Ein behütetes Herz

Sprüche 4, 20 – 27

20 Mein Sohn, merke auf meine Rede und neige dein Ohr zu meinen Worten. 21 Lass sie dir nicht aus den Augen kommen; behalte sie in deinem Herzen, 22 denn sie sind das Leben denen, die sie finden, und heilsam ihrem ganzen Leibe.

            Die Frage heißt: sagt der Lehrer, der hier das Wort führt, das alles von seinen eigenen Worten? Von seinen eigenen Einsichten? Dann würde er ja sagen: Auf meine Worte kannst du bauen.  Oder ist in Wahrheit nicht von seinem Wort die Rede, sondern seine Worte weisen hin auf das größere Wort, auf die andere Weisheit? „Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.“(5. Mose 30,14)

So gelesen machen diese Worte für mich Sinn. Sie binden die Weisheit, das Leben an das Wort, das aus dem Mund Gottes kommt. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von allem, was aus dem Mund des HERRN geht.“ (5. Mose 8,3) Von diesem Wort kann sich unsere Seele wirklich nähren und Wegweisung empfangen.  

Einmal mehr klingen für mich hier auch Worte an, wie sie von Jesus überliefert sind: „Wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute.“(Matthäus 7,24) Es scheint mir nicht weit hergeholt, mir vorzustellen, dass Jesus aus dem Spruchgut der Weisheit manche Anregung für sein eigenes Lehren empfangen hat.

 23 Behüte dein Herz mit allem Fleiß, denn daraus quillt das Leben.

            In unsere heutige Sprach übersetzt: `Gehe achtsam mit Dir um. Achte darauf, was du an eindrücken auf dich einwirken lässt. Öffne dein Herz nicht allen möglichen Einflüssen. Verschließe deine Augen vor manchen Bildern. Lass nicht zu, dass deine Seele vergiftet wird.’ Das Herz ist in der biblischen Anthropologie der Ort der Willensentscheidungen, der Lebenspläne, aber auch der Gemütsbewegungen. Sozusagen das Person-Zentrum. Vieles, was wir heute der Seele zuschreiben, ordnen die biblischen Texte dem Herzen zu.

Ein behütetes Herz – das ist nicht gleich die Aufforderung zur Ängstlichkeit. Aber sehr wohl ein Plädoyer für sorgsames mit sich selbst Umgehen. Unterscheiden. Beurteilen. Vom Neuen Testament her wird das der Fähigkeit, „die Geister zu unterscheiden“ (1. Korinther 12,10) zu zu ordnen sein.

24 Tu von dir die Falschheit des Mundes und sei kein Lästermaul. 25 Lass deine Augen stracks vor sich sehen und deinen Blick geradeaus gerichtet sein. 26 Lass deinen Fuß auf ebener Bahn gehen, und alle deine Wege seien gewiss. 27 Weiche weder zur Rechten noch zur Linken; wende deinen Fuß vom Bösen.

Es geht weiter mit den Unterscheidungen. Liest man das hintereinander weg, so entsteht der Eindruck: Hier wird einer mit seiner Urteilsfähigkeit herausgefordert. Mache dir ein Bild von dem, was um dich geschieht. Beurteile, was du sagst, was Du siehst, wo du gehst. „Prüft aber alles und das Gute behaltet.“ (1. Thessalonicher 5,21) wird Paulus einer Gemeinde schreiben. Das Leben in den Wegspuren Gottes und nach seiner Weisheit macht nicht kritik-unfähig und blind-gläubig. Ganz im Gegenteil. Es stellt vor die Aufgabe, sich klar zu werden: Was passt zu  den Wegen Gottes? Was geht nicht in der Treue zu Gott?

Die Weisheit, wie sie hier angeboten wird, macht auch nicht entscheidungs-unfähig oder zum Entscheidungs-Verweigerer. Sie hat vielmehr das Bild vom Leben mit Gott, dass einer, der aus der Gottesfurcht handelt, Kriterien für sein Handeln gewinnen kann. Dass er entscheiden kann. Durch seine Gottesfurcht geleitet und durch die Weisheit ausgestattet mit allem, was es zu guten Entscheidungen braucht.

So werden in diesen Worten die personalen Voraussetzungen geklärt, die nötigt sind, um mutig und tapfer entscheiden zu können. Sichere Schritte tun zu können. Nicht, was zu entscheiden ist, steht im Vordergrund, sondern wie dieser Menschen innerlich und äußerlich gebunden ist, der vor Entscheidungen steht. Wenn man so will: Die Sprüche zielen zuerst auf die emotionale Kompetenz, nicht auf die kognitive Urteilsfähigkeit. Die ist erst in zweiter Linie von Bedeutung

 

Mein Gott, behüte Du mein Herz vor den Einflüsterungen des Argen, vor den Versprechungen, die an meine Gier und Sucht nach Leben appellieren.

Behüte Du mein Herz, dass ich den einfachen Ratschlägen folge, dem naiven Ruf zum Vertrauen, der schlichten Wahrheit, dass kein Segen auf Lug und Trug liegt.

Gib Du mir die innere Stärke, mein Herz zu behüten in Weisheit und Gottesfurcht. Amen