dass ihre Füße nicht in ihrem Hause bleiben können. 12 Jetzt ist sie draußen, jetzt auf der Gasse und lauert an allen Ecken. 13 Und sie erwischt ihn und küsst ihn, wird dreist und spricht: 14 »Ich hatte Dankopfer zu bringen, heute habe ich meine Gelübde erfüllt. 15 Darum bin ich ausgegangen, dir entgegen, um nach dir zu suchen, und habe dich gefunden. 16 Ich habe mein Bett schön geschmückt mit bunten Decken aus Ägypten. 17 Ich habe mein Lager mit Myrrhe besprengt, mit Aloe und Zimt. 18 Komm, lass uns kosen bis an den Morgen und lass uns die Liebe genießen. 19 Denn der Mann ist nicht daheim, er ist auf eine weite Reise gegangen. 20 Er hat den Geldbeutel mit sich genommen; er wird erst zum Vollmond wieder heimkommen.« 21 Sie überredet ihn mit vielen Worten und gewinnt ihn mit ihrem glatten Munde.

 Wunderbar erzählt. Die Geschichte einer Verführung. Da steht einer am Fenster und schaut zu, wie der ahnungslose, ein wenig tumbe Tor auf der Straße umgarnt wird. Alles, was er von der Frau wahrnimmt, zeigt, dass sie dem Mann haushoch überlegen ist. Er merkt gar nicht, wie er eingewickelt wird. Sie hat freie Bahn. Der Mann ist auf Geschäftsreise. Er hat viel vor, weil er den Geldbeutel mitgenommen hat. Er wird so bald nicht zurückkommen. Sie redet auf ihn ein und er ist ihren Überredungs- und Verführungskünsten in keiner Weise gewachsen. Alle Bedenken, die der junge Mann gehabt haben könnte, verschwinden wie im Flug.

22 Er folgt ihr alsbald nach, wie ein Stier zur Schlachtbank geführt wird, und wie ein Hirsch, der ins Netz rennt, 23 bis ihm der Pfeil die Leber spaltet; wie ein Vogel zur Schlinge eilt und weiß nicht,dass es das Leben gilt.

 Vielleicht glaubt er ja noch, selbst das Heft des Handelns in der Hand zu haben. In Wahrheit aber läuft er längst fremdgesteuert, testosteron-geleitet hinter ihr her. Es ist blanke Ironie: wie ein Stier zur Schlachtbank geführt wird, ahnungslos über sein Geschick geht er mit. Blindlings wie der Hirsch in das Netz, wie der Vogel in die Falle rennt er ins Verderben. Seiner Lust folgend, die angestachelt wird, ist seine Vernunft auf Null geschaltet.

Es ist nicht sonderlich schwer, den Schreiber hier fast höhnisch lachend und zugleich ernsthaft erzürnt zu sehen, während er diese Szene schildert. Ironie stellt sich ja oft da ein, wo mit vernünftigen Argumenten niemand zu erreichen ist, wo die Situation so ernst ist, dass es kaum zum Aushalten ist. Es ist ein Mittel, nicht vor Zorn die Fassung zu verlieren – schneidender Spott.

Das gilt umso mehr, als dieses Bild vom Weg zur Schlachtbank ja ganz anders besetzt ist: „Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf.“(Jesaja 53,8) Dort, bei Jesaja das Schweigen des unschuldigen Opfers – hier das alberne Geschwätz und Turteln zweier, die nur ihrer Lust frönen wollen und nicht merken, wie in der Tat Frondienst an der Lust werden wird, was sie da erwartet. Was für ein Kontrast zwischen diesen beiden Szenen!

Bleibt noch die Anmerkung: Es gibt inner-biblisch den Gegentext zu diesem so willenlos Verführten – der davon erzählt, wie ein junger Mann der Verführung widersteht, obwohl ihn sein Widerstand dann in tiefe Not stürzen wird. Potifar „kümmerte sich in seinem Haus um nichts mehr, außer um sein eigenes Essen. Josef war ein gut aussehender junger Mann. Daher fing Potifars Frau an, ihn zu begehren und forderte ihn auf, mit ihr zu schlafen. Doch Josef weigerte sich. »Mein Herr vertraut mir in allem, was sein Hauswesen betrifft. Er hat in diesem Haus nicht mehr Macht als ich! Er hat mir nichts vorenthalten außer dir, denn du bist seine Frau. Wie könnte ich so etwas tun? Es wäre eine große Sünde gegen Gott.« Obwohl sie ihn Tag für Tag bedrängte, weigerte er sich mit ihr zu schlafen. Eines Tages jedoch war keiner der anderen Sklaven da, während er seiner Arbeit im Haus nachging. Da packte sie ihn an seinem Gewand und verlangte: »Schlaf mit mir!« Josef riss sich los, ließ sein Gewand in ihrer Hand zurück und floh aus dem Haus.( 1. Mose 39, 6- 12) Die Folgen für Josef sind Gefängnis, tiefer Absturz. Elend. Aber die Weisheit Gottes leitet ihn aus dieser Not.

24 So hört nun auf mich, meine Söhne, und merkt auf die Rede meines Mundes. 25 Lass dein Herz nicht abweichen auf ihren Weg und irre nicht ab auf ihre Bahn. 26 Denn zahlreich sind die Erschlagenen, die sie gefällt hat, und viele sind, die sie getötet hat. 27 Ihr Haus ist der Weg ins Totenreich, da man hinunterfährt in des Todes Kammern.

 Liest man die Worte hier im Zusammenspiel mit dieser Potifar-Affäre, so gewinnen sie zusätzlich Gewicht. Rufen sie doch auf den Weg, der dem Untergang entgegen wirkt, der das Verhängnis meidet. Die Weisheit und die Lehrer der Weisheit rufen auf die Wege, die recht sind, auf denen das Herz vor Unrecht bewahrt wird. Es sind starke Bilder: Hier pflastern Leichen den Weg der Ungerechtigkeit, des Ehebruches – da ist Leben. Fast könnte man auf die Idee kommen: die fremde Frau ist so etwas wie die Toten-Göttin.

 

Mein Gott, manchmal setzt der Verstand aus. Es klingt wie Spott. Männer können besser sehen als denken, deshalb sind Frauen schön. Wie viele sind schon verführt worden durch das schöne Gesicht, den anmutigen Körper, weil sie sich gerne verlocken ließen. Wie vielen aber ist das auch nur Ausrede. Weil sie genossen haben, dass sie für eine Frau anziehend sind, ihre Macht ausstrahlt, ihr Geld sie attraktiv macht.

Mein Gott, lehre Du uns Männer doch die Achtung, die aus der Frau keine Jagdbeute macht, keine Trophäe zum Ruhm der eigenen Männlichkeit. Leite Du uns durch Deinen Geist, dass wir Deinem guten Gebot folgen. Amen