Hin und her gerissen

Sprüche 6, 12 – 19

 12 Ein heilloser Mensch, ein nichtswürdiger Mann, wer einhergeht mit trügerischem Munde, 13 wer winkt mit den Augen, gibt Zeichen mit den Füßen, zeigt mit den Fingern, 14 trachtet nach Bösem und Verkehrtem in seinem Herzen und richtet allezeit Hader an.

 Die Worte schließen an die vorhergehenden Mahnungen nahtlos an. Aber hier werden nicht Mahnungen formuliert, sondern hier wird das Bild eines nichtsnutzigen Menschen gezeichnet.

Unklar, zweideutig. In der Septuaginta heißt es: παρνομος, wahnsinnig, frevelhaft. Unser Wort „Paranomie“ wird hier verwendet, aber nicht als Krankheitsbezeichnung, sondern als eine scharfe Verurteilung einer Lebenshaltung, die nicht der Wahrheit verpflichtet ist. Alles an diesem Menschen ist Lug und Trug, seine Mimik, seine Gesten, seine ganze Lebenseinstellung.

Einmal mehr stehen die Sprüche mit ihrem Denken wohl hinter Worten Jesu: „Aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsches Zeugnis, Lästerung.“(Matthäus 15,19) Jesus ist mit seinen Gedanken über den Menschen, seiner Anthropologie sichtbar der Sicht der Sprüche verwandt. Es ist das Herz eines Menschen, auf das es ankommt. Wer der Bosheit seines Herzens freien Lauf lässt und ihr nicht gebietet, der ist so ein „heilloser Mensch, ein Mensch Belials.“ (W. Dietrich, aaO.; S.80) Einer, mit dem nicht gut sein ist.

15 Darum wird plötzlich sein Verderben über ihn kommen, und er wird schnell zerschmettert werden, und keine Hilfe ist da.

 Aber der Blick richtet sich nicht zuerst darauf, was das wohl an Zerstörung von Gemeinschaft mit sich bringt, sondern zuerst, was das für diesen Menschen selbst bedeutet. Wer so lebt, so handelt, so ist, der bereitet sich selbst das Unheil vor. Fast könnte man sagen: er gräbt sich selbst das Grab, lange vor dem leiblichen Tod. Er isoliert sich so, dass er keine Hilfe finden wird. „Er wird zerbrochen, ohne die leiseste Hoffnung auf Heilung“ (W. Dietrich, aaO.; S.82) Es mag sein, dass einer lange so lebt, aber dann kommt das Verderben plötzlich. Schnell. Unausweichlich in seiner Plötzlichkeit. Die Sicherheit, in der man sich wiegen konnte, war trügerisch.

16 Diese sechs Dinge hasst der HERR, diese sieben sind ihm ein Gräuel: 17 stolze Augen, falsche Zunge, Hände, die unschuldiges Blut vergießen, 18 ein Herz, das arge Ränke schmiedet, Füße, die behände sind, Schaden zu tun, 19 ein falscher Zeuge, der frech Lügen redet, und wer Hader zwischen Brüdern anrichtet.

 Dieses doppeldeutige Leben ist nicht nur Menschen zuwider und schwer erträglich, es ist vor allem dem HERRN ein Gräuel. Etwas, das Gott nicht ausstehen kann und das ihm zuwider ist. Im wahrsten Sinn des Wortes: es ist gegen das Bild, das Gott vom Leben hat, das er für seine Leute will. Die Aufzählung ist in sich eindeutig. Sie ist auch darin eindeutig, dass sie Verhaltensweisen aneinander reiht, die die Gemeinschaft zerstören, die Harmonie, das Miteinander zerbrechen. Es ist das Bild eines friedlosen Menschen, der Unfrieden stiftet in seiner Falschheit. Gottes šālōm wird so missachtet. Aber außerhalb des Friedens Gottes gibt es kein gelingendes Leben. Davon sind die Sprüche überzeugt.

Es gehört zur Eigentümlichkeit der Sprüche, dass sie nicht bei dem Beschreiben von Alltagsverhalten und verfehlten Verhalten stehen bleibt, sondern es in den Zusammenhang mit Gott bringt. Es sind eben nicht nur die Menschen, die solches Verhalten nicht gut finden. Es ist der HERR, der es hasst. Es gibt für die Sprüche kein Nachdenken über das Leben, das Gott ausklammern würde, so tun könnte, als ob es Gott nicht gäbe „etsi deus non daretur“. Dieses Denken ist späteren Zeiten – Hugo Grotius 1625 – vorbehalten. Die Sprüche sehen das Leben der Menschen immer auch im Gegenüber zu Gott. Das gibt allem Verhalten einen letzten Ernst, zeigt sich doch im Verhalten, ob ein Mensch auf den Wegen Gottes geht oder nur seine eigenen Wege kennt und geht und nur seinem eigenen Willen folgt.

 

Mein Gott, mein Leben hat es mich gelehrt, dass ich das nötig habe, behütet zu werden, gewarnt zu werden, weil ich selbst manchmal zu schwach bin, oft genug aber auch blind dafür, wo ich mich verrenne und vergehe. In mir wächst die Skepsis, dass mein Herz schon alles richtig weiß, ich seinen Wegen unbedenklich folgen kann.

Leite Du mich durch Deinen heiligen Geist. Bewahre Du mich vor allem Übel. Gib Du mir den Willen zum Guten, die Kraft zum Guten und auch das Tun. Amen