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Sprüche 6, 1 – 11

1 Mein Sohn, hast du gebürgt für deinen Nächsten und hast du Handschlag gegeben für einen andern, 2 und bist du gebunden durch deine Worte und gefangen in der Rede deines Mundes, 3 so tu doch dies, mein Sohn, damit du wieder frei wirst, denn du bist in deines Nächsten Hand:

Mit Bürgschaften ist das so eine Sache. Es gibt viele besonnen Menschen, die eher davon abraten. Eine solche Stimme ist offensichtlich hier zu hören. Es wird hervorgehoben: Bürgschaft verpflichtet. Der Bürge ist gebunden durch sein Wort, das er gegeben hat. Geradezu gefangen. Man kann sich also nicht herausreden.

Es ist interessiert dabei nicht, wie die Bürgschaft zustande gekommen ist. Wer der Nächste , hebräisch: rēa‘, ist, für den man bürgt. Es mag eine Andeutung sein, dass hier nicht von Bürgschaft innerhalb der Sippe die Rede ist, wenn es um den Handschlag, gegeben für einen andern  geht. Statt für einen anderen gibt es auch die Übersetzung: einem Fremden. Hier steht das Wort zār,fremd“ wie schon in 5,20. Dann könnte es um Bürgschaften gehen, die geradezu geschäftsmäßig im „berufsmäßigen Handel“ (H.Ringgren, aaO. S.31)  übernommen werden – und eben nicht um die gebotene Gefälligkeit im Sippen-Verbund.

Solche Bindungen aber sind höchst gefährlich. Erst recht, wenn man sich mit seiner Bürgschaft übernommen hat. „Hat der Bürge sich im Rahmen seiner Möglichkeiten eingesetzt, so wird er im Notfall für den Schuldiger einspringen und das Geld auslegen können. Wenn er aber über seine Verhältnisse hinaus gegangen ist, gerät er in eine gefährliche Lage.“ (W. Dietrich, aaO. S.78) Das ist wohl die Situation, die hier vorgestellt ist. Es geht um mehr als um eine finanziellen Verlust. Die Integrität des Bürgen steht auf dem Spiel. Darum gilt es, alle Anstrengungen zu unternehmen, um sich aus den Lasten der Bürgschaft zu befreien.

Geh hin, dränge und bestürme deinen Nächsten! 4 Lass deine Augen nicht schlafen noch deine Augenlider schlummern. 5 Errette dich wie ein Reh aus der Schlinge und wie ein Vogel aus der Hand des Fängers.

            Keine Ruhe soll man geben. Sich selbst keine Ruhe gönnen, aber auch dem nicht, dem man durch die Bürgschaft verpflichtet ist. Nicht nachlassen im Versuch, die Verpflichtungen zu lösen.  Warum ist das so dringlich? Warum ist es so gefährlich, Bürge zu sein?

Wer zum Termin nicht bezahlen kann, dem droht „Erzwingungshaft“. Schuldknechtschaft.  So wie es Jesus erzählt: „Darum gleicht das Himmelreich einem König, der mit seinen Knechten abrechnen wollte. Und als er anfing abzurechnen, wurde einer vor ihn gebracht, der war ihm zehntausend Zentner Silber schuldig. Da er’s nun nicht bezahlen konnte, befahl der Herr, ihn und seine Frau und seine Kinder und alles, was er hatte, zu verkaufen und damit zu bezahlen.“ (Matthäus 18, 23 – 25) Es ist eine dramatische Situation, die das Leben gefährdet.

Die Weisheit, die im Buch der Sprüche gelehrt wird, ist lebensdienlich. Sie soll helfen, gefahren zu erkennen und sie zu meiden. Darum, und nur darum gibt der Lehrer hier diese Ratschläge, die „lieblos und unbarmherzig erscheinen“ können, (H.Ringgren, aaO. S.31), auch wenig solidarisch, dafür aber selbstbezogen. Offensichtlich mutet der Schreiber, muten die Schreiber ihren Schülern zu, unterscheiden zu können zwischen der gebotenen Solidarität und einer geradezu selbstmörderischen Solidarität, die den eigenen Ruin riskiert.

Mir gefällt diese „Zumutung“, den eigenen Verstand zu gebrauchen, die Lebens-Weisheit, um kalkulierbare Risiken von unkalkulierbaren zu unterscheiden, geforderte Nächstenliebe von der  überfordernden Selbstaufopferung. Mir gefällt auch, wie der Lehrer der Weisheit hier bis in alltägliche Kleinigkeiten hinein auffordert, der Gottesfurcht und Weisheit Raum zu geben. Sie anzuwenden. Glauben ist anwendungs-bezogen – oder er ist kein Glauben.

6 Geh hin zur Ameise, du Fauler, sieh an ihr Tun und lerne von ihr! 7 Wenn sie auch keinen Fürsten noch Hauptmann noch Herrn hat, 8 so bereitet sie doch ihr Brot im Sommer und sammelt ihre Speise in der Ernte.

            Es ist wohl eines der bekanntesten Worte aus den Sprüchen, diese Aufforderung, von der Ameise zu lernen. Es ist schon seltsam – auch die Verfasser der Sprüche kennen doch die Schöpfungsberichte mit ihrem Wort an den Menschen: „Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“ (1. Mose 1,28) Der zum Herrschen Berufene soll hingehen und vom Tier lernen! Nicht von irgendeinem imponierend großen Tier, sondern von der winzigen Ameise.

Im Hintergrund steht Naturbeobachtung. Offensichtlich gibt es einen genauen Blick auf das, was wir Ameisenstaat nennen. Keine Hierarchie ist für den Beobachter sichtbar. Kein unten und oben. Keinen Fürsten noch Hauptmann noch Herrn bekommt zu Gesicht, wer sich das Gewimmel in einem Ameisenhaufen anschaut. Und doch sind alle emsig, „kennen“ ihre Aufgabe und erfüllen  sie. Eine geheimnisvolle Ordnung lässt jede einzelne Ameise tun, was geboten ist, damit der Sommer genützt wird und Brot gesammelt wird für dürre Zeiten.

„Die Arbeit, selbständige Arbeit gehört zum Sinn des Lebens.“ (W. Dietrich, aaO. S.79) Das geht mit ein bisschen weit. Im Blick auf die Ameise,l weil das Instinkt-gesteuerte Wesen Ameise nicht nach dem Sinn des Lebens fragt, wohl auch gegenüber dem Instinkt nicht wirklich selbstständig ist. Aus dem Fehlen einer sichtbaren Hierarchie kann und darf man noch nicht auf „Selbständigkeit“ und freien Entschluss schließen.

Aber es geht mir auch zu weit im Blick auf uns Menschen. Was ist mit dem Riesenheer der Nicht-Selbständigen? Mit den ungezählten Menschen, die in eine Hierarchie hinein gestellt Befehle und Anweisungen empfangen und sie ausführen? Nicht wie Roboter, aber auch nicht so selbstbestimmt, wie es wohl wünschenswert wäre. Geht ihnen der Sinn des Lebens abhanden? Darüber hinaus: ist es wirklich so, dass Lebe erst sinnvoll ist, wenn es Arbeit hat? Wer nicht mehr arbeitet, der hat keinen Sinn mehr im Leben – das ist die Gleichung einer kapitalistischen Arbeits-Gesellschaft, aber doch nicht das Bild, das ich am Wort der Schrift gewinne.

Es geht  bei dieser Aufforderung, sich an der Ameise eine Beispiel zu nehmen, gewiss nicht darum, dass man so den Sinn des Lebens gewinnt. Sondern allein darum, den Tag nicht zu verschlafen, die eigenen Gaben nicht zu vergraben, sich der Gemeinschaft nicht zu vereigern, die alle Hände und Füße und Köpfe braucht.

 

9 Wie lange liegst du, Fauler! Wann willst du aufstehen von deinem Schlaf?

Bruder Jakob, Bruder Jakob, schläfst du noch? Hörst du nicht die Glocken?

Das Weck-Lied der Pilger vom Jakobsweg hat hier seine Textvorlage.  Es kann doch nicht wahr sein, dass ein gesunder Kerl, eine gesunde Frau den ganzen Tag im Bett verschläft und verträumt. Sich nicht kümmert um das, was draußen vorgeht. Sich nicht kümmert um das, wo er oder sie mit anpacken könnte, mit Sinn und Verstand, mit Herz und Hand.

10 Ja, schlafe noch ein wenig, schlummre ein wenig, schlage die Hände ineinander ein wenig, dass du schläfst, 11 so wird dich die Armut übereilen wie ein Räuber und der Mangel wie ein gewappneter Mann. und wer Hader zwischen Brüdern anrichtet.

Es ist blanke Ironie, die jetzt das Wort führt. Eine Sprachform, die in der Bibel nicht eben häufig verwendet wird. Hier wohl deshalb, weil sie das Widersinnige des Faulenzen deutlich macht. Wer so den Tag verschläft, vertrödelt, der hat am Ende des Tages Zukunft vertan. Es ist eben nicht so, dass es ja nur ein Tag ist, den man nicht nutzt. Wo die Faulheit zur Gewohnheit wird, nimmt die Armut Wohnrecht und der Mangel die Herrschaft. Wer glaubte, dass er keine Herren hat, weil ihn niemand zur Arbeit treibt und deshalb sagt: Ich bin so frei und mache frei, der findet sich auf einmal in bitterster Knechtschaft wieder.

„Dies ist ein gutes Beispiel der praktischen, nüchternen Weisheit der Sprüche  der völlige Gegensatz zur heiligen Sorglosigkeit der Bergpredigt.“ (H.Ringgren, aaO. S.32) Wobei zu beachten ist: Die Sorglosigkeit der Bergpredigt redet nicht der Faulheit das Wort. Sie ist Einweisung in die Gegenwart als die Zeit, die allein von uns zu gestalten ist.

In der Art seiner Argumentation bleibt das Buch sich treu. Es zeichnet die Gefahren des Fehlverhaltens mit klaren, harten Strichen und erwartet, dass der, der diese Worte hört oder liest, sich warnen lässt. Es überlässt keinen seinem eigenen Schicksal, unter dem Motto, das heutzutage gerne verwendet wird: „Das muss jeder selbst wissen.“ Die Sprüche reden gut zu. Sie zwingen nicht, aber sie warnen.

 

Mein Gott, so einfach ist es nicht, Hilfe zu verweigern, zumal wenn es nur um Geld geht. Du müsstest doch… Gerade du mit deinem Gottvertrauen…. Dein Wort erspart mir nicht, mir Klarheit zu verschaffen, innerlich und auch an Hand von äußeren Fakten, wo ist Nein angesagt, wo Ja. Ich danke Dir, dass mein Glaube nicht ohne Vernunft seine Urteile finden muss, aber auch nicht ohne die Liebe. Amen