Der Himmel stürzt nicht ein

  1. Mose 27, 1 – 29

1 Und es begab sich, als Isaak alt geworden war und seine Augen zu schwach zum Sehen wurden, rief er Esau, seinen älteren Sohn, und sprach zu ihm: Mein Sohn! Er aber antwortete ihm: Hier bin ich. 2 Und er sprach: Siehe, ich bin alt geworden und weiß nicht, wann ich sterben werde. 3 So nimm nun dein Gerät, Köcher und Bogen, und geh aufs Feld und jage mir ein Wildbret 4 und mach mir ein Essen, wie ich’s gern habe, und bring mir’s herein, dass ich esse, auf dass dich meine Seele segne, ehe ich sterbe.

            Wer viel in der Bibel liest, wird schon bei dieser Formulierung hellhörig: Und es begab sich. Damit wird fast immer ein Ausrufezeichen gesetzt: Achtung, es geschieht etwas, das den normalen ruhigen Lauf der Dinge durchbricht. Isaak ist alt und er sieht nicht mehr. Er ist erblindet. Aber er weiß noch, was er will. Die Lebensgeister sind noch nicht erloschen. Deshalb ruft er Esau, um ihm eine Aufgabe zu stellen, die er erfüllen soll. Er soll tun, was er gerne tut – jagen und aus der Jagdbeute ein Essen bereiten. Dann will ihn Isaak segnen. Meine Seele ist gleich mein Leben. Im Hebräischen steht da das Wort näphäsch. das beides heißen kann – Seele, Leben, im ursprünglichen Sinn: Kehle. Isaak ahnt, dass sein Ende nahe kommt: auf dass dich meine Seele segne, ehe ich sterbe. Darum will er das Leben weitergeben.

            Was der Erzähler verschweigt, ist die Bedeutung dieses Segens. Das ist nicht nur ein gutes Wort. „Im Segen wird von dem Scheidenden die Lebenskraft dem ins Leben Gehenden weiter  gegeben.“ (C. Westermann, Am Anfang, 1. Mose. Kleine Biblische Bibliothek, 2.Teil, Neukirchen S.280) Und: Segen, zumal der Segen des Vaters kurz vor seinem Sterben, ist zugleich auch ein Rechtsakt. Sofort stellt sich damit eine Frage: Weiß Isaak nichts von dem Handel, den Esau mit Jakob eingegangen ist, als er ihm das Erstgeburts-Recht „überlassen“ hat? Haben die Brüder das für sich behalten – und der Leser weiß mehr als der blinde Isaak?

 5 Rebekka aber hörte diese Worte, die Isaak zu seinem Sohn Esau sagte. Und Esau ging hin aufs Feld, dass er ein Wildbret jagte und heimbrächte. 6 Da sprach Rebekka zu Jakob, ihrem Sohn: Siehe, ich habe deinen Vater mit Esau, deinem Bruder, reden hören: 7 Bringe mir ein Wildbret und mach mir ein Essen, dass ich esse und dich segne vor dem HERRN, ehe ich sterbe. 8 So höre nun, mein Sohn, auf mich und tu, was ich dich heiße. 9 Geh hin zu der Herde und hole mir zwei gute Böcklein, dass ich deinem Vater ein Essen davon mache, wie er’s gerne hat. 10 Das sollst du deinem Vater hineintragen, dass er esse, auf dass er dich segne vor seinem Tod.

            Rebekka hört, was Isaak sagt. Sie muss dafür nicht lauschen. Sie sieht, dass Esau dem Auftrag des Vaters folgt und wird nun ihrerseits aktiv. Das kennzeichnet die Erzählungen im Isaak insgesamt: Es ist immer Rebekka, die die Initiative ergreift. Eine starke Frau, während Isaak eher das Bild eines etwas hilflosen Mannes zeigt. Es ist Rebekka, die aus dem Auftrag an Esau eine Rivalität ableitet. Sie ist es, die dem Auftrag des Isaak ihren Plan entgegenstellt.

Rebekka ist in den Augen des Erzählers eine resolute, willensstarke Person.“ (R.Lux, aaO; S.36) Nicht zuletzt, weil sie ja den Orakel-Spruch kennt und nun gehört hat, dass Isaak Esau segnen will vor dem HERRN. Damit würde der Weg, den das Orakel angezeigt hat, durchkreuzt. Darum beauftragt sie nun ihrerseits Jakob, für die Zutaten zu einem Essen zu sorgen. Auf dem kurzen Weg zur Herde. „Der Himmel stürzt nicht ein“ weiterlesen

Zwillinge

  1. Mose 25, 19 – 34

19 Dies ist das Geschlecht Isaaks, des Sohnes Abrahams: Abraham zeugte Isaak. 20 Isaak aber war vierzig Jahre alt, als er Rebekka zur Frau nahm, die Tochter Betuëls, des Aramäers aus Mesopotamien, die Schwester des Aramäers Laban.

 

Bevor weiter erzählt wird, lesen wir eine kurze Zusammenfassung, wie eine Erinnerung, wer Isaak ist. Dazu braucht es den Verweis auf seine Herkunft. Für die analysierende Bibelwissenschaft sind diese beiden Verse Einsprengsel aus einer anderen Quellenschrift, die in den Erzählgang eingefügt sind.

21 Isaak aber bat den HERRN für seine Frau, denn sie war unfruchtbar. Und der HERR ließ sich erbitten, und Rebekka, seine Frau, ward schwanger.

            Wir erinnern uns: Isaak gewinnt Rebekka lieb. Umso schmerzhafter ist es, dass sie unfruchtbar ist, einfach über langer Zeit hin nicht schwanger wird. Das Schicksal der Sara, lange Zeit auf den ersehnten Sohn warten zu müssen, wiederholt sich bei Rebekka. Es ist, auch heute, eine der großen Belastungen, wenn der Wunsch nach Kindern unerfüllt bleibt. Was, so wissen wir es besser als frühere Zeiten, nicht automatisch an der Frau liegen muss. Hier ist es im Fortgang der Erzählung die Erinnerung daran: Kinder sind Gabe, sie werden nicht gemacht.

Darum wird Isaak einer, der den HERRN bittet. Für seine Frau. Aber doch genauso auch für sich selbst. Und vielleicht auch, wenn denn der Vater Abraham ihm die Verheißung Gottes erzählt und weiter gegeben hat, auch für die Verheißung Gottes. Beten ist oft genug, Gott in den Ohren liegen: du hast doch versprochen….

Isaaks Gebet läuft nicht ins Leere. Der HERR ließ sich erbitten. Das ist das Zeugnis nicht nur dieser Geschichte:  Isaak bittet, der Herr lässt sich erbitten. Wir glauben an einen Gott, der unser Beten hört. Manchmal erst nach langer Zeit. Manchmal auch in einer Weise hört, wie wir es nicht erwartet haben. Hier nun: Rebekka wird schwanger. Man könnte auch sagen: Wie gut, Isaak und Rebekka haben nicht aufgegeben. „Zwillinge“ weiterlesen

Zeit – keine Eile

  1. Mose 24. 50 – 67

50 Da antworteten Laban und Betuël und sprachen: Das kommt vom HERRN, darum können wir nichts dazu sagen, weder Böses noch Gutes. 51 Da ist Rebekka vor dir, nimm sie und zieh hin, dass sie die Frau sei des Sohnes deines Herrn, wie der HERR geredet hat.

            So vorsichtig der Knecht Abrahams auch geredet hatte, seine Botschaft ist angekommen. Laban und Betuël, der Bruder und der Vater, haben verstanden. Wenn es der Weg des HERRN ist, wer sind sie, dass sie sich dem verweigern könnten. Rebekka aber wird gar nicht mehr gefragt:  Da ist Rebekka vor dir, nimm sie und zieh hin. Jetzt zeigt sich doch deutlich, dass die Geschichte in einer Männergesellschaft erzählt ist.

Eine kleine „Übertreibung“ liegt auch in den Worten. Der HERR hat in der ganzen Angelegenheit nicht ein Wort gesagt. Schon gar nicht hat er gesagt: Rebekka ist es, die Frau, die ich für Isaak bestimmt habe. Es ist späteren, „frömmeren“ Zeiten vorbehalten zu behaupten: Ehen werden im Himmel geschlossen. Hier dagegen geht es ausgesprochen irdisch zu. Aber der HERR hat gehandelt, geführt, die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt an den richtigen Platz gebracht. Das ist „Reden“ genug.

52 Als Abrahams Knecht diese Worte hörte, neigte er sich vor dem HERRN bis zur Erde.

Das ist überraschend und deutet die Situation jetzt noch einmal anders: Nicht vor den beiden Männern schon gar nicht vor den möglicherweise auch anwesenden Frauen der Familie verbeugt sich Abrahams Knecht. Sondern er neigt sich vor dem Herrn zur Erde. Ehre, wem Ehre gebührt – und hier gebührt sie zuerst und zuletzt dem Herrn, der im Hintergrund handelt.

„Gott spannt leise feine Fäden,  die du leicht ergreifen kannst.“                                                 C. Bittlinger, CD Jeder Mensch braucht einen Menschen 1984  „Zeit – keine Eile“ weiterlesen

Fügungen brauchen ein Echo

  1. Mose 24, 29 – 49

 29 Und Rebekka hatte einen Bruder, der hieß Laban; und Laban lief zu dem Mann draußen bei dem Brunnen. 30 Denn als er den Stirnreif und die Armreifen an den Händen seiner Schwester gesehen hatte und die Worte Rebekkas, seiner Schwester, gehört hatte: So hat mir der Mann gesagt -, da kam er zu dem Mann, und siehe, er stand bei den Kamelen am Brunnen.

Auch wenn es zuvor nicht gesagt worden ist, hat Rebekka doch Stirnreif und Armreif als Geschenke erhalten. Diese überreichen Geschenke lösen die Aktivitäten ihres Bruders Laban aus. Wenn auch die Worte Rebekkas mitspielen mögen. Laban macht sich auf den Weg zu diesem geheimnisvollen Fremden am Brunnen.

31 Und er sprach: Komm herein, du Gesegneter des HERRN! Warum stehst du draußen? Ich habe das Haus bereitet und für die Kamele auch Raum gemacht. 32 Da führte er den Mann ins Haus und zäumte die Kamele ab und gab ihnen Stroh und Futter, dazu auch Wasser, zu waschen seine Füße und die Füße der Männer, die mit ihm waren. 33 Und man setzte ihm Essen vor.

            Ohne weiter Erklärungen abzuwarten, nötigt ihn Laban zur Einkehr. Mit Worten, die ahnen lassen, dass Laban in diesem Mann mehr sieht als irgendeinen Durchreisenden: du Gesegneter des HERRN! Er öffnet ihm das Haus, bietet Gastfreundschaft an. Ihm und seinen Männern. Man könnte auch sagen: Er setzt die Gastfreundschaft seiner Schwester Rebekka jetzt im gebührenden Rahmen fort.

Er sprach aber: Ich will nicht essen, bis ich zuvor meine Sache vorgebracht habe. Sie antworteten: Sage an! 34 Er sprach: Ich bin Abrahams Knecht. 35 Und der HERR hat meinen Herrn reich gesegnet, dass er groß geworden ist, und hat ihm Schafe und Rinder, Silber und Gold, Knechte und Mägde, Kamele und Esel gegeben. 36 Dazu hat Sara, die Frau meines Herrn, einen Sohn geboren meinem Herrn in seinem Alter; dem hat er alles gegeben, was er hat. 37 Und mein Herr hat einen Eid von mir genommen und gesagt: Du sollst meinem Sohn keine Frau nehmen von den Töchtern der Kanaaniter, in deren Land ich wohne, 38 sondern zieh hin zu meines Vaters Hause und zu meinem Geschlecht; dort nimm meinem Sohn eine Frau.

            Noch bevor es zum Essen kommt, zum Gastmahl, will Abrahams Mann seinen Auftrag loswerden, sein Anliegen vortragen. Es soll nicht zugedeckt, nicht verdrängt werden unter den Übungen der Gastfreundschaft. Sein Anliegen fängt mit seiner Vorstellung an: Ich bin Abrahams Knecht. Kein Zufallsbesuch, sondern der Beauftragte des auf Gottes Geheiß Ausgewanderten. Spätestens jetzt wissen alle im Raum: Es wird um Familiengeschichten gehen. Und alle wissen auch: Es ist kein blinder Zufall, dass dieser Mann hier sitzt. „Fügungen brauchen ein Echo“ weiterlesen

Geführte Suche

  1. Mose 24, 1 – 28

 1 Abraham war alt und hochbetagt, und der HERR hatte ihn gesegnet allenthalben.

         Abraham – das Bild eines gesegneten Mannes. Alt, reich, auf guten Wegen unterwegs. Hinter diesen Segen steht der HERR. Es ist seine Fülle, seine Güte, die Abrahams Leben erfüllt hat und nicht nur das Glück und die Tatkraft Abrahams. Auch nicht nur seine Frömmigkeit.

2 Und er sprach zu dem ältesten Knecht seines Hauses, der allen seinen Gütern vorstand: Lege deine Hand unter meine Hüfte 3 und schwöre mir bei dem HERRN, dem Gott des Himmels und der Erde, dass du meinem Sohn keine Frau nimmst von den Töchtern der Kanaaniter, unter denen ich wohne, 4 sondern dass du ziehst in mein Vaterland und zu meiner Verwandtschaft und nimmst meinem Sohn Isaak dort eine Frau.

         Merkwürdig. Nicht mit Isaak, sondern mit seinem Knecht beredet Abraham, was ihm auf der Seele liegt. So weit geht der Einfluss dieses Knechtes, dass er dem Sohn eine Frau nehmen soll. Aber es ist ja nicht irgendein Knecht. Das Wort Ebed für Knecht ist ein gefülltes Wort. Das ist nicht irgendein Diener, sondern einer, der in einer intensiven Verbindung zu seinem Herrn steht. Theologisch hoch bedeutend wird das Wort Knecht bei Jesaja verwendet, wenn er vielfach vom Knecht Gottes spricht, dem Ebed Jahwe. Dieser Knecht hier ist der Älteste im Haus, der allen seinen Gütern vorstand. Es liegt nahe, hinter diesem Knecht, dessen Name in der ganzen folgenden Erzählung ungenannt bleibt, „Eliëser von Damaskus“ (1. Mose 15,2) zu sehen. Sicher ist das aber nicht.

         Eine Frau für Isaak ist sein Auftrag. Er soll dabei im Ausschlussverfahren suchen: keine von den Töchtern der Kanaaniter. Abraham vergisst es nicht: Er lebt in einem fremden Land, unter ihm fremden Leuten. Daran hat sich durch seine lange Lebenszeit nichts geändert. Hinter diesem Verbot steht wohl der Gedanke: Keine Vermischung mit den Kanaanäern –  ein Thema, das sich durch viele Erzählungen der Geschichtsbücher zieht. Nicht um das Rasse willen, eher wohl aus religiösen Gründen. Die Verbindung mit dem fremden Volk hat diev Gefahr der Religionsmischung im Gefolge. „Geführte Suche“ weiterlesen

Gleichmut aus Glauben

Philipper 4, 10 – 23

10 Ich bin aber hocherfreut in dem Herrn, dass ihr wieder eifrig geworden seid, für mich zu sorgen; ihr wart zwar immer darauf bedacht, aber die Zeit hat’s nicht zugelassen.

Ganz handfest geht es zu. Die Gemeinde hat für Paulus gesorgt – durch Zuwendungen, Unterstützung. Unaufgefordert. Als sich die Gelegenheit geboten hat, sind sie aktiv geworden. Dies zu erfahren, hat Paulus gut getan. Ihn mit großer Freude erfüllt.

11 Ich sage das nicht, weil ich Mangel leide; denn ich habe gelernt, mir genügen zu lassen, wie’s mir auch geht. 12 Ich kann niedrig sein und kann hoch sein; mir ist alles und jedes vertraut: beides, satt sein und hungern, beides, Überfluss haben und Mangel leiden; 13 ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht.

            Kein Zweifel. Paulus ist dankbar.  Man tut gut daran, diese Sätze nicht als Floskel zu lesen: Das wäre doch nicht nötig gewesen. Auch nicht als Zurückweisung einer nicht willkommenen Fürsorge. Andernorts ist Paulus sorgfältig darauf bedacht, Eigenständigkeit und Unabhängigkeit zu wahren. „Als ich bei euch war und Mangel hatte, fiel ich niemandem zur Last. Denn meinem Mangel halfen die Brüder ab, die aus Mazedonien kamen. So bin ich euch in keiner Weise zur Last gefallen und will es auch weiterhin so halten.“(2. Korinther 11, 9) Nicht so hier. Die Gaben freuen ihn.

Und doch: Er hat eine andere Lektion gelernt, die ihn hat unabhängig werden lassen von seiner äußeren Situation. Ich habe gelernt, mir genügen zu lassen. „Mit allem zufrieden zu sein, auch wenn er Hunger und Durst erleiden muss, nichts anzuziehen hat und kein Quartier findet.“(G. Friedrich, aaO. S. 173)  Das ist auf den ersten Blick eine Bedürfnislosigkeit, wie sie auch in der zeitgenössischen Philosophie praktiziert werden könnte. „Gleichmut aus Glauben“ weiterlesen

Nachmachen

Philipper 4, 1 – 9

1 Also, meine lieben Brüder, nach denen ich mich sehne, meine Freude und meine Krone, steht fest in dem Herrn, ihr Lieben.

Sätze der Ermutigung. Keine Polemik mehr, sondern Zuneigung und Verbundensein bestimmen  diese Worte. Und Hochachtung. Meine Freude und meine Krone. Was ihn äußerlich schmückt und innerlich froh sein lässt – das ist die Gemeinde. Ich überlege: in wie vielen der Gemeinden, die Paulus gegründet hat, hat er Anderes erlebt – Misstrauen, Vorbehalte, Skepsis. Hier dagegen: Freude. Von ihnen hofft er, dass sie fest bleiben. Stabil,  würden wir sagen. Beständig und treu.

Diese kurze Notiz zeigt: dass Christen stabil und treu im Glauben sind, versteht sich nicht von selbst. Es ist Aufgabe und es ist Bitte zugleich. Wohl auch Teil der Fürbitte des Paulus.

  Ach bleib mit deiner Treue bei uns, mein Herr und Gott;
Beständigkeit verleihe, hilf uns aus aller Not.             J. Stegemann 1627  EG 347

2 Evodia ermahne ich und Syntyche ermahne ich, dass sie „eines“ Sinnes seien in dem Herrn. 3 Ja, ich bitte auch dich, mein treuer Gefährte, steh ihnen bei; sie haben mit mir für das Evangelium gekämpft, zusammen mit Klemens und meinen andern Mitarbeitern, deren Namen im Buch des Lebens stehen.

Paulus bleibt bei seinem Thema: Feststehen, beständig werden. Gefährdet wird das sicher durch Druck von außen. Aber vor allem auch durch Uneinigkeit im Inneren. Gibt es Unstimmigkeiten zwischen Evodia und Syntyche, dass Paulus so ermahnt – diesmal wirklich ermahnt? Wir wissen nichts von beiden. Nur: Die Gemeinde soll nicht zusehen, wie sich Leute entzweien, die gemeinsam für das Evangelium gekämpft haben. Es ist nicht die Art des Paulus, solche Unstimmigkeiten einfach als gegeben hinzunehmen.

Darum stellt er ihnen Leute zur Seite. Helfer. Friedensstifter.  Σζυγε. Jochgenosse – so redet er einen direkt an. Und will ihn einspannen für diese beiden Frauen. Sie sind ja doch, wie alle anderen Mitarbeiter, Leute, deren Namen im Buch des Lebens stehen. Wie könnte Paulus sie da sich selbst und ihren Unstimmigkeiten überlassen. „Nachmachen“ weiterlesen

Noch nicht am Ziel

Philipper 3, 12 – 16

12 Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin. 13 Meine Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht so ein, dass ich’s ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist, 14 und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.

            Noch nicht am Ziel. Noch nicht vollkommen. Das sind vielleicht die kostbarsten Sätze dieses großen ersten Theologen der Christenheit. Er, der so den Glauben radikal durchdacht hat, wie vor ihm keiner aus der Jüngerschar. Der, der mit seinen Denken Grundlagen für alle spätere Denkarbeit in der Christenheit gelegt hat – er sagt: noch nicht vollkommen.

Im Deutschen sieht man nicht, was hier mitschwingt. Οχ τι δη τετελεωμαιNicht, dass ich schon vollkommen sei steht einem anderen Satz, einem anderen Wort, gegenüber: Τετλεσται„Es ist vollbracht.“ (Johannes 19,30) Das gleiche Wort, einmal als Signal des Sieges, der Vollendung und einmal als Hinweis: noch nicht. Es ist, als wüsste Paulus, dass dieses Wort vollbracht, vollkommen nur einem zusteht, nur dem Christus am Kreuz.

Paulus jedenfalls sieht sich noch auf dem Weg. Er ist kein Vollkommener. Kann es ja auch gar nicht sein, solange er noch auf dem Weg ist. Noch nicht in der Ewigkeit angekommen. Es ist gut, sich vor allen zu hüten, die sich unterwegs mit der Aura der Vollkommenheit umgeben.  Das Evangelium von der Rechtfertigung der Gottlosen verträgt keine perfekten Frommen. Es verträgt Frömmigkeit nicht als Vollkommenheit, sondern immer nur als Versuch. Als Übung. „Noch nicht am Ziel“ weiterlesen

Täglich zu singen

Philipper 3, 1 – 11

1 Weiter, liebe Brüder: Freut euch in dem Herrn! Dass ich euch immer daselbe schreibe, verdrießt mich nicht und macht euch umso gewisser.

            Das ist ein Grund-Ton in diesen Brief: Freut euch in dem Herrn! Ein Ermutigung zur Freude. Eine Erinnerung daran, dass es ein Glück ist, eine Lust ist, mit Christus zu leben. Das kann man vermutlich gar nicht oft genug wiederholen, weil es sich sonst so leicht einschleift. „Alle Jahr wieder“ – was soll daran schon Grund zur Freude sein?

Paulus aber denkt so: Das immer gleiche Evangelium, dass wir Gott recht sind, weil er uns sich recht sein lässt – wie sollte einen das nicht freuen? Nicht jubeln lassen? Dass Gott sich durch nichts von uns trennen lässt und dass uns nichts aus seiner Hand reißen kann – weder Tod noch Leben, weder Hohes noch Zukünftiges. Weder Glück noch Schmerz – wenn das kein Grund zur Freude ist! In allen Wechselfällen des Leben gehalten und geborgen in Christus. „Wer in Christus ist, kann allezeit fröhlich sein.“ (G. Friedrich, aaO. S. 158) Darum

            In dir ist Freude in allem Leide, o du süßer Jesu Christ!
Durch dich wir haben himmlische Gaben, du der wahre Heiland bist;
hilfest von Schanden, rettest von Banden.
Wer dir vertrauet, hat wohl gebauet, wird ewig bleiben. Halleluja.
Zu deiner Güte steht unser G’müte, an dir wir kleben im Tod und Leben;
nichts kann uns scheiden. Halleluja.                   C. Schnegass 1598 , EG 398

Täglich zu singen. Besonders in schweren Zeiten. Es ist gut, dass das Lied, das so jubelt, die Wechselfälle des Lebens nicht ausspart. Es gibt eine Freude trotz der Schattenspiele, die das Leben mit sich bringt. „Täglich zu singen“ weiterlesen

Keine Überflieger

Philipper 2, 19 – 30

19 Ich hoffe aber in dem Herrn Jesus, dass ich Timotheus bald zu euch senden werde, damit ich auch erquickt werde, wenn ich erfahre, wie es um euch steht.

            Paulus ist auf seine Mitarbeiter angewiesen. Hier auf Timotheus. Ihn will er nach Philippi schicken.  In der Hoffnung, durch ihn Nachrichten zu erhalten, gute Nachrichten. Es wird, so denkt  Paulus, gut tun, von der Gemeinde zu hören, von ihrem Weg, von ihrem Glauben, vom Miteinander in Philippi.

20 Denn ich habe keinen, der so ganz meines Sinnes ist, der so herzlich für euch sorgen wird. 21 Denn sie suchen alle das Ihre, nicht das, was Jesu Christi ist. 22 Ihr aber wisst, dass er sich bewährt hat; denn wie ein Kind dem Vater hat er mit mir dem Evangelium gedient. 23 Ihn hoffe ich zu senden, sobald ich erfahren habe, wie es um mich steht.

Timotheus ist nicht irgendwer. Paulus startet eine regelrechte Lobrede auf ihn. Alles, was er schreibt, zeichnet Timotheus aus – sein Name auf Deutsch: „Gottesfürchtiger,  Gottesverehrer“  -, kennzeichnet ihn als einen nach dem Herzen des Paulus. Mit ihm ist er ganz einig, von ihm ist er völlig überzeugt. In diesen Sätzen schwingt auch Bitterkeit mit, über andere, nicht namentlich genannte Weggefährten. Es ist auch ein „Wort der Enttäuschung über seine engsten Mitarbeiter.“ (G. Friedrich, aaO. S. 156)

            Dahinter mag stehen, dass manche sich nicht so eingesetzt haben, wie es Paulus erhofft hat. Auch, dass manche seine Sicht der Dinge nicht geteilt haben. Sein Weg der Verkündigung an die Heiden war ja heftig umstritten. Dahinter könnte auch stehen, dass er in seiner Gefangenschaft allein gelassen worden ist. Ohne Besuch, ohne Zuspruch, ohne Ermutigung.

Umso heller leuchtet das Bild des Timotheus. Wie ein Kind ist er für Paulus. Einer, auf den sich ganz verlassen kann. Einer, mit dem sich Paulus verbunden weiß. Einer, der sich bewährt hat. Der das Evangelium weiter trägt. Ihm dient. Im Griechischen steht hier das Verb, von dem das Substantiv für Knecht, für Sklave abgeleitet ist. So völlig ist Timotheus an das Evangelium hingegeben – wie Paulus selbst. „Keine Überflieger“ weiterlesen