Schlüpfriger Boden

Sprüche 3, 27 – 35

27 Weigere dich nicht, dem Bedürftigen Gutes zu tun, wenn deine Hand es vermag. 28 Sprich nicht zu deinem Nächsten: Geh hin und komm wieder; morgen will ich dir geben -, wenn du es doch hast.

Mahnungen, die zu einem sorgfältigen und gerechten Umgang mit dem Nächsten mahnen. „Der Nächste (hebr. rēa‘) ist ursprünglich der Stammes- oder Volksgenosse, der Freund und Bruder; das Wort bekommt aber in der Weisheitsliteratur oft eine weitere Bedeutung.“ (H.Ringgren, aaO.S.23) Weisheit ist kein Konzept erbaulicher Innerlichkeit, sondern sie will das gute Miteinander.

Sie ist damit nahe an prophetischer Botschaft: „Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“ (Jesaja 58,7) Nicht bis zur Selbstaufgabe, nicht bis man selbst bedürftig ist, aber wie und wenn deine Hand es vermag. Weisheit kennt auch keinen Aufschub des Guten. Heute gilt es zu helfen und nicht zu vertrösten auf morgen.

 29 Trachte nicht nach Bösem gegen deinen Nächsten, der arglos bei dir wohnt. 30 Geh nicht mutwillig mit jemand vor Gericht, wenn er dir kein Leid getan hat.

            Rechtliches Denken wehrt schon den falschen und bösen Gedanken. Unrecht – das weiß die Sprachsammlung – fängt in den Gedanken an und wird dann zur Tat. Darum soll man sich hüten vor den böse Gedanken, Genauso vor der Heimtücke gegen den Nächsten. Auch das verträgt sich nicht mit der Weisheit und der Gottesfurcht, dass man jemand mit falschen Anschuldigungen vor Gericht zerrt. Nicht der Weg vor das Gericht, in das Tor als solcher wird verboten. Man darf sein Recht suchen. Aber nicht, wenn es keinen Grund zur Klage gibt.

Im Hintergrund wird das Gebot stehen: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.“(2. Mose 20,16) Die Weisheit knüpft so an der Auslegung des Gesetzes für den Alltag an. „Ein Weiser beugt das recht nicht und der Lehrer verbietet dem Schüler solche Handlung.“ (W. Dietrich, aaO. S.60) Es gehört zu der Verantwortung der Lehrer, dass sie ihren Schülern ein Denken in den Kategorien des Rechts, des Gebotes vermitteln. Auch hier zeigt sich wieder, dass das Konzept der Weisheit auf soziales Verhalten zielt, auf den Umgang miteinander in der Gemeinschaft des Volkes.

 31 Sei nicht neidisch auf den Gewalttätigen und erwähle seiner Wege keinen, 32 denn wer auf Abwegen geht, ist dem HERRN ein Gräuel, aber den Frommen ist er Freund. 33 Im Hause des Gottlosen ist der Fluch des HERRN, aber das Haus der Gerechten wird gesegnet. 34 Er wird der Spötter spotten, aber den Demütigen wird er Gnade geben. 35 Die Weisen werden Ehre erben, aber die Toren werden Schande davontragen.

Einmal mehr folgt die Warnung vor den Abwegen. Hier vor dem Neid auf den Erfolg der Gewalttätigen, der Gottlosen, der Spötter. Man kann durchaus den Eindruck haben, dass, in unserer Sprache, bestimmte Milieus im Blick sind. Sie scheinen wegen ihrer Lebensweise Attraktivität zu besitzen. Vielleicht sind sie reich, vielleicht sind sie Meinungsführer oder machen Meinung. Aber ihr Erfolg ist kurzfristig und ihr Ende  von Gott her schon in Sicht  m Hause des Gottlosen ist der Fluch des HERRN.

Die Passage erinnert an die irritierten Worte des Beters:

Ich aber wäre fast gestrauchelt mit meinen Füßen;                                                      mein Tritt wäre beinahe geglitten.                                                                                     Denn ich ereiferte mich über die Ruhmredigen,                                                                 als ich sah, dass es den Gottlosen so gut ging.                                                                 Denn für sie gibt es keine Qualen, gesund und feist ist ihr Leib.                                    Sie sind nicht in Mühsal wie sonst die Leute                                                                    und werden nicht wie andere Menschen geplagt.                                                     Darum prangen sie in Hoffart und hüllen sich in Frevel.                                                   Sie brüsten sich wie ein fetter Wanst, sie tun, was ihnen einfällt.                              Sie achten alles für nichts und reden böse, sie reden und lästern hoch her.                                                Psalm 73, 2 – 8

Aber auch hier wieder, diesmal als die Einsicht des Beters, der mit dieser einsicht ein Schüler sein könnte, der aus den Sprüchen gelernt hat: Schau auf das Ende:

So sann ich nach, ob ich’s begreifen könnte, aber es war mir zu schwer,                 bis ich ging in das Heiligtum Gottes und merkte auf ihr Ende.                                     Ja, du stellst sie auf schlüpfrigen Grund und stürzest sie zu Boden.                           Wie werden sie so plötzlich zunichte!                                                                                  Sie gehen unter und nehmen ein Ende mit Schrecken.                                                   Wie ein Traum verschmäht wird, wenn man erwacht,                                                        so verschmähst du, Herr, ihr Bild, wenn du dich erhebst.           Psalm 73, 16 – 20

Die Weisheit lehrt, das Geschick der Menschen nicht nur in einem Augenblick zu betrachten, sondern es vom Ende her zu sehen. Nicht nur, was gerade vor Augen ist, sondern was aus dem tun werden wird. Und da ist in der Tat die Überzeugung der Sprüche-Verfasser: Den Frommen ist Gott Freund. Die Gerechten werden gesegnet. Den Demütigen wird Gott in Gnade begegnen.  

Es scheint mir nicht abwegig, dass Jesus aus solchem Denken schöpft, wenn er in den Bergpredigt sagt: „Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich. Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden. Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.“(Matthäus 5,3-5) Es ist ein Denken, das an die Gedankenwelt der Weisheit anzuknüpfen scheint, weil es darauf verweist, dass die Zukunft Gottes es „gut mit denen meint“, die jetzt zu kurz kommen, unter die Räder zu kommen drohen. Nicht, um ruhig zu stellen, sondern um den Augen der Horizont zu öffnen, der am Schluss ganz recht behalten (Otto Riethmüller 1938) wird.

 

Mein Gott, ich sehe es nicht immer so, dass ich das Leben unfair finde, dass es  mich aufregt, weil es denen gut geht, die tricksen und den eigenen Vorteil ausreizen um fast jeden Preis. Aber manchmal regt es mich doch auf .

Bewahre mich davor, dann den klaren Weg zu verlassen, auf den Du mich rufst. Bewahrte mich davor, neidisch zu werden und missgünstig und alle, denen es gut geht, unter Generalverdacht zu stellen. Alles Betrüger und Trickser.

Gib mir die Gelassenheit, die sich mit dem eigenen Leben einverstanden findet, die es Dir lassen kann. Amen