Planen unter Vorbehalt

Römer 15, 22 – 33

22 Das ist auch der Grund, warum ich so viele Male daran gehindert worden bin, zu euch zu kommen.

Diese Arbeitsweise liefert die Begründung dafür, dass Paulus noch nicht nach Rom gekommen ist. ES hat viel Zeit gekostet, oft Jahre an einem Ort, bis da eine kleine Gemeinde entstanden ist. „Auf der Durchreise“, im Vorübergehen, lässt sich das Evangelium nicht einpflanzen. Es braucht schon eine gewisse Verweildauer der Boten, damit es einwurzeln kann, damit ihre Glaubwürdigkeit sich im gemeinsamen Lebensvollzug erweisen kann. Das ist eine bleibende Anfrage an allen Reisedienst.

 23 Nun aber habe ich keine Aufgabe mehr in diesen Ländern, habe aber seit vielen Jahren das Verlangen, zu euch zu kommen, 24 wenn ich nach Spanien reisen werde. Denn ich hoffe, dass ich bei euch durchreisen und euch sehen kann und von euch dorthin weitergeleitet werde, doch so, dass ich mich zuvor ein wenig an euch erquicke.

            Hier, in diesen Ländern, sieht Paulus keine Aufgabe mehr für sich. Seine Aufgabe ist erfüllt Er will weiter, immer weiter, bis nach Spanien. Nach Finis Terre an der Atlantik-Küste? Ans Ende der Welt. So weit ist ja der Bogen gespannt durch die Worte des Auferstandenen: „Ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.“ (Apostelgeschichte 1,9) 

            Damit er so weit kommt, wünscht er sich Rom als Basis. Wünscht er sich die Gemeinschaft mit der Gemeinde in Rom. Dass er bei ihnen Kräfte sammeln kann. Das hatte er ja auch schon zu Beginn seines Briefes als seine Hoffnung formuliert: „Ich sehne mich danach, euch persönlich kennen zu lernen und euch etwas von dem, was Gottes Geist mir geschenkt hat, weiterzugeben, damit ihr ´in eurem Glauben` gestärkt werdet – besser gesagt: damit wir, wenn ich bei euch bin, durch unseren Glauben gegenseitig ermutigt werden, ich durch euch und ihr durch mich.“ (1,11-12) In dieser Hoffnung schreibt er seinen Brief. Sie ruft er hier in Erinnerung, sich und seinen Leserinnen und Lesern.  „Planen unter Vorbehalt“ weiterlesen

Gesandt

Römer 15, 14 – 21

14 Ich weiß aber selbst sehr wohl von euch, liebe Brüder, dass auch ihr selber voll Güte seid, erfüllt mit aller Erkenntnis, sodass ihr euch untereinander ermahnen könnt.

Es wirkt wie „eine Verbeugung“ (P. Stuhlmacher, aaO. S.209) vor der Gemeinde in Rom: Was ich euch schreibe, wisst ihr gewiss alles schon.  Ihr seid erfüllt mit aller Erkenntnis. Aber es ist die Grundüberzeugung des Apostels: der Heilige Geist macht klug, wissend in dem, was die Gemeinde hat und braucht. Sie würden wohl auch gar nicht verstehen, was er schreibt, wenn sie nicht mit ähnlichen Gedanken und Überzeugungen schon unterwegs wären. Weil sie selbst solche Einsichten hat, kann Paulus darauf hoffen, dass ihr plausibel, vernünftig erscheint, was er schreibt. Es geht in dem Brief nach Rom von der ersten bis zur letzten Zeile für Paulus um einen Verständigungsprozess mit der Gemeinde in Rom über den  gemeinsamen Glauben.

 15 Ich habe es aber dennoch gewagt und euch manches geschrieben, um euch zu erinnern kraft der Gnade, die mir von Gott gegeben ist, 16 damit ich ein Diener Christi Jesu unter den Heiden sei, um das Evangelium Gottes priesterlich auszurichten, damit die Heiden ein Opfer werden, das Gott wohlgefällig ist, geheiligt durch den Heiligen Geist. 17 Darum kann ich mich rühmen in Christus Jesus vor Gott.

Was er schreibt, ist reichlich kühn – so für ich habe gewagt. Vielleicht könnte man sagen: ungewöhnlich. So noch nicht so oft in der ersten Gemeinde formuliert und auf den Punkt gebracht. Paulus weiß sehr wohl, dass andere in der Christenheit seine Worte kritisch betrachten. Wenn er dennoch schreibt, so hat das Gründe. Einen dieser Gründe nennt Paulus: Es ist sein Auftrag. Die Gnade, die ihm von Gott gegeben ist. Er ist, in Person, der Brückenkopf zu den Heiden. Man könnte auch sagen, der die Brücke zu den Heiden schlägt. Pontifex – Brückenbauer.

Das ist seine Berufung, dass er das Evangelium zu den Heiden trägt, in ihre Lebenswelt hinein übersetzt. Paulus verzichtet darauf, als den Ort dieser Beauftragung das Apostelkonzil (Apostelgeschichte 15) zu benennen, so wie er es an anderer Stelle tut: „Da sie die Gnade erkannten, die mir gegeben war, gaben Jakobus und Kephas und Johannes, die als Säulen angesehen werden, mir und Barnabas die rechte Hand und wurden mit uns eins, dass wir unter den Heiden, sie aber unter den Juden predigen sollten,“(Galater 2, 9) Lukas wird in seiner Erzählung diese Berufung mit dem Wort des erhöhten Christus an Paulus verbinden: „Und ich will dich erretten von deinem Volk und von den Heiden, zu denen ich dich sende, um ihnen die Augen aufzutun, dass sie sich bekehren von der Finsternis zum Licht und von der Gewalt des Satans zu Gott. So werden sie Vergebung der Sünden empfangen und das Erbteil samt denen, die geheiligt sind durch den Glauben an mich.“(Apostelgeschichte 26, 17-18)  Hier schlicht: Gnade. „Gesandt“ weiterlesen

Wie Christus

Römer 15, 7 – 13

7 Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.

            Das Verhalten der Christen untereinander soll sich am Beispiel Christi orientieren. Wie er sollen Christen miteinander umgehen. Einander annehmen. Akzeptieren. Tragen. Ertragen. Sich gegenseitig verpflichtet wissen zur Hilfe, zur Barmherzigkeit, zur Vergebung.

Einmal mehr taucht hier eines der Lieblingsworte des Paulus auf:λλλους. Einander. Wenn man im Römerbrief Statistik führen würde, könnte man merken, dass einander viel häufiger vorkommt als ich, mich, mein. Das Christenleben ist ein Gemeinschaftsprojekt und Christsein zeigt sich vorzugsweise in dem, das andere etwas von mir haben, dass mein Glauben ihnen gut tut.

Das Ziel: in dieser wechselseitigen Annahme, in diesem menschenfreundlichen Umgang wird das Lob Gottes verwirklicht. Wir loben den Schöpfer, indem wir so leben, wie er es sich gedacht hat: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“(1.Mose 2,18) Darum erschafft er ihn als Gemeinschaftswesen, ζώον πολιτικόν, wie die griechischen Philosophen sagen. Indem wir dieser Bestimmung nachkommen, loben wir Gott. Tragen wir bei zu seiner Verherrlichung, seiner Ehre – so wörtlich im Griechischen.

Es begegnet in diesen Worten, wie öfters bei Paulus eine „Vorbild-Christologie“ Christus gibt in seinem Handeln den Maßstab für das Handeln der Christen, in seinem Sein den Maßstab für das Sein der Christen. Aber das ist nicht die einzige Weise, wie Paulus von Christus für uns spricht.  Neben, nein, vor der Vorbild-Christologie steht sein Tun für uns, steht seine Liebe zu uns, steht seine Erlösung. „Wie Christus“ weiterlesen

Starke Schultern

Römer 15, 1 – 6

 1 Wir aber, die wir stark sind, sollen das Unvermögen der Schwachen tragen und nicht Gefallen an uns selber haben.

            Paulus zeigt, wo er sich selbst sieht: bei denen, die stark sind, die die Freiheit haben, die keine Furcht mehr davor haben, durch irgend ein Fehlverhalten beim Essen oder Trinken aus der Gnade Gottes zu fallen. Vielleicht erklärt das auch, warum er die Starken stärker zum Verzicht, zur Rücksichtnahme fordert als die Schwachen. Er hatte ja auch sagn können: Lernt, nicht so eng zu sein.

Die Luther-Übersetzung formuliert mit ihrem wir sollen tragen zu schwach. Das griechische Wort φελομεν (vgl 13,8) legt eine andere Übersetzung nahe: Wir sind verpflichtet. „Wir sind es schuldig, dass….“  Aus den vorangegangenen Bitten des Paulus wird jetzt eine klare Weisung, die bindend ist. Die Rücksichtnahme der Starken ist keine Ermessensangelegenheit. Er unterstellt: Die Starken „haben die Kraft und die innere Weite, auch die Enge und Ängstlichkeit der anderen zu verstehen und mitzutragen.“(W. Klaiber, aaO. S. 257) Paulus fordert das ein, vielleicht ein wenig leichter, weil er sich selbst auch unter dieser Forderung sieht. Nicht an irgend-wen, sondern an sich selbst richtet Paulus seine Forderung: „Die starken Schultern müssen mehr tragen als die Schwachen.“

Aber es ist schon bemerkenswert: Er nennt die Hindernisse und Blockaden, die die Schwachen sehen, „Unvermögen“, „Schwächen“. Er sieht bei ihnen ein Defizit. Sie könnten stärker sein. Der Glaube hat eine größere Freiheit für sie bereit, als sie es selbst bis jetzt für sich annehmen.   „Starke Schultern“ weiterlesen

Andere sind anders

Römer 14, 13 – 23

13 Darum lasst uns nicht mehr einer den andern richten; sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereite.

            Wenn schon richten, dann sich selbst ausrichten. Danach streben, dass wir dem Anderen das Leben nicht schwer machen, dass wir ihn nicht irre machen in seinem Weg. Die Christen in Rom sollen so miteinander umgehen, dass sie einander im Glauben stärken, nicht so, dass sie einander irritieren, durch ihre große Freiheit nicht und auch nicht durch ängstliche Enge und Unfreiheit.

14 Ich weiß und bin gewiss in dem Herrn Jesus, dass nichts unrein ist an sich selbst; nur für den, der es für unrein hält, ist es unrein. 15 Wenn aber dein Bruder wegen deiner Speise betrübt wird, so handelst du nicht mehr nach der Liebe. Bringe nicht durch deine Speise den ins Verderben, für den Christus gestorben ist. 16 Es soll doch nicht verlästert werden, was ihr Gutes habt.

            Noch einmal, diesmal sehr betont durch den Ausdruck: Ich bin gewiss in dem Herrn Jesus. Ein Hinweis darauf, dass es um mehr geht als eine persönliche, aber letztlich relativierbare Einstellung des Paulus. Nichts ist unrein an sich selbst. Einmal mehr eine Parallele aus den Evangelien: „Merkt ihr nicht, dass alles, was zum Mund hineingeht, das geht in den Bauch und wird danach in die Grube ausgeleert? Was aber aus dem Mund herauskommt, das kommt aus dem Herzen, und das macht den Menschen unrein. Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsches Zeugnis, Lästerung. Das sind die Dinge, die den Menschen unrein machen. Aber mit ungewaschenen Händen essen macht den Menschen nicht unrein.“(Matthäus 15, 17-20)  Es sind nicht die Stoffe, die Menschen verunreinigen, sondern es ist die innere Gesinnung. Darin stimmt das Wort aus Matthäus mit den Worten des Paulus überein. Kennt Paulus solche Jesus-Worte aus seinem Umfeld?

Paulus geht dann den Schritt noch weiter: Das eigene Verhalten kann dem Bruder, der Schwester den Glauben vergällen.  Es ist lieblos, zeugt nicht von dem Respekt vor dem anderen, wenn Freiheit rücksichtslos ausgelebt wird. Es zeugt auch nicht von Respekt, wenn alle in die Enge eines skrupelbehaften Gewissens gepresst werden sollen. So oder so – wo das Thema der Speisen zu groß wird, aus dem Ruder läuft, die Gemeinschaft zerstört, da droht die Gefahr, dass einer „in seiner Existenz als Christ zutiefst beschädigt wird“(W. Klaiber, Der Römerbrief, Die Botschaft des Neuen Testaments; Neukirchen 2009, S.250), dass ihm die Freude am Glauben verdunkelt wird. Das aber verträgt sich nicht mit der Liebe, die den Christen geboten ist, in die sie hinein gestellt sind durch den Glauben an Christus.      „Andere sind anders“ weiterlesen

Ohne Unterschied – alle

Römer 14, 1 – 12

 1 Den Schwachen im Glauben nehmt an und streitet nicht über Meinungen.2 Der eine glaubt, er dürfe alles essen; wer aber schwach ist, der isst kein Fleisch. 3 Wer isst, der verachte den nicht, der nicht isst; und wer nicht isst, der richte den nicht, der isst; denn Gott hat ihn angenommen.

            „Wahrscheinlich gehen diese Teilen des Briefes Nachrichten voraus, die ihm die römischen Freunde gesandt hatten.“(A. Schlatter, aaO. S.364) Jedenfalls wirkt es so, als würde Paulus auf Fragen reagieren, die na ihn herangetragen worden sind.

Es geht nicht um Streit zwischen Fleisch-Essern und Vegetariern oder Veganern. Ob es gesünder ist, Fleisch zu essen oder nicht. Es geht um religiöse Fragen: Es geht darum, ob man alles essen darf, was der Markt gerade so hergibt – und immer besonderen Fleisch, das auf dem römischen Markt mit hoher Wahrscheinlichkeit aus irgendeiner Opferhandlung im heidnischen Tempel stammen wird, der Juno, der Mars, des Jupiter, des Saturn und wie sie alle heißen.

Zwei Positionen stehen sich wohl gegenüber. Die einen essen bedenkenlos Fleisch, weil sie sagen: Alle Götter sind Nichtse. Sie haben es von Jesaja gelernt: „Wer sind sie, die einen Gott machen und einen Götzen gießen, der nichts nütze ist?“(Jesaja 44,10) Es liegt keine Macht auf dem, was aus den Tempeln kommt. Und es ist interessiert sie nicht, wo ihr Fleisch herkommt. Die anderen haben Angst, dass sie sich durch das Essen von Götzenopfer-Fleisch infizieren, mit dem heidnischen  Kult und unter dessen Einfluss geraten. Auch, dass sie strenge Speisevorschriften übertreten, die ihnen wichtig waren wie das alles koscher sein muss. „Es gibt Beispiele dafür, dass Juden in solchen Situationen auf einen strengen Vegetarismus auswichen.“ (W. Klaiber, aaO. S. 240)

Es liegt auf der Hand, dass so unterschiedliche Einstellungen zum Essen Probleme bereiten im Miteinander in einer Kleingruppe. Im Üben von Gastfreundschaft, wo einer sagen muss, weil er nicht anderes kann: Das esse ich nicht. Es ist Erfahrung, die sich bis heute wiederholt: erst die Begegnung mit denen, die das gewohnte Essen verweigern, aus religiösen Gründen, aus gesundheitlichen Aspekten, werden wir selbst aufmerksam und manchmal auch in Frage gestellt mit unserem Ess- und Trinkverhalten. „Ohne Unterschied – alle“ weiterlesen

In der Mitte: Liebe

Römer 13, 8 – 14

8 Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt.

            Dieser erste Satz wirkt auf mich, als würde er nahtlos anknüpfen an den letzten Satz vor den Gedanken über die Obrigkeit und den Staat. Er macht diese ganze Passage endgültig zu einer Art Exkurs. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Ich könnte auch lesen: Haltet fest an der Liebe.

Und hier nun: Das einzige, was ihr einander schuldet, aber auch der Welt schuldet, ist die Liebe.  Nach innen und außen – immer geht es um einen liebevollen Umgang. Einen Umgang, der Leben ermöglicht, der Menschen auf die Beine hilft, der Wunden heilt und Mut macht. Das sind Christen einander schuldig.

Hier steht ein Wort  φειλε, das auch schlicht Schulden bedeuten kann. „Habt also bei niemand Schulden“ sagt Paulus. Das wirkt ein bisschen wie assoziativ an die Sätze über die Steuern angeschlossen. Dennoch denke ich, dass es nicht um Geld-Schulden geht. Es geht um ein Verhalten, zu dem die Christen verpflichtet sind, das sie den anderen schulden. „Die Liebe ist Pflicht. Wir sind sie einander schuldig.“ (A. Schlatter, aaO. S.357)

            Im Hintergrund darf man vielleicht mithören: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt.“ (Johannes 13,34) Auch wenn das Johannes-Evangelium Jahrzehnte später geschrieben ist als der Brief des Paulus nach Rom – der sachliche Zusammenhang scheint offensichtlich. Es geht um die Liebe, die als Reflex der Liebe Christi unter den Christen und der Welt gegenüber gelebt werden soll. Die Liebe ist die Bringschuld, die die Christen gegeneinander haben. Und um nichts anderes geht es im Gesetz.  Darum ist die Erfüllung des Gesetzes nicht anders zu haben als im Tun der Liebe, in den Werken der Liebe. „In der Mitte: Liebe“ weiterlesen

Von der Wohltat des Staates

Römer 13, 1 – 7

             Ein bisschen überraschend kommt Paulus auf das Thema Obrigkeit zu sprechen. Vielleicht verbindet es sich für ihn mit seinem Blick auf die gesellschaftliche Umwelt. Denn die Obrigkeit ist für die Gemeinde in Rom ja ein realer Faktor.  So berichtet der römische Historiker Sueton über Claudius (Kaiser von 41 – 54 n.Chr.): Die Juden vertrieb er aus Rom, weil sie, von Chrestus aufgehetzt, fortwährend Unruhe stifteten.“ (Sueton, Cäsarenleben, Hrsg. M. Heinemann, Stuttgart 1957; S.307) Dieses Edikt des Claudius hat direkt Folgen für die Gemeinde in Rom: „Danach verließ Paulus Athen und kam nach Korinth und fand einen Juden mit Namen Aquila, aus Pontus gebürtig; der war mit seiner Frau Priszilla kürzlich aus Italien gekommen, weil Kaiser Klaudius allen Juden geboten hatte, Rom zu verlassen.“ (Apostelgeschichte 18, 1 – 2) Es gibt also genug Anlass, sachlich und personbezogen, für jemanden, der einen Brief an die Gemeinde in Rom schreibt, sich auch mit dem Verhältnis der Christen zum Staat, zur Macht in Rom zu beschäftigen.

 1 Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet. 2 Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt der Anordnung Gottes; die ihr aber widerstreben, ziehen sich selbst das Urteil zu.

Paulus kann anschließen an das, was er zuvor gesagt hat. Zum Frieden mit jedermann hat er aufgefordert und gemahnt, nicht hoch hinaus zu wollen. Jetzt fordert er von jedermann, also allen Unterordnung, sich einfügen. Ich finde eine Übersetzung, die das so anstößige Wort untertan vermeidet: „Jedermann soll übergeordneten Gewalten Folge leisten.“ (U. Wilckens, Der Brief an die Römer, EKK VI/3, Neukirchen 1982. S.29) Das griechische Wort ξουσα, das in der Luther-Bibel mit Obrigkeit und sofort anschließend mit Gewalt wiedergegeben wird,  heißt auf Lateinisch „potestas“ und bezeichnet die Amts-Gewalt. Es ist auch das Wort, das wir am Schluss des Matthäus-Evangeliums hören – aus dem Mund Jesu: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“(Matthäus 28,18)  

Das hält Paulus schon durch seine Wortwahl durch: Alle Macht geht auf Gott zurück. Alle Obrigkeit hat ihr Mandat von Gott. Deshalb fordert er von den Christen ein Einfügungen in die Ordnungen der Obrigkeit, ein sich diesen Obrigkeiten, ihrer Gewalt unterstellen. Und stellt klar: „Widerstand gegen die Staatsgewalt ist Auflehnung gegen Gott.“ (K. Haacker; aaO. S. 266)

Ist das Untertanen-Geist? Ist das Unterwürfigkeit? Ein sich selbst Aufgeben in sklavischem Gehorsam? Ohne hinzusehen? Wir erleben im Augenblick eine Debatte, die zum Verstehen helfen kann. Wir erwarten von allen, die in der Bundesrepublik leben, ob Christen, Juden, Buddhisten, Muslimen oder sonstig religiös gebundenen Leuten, dass sie die „Freiheit-demokratische Grundordnung“ als das akzeptieren, was alle bindet. Es ist die „Potestas“, die staatliche Gewalt, der alle unterworfen sind. Kein Mensch kommt, soweit ich das sehen kann, angesichts dieser Forderung auf die Idee, von Untertanen-Geist oder Selbstaufgabe zu sprechen. Auch die religiöse Identität der Einzelnen wird durch diese Forderung nicht in Frage gestellt. „Von der Wohltat des Staates“ weiterlesen

Vom Zutrauen Gottes

Römer 12, 9 – 21

9 Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an. 10 Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor. 11 Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn. 12 Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. 13 Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft.

Paulus bleibt bei seinem Blick auf die Gemeinde. Hat er sie eben in ihrer Vielfalt beschreiben, so betont er jetzt, was sie zusammenhält, was ihr Miteinander bestimmt: Die Liebe. Sie  unterscheidet. Sie ist nicht blind für das Böse, sondern parteiisch für das Gute. Aber sie ist vor allem anderen herzlich. Nicht nur formal, nicht geheuchelt, nicht nur in Worten, sondern von innen heraus, aus dem Herzen. In der Liebe zu den Brüdern und Schwestern spiegelt sich die empfangene  Liebe Christi und die Liebe zu Christus. Das alles zeigt sich im Umgang miteinander, in der Ehrfurcht und der Ehrerbietung. Wir würden heute sagen: in der wechselseitigen Wertschätzung.  In dem Signal an den Anderen, die Andere: Schön, dass Du da bist.

Daran liegt Paulus: „Keine Strohfeuer.“(U. Wilckens, Der Brief an die Römer, EKK VI/3, Neukirchen 1982. S.21) Kein Nachlassen. Nicht nur in der Intensität, sondern auch in der Dauer, im Durchhalten dran bleiben. Es gibt Aufgaben, die fordern und bei denen die Gefahr besteht, dass sie ermüden, träge machen, zur bloßen Routine werden. „Die Gemeinde bedarf des Geistes und des Elans der ersten Zeugen nicht nur am Anfang, sondern auch durch die Jahre gemeinsamer Zeugenschaft hindurch.“ (P. Stuhlmacher, aaO. S. 175) Es ist die härteste Kritik an einer Gemeinde, wenn es heißt: „Aber ich habe gegen dich, dass du die erste Liebe verlässt.“(Offenbarung 2,4) Dem wehrt Paulus durch sein: Seid brennend im Geist. Ich übersetze für mich: Macht nicht schlapp.  Nicht mit dem Glauben und nicht mit der Liebe.    

            Dient dem Herrn. Das steht ein bisschen überraschend und fremdartig im Gedankengang. Es gibt eine Text-Variante, die mir an dieser Stelle sofort einleuchtet. Statt τῷ κυρίῳ dem Herrn,  gibt es die Lesart τῷ καιρῳder  Zeit, dem Augenblick. Dient der Zeit, in der ihr jetzt seid. Der gegenwärtigen Situation in eurer Gemeinde – das leuchtet mir im Zusammenhang hier sofort ein. Es ist die Aufforderung, sich nicht imn eine bessere Welt, eine andere Zeit, eine perfekte Gemeinde zu träumen, sondern hier und jetzt zu leben. Im Umgang mit den Menschen, die da sind, die Liebe zu bewähren.

Dazu passt auch der Satz nahtlos, der sich anschließt. Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. Es geht um ein Durchhalten des Glaubens, alltäglich, ohne große Höhepunkt. Wir heute könnten sagen: Ohne die begeisternden Events. Sie können ja keine Dauereinrichtung sein, weil sie sich darin auch abnützen. Gefragt ist das zähe Festhalten, die Treue im Kleinen, im Unauffälligen und Unaufgeregten. Auch dann, wenn es eng wird. Schmerzlich. Verluste mich sich bringt. Das alles steckt mit in dem Wort Trübsal. Θλψις. Eines der Worte, die ungemein oft im Neuen Testament auftauchen. Weil es die Wirklichkeit einer bedrängten Gemeinde und bedrängter Christen spiegelt. Für mich steht außer Frage. Genau darin zeigt sich das Brennen im Geist. „Vom Zutrauen Gottes“ weiterlesen

Alles da

Römer 12, 3 – 8

 3 Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt zu halten, sondern dass er maßvoll von sich halte, ein jeder, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat.

             Der Satz fängt eher defensiv an: durch die Gnade, die mir gegeben ist. Paulus weiß nicht alles. Es ist eine merkwürdiger Gedanke: Von dem großen Ganzen der Gnade hat Paulus einen Teil, seinen Teil. Paulus hat nicht alle Gaben Gottes und auch die, an die er schreibt,  haben nicht die Ganze Gnade, sondern jeder hat seinen Anteil. Paulus wirbt auf Grund dessen, was er empfangen hat, aufgrund seiner Einsichten, die er doch der Gnade verdankt, um maßvolle Selbsteinschätzung, σωφρονεν. „Das Stichwort „Besonnenheit“ hat damals hohen ethischen Stellenwert. Für die Philosophen der Zeit gehört die Besonnenheit zu den (vier) Haupttugenden, deren sich ein vernünftiger Mensch befleißigen soll.“ (P. Stuhlmacher, aaO, S. 172) 

Dahinter steht das Bild, das Paulus anschließend entfaltet. Keiner kann alles. Keiner hat alle Gaben. Sondern  jeder hat den Glauben nach einem bestimmten Maß. So wie es ihm entspricht, für ihn stimmig und nötig ist. Es ist eben nicht so: Alle haben das gleiche Maß des Glaubens. Sondern manche haben mehr, manche anderes, manche überhaupt nichts, was auffällig wäre. Wichtig ist: Hier spricht Paulus nicht von dem Glauben an Christus. Nicht von dem Glauben, mit dem Gott die Christen sich selbst recht macht. Da gibt es nur ein Maß – dass wir uns die Liebe Gottes gefallen lassen. Wohl aber gibt es ein unterschiedliches Maß in den Aufträgen, Aufgaben und Herausforderungen, vor die der Glauben stellt.

 4 Denn wie wir an „einem“ Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, 5 so sind wir viele „ein“ Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied, 6 und haben verschiedene Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist.

             Es ist das Bild einer vielfältigen und nicht einer uniformen Gemeinschaft, das Paulus hier entwirft. Alle gehören zu dem einen Leib, aber sie sind deshalb nicht alle gleich, sondern verschieden. So wie der Leib unterschiedliche Gliedmaßen hat, so auch die Gemeinde. Menschen sind unterschiedlich begabt, mit unterschiedlichen Gaben ausgestattet. Dass die Christen „ein“ Leib in Christus sind, macht sie nicht alle gleich, was ihre Gaben und Begabungen angeht. Mit diesen Worten „widersetzt sich Paulus der verführerischen Kraft des Gleichheitsideals.“(A. Schlatter, aaO. S.336) Stattdessen sieht Paulus eine beglückende Vielfalt. Eine Vielfalt, die bereichert, weil sie die Gemeinde zu einem Lebensraum macht, in dem jede und jeder seine Gaben, das was die Gnade ihm zugeteilt hat, auch wirklich einbringen kann. „Alles da“ weiterlesen