Üb immer Treu und Redlichkeit…

Sprüche 4, 10 – 19

10 Höre, mein Sohn, und nimm an meine Rede, so werden deine Jahre viel werden. 11 Ich will dich den Weg der Weisheit führen; ich will dich auf rechter Bahn leiten, 12 dass, wenn du gehst, dein Gang dir nicht sauer werde, und wenn du läufst, du nicht strauchelst. 13 Bleibe in der Unterweisung, lass nicht ab davon; bewahre sie, denn sie ist dein Leben.

            Dieser Lehrer der Weisheit kann sich gar nicht genug tun mit dem Preisen der Weisheit. Dem Lob eines Lebens in der Spur, die durch die Weisheit und die Gottesfurcht gelegt wird. Es sind vollmundige Versprechen, die er hier gibt. Immer mit der einen Absicht, zu zeigen, dass das Leben auf dem Weg der Weisheit sich lohnt, dass es gelingt, das es ein gutes Leben ist. Wer diesen Weg geht, der kann sichere Schritte tun, der geht auf rechter Bahn.

In einem Land, in dem es mühsam sein kann, Wege zu finden, in dem es zur Aufgabe des Lebens gehört, sich die richtigen Wege zu suchen und nicht in der Wüste in die Irre zu gehen, gewinnen solche Versprechen ein anderes Gewicht als in dem Land, wo Wege als Infrastruktur-Maßnahmen von staatlicher Seite gebahnt werden. Wer einmal in der Wüste unterwegs war, bekommt eine Ahnung davon, dass diese Worte nicht nur schöne Bilder sind. Sie haben einen handfesten Hintergrund im Alltagsleben. Es gibt Wege, die in der Wüste verenden und deshalb auch verenden lassen. 

Der Weise kann auf der rechten Bahn gut und sicher gehen. Er kann große Schritte machen. Sein Weg ist hell und hat eine guten Horizont.

 

            Bis in das deutsche Volkslied lassen sich die Spuren dieser Worte verfolgen.

Üb immer Treu und Redlichkeit bis an dein kühles Grab,
Und weiche keinen Finger breit von Gottes Wegen ab

             Dann wirst du wie auf grünen Au´n durch´s Pilgerleben geh´n
Dann kannst du sonder Furcht und Grau´n dem Tod ins Auge seh´n.                                                                                                                                                                          Ludwig Heinrich Christoph  Hölty, 1775

                    Es ist mir eine Anmerkung wert: „Das Lied war in Preußen vor dem ersten Weltkrieg für den Schulunterricht in der fünften Klasse vorgeschrieben.“ (www.volkliederarchiv.de) Es ist eine Sicht auf Erziehung, die ihre vornehmeste Aufgabe nicht in der Kritikfähigkeit sieht, sondern im Vermitteln von Wertmaßstäben, die eine einfache, aber eindeutige Lebensführung ermöglichen. Immer untermauert durch das Versprechen: So gelingt das Leben.

14 Komm nicht auf den Pfad der Gottlosen und tritt nicht auf den Weg der Bösen. 15 Lass ihn liegen und geh nicht darauf; weiche von ihm und geh vorüber. 16 Denn jene können nicht schlafen, wenn sie nicht übel getan, und sie ruhen nicht, wenn sie nicht Schaden getan. 17 Sie nähren sich vom Brot des Frevels und trinken vom Wein der Gewalttat.

            Der Kontrast zu diesem so überaus positiven Bild folgt sofort. Der Pfad der Gottlosen hat keine Verheißung. Vor diesem Weg muss man sich hüten. Er ist eine Sackgasse. Er bringt es mit sich, dass er beschwerlich ist – bis hin zu Schlafschwierigkeiten. Jene können nicht schlafen, wenn sie nicht übel getan, und sie ruhen nicht, wenn sie nicht Schaden getan. Der Böse handelt sich unruhige Nächte ein, nicht nur, weil er das Licht scheuen muss mit seinem Tun, auch, weil er keine Ruhe finden, ihn sein Gewissen jagt, die Angst um verpasste Gelegenheiten. Indirekt erinnern die Worte an das Sprichwort: „Ein gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen.“

Es ist ein geradezu paradoxes Bild: Böse und Gottlose nähren sich vom Brot des Frevels und trinken vom Wein der Gewalttat. Wahr ist: auch Gewalt und Ungerechtigkeit nährt ihre Leute. Sogar gut.

            Und doch: Ihr reich gedeckte Tisch ist Gewalt und Übel, Schrecken und Angst. Das ist kein Tisch, den der Herr bereitet. Kein Tisch, an dem es ruhiges Verweilen gibt. Kein Tisch, an dem die Seele aufatmen kann. Das ganze Bild atmet Hektik und Anspannung und Atemlosigkeit.

18 Der Gerechten Pfad glänzt wie das Licht am Morgen, das immer heller leuchtet bis zum vollen Tag. 19 Der Gottlosen Weg aber ist wie das Dunkel; sie wissen nicht, wodurch sie zu Fall kommen werden.

In den beiden Schlussversen wird der Kontrast noch einmal deutlich vor Augen geführt. Hier der Gerechten Pfad im hellen Licht, dort der Gottlosen Weg im Schatten der Nacht. Wenn es stimmt, dass der Morgen auch ein Bild für den kommenden Tag Gottes ist und die Nacht ein Bild für das Verderben, so ist klar, was hier angedeutet wird: Hier wird, wenn auch verhalten, das Gericht Gottes angedeutet.

Der Hintergrund ist die Überzeugung, wie sie das Buch der Sprüche vertritt: „Gott ist gut und der Ursprung alles guten. Wer ihn fürchtet, wird weise und zum Guten befähigt.  Wer Gott los sein will, löst sich gewöhnlich auch vom Guten.“ (W. Dietrich, aaO. S.66)

Noch einmal greife ich zurück auf das Volkslied, die allerdings wohl so gut wie nie gesungenen Strophen:

             Dem Bösewicht wird alles schwer, er tue was er tu,
Ihm gönnt der Tag nicht Freude mehr, die Nacht ihm keine Ruh.

             Der schöne Frühling lacht ihm nicht, ihm lacht kein Ährenfeld,
Er ist auf Lug und Trug erpicht, und wünscht sich nichts als Geld.

             Der Wind im Hain, das Laub im Baum saust ihm Entsetzen zu,
Er findet, nach des Lebens Raum im Grabe keine Ruh.                                                                                                     Ludwig Heinrich Christoph  Hölty, 1775

             Wenn das zu gestrig klingt, zu sehr aus lang vergessener Zeit – es ist für mich offenkundig, wie diese Worte der Sprüche auch Liedermacher unserer Zeit inspiriert haben:

Es geht ohne Gott in die Dunkelheit, aber mit ihm gehen wir ins Licht.                  Sind wir ohne Gott, macht die Angst sich breit,                                                              aber mit Ihm fürchten wir uns nicht.        M. Siebald, CD Das ungedüngte Feld 1976

             Ist das zu moralisch gedacht? Wahr ist: Das Evangelium will nicht nur Moral lehren, auch nicht nur eine neue Moral. Es will den Halt des Lebens im Glauben an Jesus Christus vor Augen stellen. Aber damit dieser Halt sich auch als Halt in den Alltags-Fragen bewährt, braucht es eine Einweisung in Lebenspraxis. Da kommen dann Unterscheidungen ins Spiel, die Wahl zwischen den Wegen. Dem Weg, der der Bindung an Christus entspringt und entspricht und dem Weg, der dem eigenen Herzen und seinen oft so seltsamen Wünschen entspringt und entspricht.  In der nüchternen  Sprache des Exegeten: „Der Weg der Gerechten führt in ein immer klarer werdendes Licht, wo man sicher geht, der Weg der Frevler in tiefes Dunkel, wo man unausweichlich strauchelt und zu Fall kommt.“ (H.Ringgren, aaO. S.26)

Der Weise lehrt hier keinen Automatismus der guten Taten. Auch keinen Weg, der nicht gefährdet wäre, nicht von Rückfällen und Scheitern bedroht. Aber er hat schon dies Sicht: wer gewohnheitsmäßig Gutes tut, der wird auf einen Weg geführt, in der er „Fortschritte“ machen kann. Umgekehrt; Wer gewohnheitsmäßig Böses tut, der wird auch auf einen Weg geführt, der mit ihm „Fortschritte“ macht. Während der Weg  des Guten ein Weg der Freiheit ist, der immer neu durch Entscheidungen zum Guten bewährt wird, entwickelt der Weg des Bösen eine Sogkraft, die alle Freiheit raubt.

 

Mein Gott, wenn es nur immer so klar wäre, so offensichtlich, was gut und was böse ist. Wenn es nur immer so eindeutig wäre, welcher Weg ins Glück und welcher ins Verderben führt.

Du hast uns den Verstand gegeben, um zu unterscheiden. Du gibst uns Weggefährten, die uns auf dem Weg Rat geben können. Du willst uns leiten durch Deinen Geist.

Gib Du, dass ich nicht einsam und selbstgenügsam unterwegs bin, dass ich mir raten lassen, dass ich mich Deinem Leiten anvertraue und meinen Verstand dazu gebrauche. Amen