Die Ordnung der Welt – Weisheit

Sprüche 3, 13 – 26

13 Wohl dem Menschen, der Weisheit erlangt, und dem Menschen, der Einsicht gewinnt! 14 Denn es ist besser, „sie“ zu erwerben, als Silber, und ihr Ertrag ist besser als Gold. 15 Sie ist edler als Perlen, und alles, was du wünschen magst, ist ihr nicht zu vergleichen. 16 Langes Leben ist in ihrer rechten Hand, in ihrer Linken ist Reichtum und Ehre. 17 Ihre Wege sind liebliche Wege, und alle ihre Steige sind Frieden. 18 Sie ist ein Baum des Lebens allen, die sie ergreifen, und glücklich sind, die sie festhalten.

Eine Seligpreisung. Mit nichts ist der Lebens-Gewinn aufzuwiegen, der mit der Weisheit verbunden ist. Selbst Gold und Silber oder Perlen, edler Schmuck oder Wertmetalle können mit ihr nicht mithalten. Formal ist das Gesagte ein „komparativer Parallelismus.“(W. Dietrich, aaO. S. 56) Das Gute wird überboten durch das unvergleichlich Bessere. Die Lebensweisheit, die es auch gibt: „Das Gute ist der Feind des Besseren“, wird angesichts der Weisheit außer Kraft gesetzt.

Das wird sofort deutlich in den Folgen der Weisheit: Langes Leben. Reichtum und ehre, liebliche Wege und Frieden. Die Auswirkungen der Weisheit bringen ein Leben mit sich, das im schalom seine Fülle finden. Es atmet diesen Frieden Gottes und strahlt ihn zugleich aus.

Die Weisheit ist ein Baum des Lebens. Der Verfasser kennt  schon die alten Schriften: „Und Gott der HERR sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und breche auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich! Da wies ihn Gott der HERR aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war..“ (1. Mose 3,22-23) Wenn er es dennoch wagt, die Weisheit  Baum des Lebens zu nennen, dann wohl deshalb, weil er in ihr eine Paradies-Gabe sieht.

19 Der HERR hat die Erde durch Weisheit gegründet und nach seiner Einsicht die Himmel bereitet. 20 Kraft seiner Erkenntnis quellen die Wasser der Tiefe hervor und triefen die Wolken von Tau.

Der gedankliche Bogen wird jetzt ganz weit gespannt. Schon in der Schöpfung, im Anfang ist die Weisheit zugegen, beteiligt. Sie ist – als Person vorgestellt – eine Art „Schöpfungsmittlerin“. Diese Worte bringen zum Nachdenken: „Christus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung. Denn in ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten; es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen. Und er ist vor allem, und es besteht alles in ihm.“ (Kolosser 1, 15-17) In den Worten des Kolosserbriefs wird Christus als der Schöpfungsmittler bezeichnet – hier die Weisheit. Das hat zumindest zu der Überlegung geführt, ob man von Christus als „der Mensch gewordenen Weisheit Gottes“ reden dürfe. Johannes spricht bin seinem Evangelium vom  λόγος, Logos, dem Wort, das Fleisch wird. Das ist gedanklich nicht so weit entfernt von der Weisheit Gottes.

Es ist die Weisheit Gottes, die der Welt ihre Ordnung gibt, ihre Beständigkeit, auch ihr Zusammenspiel. Dass Himmel und Erde sich nicht voneinander entfernt, dass die Wasser der Tiefe quellen, aber nicht überfluten, dass die Himmel vor Tau triefen, aber nicht sintflutartig einstürzen – das alles ist Folge der Weisheit, die in der Schöpfung allem Sein Maß gibt. Weisheit und Erkenntnis Gottes sind schöpferische, schaffende Kräfte. Nicht nur ästhetische oder intellektuelle Kategorien.

 21 Mein Sohn, lass sie nicht aus deinen Augen weichen, bewahre Umsicht und Klugheit! 22 Das wird Leben sein für dein Herz und ein Schmuck für deinen Hals. 23 Dann wirst du sicher wandeln auf deinem Wege, sodass dein Fuß sich nicht stoßen wird. 24 Legst du dich, so wirst du dich nicht fürchten, und liegst du, so wirst du süß schlafen.

Erneut ist davon die Rede, dass Festhalten an der Weisheit sich lohnt. Es bringt etwas, Umsicht und Klugheit zu bewahren. Diese häufigen Beteuerung: „es lohnt sich“, lassen mich danach fragen, ob es auch die Gegenstimmen bringt: Das bringt doch alles nichts, dieses Leben in Gottesfurcht. Das macht doch geradezu handlungsunfähig, immerzu danach zu fragen, was denn von Gott aus gesehen richtig ist, geboten, ihm entspricht.

Wenn der Prediger sein Buch anfängt: „Es ist alles ganz eitel“ (Prediger 1,2), wenn Hiob den gerechten Lauf der Welt massiv in Frage stellt in seinen Streitgesprächen mit den Freunden, dann haben wir vielleicht solche Stimmen vor uns – Zeitgenossen der Entstehung auch der Sprüche Salomos. Diesen skeptischen Einwänden, die auf die Brüche im Denken der Weisheit hinweisen, hält das Buch der Sprüche entgegen: Und es lohnt sich doch.

Für mich ist dieser innere Dialog unter verschiedenen biblischen Büchern unendlich wichtig, erlaubt und eröffnet er doch den Dialog auch unter Christen mit unterschiedlichen Erfahrungen und unterschiedlichen Einsichten. Ohne dass man gleich sagen müssen: Das hat aber nichts mehr mit Gott und seiner Weisheit zu tun.

 25 Fürchte dich nicht vor plötzlichem Schrecken noch vor dem Verderben der Gottlosen, wenn es über sie kommt; 26 denn der HERR ist deine Zuversicht; er behütet deinen Fuß, dass er nicht gefangen werde.

            Der Weise hat ein festes Herz. Die Weisheit hilft dazu, den plötzlichen Schrecken stand zu halten. Sie verhindert auch, dass man über dem Verderben der Gottlosen auf die Idee kommt, Gott könnte genauso mit den verfahren, die gut sind, Gutes tun, den Geboten folgen. Es ist die Erwartung, die immer wieder in der Bibel ausgesprochen wird: Gott behütet seine Leute. Die, die auf seinen Wegen unterwegs sind.

Das mag manchmal ein wenig naiv wirken, dies Hoffnung und Zuversicht. Und sie wird ja auch nicht in jedem Einzelfall bestätigt. Es gibt auch die Frommen, die ins Unglück stürzen. Es gibt die Gerechten, die mit Ungerechten umkommen. Es gibt die Unschuldigen, die Opfer werden. Und Gott greift nicht ein. Und doch ist für den Glauben eben nicht vorstellbar, dass er solche Sätze einfach verabschiedet, sich selbst verbietet und verschweigt: der HERR ist deine Zuversicht; er behütet deinen Fuß, dass er nicht gefangen werde.  An dieser Stelle schweigen wäre das Ende der Hoffnung. Auch das Ende des Glaubens. Denn der Glaube sagt seine Worte Ja nicht nur in Übereinstimmung mit den guten Tendenzen des Weltlaufes. Er sagt sie auch im Widerspruch zu dem, wie es in der Welt zugeht, die, wie immer es in ihr zugeht, doch Gottes Welt bleibt, gegründet durch die Weisheit Gottes. Oder in Weisheit Gottes.

Wie auch immer: Die Welt ist ein Kind der Liebe Gottes zum Leben. Lehrt mich die Weisheit, so wie sie mir gegeben ist durch das Wort der Schrift und die Furcht Gottes.

 

Mein Gott, als Du die Welt geschaffen hast, da hast Du sie mit Freude angesehen, mit Liebe erfüllt, in Deiner Weisheit geordnet. Bis ans Ende der Zeit werden wir nicht ermessen können, wie groß Deine Güte ist, die hinein gewebt ist in unsere Welt, in die unendlichen Weiten von Raum und Zeit. Deiner Weisheit stehen wir staunend gegenüber. Dich beten wir an. Amen