Vom Segen der durchgehaltenen Treue.

Sprüche 5, 1 – 23

1 Mein Sohn, merke auf meine Weisheit; neige dein Ohr zu meiner Lehre, 2 dass du behaltest guten Rat und dein Mund wisse Erkenntnis zu bewahren!

Der ganze Abschnitt beginnt mit einer Aufforderung zur Aufmerksamkeit. Er wirkt wie ein Wiederholung und ist ja auch wirklich ein. So oder ähnlich haben schon die meisten Abschnitte zuvor begonnen. Offensichtlich liegt es in der „Natur der Dinge“, das die Aufmerksamkeit nachlässt, dass sich anderes in den Vordergrund schiebt, die Weisheit irgendwie übersehen werden kann.

 3 Denn die Lippen der fremden Frau sind süß wie Honigseim, und ihre Kehle ist glatter als Öl, 4 hernach aber ist sie bitter wie Wermut und scharf wie ein zweischneidiges Schwert. 5 Ihre Füße laufen zum Tode hinab; ihre Schritte führen ins Totenreich, 6 dass du den Weg des Lebens nicht wahrnimmst; haltlos sind ihre Tritte und du merkst es nicht.

                       Warnungen. Vor der fremden Frau. Vor ihren Künsten der Verführung. Vor der Verlockung durch sie. Dabei ist der Weg, auf den sie lockt, eine Sackgasse. Er führt ins Totenreich. Wo Leben versprochen wird, ist doch schon der Todesgeruch zu spüren. Wer ihrem Weg folgt, verleirt den Boden unter den Füßen, den festen Halt.

 7 So gehorcht mir nun, meine Söhne, und weicht nicht von der Rede meines Mundes.

             Die Schilderung wird durch eine neue Warnung unterbrochen. Wieder die Aufforderung zur Aufmerksamkeit. Diesmal im Plural: Meine Söhne. Wohl wahr: die Bilder der Verlockung können so stark werden, dass die unanschaulichen Worte dagegen nicht ankommen. Unsere Zeit, die vom Bild lebt, kennt die Wahrheit hinter diesen Worten: Bilder haben eine eigentümliche Macht, die weit über das bloße Wort hinaus geht.

8 Lass deine Wege ferne von ihr sein und nahe nicht zur Tür ihres Hauses, 9 dass du nicht andern gebest deine Kraft und deine Jahre einem Unbarmherzigen; 10 dass sich nicht Fremde von deinem Vermögen sättigen und, was du mühsam erworben, nicht komme in eines andern Haus, 11 und müssest hernach seufzen, wenn dir Leib und Leben vergehen, 12 und sprechen: »Ach, wie konnte ich die Zucht hassen, und wie konnte mein Herz die Warnung verschmähen, 13 dass ich nicht gehorchte der Stimme meiner Lehrer und mein Ohr nicht kehrte zu denen, die mich lehrten!

             Diese Warnung ist ausgesprochen plastisch: „Der Wahn ist kurz, die Reue lang.“ Vor den Augen  entfaltet sich das Bild dessen, der „aufwacht aus dem schönen Traum“ und sich betrogen sieht. Es ist ein böses Erwachen. Alles vertan für den kurzen Augenblick von vermeintlichen Glück. Wenn der Rausch verflogen ist, kommt der Katzenjammer.

             Es gibt unzählige Beispiele, mit denen die Worte hier unterfüttert werden können. Von dem, der auf die falschen Versprechungen von Betrügern herein gefallen ist. Von dem, der wie im Rausch alles verspielt, verzockt hat. Von dem, der im Glückstaumel den Boden unter den Füßen verloren hat. Von dem, der im Drogenrausch glaubte, er könne fliegen.

             In der Literatur finden sich solche Geschichten wie Sand am Meer – Wilhelm Hauffs Erzählung vom „Kalten Herz“ gehört hier hin. Der große Erziehungsroman „Uli der Knecht“ von Jeremias Gotthelf ebenso. Immer geht es um die Verlockungen, die sich als trügerisch erweisen und darum, dass die Reue auf einen neuen Weg führt. Kurz: Es liegt kein Segen auf der Untreue.

 14 Ich wäre fast ganz ins Unglück gekommen vor allen Leuten und allem Volk.«

             Es scheint, als hätten die Worte des Lehrers gewirkt. Gerade noch rechtzeitig. Vor dem völligen Untergang bewahrt. Bloßgestellt wäre man dann – vor allen Leuten. Schlimm genug, wenn man sich verrannt hat. Aber noch einmal zusätzlich hart, wenn das vor aller Augen geschieht.  Man kann durchaus darüber nachdenken, ob die Angst vor der „sozialen Kontrolle“, vor dem Gerede nicht manchmal auch vor Abstürzen bewahrt.

 15 Trinke Wasser aus “deiner” Zisterne und was quillt aus “deinem” Brunnen. 16 Sollen deine Quellen herausfließen auf die Straße und deine Wasserbäche auf die Gassen? 17 Habe du sie allein und kein Fremder mit dir.

            Wird hier das Bild vom Ehebruch wieder aufgenommen? „Zisterne oder Brunnen waren weit verbreitete Bilder für die Frau… V. 16 könnte einfach meinen: Du willst ja auch nicht, dass dein Lebensgefährte mit einem anderen Verkehr hat.“ (W. Dietrich, aaO. S.75) Dann würde es darauf hinauslaufen: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keine andern zu.“ (Goldene Regel)

18 Dein Born sei gesegnet, und freue dich der Frau deiner Jugend. 19 Sie ist lieblich wie eine Gazelle und holdselig wie ein Reh. Lass dich von ihrer Anmut allezeit sättigen und ergötze dich allewege an ihrer Liebe. 20 Mein Sohn, warum willst du dich an der Fremden ergötzen und herzest eine andere?

            Statt dessen: Treue. Festhalten an der Frau deiner Jugend. Das Modell der Lebens-Abschnitt-Partnerschaft ist für die Sprüche kein wirklich tragfähiges Lebensmodell. Miteinander durch die Lebensalter wachsen und reifen. Hier gibt es eine Nähe zu Bildern aus dem Hohenlied der Liebe, die auch nicht mit schönen Worten über den Geliebten, die Geliebte geizen.

Es liegt Segen auf der durchgehaltenen Treue. Es ist ein Lob der Treue, der ersten Liebe, die sich der Zeit stellt. In unserer Zeit, in der die Scheidungsquoten wachsen und in der die nicht urkundlich und amtlich festgeschriebenen Freundschaften wohl noch rascher ihr Verfalls-Datum erfahren, ist das eine fremde Botschaft.

Ist sie deshalb schon weltfremd? Die man abtun kann: Ja, damals. Da waren auch die materiellen Verhältnisse noch so, dass die Treue gewissermaßen erzwungen war, um vor der Verarmung zu schützen. Aber heute? Ich habe die Worte eine Richters im Ohr: „Der sicherste Weg zur Verarmung ist die Scheidung.“

Und ich habe die Erzählungen mancher alten Paare im Gedächtnis. Als wir unsere Krisen gemeinsam bewältigt haben, da haben wir erkannt, dass es gut werden kann mit uns. Das hat uns noch mehr zusammen wachsen lassen. Aber es ging nicht ab ohne Tränen und harte Arbeit am miteinander. Auch nicht ohne Vergeben.

21 Denn eines jeden Wege liegen offen vor dem HERRN, und er hat Acht auf aller Menschen Gänge. 22 Den Gottlosen werden seine Missetaten fangen, und er wird mit den Stricken seiner Sünde gebunden. 23 Er wird sterben, weil er Zucht nicht wollte, und um seiner großen Torheit willen wird er hingerafft werden.

Bislang ist die Gefährdung durch die fremde Frau im Blick, die Gefahr des Ehebruchs. Sie sucht die Verborgenheit, die Heimlichkeit, das schützende Dunkel. Aber das ist ein vergebliches suchen. Auch die Verborgenheit liegt offen vor dem HERRN. Sogar das Lied unserer Tage weiß das: „Der liebe Gott sieht alles und hat dich längst entdeckt.“(Hildegard Knef) Es gibt vor den Augen Gottes kein Verbergen.

„Jede Sünde rächt sich. Sie fängt den Sünder wie Stricke.“ (H.Ringgren, aaO. S.29) Es ist die Grundüberzeugung der Weisheit, die hier ausgesagt wird: Alles Tun hat Folgen. Die Tat holt den Täter ein. Das mag lange dauern, aber es ist unausweichlich. Wer sich der Zucht verweigert, wird von seiner Zuchtlosigkeit zur Strecke gebracht.

Ist in dem ganzen Abschnitt nur vordergründig von Ehebruch die Rede? Oder ist die fremde Frau, wie manchmal auch andernorts in der Hebräischen Bibel, ein Bild für die fremde Gottheit? „Das hier benutzte Adjektiv zār bedeutet eigentlich „fremdartig“ und bezeichnet offenbar einen, der sich außerhalb des normalen Lebens sowie der normalen Ordnung der Gesellschaft gestellt hat. Es ist nicht unwahrscheinlich, das der Verfasser hier eines der stehenden Motive der Weisheitsliteratur angewendet hat, um einen Kult zu brandmarken, der in seinen Augen der israelitischen Tradition ganz fremd ist, nämlich die Überreste des kanaanäischen Fruchtbarkeitskultes.“ (H.Ringgren, ebda.)

Wenn das zutrifft, wird die Anfrage an uns deutlicher: Dann geht es ja nicht mehr nur um eine Mahnung zur Treue. Sondern dann ist gleichzeitig die Frage gestellt, wo wir den Verführungen unserer Zeit nachlaufen und darüber die Treue zu Gott, die Gottesfurcht als Wegweisung aus den Augen verlieren. Eine Kirche, die sich in einem stetigen Anpassungsprozess an die gesellschaftliche Wirklichkeit, an den Mainstream befindet, muss sich solche Mahnungen wohl gefallen lassen und darf sie nicht zu leicht nehmen: „Dem Engel der Gemeinde in “Ephesus” schreibe: Das sagt, der da hält die sieben Sterne in seiner Rechten, der da wandelt mitten unter den sieben goldenen Leuchtern: Ich kenne deine Werke und deine Mühsal und deine Geduld und weiß, dass du die Bösen nicht ertragen kannst; und du hast die geprüft, die sagen, sie seien Apostel und sind’s nicht, und hast sie als Lügner befunden und hast Geduld und hast um meines Namens willen die Last getragen und bist nicht müde geworden. Aber ich habe gegen dich, dass du die erste Liebe verlässt.“ (Offenbarung 2, 1 – 4)

Es ist der Rückruf in die erste Liebe, der diese so weit auseinander liegenden Texte – hier die Sprüche, dort die Offenbarung – miteinander verbindet.

 

Bin ich wirklich den Verlockungen so hilflos ausgesetzt? mein Gott, oder ist es nur ein billige Ausrede? Ich kann doch wegblicken. Ich kann doch auf mich selbst sehen, auf meine Entscheidungen, an die ich mich gebunden habe.

Ich habe doch einmal Ja gesagt zu Dir, zu meiner Frau, zu meinem Weg, zu meinen Kindern. Warum nur sollte ich das alles in Frage stellen?

Gib Du mir die Treue ins Herz zu Dir und zu den Wegen, für die ich mich im Vertrauen auf Dich entscheiden habe. Amen